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Eine junge Allgäuerin tritt in den Islam ein. Von Sabine Riegger

Aus Barbara wird Leila

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(iz). Was passiert, wenn ein junger Mensch das Gefühl hat, er lebe in einer für ihn verkehrten Welt, in einer Welt, die für ihn anscheinend aus nichts anderem als „Lügen, Eitelkeit und Ego­ismus“ zu bestehen scheint? Es scheint so zu sein, als bliebe ihm nichts anderes übrig, als mit oder gegen den vermeintlichen gesellschaftlichen Strom zu schwimmen. Wer sich für das letztere entschließt, hat einen „langen und oft steinigen Weg vor sich aber als Belohnung wartet die Ruhe, das Glück und das Gefühl nicht alleine zu sein“.

Ein Leben zwischen diesen zwei Welten wäre zermürbend und es wäre nichts Halbes und nichts Ganzes. Leila Yildirim hat ihre Kindheit in Füssen im Allgäu verbracht. Der Vater, ein Beamter und Zitherspieler, sehr traditionsbewusst und die Mutter streng katholisch, können nicht verstehen, dass aus ihrer Barbara nun Leila wurde. Leila kann sich heute nicht mehr vorstellen, jemals in dieser Welt gelebt zu haben. Dabei ist es nicht so lange her, als sie noch zu ihnen gehörte. „Ich schäme mich für diese Zeit“, sagt die junge Frau.

Doch das ist nun alles Vergan­genheit. Damals, als sie noch Barbara Lipp hieß, war sie ein ganz anderer Mensch. „Ich habe von heute auf morgen gelebt, ohne irgend einen Plan oder ein Ziel.“ Seit dem letzten Dezember ist sie eine „stolze Mus­limin“ geworden, erzählt sie glücklich. Zweieinhalb ­Jahre lang hat sie sich mit dem Islam befasst, Bücher gelesen und stundenlang mit ihrem Mann Tarik diskutiert, bis sie sich entschloss, in den Islam einzutreten.

Für Leila Yildirim war es der ersehnte Augenblick einer langen Suche nach dem „wahren Weg“. „Für mich ist der Islam der Ursprung aller Religionen“ weiß die Hotelfachfrau. Für die Eltern allerdings ist es ein Schock. Jede Reli­gion wäre ihnen lieber gewesen. Doch der Islam?

Tatsächlich haben viele christlich erzogene Menschen ein sehr gespaltenes Verhältnis zu den Muslimen. „Der Islam wird oftmals mit Unwissenheit, Einseitigkeit und Intoleranz assoziiert, ohne dass man sich vorher schon irgendwann einmal ernste Gedanken darüber gemacht hätte, ob es denn wirklich so ist“, meint Leila. Mütter raten ihren Töchtern ab, sich mit einem Muslim zu binden, denn „eine Frau ist in dieser Religion nichts wert und hat somit auch keine Rechte“, ist der meist gesagte Satz. „Es ist ein folgenschwerer Irrtum, der keineswegs hilfreich ist für ein toler­an­tes Mit­ein­­an­der“, resümiert die junge Frau.

Leila kennt die­sen Satz und auch die teilweise beleidigende Sprache au­ßer­halb ihres eigenes Freun­des­krei­ses. „Die­se Leu­te tun mir einfach nur leid. Aufklärung wür­de hier gut tun. Denn es gibt keine andere Re­li­­­gi­on, die so fried­­liebend und so gleichberechtigend ist wie der Islam“, so die 20­­jäh­rige. Diese Aussage sei für viele Nichtmuslime nicht verständlich, da es doch die Muslime zu sein scheinen, die mit Gewalt die Welt in Schrecken versetzen würden.

„Man kann nicht alle Muslime in einem Topf werfen, genauso wenig wie die Christen. Denn nicht alle leben nach dem Glauben“ ist Leila überzeugt. Eben darum sei es schwer, als Muslimin in Deutschland und erst recht in der eigenen Familie zu leben. Denn der Islam habe sehr an seinem „Image“ verloren. Es heißt, dass der Islam eine Religion der Gewalt und des Terrors sei. „Den Menschen das anders darzustellen ist nicht leicht, weil sie von vornherein eine ablehnende Haltung haben“, erklärt Leila. Das beginnt schon mit der Arbeitssuche. Die Arbeitsplätze für Frauen mit Kopftüchern sind rar, denn wie heißt es so schön: „Frauen mit Kopftüchern passen nicht in das äußere Erscheinungsbild.“ Für Leila ist das gleichbedeutend mit einer Diskrimi­nierung. „Bloß weil wir ein Kopftuch tragen, bedeutet es noch lange nicht, dass wir dumm sind. Bei uns sind alle gleichberechtigt. Frauen dürfen arbeiten und lernen. Die erste Frau unseres Propheten war zum Beispiel eine tüchtige Geschäftsfrau. Der Islam schreibt vor, dass sich Frauen und Männer bilden sollen“.

Als Hotelfachfrau hatte sie immer Kundenkontakt, mit dem Kopftuch wird es allerdings nicht mehr möglich sein, denn das ist den „Gästen und Besuchern nicht zumutbar“. „Nur komisch, dass man den Gästen und Besuchern Kopftuch tra­gen­­de Zim­mer­mädchen zumuten kann, denen sie täglich auf dem Gang be­geg­­nen“, wun­­­­­­dert sich Leila. Bislang haben ihre Eltern sie noch nie mit ei­nem Kopftuch ge­sehen, „ich glau­­be, für mei­ne Mutter wird es sehr schlimm sein. Sie ist von mir ent­täuscht“, meint die 20­jährige. „Dabei wäre es schön, wenn sie sich mit mir freuen würde, denn ich weiß, dass ich nichts falsches gemacht habe“ wünscht sich die Muslimin. Vorwürfe, dass sie ihre Eltern nicht frühzeitig auf ihr „neues Leben“ vorbereitet habe, weist sie zurück. „Ich habe schon öfters probiert, mit meiner Mutter zu reden, aber irgendwie hat sie immer abgeblockt“. Ihre Freundinnen dagegen suchten den Dialog mit ihr. „Sie haben sich damit auseinandergesetzt, und mich auch gefragt, wenn sie etwas nicht verstanden haben“, erzählt Leila. Eine Kette mit ihrem „neuen Namen“ hängt nun um ihren Hals – es ist ein Geschenk von den jungen Frauen anlässlich ihrer Konvertierung. An diesem Tag, es war der 15. Dezember 2001, hatte sie auch im Kreise ihrer Schwiegereltern und Verwandten religiös geheiratet. Ihre Familie war nicht anwesend. Traurig habe sie sich gefühlt, denn welche Frau hätte es nicht gerne, dass bei einem so festlichen Tag die Eltern dabei sind. Eine Hoffnung hat sie noch: „wir werden dieses Jahr, so Gott will, standesamtlich in der Türkei heiraten. Es wird eine große Hochzeit werden und ich hoffe, dass sie dann auch kommen“.

Wie Leila geht es vielen anderen deutschen Muslimas auch. Die nähere Umgebung und die Familie reagieren verständnislos. „Sie glauben, man hätte sich einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen, dabei verstehen sie nicht, dass man gerade durch den Islam freier geworden ist. Deutsche Muslime sind keine Rarität mehr und es ist auch keine Modeerscheinung so ‘kurz einmal’ zu konvertieren. Es ist eine Frage der Überlegung, was man aus sich und seinem Leben machen möchte“, stellen Leila und Tarik Yildirim fest.

„Alle haben am Anfang geglaubt, ich wäre wegen meinem Mann zum Islam übergetreten, dabei hat mich diese Lebensweise immer schon fasziniert. Tarik war lediglich derjenige, der mich ermuntert hat, mich wirklich mit meinen Wünschen auseinander zu setzen“, so Leila.

Trotzdem gibt es junge Menschen, die nach ihrer Konvertierung depressiv geworden sind. „Es ist, glaube ich, einfach die Ohnmacht, dass einen die engsten Familienmitglieder nicht verstehen und meiden. Liebe hört doch nicht bei der Religion auf“, meint Leila. Mittlerweile gibt es muslimische deutsche Seelsorger, die regen Zulauf haben. Und bekanntlich ist es so, dass man seinesgleichen sucht, weil das Verständnis da ist und die Kom­munikation auf einer anderen Ebene geführt werden kann.

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Sabine Riegger

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