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Eine „Kultur der Ermahnung“ zum Genozid von Srebrenica etablieren

„Das Schreiben darüber ist wichtig"

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(iz). Ich muss zugeben: über Srebrenica zu schreiben, ist nicht einfach. Im Gegenteil, es ist schwierig, sehr schwierig. Ich habe das Verlangen und empfinde es als meine Schuld den Opfern des Genozids von Srebrenica gegenüber, an ihr Schicksal auf diese Weise zu erinnern, doch kreisen dabei die Gedanken in meinem Kopf um eine ganze Reihe an Fragen, mit welchen man sich in einem solchen Beitrag beschäftigen müsste, oder zumindest meint, sich beschäftigen zu müssen.

Doch so sehr man versucht, sachlich an dieses Thema heranzugehen und in einer journalistisch nüchternen Weise über den Schrecken, welcher Srebrenica am und um den 11. Juli 1995 durch die Gräueltaten der bosnisch-serbischen Einheiten widerfahren ist, zu schreiben, ertappt man sich sehr schnell in der Feststellung, dass dies nicht möglich ist. Es ist nicht möglich, dabei Emotionen außer Acht zu lassen und sie vollkommen zu ignorieren. Zumindest ist es bei mir so, obwohl ich von all dem Bösen zumindest unmittelbar nicht betroffen bin und keiner meiner nahen Verwandten oder Menschen, die mir ansonsten nahe stehen, in Srebrenica – Gott sei Dank – zu Schaden gekommen ist.

Doch allein die Vorstellung, dass es so hätte kommen können, dass auch ich durch das Böse von Srebrenica hätte betroffen sein können, lässt mich nicht ruhen. Die Kriegsgeschehnisse in ganz Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995 sind mehr als ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass es ausreichte, lediglich einen falschen Namen zu tragen, um getötet zu werden.

Der muslimische – und daher falsche – Name ist vielen in Bosnien-Herzegowina zum Verhängnis geworden und dabei spielte es keine Rolle, ob man religiös war oder nicht. Das Töten in Bosnien-Herzegowina wurde dadurch noch bizarrer, dass Täter und Opfer nicht selten bis zum Ausbruch des Krieges noch beste Freunde waren, vermeintlich gutmütige Nachbarn oder scheinbar aufmerksame Arbeitskollegen.

Doch Srebrenica sollte erst noch kommen. Seit diesem Krieg gibt wohl keinen muslimischen Ort in dem Land, in welchem keine Gräber und Friedhöfe zu finden sind, die die Opfer des Krieges beherbergen. Die meist hohen, weißen und geschmeidigen Grabsteine scheinen stumme Zeugen jener Unmenschlichkeit zu sein, welcher die Insassen der Gräber zum Opfer fielen. Sie sollen aber nicht nur die Zeugen der Vergangenheit sein, sondern auch Mahnung und Warnung für die Zukunft.

Da hier der Mensch zu Unmensch wurde, gilt Srebrenica als eindrucksvolles Symbol der menschlichen Verendung, wie sie im Grunde überall in Bosnien-Herzegowina zu beklagen war. Am Vorabend des Krieges, Ende 1991, sprach der damalige Präsident der Serbischen Demokratischen Partei (SDS), Radovan Karadzic, vom Rednerpult des bosnisch-herzegowinischen Parlaments folgende verhängnisvolle Drohung aus: „Bedenkt, dass ihr aus Bosnien-Herzegowina vielleicht die Hölle machen, und das muslimische Volk vielleicht in die Vernichtung treiben werdet, weil es nicht imstande sein wird, sich zu verteidigen, sollte es hier zum Krieg kommen!“

Nur einige Monate später, Anfang 1992, gab es die ersten Opfer. Auf den Straßen der bosnisch-herzegowinischen Städte Bijeljina, Zvronik, Foca oder Prijedor – um nur einige zu nennen – floss das Blut der unschuldig getöteten Männer, Frauen, Kinder. Gleichzeitig begann mithilfe der damaligen Jugoslawischen Volksarmee (JNA), die nur noch durch orthodoxe Serben und Montenegrinen besetzt war, die Belagerung von Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Sie dauerte 1425 Tage an und wurde dadurch zur längsten Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert; mit mehr als 11.000 Getöteten, darunter mehr als 1.600 Kinder.

Ich stelle mir daher immer wieder die Frage, wie über Srebrenica berichten? Kann man das, angesichts der Geschehnisse, überhaupt? Kann man dieses „Böse“ wenigstens ansatzweise in Worte fassen, ohne dabei die Opfer zu entwürdigen und zu entehren? Diese Fragen werden zumindest für mich ohne eine abschließende Antwort bleiben. Einerseits muss man über Srebrenica schreiben. Nur auf diese Weise können die Überlebenden, können die Bosniaken im Allgemeinen und Toten von Srebrenica, in Erinnerung bleiben.

Und nur auf diese Weise kann man den künftigen Generationen diese Erinnerung vermitteln. Nur auf diese Weise kann in Bosnien-Herzegowina eine Kultur der Erinnerung etabliert werden, die sicherstellt, dass die Opfer von Srebrenica nicht vergessen werden und dass ein solches Schrecken sich nicht mehr wiederholen darf. Aber das ist nicht genug, so wie es damals, im Juli 1995 nicht genug war, dass die Opfer sich selbst und der Ungnade des serbischen Generals Ratko Mladic überlassen waren. Der Ungnade jenes Generals der serbischen Einheiten, die ihre Selbstbestätigung, Selbstaufwertung und ihren Hochmut im Blutvergießen der Unschuldigen von Srebrenica suchten.

Solange die alljährlichen, am 11. Juli stattfindenden, Begräbniszeremonien der Opfer von Srebrenica in deutschen Medien nur als Agenturmeldungen Gehör finden, wird es weitere Srebrenicas geben. Eine Kultur der Ermahnung im Zusammenhang mit Srebrenica ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Es ist in den letzten Jahren fast zur Regel geworden, dass unmittelbar vor dem Jahrestag des Genozids eine Atmosphäre der Politisierung von Srebrenica herrscht. Das passiert insbesondere im serbisch besetzten und inzwischen in jedem gesellschaftlichen Aspekt serbisch-nationalistisch geprägten Teil Bosnien-Herzegowinas, in der sogenannten Republika Srpska.

Es geht darum, dass man durch unterschiedliche Maßnahmen versucht, das Verbrechen von Srebrenica infrage zu stellen, anzuzweifeln und sogar ganz und gar zu leugnen. An diesen Maßnahmen beteiligt sich die offizielle serbische Politik, sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch in Serbien. Ihren Beitrag zur Politisierung, Relativierung und Leugnung des Völkermords versuchen auch staatliche Institutionen, Medien und vermeintlich wissenschaftliche Einrichtungen und Institute zu leisten. Generell in weiten Teilen der serbischen Gesellschaft, ist es völlig normal, die Kriegsverbrechen als mythische Heldentaten darzustellen und zu feiern.

Und genau an diesem Punkt muss die internationale Gemeinschaft zur Etablierung einer Kultur der Ermahnung beitragen. Man darf nicht zulassen, dass man mit den Zahlen der Opfer jongliert, dass man die Ausmaße der Verbrechen in Bosnien-Herzegowina relativiert und den Genozid in Srebrenica sogar leugnet. Wie kann dann die Erinnerung an den Holocaust aufrecht erhalten werden, wenn die Gesellschaft, die den Genozid von Srebrenica in fast allen ihren Aspekten zu relativieren und leugnen versucht, EU-konform gemacht werden soll? Daher verwundert es, dass die Politik in Deutschland sich noch nicht dazu durchdrungen hat, auf Bundesebene eine klare Position zu Srebrenica zu beziehen. Eine solche Resolution ist wichtig, um die Opfer von Srebrenica nicht weiter zu verhöhnen.

Ich möchte noch einmal auf mein Dilemma zurückkommen, ob und wie es über Srebrenica zu berichten gilt. Srebrenica kann man nicht in Worte fassen. Die Antwort fällt nüchtern und einfach aus. Man muss nach Srebrenica gehen, man muss es sehen und so in eine andere Welt gelangen. Erst hier, in der Gedenkstätte des Genozids, im Vorort Potocari, kann man nachvollziehen, was es bedeutet, den unbändigen Drang zu verspüren, über das Erlebte, Gesehene und Wahrgenommene sprechen zu wollen, aber nicht imstande zu sein, irgend etwas sagen oder schreiben zu können. Hier, im Universum der edelweißen Grabsteine, der Zeugen der Grausamkeit des unschuldigen und sinnlosen Sterbens, in welchem die Zeit nur von einem 11. Juli bis zum nächsten 11. Juli gemessen wird, beginnt und schließt sich der Kreis.

Dazwischen gibt es das erzwungene Leben der Hinterbliebenen, der Mütter und Töchter von Srebrenica. Ein Leben, das man nicht leben will, aber muss. Ein Leben und eine Welt, welche niemand beschreiben kann. Hier sind Worte obsolet, hier redet man, indem man schweigt. Seien wir ehrlich, was bleibt nach diesem Zeugnis zu sagen übrig:

„Ich habe ein Stück Maisbrot für ihn eingepackt, etwas Zucker und Salz und einen Bettbezug. ‘Gehe, mein Sohn’, sagte ich zu ihm, ‘hoffentlich treffen wir uns in Tuzla wieder.’ Ich weine ihm hinterher, schaue wie er hinter dem Haus verschwindet. Am nächsten Tag fand ich mich mit Abertausenden anderer Menschen in Potocari wieder, als plötzlich mein Azmir vor mir erschien. ‘Woher kommst du denn, mein Sohn?’, frage ich ihn, als er dann auf mich zu rannte, mich umarmte, küsste und dann sagte: ‘Ich hatte dich vor meinem Abschied nicht geküsst, Mutter, daher bin ich zurückgekehrt!’ Immer noch spüre ich seinen Atem auf meiner Wange. Er verweilte kurze Zeit mit mir, bis er dann in Richtung Wald ging, um sich der Kolonne anzuschließen“, erinnert sich Nura, Azmirs Mutter.

Es vergingen die Jahre, in der Hoffnung, dass er von irgendwo auftauchen wird. Dann kam die Nachricht, dass seine sterblichen Überreste identifiziert worden sind. Und weitere Jahre später, eines Nachts, kurz vor Mitternacht, als sie sich darauf vorbereitete, ins Bett zu gehen, hörte sie den Nachrichtensprecher sagen, dass die Mutter den Sohn und die Schwester den Bruder wiedererkennen würden. „Ich drehe mich um und sehe auf dem Bildschirm, wie eine Gruppe von Männern erschossen wird – und unter ihnen mein Azmir. Ich schaue, traue meinen Augen nicht, mein Herz hörte auf zu schlagen, der Mund war erstarrt. Ja, das ist mein Azmir, ihm schießen sie in den Rücken. Mein Kind fiel. Barfuß. Er war nicht einmal siebzehn Jahre alt.“

 

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Esnaf Begic

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