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Eine Liebeserklärung an unsere Großmütter

Strahlende Gesichter und geblühmte Tücher: Nihad Suljic über die bosnischen Omas

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Foto: Skola Fotografije Zenica

„Derjenige ist nicht von uns, der die Alten nicht ehrt und der mit den Jungen nicht gnädig ist.“ (Hadith)

(iz). Nehmt ihr sie auch immer seltener wahr? In den Moscheen, im Bus, auf den Straßen, in unserem Leben? Die alten Damen, Mütter, Großmütter, Tanten – welche Rolle ihnen auch zugesprochen wird, sie meistern sie alle makellos. Sie haben eine besondere Art, sich zu kleiden, zu sprechen, sie haben ihre eigenen Gewohnheiten. Sie sind so selten und so besonders, dass sie ein Schatz unter uns Konsumenten des heutigen Lebens und seiner Eigenarten geworden sind.

Sie trotzen und legen Zeugnis ab. Sie trotzen der materiellen Gier, der Selbstvermarktung und der religiösen Unruhe, und sie legen Zeugnis ab über vergangene, andere Zeiten. Jene Zeiten, in denen weniger gesprochen wurde, aber das Gesagte mehr gelebt wurde. Zeiten, in denen mehr getan wurde, und das Getane mehr geachtet wurde.

Heute haben wir als Gläubige solch bessere Bedingungen, um unseren Glauben zu leben, erfolgreich und erfüllt zu sein und uns selbst zu realisieren, ohne unsere Kultur, unsere Identität, unsere Bräuche verlassen zu müssen, sodass ich manchmal befürchte, dass wir all dies nicht zu schätzen wissen. Denn es war nicht immer so.

Wenn ich mir unsere Großmütter anschaue, sehe ich Symbole! Jede von ihnen ist auf ihre Weise einzigartig. Manche von ihnen sind schon lange nicht mehr hier, und andere erleben gerade ihre letzten Tage auf dieser Welt. Allah weiß es. Sie waren meine Freude und meine Vorbilder. Jede von ihnen brachte mir etwas bei. Sie gestalteten meine Persönlichkeit und gaben mir ein starkes Fundament in meinem Akhlaq – und das, während wir einfach gemeinsam Kaffee tranken.

Immer hatten sie die schönsten Kleider an. Fein genähte Blusen und weite Schalwars. Und auf dem Kopf ein verziertes Tuch. Sauber und wohlduftend. Begleitet wurden sie stets von Freude und Licht, und gaben sie an andere weiter.

Sie waren die Seele der Nachbarschaft. Sie arbeiteten, beteten, vereinten und liebten. Ohne viel Gerede. Sie waren Musliminnen. Trugen die Last des Lebens so wie sie es am besten konnten und wussten. Sabr – Geduld hatten sie. Sogar Kriege erduldeten und überlebten sie. Von der Morgendämmerung bis zur Nacht verrichteten sie die schwersten Arbeiten, damit ihre Kinder Bildung erhielten. Selbst wenn sie ihre Kinder in die Akhira verabschieden mussten, taten sie auch dies mit Sabr.

Freitags war der Tisch stets reich gedeckt und der Kaffee duftete. Ich habe ihnen zugehört und gelernt. In der Madrassa wurde mir erst klar, welch gute Lehrerinnen ich in ihnen hatte.

Heute, da nun die Zeit gekommen ist, die Lasten meines eigenen Lebens zu tragen und dafür Rechenschaft abzulegen, bedeuten mir ihre Ratschläge und ihre Weisheiten umso mehr. „Es wird im Leben von allem viel geben, und Reue wird es am meisten geben.“ „Der Garten (Dschanna) ist in Geduld eingehüllt.“ „Sei still, sprich nicht Unnötiges und urteile nicht. Du könntest dich selbst verfluchen, jedoch wirst du nicht in den Leib deiner Mutter zurückkehren können.“ „Verschlucke, was du sagen wolltest, denn Bauchschmerzen sind leichter zu ertragen als Kopfschmerzen.“ Ich hörte ihnen gut zu und inzwischen weiß ich, was sie mir sagen wollten. Erst jetzt.

Erst jetzt erkenne ich, dass es Hadithe und Verse waren, die sie an mich weitergaben. Jedoch waren es nicht feste, geschriebene Worte, sondern konkrete und gleich anwendbare Weisheiten. Solche, die man sein Leben lang in Erinnerung behält.

Ihre Lebensweise gab mir Erkenntnis: Den Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zu lieben. Den Wert des Dhikr zu sehen. Schöne Worte und die Schätze der Erde zu ehren. All dies lernte ich von den Frauen in den geblümten Kleidern. Frauen, welche die Blumen in ihren Gärten nach der Tochter des Propheten, Fatima, möge Allah mit ihr zufrieden sein, benannten.

Wie nah sind wir ihrem Iman? Wie nah sind wir ihrer Ergebenheit? Wie sehr haben wir sie geschätzt, wie sehr schätzen wir sie noch heute? Es gab Zeiten, in denen es nicht leicht war, das Gebet zu verrichten. Zeiten, in denen es nicht leicht war, Muslim zu sein.

Ein Seufzer entrinnt mir, wenn ich an diese Frauen denke, die wir vergessen haben. Sie verschwinden so langsam aus unserem Blickfeld. Diese Frauen haben in Ländern den Maulud und Treffen des Dhikr in ihren Häusern verrichtet, als es dort verboten war. Mutig waren sie, und haben um ihre Identität mit allem was sie hatten und konnten gekämpft. Eine Identität, die ihnen von früheren Reg­ierungen genommen werden sollte. Von ihrem Hab und Gut gaben sie für die Gemeinschaft und gaben sie für die ­Pilger.

Erinnern wir uns daran, wenn wir demnächst eine von ihnen in der Ecke der Moschee sehen, wie sie dort für sich allein sitzt und leise ihre Bittgebete vor sich hin flüstert. Es ist womöglich das selbe Dua, welches sie vor langer Zeit als Mädchen in der Qur’anschule gelernt hat. Lesen wir die Fatiha für sie, wenn sie nicht mehr hier sind. Schenken wir ihnen ein „Salaam“, einen Besuch und ein Lächeln, wenn sie noch da sind. Erfreuen wir ihre Gesichter unter den geblümten Tüchern, ohne die wir nicht das wären, was wir heute sind. Für unsere eigenen Seelen hat dies mehr Gewicht als für die ihren.

„Hierauf werdet ihr an jenem Tag ganz gewiss nach der Wonne gefragt werden.“ (At-Takathur, 8)

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