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Eine Migranten-Religion?

Debatte: Die Universalität des Islam ist hierzulande leider oft zu wenig spürbar. Von Yasin Alder und Sulaiman Wilms

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(iz). Nach rund 40 Jahren größerer Präsenz von Muslimen in Deutschland, welche in erster Linie durch die Arbeitsmigration zustande kam, ist es an der Zeit, kritisch reflektierend Bilanz zu ziehen, was das Erscheinungsbild von Islam und Muslimen angeht. Und zwar auch selbstkritisch. Über die mangelnde Bereitschaft nicht geringer Teile der Mehrheitsgesellschaft, den Islam als Teil der deutschen Gesellschaft anzuerkennen, der dauerhaft zu diesem Land gehört, ist viel gesagt und geschrieben worden.

Moscheebauten sind hierzulande, anders als in manch anderen westlichen Ländern, noch immer keine Normalität, kleinere Dinge wie das Kopftuch werden dramatisiert und dessen Trägerinnen diskriminiert, Klischees von Terrorismus bis Frauenunterdrückung beherrschen leider die Wahrnehmung, die viele vom Islam haben – spätestens seit dem 11. September, aber auch schon vorher zusätzlich gefördert von einer oft negativen Medienberichterstattung. All dies ist unter Muslimen, aber auch unvoreingenommenen Nichtmuslimen seit langen „common place“. Kann es aber sein, dass auch wir Muslime selbst für die heutige Lage mitverantwortlich sind?

Sicher, die Mehrheit der Muslime kam, das muss man nüchtern so sehen, nicht des Islams wegen nach Deutschland, sondern zum Arbeiten und Geld verdienen oder zum Studium. Viele wollten ursprünglich ohnehin nur einige Jahre bleiben.

Spätestens seit den 80er Jahren war aber für die meisten klar, oder sollte zumindest klar gewesen sein, dass – nach Familiennachzug und der Geburt einer zweiten, inzwischen dritten und teils schon vierten Generation – der Aufenthalt in Deutschland ein dauerhafter sein würde – zumindest für die nachfolgenden Generationen. In den 80er und 90er Jahren wandten sich auch viele aus der ersten Generation wieder verstärkt dem Islam zu. Moscheevereine wurden gegründet, Moscheen gebaut – seit den 90er Jahren auch verstärkt sichtbare Moscheebauten. Die Schaffung dieser Infrastruktur von Moscheen und Gebetsräumen ist ohne Zweifel ein Verdienst der ersten Generation.

Mit der Zeit nahmen auch immer mehr Deutsche den Islam an und wurden Muslime. Obwohl von vielen herzlich aufgenommen, wurden sie doch in den Moschee-Vereinen in den meisten Fällen nicht wirklich heimisch, sind bis heute kaum in Vorständen von Moscheevereinen, geschweige denn der größeren muslimischen Verbände vertreten. Die Moscheevereine blieben bis heute in erster Linie nach ethnischen und sprachlichen Kriterien orientiert und differenziert. Und in Modellen wie beispielsweise dem der DITIB, bei dem es sich gewissermaßen um die staatliche religiöse Betreuung der im Ausland lebenden türkischen Staatsbürger handelt, wozu eine bewusste Pflege der Bindung an das Land der Väter gehört, ist ein Phänomen wie deutsche Muslime oder eine Mischung der Ethnien auch gar nicht vorgesehen, ja muss eher irritierend wirken. Fairerweise muss man sagen, dass es in den anderen türkisch-muslimischen Verbände diesbezüglich kaum besser aussieht.

Zwar erfand man Ende der 90er Jahre den „Tag der offenen Moschee“ und begann, sich mit Öffentlichkeitsarbeit zu beschäftigen – was oft aufgrund mangelnd geschultem, wenig gebildetem, wenig Deutsch sprechenden, mit der Gesellschaft zu wenig vertrautem Personal in vielen Moscheen mehr schlecht als recht gelang und teilweise noch immer nicht zufriedenstellend läuft.

Doch gab es in den 1990er Jahren auch eine gegenläufige Entwicklung, die oft unterschätzt wird: So ziemlich alle Migrantenhaushalte statteten sich flächendeckend mit Satellitenschüsseln aus. Fortan liefen zum großen Teil nur noch Sender wie TRT, Kanal 7 oder Al Jazeera in muslimischen Haushalten türkischer, arabischer oder anderer Abstammung. Dies förderte die Entfernung von der deutschen Gesellschaft enorm, viele politische und gesellschaftliche Debatten hierzulande wurden seither viel weniger mitverfolgt. Auch im Bereich der Printmedien hat sich eine türkischsprachige Parallel-Medienwelt seit langem verfestigt.

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Bei aller Öffentlichkeitsarbeit blieb die ethnische Ausrichtung der Moscheevereine und Verbände im wesentlichen bestehen, oft begründet mit dem Argument, man könne der ersten Generation eine zunehmende Deutschsprachigkeit und damit Öffnung gegenüber anderen Ethnien nicht zumuten, teils aber auch ganz bewusst, weil man sich nicht nur als religiöse, sondern auch als Kulturvereine sieht, die sich der Pflege der Herkunftskultur und der Bindung an das Herkunftsland verschreiben sollen. Nicht zu Unrecht wurden die Moscheevereine daher oft auch als Heimatvereine kritisiert. Die Freitagsansprachen werden in der Mehrheit der Moscheen noch immer ausschließlich in der jeweiligen Muttersprache gehalten – auch wenn es in einigen mitlerweile eine deutschsprachige Übersetzung gibt. Spätestens die dritte Generation hatte und hat mit dieser künstlich konservierten Migrantenidentität aber zunehmend Probleme. Die enge Vermischung zwischen Islam und Herkunftsnationalität beziehungsweise -kultur erschwert es ihnen, eine Identität als deutsche Muslime zu entwickeln, selbst wenn sie schon einen deutschen Pass haben, und mit beiden Beinen in dieser Gesellschaft anzukommen, ohne ihre muslimische Identität zu vernachlässigen. Die Kluft zwischen ethnisch-religiösen Inseln wie den Moscheegemeinden und der Gesamtgesellschaft zu überbrücken, fällt zunehmend schwerer.

Andere stellen den ethnisch ge­prägten Islam ihrer Eltern und Großeltern ­kritisch in Frage und suchen nach anderen islamischen Ausdrucksformen und dem „wahren Islam“. Manche davon sind dabei auf Abwege geraten und in ­extreme Gruppierungen abgedriftet. Dennoch ist der Grundimpuls dieser jungen Menschen, die sich mehr und mehr als Deutsche fühlen, nämlich aus der ethnischen Enge herauszuwollen, verständlich.

Sie haben auch genug davon, noch immer erleben zu müssen, dass muslimische Organisationen vor allem auf sich selbst bezogen sind und beispielsweise immer wieder sinnvolle Projekte, die den Muslimen oder der Gesellschaft insgesamt dienen, nicht unterstützen wollen, nur weil es nicht ihre eigenen sind.

Es ist ein grundsätzliches Problem, dass es nach wie vor kaum Projekte der muslimischen Organisationen gibt, die auf das Allgemeinwohl oder an die Gesamtgesellschaft gerichtet sind, sondern fast nur nach Innen, auf die eigenen Mitglieder. Gleichzeitig werden beständig große Geldmengen für Hilfsprojekte ins Ausland transferiert, mit guter Absicht und Wirkung, doch wo bleiben entsprechende Investitionen in islamische Projekte und Strukturen in Deutschland?

Auch die Moscheebauarchitektur ist ein Beispiel für eine Identität, die nicht wirklich im Hier und Jetzt verortet ist: Ein großer Teil der sichtbaren Moscheen wird nach wie vor als Kopien des türkisch-osmanischen Baustils errichtet, statt eine zeitgemäße und ortsangepasste Architektur zu wählen. Letztere würde der Mehrheitsgesellschaft auch optisch signalisieren, dass der Islam eben keine orientalisch-exotische Kultur ist, sondern eine universal gültige Lebensweise, die auch von Deutschen angenommen und gelebt werden kann, genauso wie von Türken, Arabern, Afrikanern, Asiaten oder anderen Menschen. Es gibt im Islam keinen festgelegten architektonischen Stil für Moscheen. Stattdessen sind viele hiesige Moscheen noch immer steingewordene Ausdrücke romantischen Heimwehs.

Leider mittlerweile auch zu beobachten ist ein bedenkliches Phänomen, das man als „Verkirchlichung“ islamischen Lebens beschreiben könnte, wobei der Imam immer mehr Ähnlichkeit mit einem Priester bekommt oder das Freitagsgebet den Stellenwert des Sonntagsgottesdienstes bekommt – was meint, dass die islamische Lebensweise vom Alltag getrennt wird und an Institutionen wie eben den Imam, die Moschee, das Freitagsgebet delegiert wird, und so mit dem täglichen Leben immer weniger zu tun hat. Das kommt auch in einer Verschiebung der Prioritäten im Din zum Ausdruck, wie etwa der Vernachlässigung der Zakat oder der ökonomischen Bestimmungen. Andererseits werden Themen wie das Kopftuch überbetont. Ironischerweise wären gerade heute die ökonomischen Aspekte des Islams für Nichtmuslime angesichts der Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems wieder zunehmend interessant, nur leider sind sie bei vielen Muslimen längst in Vergessenheit geraten.

Die ethnische Fokussierung ist nicht nur ein strukturelles Phänomen, sondern sie verändert tendenziell auch die Art und Weise, wie der Islam verstanden wird. Bei den türkischen Muslimen fällt da der bereits erwähnte auffällig hohe Stellenwert der Nation auf – augenfällig unter anderem auch an den vielen türkischen Flaggen in den Moscheegemeinden, während beispielsweise unter arabischen Muslimen oft noch immer Konflikte in den Herkunftsländern eine über die Maßen gehende Rolle spielen und so daran hindern, sich mit der hiesigen Gesellschaft zu befassen.

Und bei der Bestimmung des Ramadan-Beginns wurde kürzlich die in der Türkei übliche Berechnungsmethode von den im KRM vertretenen Verbänden übernommen – eine reine Berechnung, wann der Neumond an irgend einem Ort der Erde, und sei es der Ostpazifik, rechnerisch zu sehen sein könnte – wann er über Deutschland tatsächlich zu sehen ist, spielt dabei gar keine Rolle mehr. Da ist Marokko – oft kopfschüttelnd belächelt, weil das westliche Land in der Regel einen Tag später mit dem Fasten beginnt und das ‘Id-Fest begeht als die meisten anderen arabischen Staaten – mit seinem Festhalten an der authentischen Praxis der lokalen Sichtung viel näher am Vorbild der frühen islamischen Praxis von Medina. Es ist völlig in Ordnung und war immer so, dass verschiedene Regionen der Welt an unterschiedlichen Tagen den Ramadan beginnen.

Insgesamt, das muss man leider so sagen, machen die Muslime hierzulande es den Nichtmuslimen ziemlich leicht, sich nicht vom Islam angesprochen zu fühlen und ihn als türkische, arabische oder orientalische „Kultur“ zu betrachten, der, obwohl eigentlich ganz nah, doch sehr weit weg zu sein scheint und mit dem eigenen Leben scheinbar nichts zu tun hat.

Sagen wir es ganz deutlich: Die immer noch vorhandene Vermischung von Islam mit ethnischer Kultur und Migrantenidentität, die viele nach wie vor nicht abgelegt haben oder nicht ablegen wollen, erschwert es vielen Deutschen, einen Zugang zum Islam zu finden. Einen Zugang zu dieser letzen Offenbarung für die Menschheit, die in ihren Glaubensinhalten und Lebensregeln so eindeutig, klar, logisch und nachvollziehbar ist. Man kommt nicht umhin, zu vermuten, dass deutlich mehr Deutsche Muslime werden würden, wenn sie den Islam, wie er wirklich ist, kennenlernen würden, nicht durch ethnisch-kulturelle Schleier hindurch und natürlich ohne die medialen Verzerrungen.

Schließlich bleibt auch die Frage, warum nicht viel mehr deutsche Muslime Schlüsselpositionen in Organisationen und Verbände einnehmen? Sicher, deutschstämmige Muslime sind nicht automatisch besser. Und man muss natürlich auch die Deutsch sprechenden, hier sozialisierten oder mit deutscher Staatsbürgerschaft ausgestatteten Muslime der zweiten und dritten Zuwanderergeneration als deutsche Muslime sehen. Doch auch diese sind bisher oft noch nicht in den Positionen, die ihnen eigentlich zustehen würden. Kein Wunder, dass sich noch immer so wenig bewegt. Ein Umdenken ist lange überfällig. Die Muslime müssen endlich ganz in Deutschland ankommen.

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