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Eine muslimische Antwort auf die moderne Krise der Erziehung. Von Nabila Hanson

Wenn Spielen zur Arbeit wird

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(iz). Kann es sein, dass wir als liebende Eltern – trotz bester Absichten – unseren Nachwuchs bereits in frühen Jahren beschädigen, wenn wir ihm eine formelle und akademische Bildung aufzwingen? Aus unseren religiösen Lehren wird ersichtlich, die Kinder in ihren ersten sieben Lebensjahren spielen zu lassen.

Und doch befinden sich die meisten muslimischen Schüler bei uns in den USA im Alter von sechs Jahren schon in der ersten Klasse einer öffentlichen oder privaten Schule. Und viele von ihnen hatten zuvor Jahre in Vorschulprogrammen verbracht, die sie auf die erste Klasse vorbereiten sollen. Kann es sein, dass der Drang, die Kleinen in die verschulte Erziehung – beispielsweise Sprachen und Mathematik – zu treiben, in solch einem frühen Augenblick ihr spirituelles Wachstum behindert und so das emotionale Wohlergehen unserer Nachkommen beschädigt?

Westliche Kinderpsychologen verstehen seit Langem, dass eine verfrühte Anspruchshaltung an Kinder, schulische Leistungen erbringen zu müssen, sich mit deren emotionaler Entwicklung überschneidet. Im islamischen Denken ist bekannt, dass das Herz der Ort der Gefühle ist und dass wir angehalten sind, jenes Herz gesund zu halten. Die Belohnung dafür ist der Paradiesgarten. Beschädigen wir nicht die Fähigkeit unserer Kinder, eine gesunde emotionale Basis zu entwickeln, und dadurch ein gesundes Herz, wenn sie zu früh das verschulte akademische Lernen betreten? Vernachlässigen wir durch unsere – gut gemeinten – Anstrengungen, unserem Nachwuchs einen erfolgreichen Start zu ermöglichen, gleichzeitig einen guten Start für ihre Herzen?

Vom Nutzen des Spiels
Es ist eine bekannte Erkenntnis, wonach das Spiel die Arbeit der Kleinen ist. Während der ersten fünf Lebensjahre leben – und spielen – sie in einer Welt, in der Wirklichkeit und Einbildung vereint sind. Zwischen dem fünften und siebten Jahr beginnt die Trennung dieser Einheit und sie verlassen diese gleichermaßen reale und eingebildete Welt. Danach beginnen die Kinder mit ihrem Eintritt in die Zeit der Vernunft. Im Alter von ungefähr sieben Jahren ist diese Trennung vollzogen und ein Kind ist nun in der Lage, das Wirkliche vom Imaginären zu unterscheiden.

Nach dem Eintritt in das Alter des Urteilsvermögens kann ein Kind zwischen Richtig und Falsch unterscheiden und ist befähigt zur moralischen Verantwortung. Nach dem islamischen Verständnis der kindlichen Psychologie ist es nutzlos, ein Kind, das jünger als sieben Jahre alt ist, für einen Fehler zu bestrafen. Denn es besitzt noch nicht die intellektuellen Fähigkeiten zur Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch. Bis zum siebten Lebensjahr erkennt ein Kind eine Strafe als ungerecht. Dies hinterlässt möglicherweise – unabhängig vom Schweregrad – emotionale Wunden.

Diese frühen Jahre sind entscheidend als Fundament für gesundes Gefühlslebens, dass den Kindern ihr ganzes Leben hindurch dienen kann. Und das Spiel ist eines der Mittel, durch das sie sich solch ein Fundament aufbauen können. Zu anderen Mitteln zählen natürlich ein sicheres und positives Zuhause, gesunde erwachsene Vorbilder und die Abwesenheit von kindlichen Traumata. Durch beim Spielen verbrachte Zeit können Kinder eine Vielzahl von Fähigkeiten entwickeln, die wesentlich für ein erfolgreiches Leben sind: Kreativität und Einbildungskraft, Mitgefühl, die Fähigkeit mit anderen gemeinsam zu arbeiten, die Kunst der Verhandlung, aber auch Selbstkontrolle und -disziplin.

Betrachten wir beispielsweise die imaginären Spiele der Kleinen. Sie können buchstäblich einen Ast in ein temperamentvolles Pferd verwandeln, einen Karton in ein prächtiges Schloss oder eine zerfledderte Puppe in eine königliche Prinzessin. Wenn Sie einem Kind sagen „Nein, das ist ein Ast und kein Pferd!“, wird es wütend oder ist verwirrt. Dieser Ast ist für ein Kind genauso ein Pferd wie ein echtes Wirklichkeit für einen Erwachsenen besitzt. Durch diese imaginären Spiele entwickeln die Kleinen ihre Vorstellungskraft und kreative Prozesse. Ohne sie werden sie nicht in der Lage sein, gut in abstrakten Fragen zu denken oder während des Älterwerdens mental unfähig sein, kompliziertere Konzepte und Ideen zu begreifen. Alle höheren Denkvorgänge hängen von einer starken Vorstellungskraft und einem Sinn für das Schöpferische ab.

Die Spiele der Kindheit helfen unserem Nachwuchs auch bei der Entwicklung seiner Fähigkeit zum Mitgefühl mit anderen. Um zu verstehen, was eine andere Person fühlt, muss man Empathie für sie haben. Dafür braucht es Einfühlungsvermögen. Genau dies tut ein kleines Mädchen, wenn es sich vorstellt, es sei eine Mutter, eine Ärztin oder sogar eine Königin. Und dies macht auch ein kleiner Junge, wenn er spielt und so tut, als ob er ein Vater, ein Ritter oder ein Feuerwehrmann ist.

Sie nehmen jeweils die Identität einer anderen Person an und stellen sich vor, was es heißt, so wie sie zu denken, zu fühlen und zu sein. Die ständige Wiederholung solcher Spiele entwickelt bei unseren Kleinen die Veranlagung, zu fühlen und sich mit den Erfahrungen eines anderen zu identifizieren. Irgendwann einmal können sie sich so zu mitfühlenden Erwachsenen entwickeln.

Mitgefühl beziehungsweise die Möglichkeit, das Leiden anderer nachzuempfinden, ist eine Anlage, die ihrem Wesen nach engelsgleich ist. Je mehr Empathie eine Person besitzt, desto mehr wird sie in der Lage sein, die prophetischen Eigenschaften der Barmherzigkeit, Mitgefühl und bedingungslose Liebe für alle nachzuahmen. Das Fehlen von Einfühlungsvermögen eröffnet die Möglichkeit, dass jemand die verabscheuungswürdigsten Handlungen gegen seine Mitmenschen verüben kann. Verbrechen, die als dämonisch gelten können. Es sollte hier angemerkt werden, dass Studien über Serienmörder belegen, dass es bei jenen in ihrer kindlichen Erfahrung oft am Spiel mangelte.

Das Erlernen des Spielens mit Kindern unterschiedlichen Alters ist bestimmend für die Entwicklung starker sozialer Fähigkeiten. Mit vier Jahren fangen Kinder mit der Erfindung zielorientierter Spiele an, die gemeinsam gespielt werden können, wie beispielsweise Piraten, die auf der Jagd nach dem Piratenschatz sind. Sie bestimmen, was gespielt wird, wie das Spiel abläuft und sie legen die Rolle jedes Teilnehmers fest.

Vor dem Erreichen des siebten Lebensjahres sind die Kleinen üblicherweise nicht fähig, sich an die erfundenen Regeln, auf die sie sich geeinigt haben, zu erinnern. Deshalb spielen sie entsprechend ihrer eigenen Interpretation des Spiels. Ihre wichtigste Sache ist nicht das Spiel, sondern sie möchten, dass alle Spaß haben, zusammen zu sein. Was für ein schöner Gedanke!

In einer vollwertigen spielerischen Umwelt sind Kinder in der Lage, ein gutes Sozialverhalten zu entwickeln, denn das gemeinsame Spiel verlangt von ihnen, Kompromisse zu schließen. Die Kleinen müssen ihre Rollen und die Regeln untereinander aushandeln, lernen zu führen und zusammenzuarbeiten, wenn sie geführt werden. Und sie benötigen Geduld, wenn das Spiel nicht genau so betrieben wird, wie sie es sich erhofften. Joseph Chilton Pearce – der Autor von Büchern zur kindlichen Entwicklung – rät uns, dass wir das Spiel unserer Nachkommen beobachten sollen, wenn wir wissen wollen, was für Erwachsene sie werden.

Für die Kinder hat der von ihnen betriebene Zeitvertreib darüber hinaus einen enormen therapeutischen Wert. Dieser ist eines der Mittel, Konflikte und Traumata der Kindheit zu lösen. Sehen sich Erwachsene emotionellen Konflikten oder Verletzungen ausgesetzt, wenden sie sich einem vertrauten Freund, einem Familienmitglied oder sogar einem Therapeuten zu. Kinder verfügen nicht über diese durch den Verstand bestehende Möglichkeit, Gefühle und Erfahrungen zu verstehen, also verarbeiten sie diese durch spielen.

Beobachtet ein Kind einen gewaltsamen Akt, zeigt sich dies oft in den von ihm betriebenen Spielen. Es wird die gewaltsame Handlung so lange wiederholen, bis es entweder in der Lage ist, den Konflikt beizulegen, oder aber ihn zumindest auf der Gefühlsebene zu befrieden. Wenn Mutter und Vater streiten, was das Kind beunruhigt, dann kann es das durch ein imaginatives Nachahmen in Szene setzen. Widerstreitende Emotionen und Konflikte werden durch den Prozess des Spiels beigelegt, es sei denn, sie sind so verletzend, dass sich das Kind einfach verschließt. Ein Anzeichen für eine Erholung wäre demnach die Wiederaufnahme des Spielens.

Emotionale Entwicklung und ethischer Charakter
Viele Eltern fühlen sich verpflichtet, die frühen und spielerischen Jahre ihres Nachwuchses durch strukturierte Beschäftigung und „Arbeit“ in einer Vorschule oder in einem Kindergarten zu ersetzen. Sie tun dies teilweise im Glauben, dass das Kind hinterherhinken würde, wenn es nicht früh damit beginne, Lesen und Mathematik zu lernen.

Dies ist ein Mythos. Auch hier sagt Pearce, dass sich die intellektuellen kindlichen Fähigkeiten erst im Alter von sieben Jahren – beinahe zeitgleich an diesem Geburtstag – zum Lernen dramatisch steigern. Dann ist es reif für ein Training des Verstandes. Ein fünfjähriges Kind braucht ein Jahr, um ein Wort aus drei Buchstaben lesen zu lernen. Selbst wenn es ihm gelingt, wird es – wenn überhaupt – nur wenig davon verstehen. Ein Kind, welches das erreicht, was von Charles Van Doren als „Lesebereitschaft“ bezeichnet wurde, kann im Zeitraum von Tagen oder Wochen Lesen lernen, das Gelesene verstehen und sich daran erfreuen, was es liest.

Wenn wir unseren Nachwuchs zu früh der formellen Bildung unterwerfen, behindern wir seine emotionelle Entwicklung. Und dieser ist eine der Voraussetzungen für die Entwicklung eines starken moralischen Charakters. „Die Gefühle haben in der Tat die Kontrolle über den Tempel der Moralität“, schrieb Jonathan Haidt, Professor der Psychologie an der Universität von Virginia, der die Theorie für Moralische Grundlagen entwickelte. Der Autor und Psychologe Daniel Golemen belegt in seinem Buch „Emotional Intelligence“, dass ein hoher Grad an emotionaler Intelligenz in Zusammenhang mit einem höheren Verständnis von Moralität steht. Dies sei großer Indikator der Möglichkeit, ein erfolgreiches Leben zu führen.

Wenn wir unsere spirituelle Reise bedenken sowie das, was Allah von uns verlangt, und das prophetische Verhalten, zu dessen Nachahmung wir aufgerufen sind, dann erkennen wir, dass unser Alltag im Zusammenhang mit unseren moralischen Entscheidungen steht. Angefangen mit unserem Aufwachen aus dem Schlaf zur Verrichtung des Morgengebets. Den gesamten Tag hindurch müssen wir uns immer wieder entscheiden, unsere augenblicklichen Handlungen beiseite zu schieben, sodass wir die fünf Gebete zu ihren jeweiligen Zeiten tun können.

Wir entscheiden uns ebenfalls moralisch, wenn wir jenen vergeben, die uns Unrecht getan haben. Oder wenn wir unsere Versprechen einhalten. Das gleiche gilt für unsere Sprache, so unwesentlich sie uns auch erscheinen mag. Ebenso, wenn wir die Kranken besuchen oder einem Nachbarn an einem hektischen Tag helfen. Eine starke moralische Grundlage erlaubt uns, die richtige Wahl zu treffen. Diese basiert auf einem starken emotionalen Fundament, wenn wir Kinder sind.

Wir dürfen es nicht unterlassen, eine gesunde emotionale Entwicklung unserer Nachkommen zu einem frühen Zeitpunkt zu betonen. Vernachlässigen wir dies, dann laufen wir Gefahr, dass sie keine mitfühlenden, ehrenhaften und aufrechten Erwachsenen werden.

Kinder betreten diese Welt in einem Zustand der Reinheit und der Einheit mit Allah. Sie sind wie eine blanke Tafel, die beginnt, sich in den ersten sieben Lebensjahren mit Charakter und persönlichen Eigenschaften zu füllen. Aber jedes Kind wird mit einer von Allah gegebenen Natur geboren, welche die Möglichkeit für spirituelle Unreinheiten des Herzens in sich birgt. Die meisten von uns sind nicht in der Lage, den Krankheiten des Herzens auszuweichen. Dazu zählen Stolz, Neid, Wut, Faulheit, Gier oder Lust. Sie sind Teil des Menschseins. Aber das Maß, in dem wir unter ihnen leiden, und der Grad, zu dem wir in der Lage sind, diesen „Todsünden“ zu widerstehen, scheint in direktem Zusammenhang zur Gesundheit der emotionalen Entwicklung unserer ersten sieben Lebensjahre zu stehen.

Anstatt unsere Nachkommen in Vorschul- und Kindergartenprogramme zu zwängen, bevor sie dazu emotional in der Lage sind und anstatt zu versuchen, ihnen Lesen und Rechnen beizubringen, bevor sie wegen ihrer Entwicklung dazu geeignet sind, wäre es ihnen – und Allah – gegenüber nicht besser, dass wir uns direkt um sie kümmern? Indem wir ihnen schön geschriebene Geschichten vorlesen oder sie so spielen lassen, wie es ihre kleinen Herzen dringend benötigen und verlangen?

* Die Autorin ist Gründerin und Direktorin der Kinza Academy & Press, einer Organisation, die klassische und traditionelle Ansätze zur Erziehung anbietet. Weitere Informationen unter: www.kinzaacademy.com.

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