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Eine Nachgeburt des „alten Europa“

Zwei Belgien, ein Europa: EU-Metropole Brüssel im Visier mutmaßlicher Terroristen

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Foto: Dennis Jarvis | Lizenz: CC BY-SA 2.0

Brüssel befindet sich nach den Anschlägen im Ausnahmezustand. Die EU-Metropole steht für dunkelblaue Anzüge und exzessive Immobilienpreise. Doch die Willkür des Molochs lässt auch viel Raum für Kleinwagen des Terrors.

Brüssel (KNA). Brüssel ist zum Ziel von Anschlägen geworden. Am Dienstagmorgen ereigneten sich am Brüsseler Flughafen Zaventem zwei Explosionen, eine weitere in der Metrostation Maelbeek im Herzen des EU-Viertels. Belgische Behörden sprechen von Attentaten. Schätzungen gingen am Mittag von mindestens 23 Todesopfern aus. Sollten sich die Vermutungen zu den Hintergründen der Detonationen bestätigen, ist der Terror endgültig im Herzen der EU angekommen.

Brüssel ist vielfältig, ist schön, ist hässlich. Eine moderne Stadt und eine, die sich für die eigene Modernität zerstört hat. Brüssel ist die Stadt des guten Essens und der eingeschlagenen Scheiben; des Jugendstils und der Kapitulation der Architektur vor dem Investor und dem Asbest. Brüssel, das ist die europäische – und die verschleierte, die anrüchige, verborgene.

Brüssel ist 19 Mal sie selbst: 19 Gemeinden mit 19 Bürgermeistern, die den Status ihrer Autonomie und Bestechlichkeit so maximal ausreizen, dass ganz am Ende doch das eine, einzige Brüssel steht: ein Haufen Bausumpf, Stahl, Glas und Löcher – von denen jedes immer einem fiesen Investor gehört.

Brüssel ist die Hauptstadt der EU – und zugleich eine Nachgeburt des „alten Europa“: das einst so unfassbar reiche Zentrum eines Nicht-Landes, das keine 200 Jahre alt ist; die „hässliche kleine Schwester von Paris“, unmäßig gewollt und trotz all ihres Geldes meist doch nicht gekonnt. Es regnet so oft – und die Rolltreppe zur U-Bahn funktioniert so verdammt selten.

Brüssel ist Ambition, das Wollen von vielen Menschen. Ein Schmelztiegel der Zuwanderung; eine Welthauptstadt des Ausländeranteils – von EU-Lobbyisten bis zu den Verlierern der belgischen und frankophonen Kolonialgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die Beamten von inzwischen 28 Mitgliedstaaten verdienen bei den EU-Institutionen, Kommission, Rat und Parlament, die definierte Multiplikation nationaler Sätze – was sich in surrealen Mieten und Pizza-Preisen niederschlägt.

Entstanden ist ein Zweidrittel-Brüssel von rund 1,1 Millionen Bewohnern, die wenig andere Berührungspunkte haben als die Metro-Linien A und B, die Pre-Metro und das gemeinsame Konsumdiktat von Big M, FNAC und Starbucks.

Das Wollen Brüssels ist aber auch das Wollen derer, die keine Chance haben. Wie vielleicht keine andere Stadt der historischen Kern-EU ist Brüssel, Bruxelles, Brussels eine Stadt der Camouflage, der Anonymität. Wer wohnt da, wo keiner nach Dienstschluss gern hinfahren würde, selbst wenn der Fahrschein dort weiter gilt?

Zehntausende rechtschaffener, unbescholtener Neubürger zweifellos, die am Ende des Tages Milch, Baguette, Möhren und Porree einkaufen. Aber eben auch jene wenigen, aber wirkmächtigen Unmenschen, vor denen ganz Europa an diesem Dienstag neu erschauert.

Die Spuren der Attentäter von Paris führten nach Brüssel. Erst in der vergangenen Woche nahm die belgische Polizei im Stadtteil Sint-Jans-Molenbeek den mutmaßlichen Paris-Attentäter Salah Abdesalam und vier weitere Verdächtige fest.

Nun spekulieren Medien, ob die Bomben in Brüssel möglicherweise die Rache der Paris-Attentäter seien. Der belgische Geheimdienst sieht nach Angaben der Zeitung „Het Laatste Nieuws“ offenbar Verbindungen zwischen dem Zugriff in Molenbeek und den Anschlägen vom Dienstag.

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Alexander Brüggemann

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