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„Eine Ohrfeige“

Minarett-Verbot hat Muslime in der Schweiz aufgerüttelt

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Foto: Archiv

Vor zehn Jahren sagten die Schweizer Ja zum Minarett-Verbot. Muslimische Gemeinden und Verbände haben seither ihre Öffentlichkeitsarbeit deutlich verstärkt. Doch das Ergebnis von 2009 schmerzt sie noch immer. Von Martin Spilker

Zürich (KNA). „Eine Ohrfeige“ sei es gewesen, als sich die Schweizer vor zehn Jahren mit einem Stimmenanteil von 57,5 Prozent für ein Minarett-Verbot aussprachen. So empfindet Pascal Gemperli, Sprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), das Ergebnis von damals. „Dieses Verbot löst überhaupt keine Probleme“, lautet heute sein Fazit. Im Gegenteil: „Viele Muslime empfinden es als eine Diskriminierung.“ Wenn es wirklich Schwierigkeiten in den islamischen Gemeinden gebe, sei das „sicher nicht auf einen Turm zurückzuführen“.

Die muslimischen Verbände der Alpenrepublik entschlossen sich nach dem 29. November 2009, die Bevölkerung aktiver zu informieren. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde verstärkt; regelmäßig werden auch Nicht-Muslime zu Besuchen und Veranstaltungen in Moscheen eingeladen. So gesehen, meint Gemperli, habe die Minarett-Abstimmung auch ihr Gutes gehabt: Die Muslime hätten sich seither besser organisiert.

Dennoch stürzen sich die Medien nach Auffassung des 41-Jährigen bei jedem Konflikt in oder mit islamischen Gemeinden auf deren Vertreter. Dann, so der Konvertit und Kommunikationsprofi, würden furchtbare Szenarien geschildert. Er wolle die Konflikte nicht kleinreden, versichert Gemperli. Er wehre sich aber dagegen, dass „der Islam“ dann immer als Ganzes negativ dargestellt werde. So sei es auch vor der Minarett-Verbotsinitiative geschehen. „Wenn es Probleme in einer Gemeinde gibt, dann nehmen wir uns dessen an, um Lösungen zu finden“, so der FIDS-Sprecher.

Für ihn steht fest, dass sich das Ja zum Minarett-Verbot negativ auf das Gemeindeleben der Muslime im Land ausgewirkt hat: „Wir wurden durchgeschüttelt.“ Zwar engagierten sich junge Muslime heute vermehrt; sie seien aber zugleich zurückhaltender und wollten nicht als Gläubige erkannt werden. So fielen im Alltag nicht selten islamische Grußformeln weg, oder Eltern entschieden sich für neutraler klingende Vornamen für ihre Kinder. „Es findet leider auch ein Rückzug statt“, so Gemperli.

Mit Blick auf die kontroverse Debatte über eine aktuelle Burka-Verbotsinitiative kommt er dennoch zu dem Schluss, dass die ganze Schweizer Gesellschaft inzwischen dazugelernt habe. Heute werde über solche Fragen viel differenzierter diskutiert.

Imam Bekim Alimi, Vorsteher einer albanischen Moschee in Wil im Kanton Sankt Gallen, sieht keine gravierenden Auswirkungen durch das Minarett-Verbot. 2017 wurde in Wil die neue Moschee mit einem Begegnungszentrum eingeweiht. Auf ein ursprünglich geplantes Minarett wurde schließlich verzichtet. Das bringe weder für ihn noch für die Gemeinde religiöse oder theologische Einschränkungen mit sich, sagt Alimi.

Untersuchungen des Zentrums Religionsforschung an der Uni Luzern bestätigen diesen Eindruck. Das Verbot von 2009 habe im Alltag der Schweizer Muslime praktisch kaum etwas verändert: Minarette seien nicht entscheidend. „Die Gläubigen erhalten die Erinnerung an die Gebetszeiten über eine App oder haben sie im Kopf“, meint Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti.

Der Experte erinnert sich aber noch gut an die Reaktionen aus wissenschaftlichen Kreisen im Ausland: „Die Schweiz wurde als das Land mit dem Minarett-Verbot bekannt. Viele hatten dafür nur Kopfschütteln übrig.“ Aber das sei nun mal das Resultat der im Land praktizierten direkten Form der Demokratie. Und, ergänzt Tunger-Zanetti: Wäre damals in vergleichbaren Ländern abgestimmt worden, wäre es wohl zu ähnlichen Resultaten gekommen.

Pascal Gemperli blickt indes nicht ohne Sorgen in die Zukunft: „Die mehrheitlich negativ geprägten Medienberichte machen es fast unmöglich, sich ein objektives Bild vom Islam zu machen.“ Dazu passe auch die Burka-Verbotsinitiative. „Die Schweiz will ernsthaft über eine Kleidervorschrift in der Verfassung abstimmen. Doch wir wissen noch nicht einmal, wie viele solcher Kleidungsstücke es in der Schweiz überhaupt gibt“, kritisiert der FIDS-Mann. Den Initiatoren gehe es wahrscheinlich darum, Muslime generell als „gesellschaftliches Problem“ darzustellen. Gemperli hingegen will nach eigenen Worten weiter daran arbeiten, „das friedliche Zusammenleben zu stärken“.

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