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Eine Reportage über junge Briten aus der gebildeten Oberschicht, die den Islam für sich entdecken. Von Ahmad J. Lane Poole, England

„Allah kam und klopfte an meine Tür“

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Berichte legen nahe, dass es seit dem 11. September eine Welle des Übertritts zum Islam, besonders unter einflußreichen weißen Briten, gegeben hat. Vor sechs Monaten erstieg Elisabeth L. – diplomierte Politologin, Tocher wohlhabender Eltern und Gegnerin von Terrorismus in jeglicher Form – den Berg Sinai bei Nacht, um von dessen Gipfel den Sonnenaufgang in der Wüste zu beobachten.

„Es war der ruhigste, friedlichste Ort, an dem ich je gewesen bin“, sagte sie. „Ich konnte fühlen, wie meine Gefühle in mir emporkamen und in einem surrealen Augenblick schien alles zusammenzukommen.“ Vor kurzer Zeit, an einem Samstag um 16.45 Uhr, ging Elisabeth in die Moschee am Regent’s Park in Zentrallondon, um zum Islam überzutreten.

Es war nicht schwierig und sie musste nicht einmal ein Kopftuch tragen. Bezeugt von zwei anderen Muslimen und neun weiteren Freunden, die im Büro des Imams eingeklemmt waren, sprach sie die arabischen Worte aus, die sie in der Nacht zuvor von einer Kassette auswendig gelernt hatte; jene Worte, die sie wie ein Mantra fünfmal am Tag für den Rest ihres Lebens wiederholen wird: „Es gibt keinen Gott, außer Allah, und Muhammad ist sein Gesandter.“ Später gab es im „Al-Dar“ bei der Edgware Road eine kleine Feier. Elisabeth und ihre Gratulanten schlürften Pfefferminztee und parfümierten Apfeltabak aus einer Wasserpfeife. Es gab keinen Alkohol, aber sie hatte sowieso nie viel getrunken. Warum hat sie das getan? „Ich weiß, es klingt wie ein Klischee, aber Allah kam an meine Tür und klopfte an. So fühlt sich das wirklich an, denn wie beim Verlieben ist dies oberhalb dessen, was man sprachlich ausdrücken könnte.“ Es war, mit anderen Worten, überwältigend persönlich. Als sie den Qur’an zur Vorbereitung ihres Übertritts las, fanden die Angriffe auf New York und Washington statt. Diese konnten sie jedoch nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Obwohl sie überzeugt ist, dass aller Terrorismus feige sei, sagte sie: „aber ich kann verstehen, warum Leute mit dem Westen fertig sind. Kapitalismus ist unglaublich tyrannisch.“

Elisabeth ist keine Mißgeburt und sicherlich auch kein Einzelfall. Seit dem 11. September gibt es nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Europa und in Amerika, Hinweise auf eine sprunghaft steigende Zahl von Übertritten hin zum Islam. Ein islamisches Zentrum in den Niederlanden spricht von zehnfachen Zahlen, während das „New Muslims Projekt“ in Leicester, welches von einer ehemaligen römisch-katholischen Hausfrau geführt wird, von einem „ständigen Strom“ neuer Muslime spricht.

Dies entspricht einem Muster, welches in der jüngsten Zeit beobachtet werden konnte. Ähnliche Übertrittsschübe folgten dem Golfkrieg, dem Konflikt in Bosnien und der Erklärung einer Fatwa gegen Salman Ruschdie. Einige der [eingewanderten, muslimischen] Neuankömmlige teilen zweifellos nicht die Meinung von David Blunkett in seiner offenen Begeisterung für das Britentum. Sie mögen sogar auf einigen Polzeivideos beim Schwenken von Talibanfahnen zu sehen sein.

Aber die meisten sprechen unsere Sprache und unterstützen unsere Fußballmannschaften mit der üblichen rauen Zuneinung und einige – nach allen Zahlen eine schnell wachsende Minderheit – sind weiß, gebildeter und mehr Mittelklasse, als selbst der Innenminister. Dies sind die überraschenderen neuen Muslime.

Sie, die ihren neuen Glauben über die anderen großen Religionen der Welt wählen, hatten den Vorteil der Wahl, oft zur Bestürzung ihrer eigenen Familien und deren Vorurteile. Sie sind eloquent und bis zu einem gewissen Grad tolerant. Sie sind Leute wie alle anderen Briten, nur dass sie das eben nicht sind. Sie sind Muslime. Sie beten fünfmal am Tag, fasten während des Ramadans und hoffen, vor ihrem Tod nach Mekka zu kommen. Sie beantworten ihre Handys mit „As-Salaamu ‘alaikum“.

Anders als Richard Reid, dem Beinahe-Schuhbomber des Fluges American Airline 63, tendieren echt britische Muslime, im Gegensatz zur herkömlichen Vorstellung, dazu, überpriveligiert zu sein. Im Widerspruch zu James McLintock, dem Sohn eines schottischen Dozenten, der in einem Gefängnis in Peschawar gefangengehalten wird, haben sie die Kämpfe in Afghanistan eher abgeschreckt, als angezogen.

Es gibt Leute wie Elisabeth, wie Lucy Bushill-Mattews, eine dreißigjährige Graduierte des Newnham College, Cambridge, die als Studentin mit dem Islam flirtete, ihn verwarf und nun findet, dass er „so einfach und logisch ist, dass ich nicht davon getrennt werden kann.“ Da sind Leute Muslime geworden wie „Jahja“, dessen Vater eine der Säulen des Anglo-Establishment ist und der findet, dass Islam „genau zu den britischen Traditionen passt“ und wie Joe Ahmed-Dobson, Sohn des früheren Labourministers Frank Dobson, der glaubt, dass Islam sein spirituelles Leben verändert hat – und ihm dabei half, den besten Abschluß in der Universität zu schaffen.

T.E. Lawrence fühlte sich der Romantik und der Andersheit des Islam nahe und verkörperte diese für folgende Generationen, selbst wenn er selbst nie konvertierte.

Gai Eaton, ehemaliger britischer Diplomat, der jetzt in seinen späten Siebzigern ist, trat über. Seine einflußreiche Arbeit „Islam und das Schicksal des Menschen“ wurde zu einer begehrten Lektüre für aufgeweckte junge Angelsachsen, die sich ihrem angenommenen Glauben, oft als Ausdruck ihrer Unzufriedenheit mit der westlichen Kultur, die ihnen scheinbar alles anbieten konnte, zuwandten.

Metthew Wilkonson, der einer der Jungen von Eaton war, machte Schlagzeilen, als er Muslim wurde und änderte 1993 seinen Namen in Tariq. Er und Nicholas Brandt, ein weiterer aus der Riege derer von Eaton und Sohn eines Investmentbankers, wendeten ihre Schicksale als Nachkommen der Oberschicht und teilten sich mit vier anderen Muslimen ein Reihenhaus in Slough.

Lord Birts Sohn, Jonathan, verwarf einen schenllen Aufstieg in die Reihen der Großen und Guten, indem er 1997 konvertierte und sein Doktorstudium über den britischen Islam begann. Ihm taten dies eine Tochter und ein Sohn von Lordrichter Scott nach, der die Geißel gegen den Toryfilz war und die Untersuchungskommission über die Waffenlieferungen an den Irak führte.

Und so machte es Jemima Khan. „Meine Entscheidung … war vollkommen meine eigene Wahl und in keinster Weise übereilt“, sagte die 21jährige Tochter des Millardiärs James Goldsmith ärgerlich, nachdem ihr unterstellt worden war, sie sei nur Muslima geworden, um Imran Khan, den ehemaligen Kapitän des pakistanischen Kricketteams, heiraten zu können. Sie führte vollkommen korrekt an, dass der Qur’an Imran erlaubt hätte, jede Muslima, Christin oder Jüdin zu heiraten (obwohl er muslimischen Frauen nicht erlaubt, nicht-muslimische Männer zu heiraten).

Sie wies darauf hin, dass Imran Schwestern, weit davon entfernt, unterdrückt gewesen zu sein, alles gebildete Berufstätige waren und sie besteht darauf, dass die Tunika und die Hosen, die sie seitdem trägt „weitaus eleganter und bequemer sind als das, was sich sonst noch so in meiner Garderobe befindet.“

Auch wenn die Umstände eine solche Äußerung schwer vorstellbar scheinen lassen, ist es doch allgemein üblich bei gebildeten britischen Muslimas, dass sie versuchen, die erstaunten Nichtmuslime davon zu überzeugen, dass ein Eintritt in den Islam nicht bedeutet, ihre Unabhängigkeit oder ihre Kritikfähigkeit aufzugeben. Für Lucy Bushill-Matthews bedeutet es das Gegenteil: „Als ich nach Cambridge ging, schloss ich mich den islamischen und christlichen Vereinen an und allen drei politischen Parteien, denn“ so führt sie weiter aus, „ich wollte alle Möglichkeiten erkunden, bevor ich sie ausschließen konnte.“ Sie hat sich nie als sonderlich spirituelle, sondern eher als pragmatisch verstanden und deshalb fand sie den Islam unwiderstehlich. „Von allen Weltreligionen machte der Islam Sinn. Es war ein klarer, einfacher Weg, an Gott zu glauben.“ Sie behauptet, es habe ihr sogar gehaolfen, gute Jobs zu bekommen, da sie durch ihre Entscheidung als freier Geist gilt. Ihr Ehemann ist Muslim englisch-iranischer Abstammung, den sie nach ihrem Übertritt geheiratet hat.

Auch Jahja wählte den Islam aus einer möglichst breiten religiösen Palette aus. Er wuchs in einer hochklassigen Londoner Familie auf, die wegen der Position des Vaters, nicht zeigen konnte, dass sie eine Religion vor einer anderen bevorzugte. Er machte danach den Abschluss in vergleichender Religionwissenschaft – dem theologischen Gegenstück zu einer blinden Weinverkostung – und einfach gesagt, hat der Islam dabei gewonnen. „Es ist reiner Monotheiusmus und hat klare moralische Regeln und eine intakte Tradition der religiösen Bildung. Keine Schrift drückt die Göttliche Einheit so deutlich aus, wie der Qur’an. Der Islam hat eine bemerkenswerte reiche Spiritualität, die genau dem entspricht, was Mittelklasseengländer wie ich mögen.“ Jahja wurde vor fünf Jahren Muslim und ist jetzt 33. Er ist in Oxford und schreibt an seiner Doktorarbeit über den britischen Islam. Er ist nicht nur durch die Angriffe des letzten September erschrocken, sondern auch von der Beschädigung, die der Islam durch die Medien erleiden musste bzw. durch seine – um es genauer zu sagen – sogenannten Sympathisanten. „Es ist für alle von uns schmerzhaft zu sehen, wie wir mit dieser abartigen Barbarei in Verbindung gebracht werden.“

Das ist nicht die Sache, für die wir uns entschieden haben. Und nun können wir unsere Religion nicht in einer unverdünnten Form darstellen, denn sie wird immer durch andere vermittelt. Es ist frustrierend, Leute in den Medien zu haben, die versuchen, dich vor dir selbst zu retten.“

Heisst das, dass die nachdenkliche Person die gleiche Überzeugung wie al-Qaida hat? Natürlich nicht. Aber das Glaubenssystem, in dem er und die Terroristen sich bewegen, hat ein schwerwiegendes und oft tödliches Problem bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die Parallele, die einem sofort einfällt ist die der Ökologiebewegung, die Zigmillionen Mitglieder hat, die Beiträge dem WWF oder anderen bezahlen und eine handvoll Leute hat sich zum Ziel gesetzt, Skihütten in den Rocky Mountains zu verbrennen.

Alle, mit denen ich sprach, waren sich darin einig, dass das Christentum behauptet, die gleiche Sehnsucht nach Bedeutung und Führung zu beantworten. Alle haben es aus intellektuellen Erwähnungen heraus zurückgewiesen. Warum sich mit Rätsel wie der Trinität oder der Ursünde beschäftigen müssen, fragen sie sich, wenn die Alternative sich als wesentlich befriedigender erweist?

Es war diese Klarheit, die Batul al-Toma, ehemalige Katholikin und Leiterin des Projekts für neue Muslime, überzeugt hat. Sie rät ihnen, ihre Namen nicht formal zu ändern und Frauen, sich moderat zu kleiden, ohne dass deren Familie durch einen radikalen Wechsel der Garderobe abgeschreckt wird und realisiert, dass sie aus freien Stücken Muslim geworden sind. Die Menge von mehr als einer Milliarde Muslime ist Beweis an sich, der einen missionarischen Eifer nicht notwendig macht.

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