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Eine Studie der Vodafone Stiftung belegt den schwindenden Einfluss in Erziehungsfragen. Von Abu Bakr Rieger

Die Entmachtung der Eltern

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(iz). Schullalltag in Deutschland. Meine Tochter ist 11 Jahre und geht in die 5. Klasse des örtlichen Gymnasiums. Neulich kam sie nach Hause und überraschte mich mit dem Wunsch, auch ein Mobiltelefon zu besitzen. Ich fragte Sie, ob das wirklich nötig sei und für was Sie das Telefon eigentlich benutzen wolle.

Meine Tochter schien sich auch nicht ganz klar, was sie mit dem Handy eigentlich machen wolle. Nach einigem Nachfragen kam dann doch eine plausible Antwort: Das Mobiltelefon sei deswegen so wichtig, weil jeder andere es in der Klasse auch habe und man ein Außenseiter sei, wenn man keines der bunten Geräte habe.

Ob wir es wollen oder nicht: Die heutigen Schulen bestimmen nicht nur das Lernverhalten, sondern auch das Konsumverhalten unserer Kinder. In der Schule werden außer Lesen oder Schreiben gelernt auch Wertvorstellungen, Zeitgeist und Prioritäten vermittelt. Schulkameraden prägen das Modeverhalten unser Kinder und entscheiden, wer oder was in beziehungsweise out ist.

Natürlich findet Schule nicht im luftleeren Raum statt und spiegelt so wie kaum eine andere Institution unsere gesellschaftliche Realität wider. Schon in recht jungen Jahren herrscht hier das Leistungsprinzip. Unsere Kinder sollen schon bedenklich früh fit gemacht werden für die harte Realität von Markt und Wettbewerb. In vielen Fällen erwarten Eltern sogar, dass nicht mehr das Elternhaus, sondern Schulen das komplexe Erziehungswerk übernehmen.

Dies geschieht natürlich nicht immer ganz freiwillig, sind doch viele Elternpaare schon aus ökonomischen Gründen zur Berufstätigkeit gezwungen. Die – aus dieser Sicht konsequente – Idee der Ganztagsschule räumt dem Einfluss der Eltern de facto nur noch die Nebenrolle ein. Der Staat und seine Institutionen werden selbst zum wichtigsten Erzieher seiner Landeskinder. Kann so aber eine Erziehung zur „Unabhängigkeit und Freiheit” wirklich funktionieren?

Die Schulen haben aus Sicht der Bevölkerung einen umfassenden Bildungs­auftrag. Wir erwarten nicht nur eine gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik (86 Prozent) und eine gute Allgemeinbildung (79 Prozent), sondern Schulen sollen auch Werte wie Pünktlichkeit und Hilfsbereitschaft (jeweils 66 Prozent) sowie Leistungsbereitschaft (65 Prozent) vermitteln. Eine überwiegende Mehrheit der Lehrer in Deutschland teilt genau diese Ansicht: So sind 87 Prozent der Meinung, dass die Vermittlung von „Werten” zu ihrer Aufgabe gehört.

Allerdings ist es nicht immer ganz eindeutig, welche Werte Prioritäten haben sollen und ob beispielsweise religiöse Werte ebenso und gleichberechtigt in den Bildungsalltag fließen sollen. Wenn katholische oder muslimische Eltern die Klassenfahrten nicht immer positiv sehen, oder im schulalltäglichen Einzelfall eine andere Werteabwägung vornehmen, müssen sie immer häufiger ihre Sicht des Erziehungsauftrages und manchmal auch ihr Recht zur Erziehung verteidigen.

Aber sind unsere Lehrer im Internetzeitalter mit dieser Vielfalt von ­Aufgaben und Abwägungen nicht bereits hoffnungslos überfordert? Natürlich werden neben der allgemeinen Befähigung zur Vermittlung von Lehrinhalten auch pädagogische Fähigkeiten von den Lehrern gefordert. Die praktische Umsetzung dieser Ideale beurteilen viele Lehrer tatsächlich skeptisch. Nur ein Drittel (37 Prozent) gibt an, dass ihnen die Vermittlung von Werten in der Regel gelingt, bei Lehrern an Hauptschulen sind es sogar nur 17 Prozent. In relativ großen Klassen ist es zudem schwer, auf die individuellen Nöte und Defizite von Schülern einzugehen.

Die hier zitierten Umfrageergebnissen stammen aus einer aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach – im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutsch­land. Sie wurden im Rahmen der diesjährigen Ausschreibung des Wettbewerbs „Deutscher Lehrerpreis – Unter­richt innovativ“ erhoben. Die Umfrage sieht insbesondere in der Motivation von Lehrern einen entscheidenden Aspekt in der Wissensvermittlung. Befragt wurden von dem Institut 2.227 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger sowie 536 Lehrerinnen und Lehrer an allgemein bildenden Schulen.

Was prägt aber wirklich unsere Kinder? Die Frage ist zu komplex für einfache Antworten. Es sind aber nicht unbedingt die Lehrer und hier gibt die Umfrage einige interessante Einblicke. Es scheint, dass die Lehrer sogar relativ wenig Einfluss auf ihre Schüler haben. Fast die Hälfte (48 Prozent) der Lehrkräfte ist der Meinung, dass sie nur wenig bis keinen Einfluss auf die Schüler haben. Einen sehr großen Einfluss dagegen haben nach Einschätzung der Lehrer die Medien (69 Prozent), der Freundeskreis (68 Prozent) und mit deutlichem Abstand die Eltern (31 Prozent). Lediglich acht Prozent der Lehrer sagen von sich selbst, dass sie sehr großen Einfluss haben. Das Problem bleibt daher, dass Lehrer und Eltern immer weniger Einfluss auf ihre Kinder haben. Eigentlich ein schockierendes Ergebnis, dass aber leider der Erfahrung vieler Eltern entspricht. Die Gründe sind, wie der Schulalltag zeigt, vielschichtig.

Lehrer sind keine Supermänner und Schüler keine Waisenknaben. Wenn ich selbst durch meine örtliche Schule gehe und auch mit Lehrern spreche, sehe ich recht selten „begeisterte“ Lehrer, die Ihren Stoff lieben und mit viel Enthusiasmus weitergeben. Auch die Raucherecke am Rande des Schulhofes, die mir nicht gefällt, wird von den meisten Lehrern geflissentlich übersehen. Dem verbreiteten Mobbing zwischen Schülern kann kaum ein Lehrer – sollte er sich dafür interessieren – Einhalt gebieten.

Überhaupt: Manche Lehrer wirken auf mich eher frustriert. Vielleicht liegt es daran, dass – wie die Vodafone-­Umfrage bestätigt – aus Sicht der Lehrer das Unter­richten in den vergangenen fünf bis zehn Jahren anstrengender geworden ist. Immerhin 57 Prozent aller befragten Lehrer teilen diese Ansicht.

Natürlich machen auch die Schüler das Leben eines Lehrers nicht leichter. Oft fehlt es auch am nötigen Respekt von Schülern gegenüber Lehrern. ­Neben einer starken Prägung durch Medien (90 Prozent), beklagen drei Viertel der Lehrer bei Schülern vor allem Konzentrationsprobleme sowie eine zu materialistische Einstellung (71 Prozent). 69 ­Prozent der Lehrkräfte sind dafür, mehr Wert auf Disziplin und Durch­haltevermögen zu legen. Natürlich sind es viele Lehrer einfach leid, andauernd Motivationskünstler zu sein. Wäre das nicht auch die Aufgabe der Eltern?

Die Umfrage sollte auch für Eltern Anlass für ein wenig Selbstkritik sein. Die Frage bleibt: Warum sinkt der Einfluss von uns Eltern immer mehr? Liegt es daran, dass – wie Günter Anders einmal formulierte – nicht mehr der „Mittagstisch” sondern der Fernseher allgemeiner Bezugspunkt unserer Häuser ist. Oder, ist es das Problem, dass wir zu oft ignorieren, wenn unsere Kinder formal zwar zu Hause sind, aber in Wirklichkeit in die virtuellen Welten ihrer Handys und Computer geflohen sind? Die Schulen versuchen jedenfalls auch, die Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsdefizite der Eltern zu beheben.

Lehrer scheinen längst nicht mehr auf eine stärkere Einbindung der Eltern in die Schulbildung zu setzen. Längst findet in Deutschland sogar das Konzept der Ganztagsschule eine breite Mehrheit. 61 Prozent der Bundesbürger diesem Schultyp angeblich positiv gegenüberstehen, nur knapp jeder Fünfte (19 Prozent) ist dagegen. Vor allem eine Entlastung für berufstätige Eltern (80 Prozent), aber auch eine bessere Förderung der Kinder (59 Prozent) werden als Vorteile von Ganztagsschulen genannt.

Im Umkehrschluss hieße das, dass nur noch eine Minderheit engagierter Eltern überhaupt eine weitere Abnahme ihres eigenen Einflusses befürchten. Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland sagte hierzu: „Die Ergebnisse der diesjährigen Untersuchung machen einmal mehr deutlich, dass die Qualität von Schule und Unterricht in hohem Maße von außerschulischen Faktoren wie etwa Erziehungsdefiziten im Elternhaus geprägt ist. Um gerechte Bildungschancen und optimale Fördermöglichkeiten für Kinder zu schaffen, ist es aus unserer Sicht deshalb zwingend notwendig, so früh wie möglich Eltern bei der Bewältigung ihrer hoch anspruchsvollen Erziehungsaufgabe zu stärken.“

Eltern selbst sind demnach nach einigen Fachmeinungen mit ihren Erziehungsdefiziten eine Art Auslaufmodell. Das mag leider oft stimmen, aber in Wirklichkeit sind selbstbewusste Eltern nach wie vor unverzichtbar. Diese Eltern sollten gemeinsam mit anderen die Schlüsselposition in der Erziehung ihrer Kinder nicht vorschnell aufgeben.

Wenn ich mich mit anderen Eltern unterhalte, ganz jenseits von religiöser Zugehörigkeit, einigen wir uns immer schnell auf unsere Erziehungsideale. Wenn ich davon spreche, dass ich nicht will, dass meine Tochter zu früh einen Freund hat, dass ich auf Freundlichkeit wert lege oder die Achtung vor der Schöpfung wichtig finde, gibt es kaum Meinungsunterschiede. Niemand widerspricht, wenn ich fordere, dass nicht nur die Ausrichtung auf den Wettbewerb die Schulen prägen sollte.

Schließlich sind wir uns auch einig, dass Medien in der Tat (und deren uns oft unbekannte Inhalte) und der jeweilige Freundeskreis einen oft negativen Einfluss auf unsere Kinder haben. Nebenbei bewundern manche Eltern auch die religiöse Praxis meiner Kinder und sei es nur der normale Abstand zu alkoholischen Getränken. Was ist aber eine Lösung, die im besten Falle nicht mit der eigenen Entmachtung von uns Eltern einhergeht? Eine schnelle Antwort dürfte Muslimen in einer komplexen gesellschaftlichen Wirklichkeit schwer fallen. Es ist sicher­lich sinnvoll, sich mit anderen Eltern zusammenschließen und eigene Ansichten und Forderungen an Lehrer und Schulen zu stellen.

Vielleicht ist auch die Suche nach neuen und alten Erziehungsidealen sinnvoll. In dem Jahrhundertwerk Goethes „Die Lehr- und Wanderjahre des Wilhelm Meister” finden sich zahlreiche überkonfessionelle, tragfähige und zeitlose Maximen, die um den Gedanken kreisen, dass die Ehrfurcht vor sich und dem Schöpfer der innere Kern jeder Erziehung darstellt. Vielleicht wächst der Einfluss der Elternschaft in dem Maße wieder, wie sie selbst aus diesen Werken zu zitieren vermögen. Bildung soll ja eine dauerhafte Aufgabe sein.

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