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Eine Übung in Subjektivität

Der „liberale Islam“ als psychologische Reaktion auf eine Niederlage. Von Schaikh Abdal Hakim Murad

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Foto: Shutterstock

„Das ist leicht zu dekonstruieren. Und wie Fundamentalismus tendiert es zur inneren Fragmentierung. Diese Vor­stellung besagt: Meine eigene Interpretation ist eine bessere als die der sich langsam bewegenden Gelehrten. (…) Das Ganze wird zur Übung in Subjektivität. Es ist schwierig, Fitra als Grundlage für religiöse Fatwas, Entscheidungen und Urteile zu nehmen, die nicht sofort in Subjektivität absinken. Sie haben nicht die fünf Prinzipien (arab. maqasid) der Schari’a und akzeptieren sie nicht.“

Was ist „liberaler Islam“? Wir reden von Bewegungen, die sich selbst gerne so nennen, und die in den USA ihren Anfang nahmen. Amerika hat der Welt nur die besten Dingen gegeben: zuerst Tabak und dann das…

Die Gefahr des immensen ontologischen Schocks, der von der extremen salafistischen Bewegung ausging (sowie ihr Versuch, den Staat in einen Inquisitionsapparat zu verwandeln, der auf die Leute einschlägt, wenn sie nicht vollkommen sind), führte zu heftigen Abwehr­reaktionen. Sie trieb die Leute in alle möglichen, zur Verfügung stehenden Richtungen.

Einer der Gründe für den Niedergang der Mu’tazila war, dass dem Kalifen Ma’mun ihre Idee von der Erschaffenheit des Qur’an gefiel. Daher ließ er Ahmad ibn Hanbal verhaften sowie foltern und Imam Malik wurde drangsaliert. Diese Gelehrten wiesen seine seltsame Idee zurück. Die Vorstellung eines bestimmten Führers, den Leuten einen voll inqui­sitorischen und strafenden Staatsapparat aufzuzwingen, kennt nur ein sicheres Ergebnis. Die Mehrheit wird davonlaufen und etwas anderes wollen.

Eines der Dinge, die wir heute beo­bachten, ist das Spektakel der verrückten Idee dieser rigorosesten und intensiv fundamentalistischen Form von Religion. Sie wurde den Menschen aufgezwungen und diese wichen in den Ultralibera­lismus aus. Das ist ein menschlicher ­Reflex, aber keine logische oder spirituell nützliche Reaktion, sondern folgt eben unserer menschlichen Natur.

Eine der Folgen dieser Entwicklung lässt sich so darstellen: Vielleicht können wir mit Islamfeindlichkeit (in dieser ­Logik) besser umgehen, wenn wir alles unterschreiben, um dann weniger hassenswert zu erscheinen. Wir sollen diesen Bewegungen zufolge dem dominanten Modell und seiner sozialen Atmosphäre zustimmen sowie schauen, ob wir nicht einigen, seiner gesellschaftlichen Trends bei Themen wie Gender, Transgender oder allen möglichen Sexualitäten folgen können.

Wir haben definitiv nichts mit ­Extremisten zu tun, die solche Wege ­finden. Auch Vorgehensweise ist eine psychologische Reaktion in dem Maße, in dem die fundamentalistische Reaktion eine psychologische ist. Heute ist alles Reaktion auf den Fakt der westlichen Macht. Niemand wird das leugnen ­können.

Beide Optionen bedeuten: Entweder schlägt man sie oder man schließt sich ihnen an. Das Erstere hat nicht funktioniert und endete in der Regel in inner­muslimischer Gewalt. Die andere Möglichkeit ist das Mitmachen. Das Finden eines bequemen Weges, im Islam zu sein, aber noch den Werten derjenigen zu entsprechen, die gerade auf Fox News angesagt sind.

Psychologisch ist es recht leicht als ein Reflex von Menschen zu deuten, die besiegt wurden: wie die einheimischen Bevölkerungen, die im 19. Jahrhundert vom europäischen Kolonialismus überrannt wurden. Am Ende hatte man englische Häuser und Bilder von Königin Viktoria auf dem Kamin. Sie schickten ihre Kinder nach Oxford oder Sandhurst (bekannte britische Militärakademie) und wurde englischer beziehungsweise französischer als Engländer oder Franzosen selbst. Sie fühlten sich als Verlierer. Wenn man sie nicht schlagen kann, schließt man sich den Siegern an. Viele muslimische Eliten sind so. Sie führen langweilige Diskurse darüber, wie westlich sie und wie rückständig ihre Bevölkerungen sind. Im Großen und Ganzen eine unattraktive Elite. Sie ist für einen Großteil der Vehemenz und Rachsucht der Aufstände verantwortlich, die als ­Reaktion auf sie entstanden.

Die Bewegung eines „progressivem ­Islam“ ähnelt dem. Sie ist die Entschlossenheit, sich vom weißen Mann (dem man zustimmt) beruhigend übers Haar streicheln zu lassen und nicht länger der Prügelknabe für die Ideologen des Westens zu sein. FeministInnen und ­AdvokatInnen der neuen Sexualität, um für einen Moment nur frei vom endlosen Bombardement missbilligender Kritik zu leben und sich davon erholen zu ­können.

Und so entstehen diese Trends. Sie sind in der Regel desinteressiert am traditionellen Islammodell. Es besagt, dass sich Authentizität aus dem Respekt für die fortlaufende Diskussion der ­Gemeinschaft ergibt. In dieser kann es lange dauern, bevor spezifische Themen voll verstanden, diskutiert und gelöst sind – insbesondere, wenn sie verwickelt sind und die Umma in Unordnung ist.

Manchmal müssen wir geduldig sein. Manchmal unsere Uneinigkeit mit Leichtigkeit handhaben und sie als unausweichliche Realität einer mehrdimensionalen Gemeinschaft erkennen, die mit kategorisch neuen und seltsamen Problemen konfrontiert wird. Wir sollten von den Gelehrten nicht allzu enttäuscht sein, wenn sie uns keine sofortige und einhellige Rechtleitung zu jeder neuen Sache geben.

Aber progressive Muslime werden im Allgemeinen sagen, die Usul ul-Fiqh seien das kulturelle Produkt einer ­bestimmten Art von ‘abassidischer Welt. Und heute würden wir in einer anderen leben. Sie werden die Schriften unterschiedlich, und auf Grundlage dessen auslegen, was sie für eine heute angemessene Methodik halten. Häufig überschneidet sich dieses Vorgehen mit der fundamentalistischen Sichtweise. Diese tendiert zu Ibn Taimijjas Annahme, ­wonach die Gelehrten selbst in ihrer Übereinkunft nicht notwendigerweise Recht hätten. Und dass der einfache Gläubige durch seine Fitra wahrscheinlich korrekter sei.

Wenn Fitra nun eine Art protestantisches Prinzip bei Ibn Taimijja ist, ist das ein sehr einflussreicher, aber eben auch subversiver Ansatz: Denn die Fitra des einen muss nicht die des anderen sein. Lebt man unter dauerhaftem Beschuss in einem Kriegsgebiet, dann ist die Fitra desjenigen, der wie ich im sicheren Cambridge lebt, davon verschieden. Und so könnte Offensichtlichkeit des Textes in diesem Denken eine andere sein. Dieses Missverständnis von Fitra ist die Basis vieler Verirrungen unseres Zeitalters.

Daher versucht man in Brunei, jede Art dieser reformistischen Subversion kleinzuhalten. Es ist ein kleines Land, funktioniert reibungslos und seine ­jungen Leute melden sich nicht freiwillig für irgendwelche verrückten Abenteuer in Übersee. Es ist dort illegal, Bücher einzuführen, in denen Ibn Taimijja sogar nur in einer Fußnote erwähnt wird. Die Begründung ist: Das ist das Fundament all jener Subversionen. Diese Regelung kommt direkt aus dem Büro des Muftis.

Viele ‘Ulama könnten meinen, das ginge zu weit. Aber dieses Prinzip lässt die Übereinkunft der Gelehrten beiseite und kehrt zum eigenen Verständnis ­davon zurück, wie der frühe Islam angeblich wirklich war. Und man könnte so hypothetisch behaupten, damals hätte man die Rechtmäßigkeit der Homoehe oder aller, neuer Geschlechter anerkannt.

Das ist leicht zu dekonstruieren. Und wie Fundamentalismus tendiert es zur inneren Fragmentierung. Diese Vor­stellung besagt: Meine eigene Interpretation ist eine bessere als die der sich langsam bewegenden Gelehrten. Und manchmal gibt es gar keine Übereinkunft. Meine eigene Deutung der Maqasid der Schari’a mag sowieso eine andere sein als die des Intellektuellen, der neben mir auf dem Podium sitzt, oder von jemandem in San Francisco, der an neuen Theorien bastelt. Das Ganze wird zur Übung in Subjektivität. Es ist schwierig, Fitra als Grundlage für religiöse Fatwas, Entscheidungen und Urteile zu nehmen, die nicht sofort in Subjektivität absinken. Sie haben nicht die fünf Prinzipien (arab. maqasid) der Schari’a und akzeptieren sie nicht.

Eines der Charakteristika der fundamentalistischen Bewegung und des neuen „progressiven Islam“ ist, dass beide häufig tiefgehend zerstritten sind und sich untereinander an die Gurgel gehen. Was sie zu bieten haben, dürfte am Ende spirituell nicht sonderlich erfüllend sein. Eine meiner Schülerinnen betrachtet sich als Teil dieser Bewegung. Sie meint, es sei wirklich interessant, beim Freitagsgebet in der gleichen Reihe wie die Männer zu beten und dabei ­keinen Hijab zu tragen. Sie mag die äußere Form dessen bekommen, nach der sie sich sehnt. Aber gibt es hier echten spirituellen oder moralischen Fortschritt? Ich glaube nicht, dass diese Schülerin das behaupten könnte. Man lässt sich am Ende vom Zeitgeist treiben. Das ist aber nicht Ziel oder Inhalt prophetischer Religion.

Nicht auf dieser und in dieser Welt ­beschränkt ist Islam kein Beliebtheitswettbewerb. Es zählt nicht wirklich, was eine säkulare und profane, materialis­ti­sche und durch Konsum getriebene Welt von uns denkt. Wir können hoffen, dass ihre besten Leute etwas von uns nehmen. Aber der Konsens der Materialisten ist, dass sie keine Religion mögen. Ihnen gefällt nicht einmal die nominell eigene, bis sie zu etwas Formlosen umgestaltet wurde.

In unserem Festhalten an Prinzipien sind wir wie der Sauerteig, er lässt den Teig aufgehen. Wir liefern so den spiritu­ellen Dünger. Wir sind hier, um Geschenke zu bringen, nicht um konform zu gehen oder um wütend im öffentlichen Raum zu agieren – was in sich eine Art hoffnungsloser, nihilistischer und dämonischer Einflüsterung der Verzweiflung ist. Nein, wir müssen besser sein. Und wir müssen volle Bürger aufgrund dessen sein – oder zumindest, dass wir zum Besseren aufrufen. Das ist die Herausforderung, die auf uns wartet.

Wir brauchen ein ganzheitliches, muslimisches Selbst. Denn dann will man zu uns kommen. Das jedoch, ist noch nicht passiert. Noch tragen wir in uns keinen Geist, sondern Turbulenzen, unsere Egos, Ressentiment und Rachsucht.

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Abdal Hakim Murad

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