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Einige Gedanken zu den islamischen Rechtsschulen oder: Warum ihre Gegner im Unrecht sind. Von Malik Özkan, Bremen

Eine ungebrochene Erfolgsgeschichte

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(iz). Eine der größten Leistungen der Umma (Gemeinschaft der Muslime als Ganzes) seit ihrer frühesten Zeit ist mit Sicherheit ihr intellektueller Zusammenhalt und die emotionelle Einheit der Muslime. Von wenigen Jahrhunderten nach der Hidschra bis heute, hat die Mehrheitsströmung der Muslime (Ahl As-Sunna) eine Haltung religiösen Respekts und Brüderlichkeit untereinander an den Tag gelegt. Für eine lange Zeit – zwischen der Formation der grundlegenden islamischen Wissenschaften und dem Ende muslimischer Regierung – hat es so gut wie keine Religionskriege, Aufstände oder Verfolgungen in einer Gegend der Welt gegeben, die in anderer Hinsicht durchaus unruhig war.

Akzeptieren wir die herkömmliche Weltanschauung, wie sie in der zeitgenössischen Sozialwissenschaft niedergelegt ist, so ist dies ein durchaus unübliches Ergebnis. Nach Ansicht von Max Weber und manchen seiner Nachfolger erleben Religionen nach einer Anfangsperiode der Einheit eine zunehmend härter werdende Fraktionsbildung, die von rivalisierenden Gruppierungen ausgelöst wird. Nicht nur Christentum und andere Religionen mögen hier als Beispiel herhalten, auch säkulare Ideologien wie der Marxismus machten diese Erfahrung.

Die – zumindest für Muslime – grundlegendste Erklärung dafür ist, dass der Islam die letzte, und damit die legitime von Allah offenbarte Lebensweise ist. Während frühere Religionen leicht oder schmerzhaft eine spirituelle Auflösung durchmachten, hat der Din Muslimen Mechanismen an die Hand gegeben, ihren seit Anbeginn bestehenden Sinn für Einheit zu bewahren. Unabhängig von den teils drastischen politischen Veränderungen in der Geschichte der muslimischen Welt und den unterschiedlichen Herrschaftsformen behielt die Mehrheit der Muslime ihre religiöse Brüderlichkeit bei. Die Antwort ist einfach: Allah hat uns diesen Din als Sein letztes Wort gegeben und daher wird er, mit seiner intakten Essenz des Wissens um die Göttliche Einheit (Tauhid), der Anbetung und der sich daraus entfaltenden Ethik, bis zum Jüngten Tag – wie von Allah versprochen – erhalten bleiben.

In der Frühgeschichte des Islam können wir – nach der Zeit des Propheten und der vier rechtgeleiteten Khalifen – eine Zeit des relativ kurzen, aber heftigen Bürgerkrieges, die Fitna Al-Kubra, erkennen. Aus dieser sind nicht nur einige der bis heute überlebenden Sekten entstanden, sie wirkte im übertragenen Sinne wie eine „Kinderkrankheit“, die die Umma als Ganzes stärkte und wie ein verzehrendes Feuer reinigte. Diese Fitna trug im nicht unerheblichen Maße mit dazu bei, dass sich eine grundlegende Struktur und Methodik der verschiedenen islamischen Wissenschaften entwickeln konnte. Wie der Gesundende gestärkt aus dieser „Kinderkrankheit“ hervorgeht, so hat sich ein starker und in den Grundlagen harmonischer Mehrheitsislam entwickelt.

In ihrem Vorwort zur Teilübersetzung der Tabaqat von Muhammad ibn Sa’d schreibt die britische Islamgelehrte Aisha Bewley über die Auswirkungen des frühen Streits, der zu Beginn keine religiösen sondern politische Beweggründe hatte: „Wenn wir von der Entstehung solch schwerwiegender Missverständnisse und Meinungsunterschiede über die reinen Lehren, die von unserem Propheten, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, und seiner Gefährten ausgehen, so war es unausweichlich, dass sich eine Wissenschaft entwickelte, die das Ziel hatte, die Echtheit von überliefertem Wissen (hier die prophetische Sunna) zu überprüfen. Dies war eine Reflexion der Schwierigkeiten, die von den verschiedenen Fitnas ausgelöst worden sind. Ibn Sirin (gest, 110/725) sagte: ‘Sie fragten nicht nach dem Isnad (der Überlieferungskette), aber als die Fitna ausbrach, sagten sie: Sie akzeptierten die Überlieferungen derjenigen, die den Ahl As-Sunna (den Leuten der Sunna) angehörten uns ignorierten die Berichte derjenigen, die Erneuerungen brachten.’ So können wir erkennen, dass der Ausbruch von Sektierertum und Parteilichkeit zu fragwürdigen Hadithen führte, und so wollten die Leute ihre wirkliche Quelle kennen, um zu wissen, ob sie echt waren.“

Um einen der verschiedenen Aspekte der heutigen Krise des zeitgenössischen Islam zu verstehen, hilft es, einen Blick auf die entfernte Vergangenheit zu werfen. Es war in dieser entscheidenden historischen Phase, in der die Vorformen der heute noch erhaltenen islamischen Rechtsschulen entwickelt wurden. Gerade für zeitgenössische Muslime, die sich manchmal im Zustand der religiösen Unsicherheit bewegen, stellen diese Schulen – neben der formellen Verpflichtung, ihnen zu folgen – den absolut notwendigen Anker dar, der uns mit dem prophetischen Vorbild der medinensischen Urgemeinde verbindet. In ihrer methodischen Klarheit und Nachvollziehbarkeit eröffnen sie gleichzeitig Möglichkeiten eines zeitgenössischen Idschtihads, um Fragen zu klären, die sich in früheren Zeiten für die Muslime als Gemeinschaft noch nicht aufdrängten. Egal welcher der vier (nach Ansicht mancher sind es eigentlich nur drei) heutigen Rechtsschulen wir folgen, wie erhalten ein Instrumentarium, mit dem wir den Erfordernissen unserer Zeit oder unserer Situation begegnen können.

Zwischen den beiden Extremen – verkörpert durch die gegenteiligen Sekten der Kharidschiten und der Rafidija – entwickelten die Mehrheitsmuslime (Ahl As-Sunna) ein Verständnis von religiöser Autorität, das auf Qur’an und prophetischer Lebensweise fußte. Wegen des enormen Maßes an prophetischen Überlieferungen und den vielen Fälschungen, die in den sektiererischen Zentren von Kufa und Basra (im heutigen Irak) entstanden, schufen die Gelehrten unter den Muslimen Wissenschaften, um ein deutliches Wissen von der Sunna zu erhalten. Wie beispielsweise sollte man damit umgehen, wenn sich authentische Hadithe widersprachen? So entstanden viele Teilbereiche der islamischen Rechtswissenschaft, um verständliche und belastbare Mechanismen zu entwickeln, damit die frühen Gelehrten – und alle Nachfolgenden – Konflikte ausräumen und gleichzeitig ihre Treue zum grundlegenden Ethos des Islam erhalten konnten.

Die Imame der vier Rechtsschulen – Malik ibn Anas, Abu Hanifa, Asch-Schafi’i und Ahmad ibn Hanbal – gelten als Begründer der vier großen Traditionen. Im Grunde handelt es sich bei ihrer Methodik um verschiedene Wege, das Modell von Medina zu bewahren und einen Rücklauf und damit eine Praktikabilität desselben zu ermöglichen. Nicht umsonst gilt Imam Malik bei seinen Nachfolgern als Schlüssel zu Medina. Ihre Nachfolger nahmen die grundlegende Methodik dieser Imame auf und systematisierten sie. So ist es auch kein Wunder, dass nach einer gewissen Zeit kaum noch ein Gelehrter einem anderen wissenschaftlichem Ansatz folgte. Aber in jeder Madhhab bemühten sich die führenden Lehrer weiterhin um die Verbesserung und Verfeinerung der Wurzeln und Zweige ihrer Schule.

Es war zur Zeit von Imam Al-Ghazali, Autor von mehreren Textbüchern der schafi’itischen Rechtsschule, als die gegenseitige Anerkennung und gute Meinung der Schulen voneinander zur Regel wurde. Mit seiner bekannten Sorge um Aufrichtigkeit wehrte er sich gegen die fanatische Anhänglichkeit an einen Madhhab. Mit einigen wenigen Ausnahmen befolgten die Muslime dem von Imam Al-Ghazali beschriebenen Ethos. Gleichzeitig war nach der formativen Phase des islamischen Rechts für alle klar, dass ein Muslim – es sei denn, er oder sie verfügte über das notwendige Wissen – einer der anerkannten Rechtsschulen folgen muss, um nicht in die Falle der Fehldeutung der Rechtsquellen zu geraten.

Nur wenige würden ernsthaft bezweifeln, dass ein Muslim, wenn er über die Expertenmeinung hinaus gehen und direkt Urteile aus den Qur’an und Sunna ziehen will, ein Gelehrter von enormer Bedeutung sein muss. Die Gefahr, dass weniger qualifizierte Individuen die Quellen missverstehen und daher die Schari’a beschädigen. Es versteht sich allerdings, dass sich diese Einschränkung nur auf die Ableitung von verbindlichen Regeln oder Verboten bezieht. Eine Priesterkaste ist dem Islam wesensfremd. Vielmehr handelt es sich dabei um Spezialisten, die – analog zu Ärzten oder Ingenieuren – aufgrund einer Ausbildung mehr von ihrem Metier verstehen als andere. Alle Muslime sind – je nach ihren Fähigkeiten – aufgefordert, über den Qur’an zu reflektieren. In seinem Buch über die islamische Einheitslehre „The Book of Tawhid“ schreibt Schaikh Dr. ‘Abdalqadir As-Sufi über den wünschenswert alltäglichen Umgang mit dem Qur’an: „In unseren Büchern der Sira und der Hadithe finden wir, dass die Gefährten des Propheten sich nach Fadschr (dem Morgengebet) versammelten. Diejenigen unter ihnen, die etwas vom Qur’an kannten, rezitierten eine Stelle und danach reflektierten sie gemeinsam darüber, wie sie als Rechtleitung in ihrem Leben anzuwenden ist.“

Vor dem Islam wurden ganze Religionen durch unpassendes Schriftverständnis in den Abgrund getrieben. Um den Din und die Lebensweise der Muslime vor dieser Gefahr zu schützen, legten die Muslime übereinstimmend rigorose Bedingungen nieder, die einzelne erfüllen mussten, um zu eigenen Urteilen gelangen zu können.

Selbstverständlich ist es jedem, der einer Rechtsschule folgt, empfohlen, so viel wie möglich von den Grundlagen seiner Madhhab zu lernen. Aber von den Menschen, die einer anderen Beschäftigung nachgehen, kann nicht erwartet werden, dass sie ebenfalls große Gelehrte werden, selbst wenn sie den entsprechenden Verstand haben. Im Qur’an werden die Muslime angehalten, sich auf qualifizierte Experten zu beziehen. Sie sind aufgerufen, eine Gruppe von Spezialisten zu schaffen und zu erschaffen, die die notwendige Rechtleitung für alle anderen bereitstellen. „Warum rückt dann nicht aus jeder Gruppe nur eine Abteilung aus, auf dass sie (die Zurückbleibenden) in Glaubensfragen wohl bewandert würden? Und nach ihrer Rückkehr könnten sie (die Zurückbleibenden) ihre (ausgezogenen) Leute belehren, damit sie sich in acht nähmen.“ (At-Tauba, 122)

Wenn wir von der notwendigen Tiefe ausgehen, die notwendig ist, um die offenbarten Texte und die prophetische Sunna richtig zu verstehen, ist klar, dass wir verpflichtet sind, einer Expertenmeinung zu folgen, anstatt sich nur auf die eigene Meinung zu verlassen. Diese offensichtliche Verpflichtung war für die frühen Muslime selbstverständlich. Nach Asch-Schabi gaben sechs der Gefährten des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Fatwas für die Leute ihrer Zeit: Ibn Mas’ud, ‘Umar ibn Al-Khattab, ‘Ali Zaid ibn Thabit, Ubaij ibn Kab und Abu Musa (Al-Aschari). Und von diesen gaben drei den Meinungen von den anderen drei vor ihren den Vorzug: Ibn Masud folgte der Meinung von ‘Umar, Abu Musa hob sein Urteil im Vergleich mit dem von ‘Ali auf und Zaid zog die Meinung von Ubaij ibn Kab vor.

Wegen der traditionellen Furcht vor einer Verzerrung des Dins folgte die Mehrheit der großen Gelehrten der Vergangenheit loyal einer Rechtsschule. Es ist wahr, dass im unruhigen 14. Jahrhundert (christlicher Zeitrechnung) eine Handvoll Andersdenkender wie Ibn Taimija und Ibn Al-Qajjim erschien, aber selbst diese haben den Ungebildeten nicht empfohlen, einen Idschtihad für sich selber anzufertigen. Auch wenn diese Autoren vor einigen Jahrzehnten wiederbelebt wurden, so war ihr Einfluss auf den klassischen Islam zu vernachlässigen, wie die geringe Anzahl der von ihnen erhaltenen Manuskripte in den großen Bibliotheken der islamischen Welt nahelegt.

Nichtdestotrotz haben die sozialen und spirituellen Umwälzungen des letzten Jahrhunderts dazu geführt, dass einige Publizisten die Aufgabe der verbindlichen Lehre gefordert haben. Verwirrt vom scheinbaren Sieg „des Westens“ forderten sie die Muslime auf, die „Fesseln des Taqlid“ abzuwerfen und die Autorität der vier Rechtsschulen aufzukündigen. In manchen Teilen der muslimischen Welt finden wir junge Männer, die ihre Wohnungen mit Hadithsammlungen füllen und die davon ausgehen, dass sie diese umfangreiche Literatur besser deuten können als anerkannte Gelehrte wie Asch-Schafi’i oder Ibn Hanbal. Dieser unverantwortliche Umgang hat erwartungsgemäß die Öffnung des Tores zu sehr widersprüchlichen Meinungen bewirkt, die ernsthaft die Einheit der Muslime schädigten. Ein offenkundiges – und erschreckend schädigendes – Beispiel dafür ist die Legitimierung von Terror und insbesondere von Selbstmordattentaten. Auch in Deutschland gibt es in einigen wenigen Moscheen den Fall, dass Betende wegen ihrer vermeintlichen „falschen“ Form in den Ritualen von übereifrigen jungen Muslimen kritisiert werden. Es versteht sich von selbst, dass dies nicht dem Geist der frühen Gelehrten entspricht. Wie Sufjan Ath-Thauri sagte: „Wenn du einen Mann etwas tun siehst, über das sich die Gelehrten uneinig sind, und welches du selbst für falsch ansiehst, so solltest du es ihm nicht verbieten.“ Und Jahja ibn Sa’id, einer der größten Hadithgelehrten der Nachfolgegeneration, sagte: „Die Leute des Wissens sind Menschen der Weite. Sie fahren damit fort, Fatwas zu geben, die sich voneinander unterscheiden, und kein Gelehrter weist einen anderen wegen dessen Meinung zurück.“

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