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Einige Gedanken zum inneren Geist der Anbetung Allahs. Kommentar eines Hadith von Imam An-Nawawi. Von Ali Kocaman, Rendsburg

Absicht, Handlung und Aufrichtigkeit

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(iz). Eine der Grundfragen für die nächsten Generationen des Islam in Europa ist die Weitergabe des Dins an die kommenden Muslime. Dabei ist entscheidend, ihnen ein passendes und nachvollziehbares Lebensmuster anzubieten, welches sie sowohl in das Zentrum des Islam hineinführt, ihnen aber gleichzeitig einen Weg eröffnet, in dieser Zeit und an diesem Ort erfüllt als Muslim zu leben.

Zweierlei Probleme eröffnen sich dabei, wenn wir den aktuellen Zustand der islamischen Lehre unter Jugendlichen betrachten: Auf der einen Seite bildet sich vielfältig und individualistisch ein Islamverständnis, welches sich aus ungeordneten und teils auch unverstandenen, sich widersprechenden Quellen speist. In diesem Fall ist das Internet leider mittlerweile zu einem der wichtigsten Bezugsorte für – vermeintlich – authentisches Wissen geworden.

Im anderen Fall wird die vom Propheten verkörperte und weitergegebene Lebensweise, das Modell der medinensischen Gemeinschaft, bloß nachgeahmt. Und so wird der Din, der ein Mindestmaß – je nach den Fähigkeiten des je Einzelnen – an Verständnis notwendig macht, zu einem Bestand an bloß nachgeahmten Handlungen. Dies ist zu Anfang des muslimischen Weges sinnig, um die rituellen Handlungen zu erlernen, wird aber ab einem bestimmten Punkt gefährlich. Insbesondere, wenn Jugendliche in die entscheidende Phase kommen, sich von ihren Eltern abzugrenzen, werfen sie ihren eigenen Din nicht selten teils oder ganz über Bord, weil sie ihn mit der Kultur ihrer Eltern gleichsetzen. Weil sie sich aber auch der hiesigen Kultur verbunden fühlen, sehen viele den Islam als Widerspruch zu einer deutschen beziehungsweise europäischen Identität an. Einer – aber nicht der einzige – der Gründe dafür ist, dass die Absicht vieler eher in der Nachahmung einer Handlung besteht, weil einem jemand anders dies sagt und nicht, weil man es um der Handlung willen tut. Nicht von ungefähr beginnt die berühmte Sammlung Imam An-Nawawis von 40 Hadithen, seinen „Arba’in“ (Vierzig), mit dem folgenden Hadith:

Vom Amir Al-Muminun, Abu Hafs ‘Umar ibn Al-Khattab, Allahs Wohlgefallen auf ihm: „Ich hörte den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagen: ‘Wahrlich, die Taten sind entsprechend den Absichten, und jedem Menschen steht das zu, was er beabsichtigt hat. Wer also seine Auswanderung um Allahs und Seines Gesandten willen unternimmt, dessen Auswanderung ist für Allah und Seinen Gesandten, und wer seine Auswanderung um des irdischen Lebens willen unternimmt, es zu erlangen, oder wegen einer Frau, sie zu heiraten, dessen Auswanderung ist für das, um dessentwegen er auswandert.’ Dies berichten die beiden Imame der Hadithgelehrten, Al-Bukhari und Muslim.“1

In seinen umfangreichen Kommentaren2 der aufgeführten prophetischen Aussagen gibt Imam An-Nawawi eine Erläuterung der Hadithe. Dieses Hadith weist, so An-Nawawi, darauf hin, dass die Absicht für die Wahrhaftigkeit der Handlungen entscheidend ist. Wenn diese Absicht korrekt ist, so ist auch die Handlung korrekt. Ist die Absicht verdorben, so ist die aus ihr hervorgehende Handlung ebenfalls verdorben. Wann immer eine Handlung von einer Absicht begleitet wird, so gibt es darin laut Imam An-Nawawi drei Zustände:

„Zuerst kommt die Handlung aus Furcht vor Allah, dem Erhabenen, und dies ist die Anbetung der Diener. Zweitens kommt die Absicht derjenigen, die den Garten und eine Belohnung suchen und dies ist die Absicht des Händlers. Drittens wird aus Bescheidenheit und Scham vor Allah, dem Erhabenen, gehandelt. (…) Dies ist die Anbetung eines freien Volkes, und der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wies darauf hin, als ‘A’ischa [seine Ehefrau], möge Allah mit ihr zufrieden sein, ihn fragte, warum er in der Nacht solange betete, bis ihm die Füße anschwollen: ‘Gesandter Allahs, warum lädst du dir das auf, da Allah dir doch alle vergangenen und zukünftigen Fehler vergeben hat?’ Der Prophet antwortete: ‘Soll ich denn nicht ein dankbarer Diener sein?’.“

So ist eines der entscheidenden Elemente der korrekten Absicht auch die Aufrichtigkeit (Ikhlas). Al-Harith Al-Muhasibi schrieb: „Aufrichtigkeit ist, dass ihr Ihn durch Gehorsam Ihm gegenüber beabsichtigt und dass ihr nichts anderes als Ihn beabsichtigt.“

Imam As-Samarqandi sagte über die Aufrichtigkeit: „Was um Allahs willen getan wird, ist akzeptabel, und was für die Leute getan wird, wird zurückgewiesen.“ Ein Beispiel dafür ist jemand, der Dhuhr (das Mittagsgebet) verrichtet mit der Absicht, seine Verpflichtung gegenüber Allah zu erfüllen. Aber er verlängert seine Teile und Rezitationen und macht die Ausführung des Gebets für die Leute schön. Der grundlegende Teil des Gebets ist annehmbar, aber seine Länge und Verschönerung um der Menschen willen ist nicht annehmbar, denn sein Ziel sind die Menschen.

Al-Fudail ibn ‘Ijad sagte über die notwendigen Eigenschaften desjenigen, der das Gebet verrichtet: „Derjenige, der betet, braucht vier Eigenschaften, damit sein Gebet [zu Allah] erhoben wird: Gegenwart des Herzens, Anteilnahme des Verstandes, Ruhe in den grundlegenden Elementen und Unterwerfung der Glieder. Wer ohne die Anwesenheit des Herzens betet, der ist abgelenkt. Wer ohne die Gegenwart des Verstandes betet, der ist vergesslich. Wer ohne die Demut der Glieder betet, der ist im Irrtum und wer ohne Ruhe in den grundlegenden Elementen betet, der ist grob. Wer mit all diesen Elementen betet, der hat seine Verpflichtung erfüllt.“

Mit seiner Aussage „Handlungen sind nur entsprechend ihrer Absichten“ meinte der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Handlungen der Anbetung im Gegensatz zu Dingen, die erlaubt sind.

Al-Muhasibi sagte dazu: „Aufrichtigkeit ist nicht relevant bei erlaubten Handlungen, denn sie sind keine Handlungen der Annäherung [an Allah], noch führen sie zur Annäherung wie beispielsweise die Errichtung von Gebäuden. Wenn es sich dabei aber um Moscheen, Wasserleitungen oder Ribate handelt, dann ist sie wünschenswert und zu empfehlen.“ Und er fährt fort: „Wahrhaftigkeit in der Eigenschaft des Dieners ist die Übereinstimmung des Geheimen und des Öffentlichen, des Inneren und des Äußeren. Sie kommt durch die Verwirklichung aller Ränge und Zustände; so sehr, dass die Aufrichtigkeit die Wahrhaftigkeit braucht, und Wahrhaftigkeit braucht nichts anderes. Denn die Wirklichkeit der Aufrichtigkeit ist die Beabsichtigung von Allah, gepriesen sei Er, durch die Handlung der Anbetung. Jemand möchte sich Allah durch das Gebet annähern, kann aber dabei vergesslich in der Abwesenheit des Herzens sein. Wahrhaftigkeit ist die Absicht gegenüber Allah durch den Akt der Anbetung, die von der Anwesenheit des Herzens begleitet wird. Jeder Wahrhaftige ist aufrichtig, aber nicht jeder Aufrichtige wahrhaftig. Dies ist die Bedeutung der Trennung von dem, was anders-ist-als-Allah und das Schmücken mit der Anwesenheit vor Allah, Er sei verherrlicht und ist erhaben.“

1 Hadith für Schüler, An-Nawawyy’s Vierzig Hadithe mit Kommentar, Übersetzt von ‘Abdullah Bubenheim

2 Die in manchen Übersetzungen leider fehlen oder nur bruchstückhaft enthalten sind.

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Ali Kocaman

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