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Erfahrungen nach einem Jahr Al Nur Kindergarten: Britta Iman Haberl aus Mainz im Gespräch

„Unglaublich viel zu vermitteln“

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(iz). Jugendliche Unruhestifter, PISA, oder ein härter werdender Leistungsdruck: Dies sind Beispiele für aktuellen Themen in der Debatte über die Bildung Viele schulischen Probleme und etwaige Defizite fangen bereits im Kindergartenalter an. Was aber haben Muslime in Sachen Erziehung und Bildung beizutragen?

Engagierte unter diesen wurden aktiv und versuchen, mit Kindergartenprojekten einen eigenen positiven Beitrag zur so genannten „Bildungsmisere“ zu leisten. Eines dieser Beispiele ist der Mainzer Al Nur Kindergarten, der seit mehr als einem Jahr Bestand hat. Wir sprachen mit Britta Imam ­Haberl vom Trägerverein des Kinder­­gar­tens über ihre Erfahrungen, Ratschläge und Tipps im Umgang mit Kindern im Kindergartenalter. Haberl ist Diplom­biologin und hat Biologie und Päda­gogik studiert.

Eine islamische Grundschule ist auch in Planung, konnte aber aus finanziel­len Gründen nicht eröffnet werden. Das Schulprojekt soll aber in der nächs­­ten Zeit ebenfalls umgesetzt werden. Träger des Kindergartens ist der Arab Nil-Rhein Verein e.V. der seit 1998 in Mainz besteht und sich vor ­allem für die Bildung muslimischer Kinder einsetzt.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Haberl, wie sehen Ihre Erfahrungen nach mehr als einem Jahr Kindergarten in Mainz aus?

Britta Iman Haberl: Wichtig dabei war und ist auf jeden Fall eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern. Aber auch eine ausreichende pädagogische Betreuung der Kinder. Das heißt, dass man dafür genügend pädagogisch ausgebildetes Personal benötigt. In den Anfangs­monaten konnten wir das nicht bewerkstelligen, da wir finanziell nicht so gut ausgestattet waren und bis Ende letzten Jahres auch kei­nerlei finanzielle Unterstützung seitens der Stadt erhielten.

Ansonsten haben wir mit Praktikanten gearbeitet, die allerdings auch nicht immer zur Verfügung standen. Und so musste ich gelegentlich einspringen. Ande­re Leute und die Eltern halfen ebenfalls freiwillig aus. Das ermöglicht natürlich keine pädagogisch kontinuierliche Arbeit. Unter diesen Bedingungen bleibt es bei einer besseren Kinderbetreuung anstatt einer umfassenden pädagogischen Förderung, die wir natürlich von Anfang an machen wollten.

Seit Anfang des Jahres erhalten wir eine finanzielle Förderung der Stadt. Diese wird als Betriebskostenzuschuss bezeich­net. Dadurch konnten wir seit April eine weitere Vollzeitkraft ein­stellen. Die Anzahl der Kinder hat sich ebenfalls kontinuierlich gesteigert.

Sie sind nicht alle auf einmal in unseren Kindergarten ­ge­kommen, was auch hilfreich war, da wir ja personell unterbesetzt waren. Wir haben jetzt, in der Phase bis zu den Sommer­ferien, 25 Kinder und beginnen verstärkt mit dem pädagogischen Programm.

Ganz wichtig ist natürlich auch, dass sich die Eltern entsprechend beteiligen und auch einbezogen werden. Natürlich können und sollen sie sich dazu äußern, was ihnen nicht gefällt und was sie verbessern möchten. Sofern dies im pädagogischen Rahmen möglich ist, sollte dies auch beachtet werden.

Islamische Zeitung: Sie sprachen vom pädagogischen Konzept. Wie sieht dieses aus?

Britta Iman Haberl: Unser päda­go­gisches Konzept ähnelt natürlich in ­vielem dem anderer Kindergärten. Im Wesentlichen kommt es auf die Gesamt­för­derung der Kinder an. Dazu zählen die kognitive Förderung, die Sprachförderung, Bewegungs­schulung, die Persön­lichkeitsentwicklung sowie eine Förderung der sozialen Kompetenz der Kinder.

Unser Schwerpunkt als muslimischer Kindergarten beziehungsweise als Kindergarten mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund besteht darin, dass wir ein hohes Augenmerk auf die deutsche Sprache legen. Wir konzentrieren uns insbesondere auf die Förderung des Deutschen und stellen Personal auch nur dann ein, wenn es perfekt Deutsch spricht.

Wir bemühen uns, die Kinder wäh­rend des gesamten Kindergartenalltags zum Deutschsprechen zu bringen und sie dazu anzuhalten, in richtigen Sätzen zu sprechen. Dazu zählt auch, sie durch das richtige Sprechen zu motivieren, eventuelle Fehler zu korrigieren.

Für die Vorschulzeit, die wir ebenfalls betreuen, bieten wir gezielte Programme zur Sprachförderung an.

Ein zweiter Schwerpunkt ist selbstverständlich die islamische Erziehung. Es geht dabei um die Einführung in die Grundlagen des Islam wie beispiels­weise das Gebet oder aber auch Bittgebete vor und nach dem Essen. Natürlich feiern wir die islamischen Feste oder erzählen den Kindern etwas über den Ramadan und über die prophetischen Geschichten.

Es geht auch darum, in den Kindern das Bewusstsein zu erwecken, dass Allah existiert und dass Er unser Schöpfer ist. Es ist uns wichtig, über die Natur zu sprechen und sie mit unserem Wissen von Allah in Verbindung zu bringen.

Selbstverständlich wollen wir die Kinder zu einem islamischen Sozialver­halten hinführen sowie das Wissen, dass sie ­Geschwister mit anderen Muslimen sind und sich dementsprechend benehmen. Dies sind natürlich Dinge, die auch in anderen Kindergärten vermittelt ­werden.

Islamische Zeitung: Wie sieht es aus mit der Einbindung anderer Kon­zepte wie der Waldorf- oder der Montes­sori-Pädagogik? Sehen Sie darin Ansätze, die sich auch innerhalb eines muslimischen Kindergartens einbinden lassen?

Britta Iman Haberl: Auf jeden Fall. Wir haben in unser Konzept geschrieben, dass wir Ansätze aus der Waldorf-Pä­­­da­gogik übernehmen möchten. Allerdings muss man wissen, dass sich beide Konzepte im gewissen Sinne ausschließen, da Montessori auf die kognitiven Fähigkeiten ausgerichtet ist, während Waldorf-Pädagogik die Erziehung in diesem Alter spielerischer sieht und Kinder nicht zu früh intellektualisieren will.

Wir bieten natürlich kein Vollzeitangebot für Waldorf-Pädagogik an, weil wir keine Erzieherin haben, die gezielt dafür ausgebildet wäre. Waldorf-Pädagogik ist auch nicht so sehr geeignet, wenn man, wie wir, so stark die Sprachförderung während der Vorschulerziehung in den Vordergrund stellen möchte.

Wir achten in Sachen Waldorf-Päda­gogik auf das Spielzeug, die Gestaltung der Räume und auf gestalterische Förderung. Das Malen von Aquarellen geht nach dieser Methode beispielsweise auch mit Wachsmalstiften. Es darf natürlich auch nicht zu viel Spielzeug geben, sondern man muss den Kindern Raum für die Fantasie beim Spielen geben.

Wir bieten auch musikalische Früh­erziehung mit Orff-Instrumenten an. Dies kommt auch sehr der Sprachförderung zu Gute. Zu uns kommt einmal die Woche eine Musikpädagogin, die mit den Kindern deutsche Lieder singt und ihnen zeigt, sie mit rhythmischen ­Instrumenten zu begleiten.

Islamische Zeitung: Sehen Sie bei den Migrantenfamilien einen größeren Nachholbedarf in Sachen Erziehung als bei deutschen?

Britta Iman Haberl: Man kann das sicherlich nicht verallgemeinern, aber es stimmt schon, dass bei vielen Migranten ein anderer Erziehungsstil herrscht. ­Kinder werden eventuell nicht so konsequent erzogen.

Viele Kinder schauen zu viel Fernsehen, weil sich viele Eltern nicht im Klaren darüber zu sein scheinen, was es für ein Kind bedeutet, wenn es mit älteren Geschwistern stundenlang vor dem Bildschirm sitzt. Es kann auch sein, dass in manchen Familien die Kinder geschlagen werden. Aber ich bin sicher, dass vor allem der Konsum von Medien hier eine Rolle spielt. Wir versuchen, hier auf die Eltern einzuwirken und ihre Sensibilität in dieser Frage zu steigern. Es gibt Familien, bei denen tatsächlich den ganzen Tag lang der Fernseher läuft. Insbesondere Kindergartenkinder sind damit vollkommen überfordert, denn sie können den Ablauf eines Filmes noch gar nicht einordnen und begreifen diese Bilder nur abschnittsweise. Insbesondere aggressive Verhaltensweisen wirken sich ganz besonders bei den Kindern aus. ­Gerade auch, weil diese grellen Elemente bei Filmen sehr auffällig sind.

Kleine Kinder ahmen sehr viel nach. Das ist eigentlich ein normaler Lernprozess. Sie ahmen alles nach, was sie bei den Erwachsenen sehen. Die größte Ursache für die heutige Gewalttätigkeit und für asoziales Verhalten ist meiner Meinung nach der Medienkonsum.

Islamische Zeitung: Was können ­Eltern praktisch tun, um ihre Kinder im Kindergarten zu unterstützen?

Britta Iman Haberl: Natürlich ist es ganz wichtig, dass sich Eltern viel mit den Kindern beschäftigen. Beim persönlichen Kontakt mit den Eltern lernen die Kinder am meisten, denn das Lernen hat sehr viel mit Gefühlen zu tun. Wenn ein positiver emotionaler Bezug zu einer Person besteht, dann sind Kinder lernbegieriger und bereiter, etwas aufzuneh­men. Das ist natürlich auch im Schulalter und zwischen Schülern und Lehrern sehr wichtig.

Die Eltern haben die Möglichkeit, ihren Kindern unglaublich viel zu vermitteln. Es ist sehr wichtig, dass sich die Eltern Zeit für ihre Kinder nehmen. Diese frühkindliche Phase kommt nie wieder und man sollte sie auch nutzen.

Man sollte Abends das Einschlaf­ritual nutzen, um den Kindern eine kleine ­Geschichte zu erzählen oder vorzulesen. So kann man Kinder an Literatur heran­führen und sie auch an islamische ­Geschichten gewöhnen. Abends hat man oft am meisten Zeit für die Kinder.

Islamische Zeitung: Erschreckenderweise ist in Sachen Kindergartenkindern immer mehr von Anforderungsprofilen und Normen die Rede. Teilen Sie die Erfahrung vieler Eltern, wonach Leistungsdruck nun diese Altersgruppe erreicht?

Britta Iman Haberl: Auf jeden Fall. Das ist die Folge der PISA-Studie und der daraus entstandenen Hysterie. Es herrscht Panik, dass Deutschland im weltweiten Bildungswettbewerb zurück liegen könnte. Das soll nun dadurch ausgeglichen werden, dass, ohne zusätzliche Mittel in die Bildung zu investieren, einfach mehr Druck auf die Kinder und auch auf die Lehrer ausgeübt wird. Dies führt zu einem Teufelskreis: Auf die Lehrer wird Druck ausgeübt, die ­diesen vielfach an die Kinder und an die Eltern weitergeben. Eltern selbst machen Druck auf ihre Kinder, weil sie Angst ­haben, dass diese nicht die Schule ­bestehen könnten. Die Leidtragenden sind in jedem Fall die Kinder.

Anstatt das gesamte Bildungssystem zu reformieren, die Klassengrößen zu verkleinern und ein einheitliches Schulsystem bis zur 8. Klasse einzuführen, wie es in allen anderen Ländern außer Deutschland und Östereich üblich ist, klebt man an diesem veralteten System, das nicht zeitgemäß ist.

Auch berücksichtigt es nicht, dass es einen großen Anteil von Migrantenkindern gibt, die aufgreund ihrer Zweisprachigkeit einfach mehr Zeit brauchen. Wer zweisprachig aufwächst, kann in der Zweitsprache bis zur vierten Klasse nicht so perfekt sein wie ein Kind, das nur mit einer Sprache erzogen wird. Die Folge davon ist, dass die Kinder gewissermaßen zur Strafe auf Hauptschulen abgeschoben werden.

Islamische Zeitung: Ist es denn ­notwendig, dass Kinder zweisprachig aufwachsen müssen?

Britta Iman Haberl: Wie soll ein türkisches Kind, das seinen Vater nur Abends nach der Arbeit sieht, gutes Deutsch sprechen, wenn die Mutter eine Ausländerin ist, die hier nicht aufwuchs. Dies ist im Grunde unmöglich. Wenn ein Kind eine Sprache, nämlich seine Muttersprache, perfekt beherrscht, kann es jede andere Sprache erlernen. Grundstrukturen, die sich im Gehirn durch die Sprachentwicklung ausgebildet haben, können dann auf jede andere Sprache übertragen werden. Wenn ein Kind zwischen zwei Stühlen sitzt und weder zu Hause richtig Türkisch lernt, noch richtiges Deutsch, weil dies die Eltern nicht wirklich beherrschen, dann hat dieses Kind Probleme, überhaupt etwas richtig zu lernen. Es kann dann auch keine wirkliche Identität entwickeln, weil es ständig das Gefühl ­haben muss, sich in keiner Sprache richtig ausdrücken zu können.

Daher ist es wichtig, dass ein Kind ­zuerst vollkommen seine Muttersprache beherrscht, nämlich die Sprache, die das Kind im Kleinkindalter, als Säugling oder sogar im Mutterleib erfährt. Im Mutterleib wird bereits die Sprach­melodie der Mutter aufgenommen. Wenn eine Mutter mit ihrem Kind ­redet, tut sie dies in der ihr eigenen Sprache, die sozusagen von ihrem Herzen kommt. Keine Mutter kann sich besser und emotionaler als in ihrer eigenen Sprache ausdrücken und auf ihr Kind eingehen. Das Kind lernt dann von Kindern im Kindergarten oder den Erzieherinnen richtiges Deutsch. Die Kinder können den Zweitspracherwerb aufholen, werden aber in den ersten Jahren natürlich nie so perfekt sein wie in der Mutterspra­che. Die Zeit, die sie dazu bräuchten, wurde ihnen aber in Deutschland bisher nicht zugestanden. Manche Eltern bekom­men daher Panik und üben ­wie­derum Druck auf den Kindergarten aus, noch mehr Förderung zu betreiben.

Islamische Zeitung: Was wären eini­ge Ratschläge Ihrerseits für musli­mische Vereine oder Initiativen, die etwas ähnliches machen wollen?

Britta Iman Haberl: Man sollte sich auf jeden Fall Facheinrichtungen ins Boot holen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um Muslime handeln. Es gibt genug deutsche Einrichtungen, die hier hilfsbereit sind. So kann man sich beispielsweise an die pädagogischen Fachbereiche der Universitäten wenden. Manche Hochschulen beschäftigen sich gezielt mit für Migranten wichtigen päda­gogischen Fragen.

Man sollte nicht versuchen, nur um des Islam willen einen Kindergarten aus dem Boden stampfen zu wollen, ohne die Umgebung mit einbeziehen zu wollen.

Es ist auch wichtig, sich Partner­kin­dergärten zu suchen – städtische wie kirch­­liche. Wir haben im Erfahrungsaustausch mit diesen eine große Hilfsbe­reitschaft erlebt. Und wir werden uns auch gegen­seitig besuchen. So können die Kinder die Kultur der anderen kennenlernen.

Islamische Zeitung: Liebe Britta Iman Haberl, wir bedanken uns für das Interview.

Informationen finde sind unter www.alnur.de und www.alnur-kindergarten.de

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