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Erläuterungen zum islamischen Wucherverbot von Ali Kocaman

Was ist Riba?

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(iz). Wucher [arab. Riba] ist wie Krebs. Er ist ein bösartiges Wachstum, welches das fein abge­stimmte Ökosystem unterbricht und mit seinem Kommen Elend, Tod und Zerstörung bringt. Die Umwelt wird mehr und mehr verschmutzt. Tierarten sterben jeden Augenblick aus. Der Graben zwischen Reich und Arm wird täglich größer. Menschen hungern, während Berge ungenutzter Nahrung verrotten. Riba ist die Ursache all dieser Symptome.

Es gibt Leute, die die Betonung dieses Themas kritisieren. In Wirklichkeit ist das die Frage unserer Zeit. Allah entschied sich, diesem Thema jene letzten Verse zu widmen, die Er Seinem Propheten offenbarte. Dies sind nach Ansicht der ­Qur’ankommentatoren [Mufassirun] die Verse 275-277 der Sura Al-Baqara, die mit „diejenigen, die Wucher verschlingen, werden nicht anders aufstehen als ­jemand, den der Satan durch Wahnsinn schlägt (…)“ beginnen.

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, warnte auf der Abschieds-Hadsch: „Jede Form von Wucher ist verboten.“ Allah und Sein Gesandter betrachteten es als Frage solcher Wichtigkeit für die Wohlfahrt der Muslime, dass sie diese zu eine der letzten Erinnerungen und Anweisungen für die Menschheit machten.

Allah sagt: „Oh, die ihr glaubt, fürchtet Allah und lasst das sein, was an Wucher noch übrig ist, wenn ihr gläubig seid. Wenn ihr es aber nicht tut, dann lasst euch Krieg von Allah und Seinem Gesandten ansagen! Doch wenn ihr bereut, dann steht euch euer Grundvermögen zu; tut weder ihr Unrecht, noch wird euch Unrecht zugefügt.“ (Al-Baqara, 277-278)

In seinem Kommentar zu diesen Versen überlieferte Al-Qurtubi von Ibn Bukair: „Ein Mann kam zu Malik ibn Anas und sagte ihm: ‘Oh, Abu Abdullah, ich sah einen Betrunkenen, der versuchte den Mond festzuhalten.’ Also sagte ich mir: ‘Möge meine Frau von mir geschieden sein, wenn eine Person etwas Übleres zu sich nehmen könnte als Wein!’ Imam Malik sagte: ‘Geh nach Hause und lass mich die Sache bedenken.’ Dann kam der Mann am nächsten Tag wieder und Imam Malik gab die gleiche Antwort. Dann kam der Mann ein drittes Mal und Imam Malik sagte: ‘Deine Frau ist geschieden! Ich habe das Buch von Allah und die Sunna Seines Propheten untersucht und darin nichts schlechteres gefunden als Riba, denn Allah hat ihm den Krieg erklärt.’“

Allah hat dies getan, weil Riba ein Verbrechen ist, das nicht nur das Individuum oder eine Gruppe betrifft, sondern die gesamte Gesellschaft. Riba ist wie ein Feuerball, der in die Mitte einer Scheune voller Stroh und aller entzündlichen Materialien geschleudert wird. In seinem Kielwasser bringt es Zerstörung und Ruin; nicht nur für die Beteiligten, sondern für die ganze Gesellschaft.

Jede Gesellschaft ist ein empfindliches, ausbalanciertes Ökosystem; mit Gütern, die den Austauschmitteln entsprechen, die für ihren Kauf nötig sind. Sobald Riba anfängt, prakti­ziert zu werden, bringt es das Gleichgewicht durcheinander, indem der Transaktion ein überschüssiger Wert hinzugefügt wird. Jeder verliert, weil Waren weniger wert sind und das im Umlauf befindliche Geld eine geringere Kaufkraft hat. Dies ist eine einzige Transaktion. Also kann man sich die Wirkung auf eine Gesellschaft nur vorstellen, wo Wucher Teil jedes Austausches ist.

So funktioniert unsere heutige Gesellschaft. Ein Gemeinwesen von nie gekanntem Ungleichgewicht in jedem Bereich – sozial, wirtschaftlich und ökologisch. Beinahe jeder ist gegenüber einem System versklavt und muss in ihm bis zum Stillstand hart arbeiten – nur, um über die Runden zu kommen und das erschütterte Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Da die Geldversorgung selbst wucherisch wurde, hat jede Anstrengung zur Bewahrung des Gleichgewichts das System noch unausge­wogener – und ungerechter – gemacht.

Dies ist unausweichlich, denn es ist die notwendige Konsequenz des Wuchers. Allah sagt: „Allah wird den Wucher auslöschen und die Sadaqa vermehren.“ (Al-Baqara, 276)

Riba – und jede Institution, die dabei mitmacht – kann niemals halal werden; egal, wie der Wucher beschrieben wird. Die ­Suche nach Alternativen, an der sich jeder Muslim beteiligen sollte, ist die Anstrengung ­unserer Zeit. Um neue Wege zu finden und seine verheerenden Folgen für unsere Gesellschaft umzukehren, müssen wir Riba in allen Formen und Aspekten zu verstehen. Die Vorbedingung für Heilung ist eine genaue Diagnose der Krankheit. Viele Fehlentwicklungen der heutigen muslimischen Umma liegen an der Unfähigkeit vieler „reformistischer“ Gelehrter, eben jenes zu tun. Es war die gleiche ­Unfähigkeit, die die Menschen zur Zeit des Propheten zum Denken verleitete, dass es ­keinen Unterschied zwischen Riba und ­Handel gäbe. Aber Allah sagt: „(…) sie sagten: ‘Handel ist das gleiche wie Wucher.’ Doch hat Allah den Handel erlaubt und den Wucher ­verboten.“ (Al-Baqara, 275)

Fangen wir beim Wort selbst an: Sprachlich bedeutet Riba Zuwachs oder Übermaß. In der Scharia meint es „Übermaß (des ‘Ain) zwischen dem Wert der gegebenen Güter und ihrem Gegenstück (dem Wert der empfangenen Güter)“. Dieser Exzess besteht im Nutzen, der sich aus einem ungerechtfertigten Zuwachs bei Gewicht und Maß anhäuft oder jeder Nutzen, der durch ungerechtfertigte Ver­­zö­gerung entsteht. Die erste Kategorie wurde als Riba Al-Fadl (Übermaß der Verschiedenheit) und die zweite als Riba An-Nasi’a (Übermaß an Verzögerung, Zahlungsaufschub) bezeichnet.

Riba Al-Fadl ist einfach zu verstehen: Es sind Zinsen, die auf einen Kredit geschlagen werden. Beispielsweise, wenn eine Person 100 Währungseinheiten verleiht und die Rückzahlung von 120 verlangt.

Riba An-Nasi’a wird häufig missverstanden. Hier handelt es sich um eine ungerechtfertigte Verzögerung – und gilt spezifisch für Gold, Silber und Nahrungsmittel. Wenn eine Substanz gegen eine andere getauscht wird, muss dies sofort erfolgen. Der Prophet ­sagte: „Es spricht nichts dagegen, Gold gegen Silber zu verkaufen, wenn es mehr Silber als Gold gibt. Vorausgesetzt, es wird sofort ­getan. Aber eine verzögerte Zahlung ist nicht erlaubt. Es ist auch nichts daran auszusetzen, Weizen gegen Gerste zu verkaufen, wenn es mehr Gerste als Weizen gibt. Vorausgesetzt, dies geschieht sofort. Aber eine verzögerte Zahlung ist nicht erlaubt.“

Waren und Geld müssen sofort ausgehändigt werden. Keine der Substanzen kann im Austausch für ein Zahlungsversprechen, eine Schuld, genommen werden. Auch, wenn dies klar und umkompliziert zu sein scheint, sind die Folgen heute entscheidend. Dies gilt besonders für die Form des von uns benutzten Geldes. Papiernes oder elektronisches Geld ist selbst eine Schuld und werden durch Schulden geschaffen. Ein genauer Blick auf jede Transaktion mit Gold, Silber und Lebensmittel, wird man erkennen, dass heute immer Riba An-Nasi’a beteiligt ist. In ­jedem Fall wird eine Schuld gegen eine reale physikalische Substanz getauscht. So führt die Natur unserer Währung, dass Riba fast jede Transaktion begleitet und die Wahrheit der prophetischen Worte bestätigt: „Es wird eine Zeit kommen, in der keine Person lebt, ­außer dass sie Riba verzehrt. Und selbst wenn sie Riba nicht verzehrt, wird sie von ihrem Staub bedeckt sein.“

Es gibt Dinge, denen Muslime nicht zustimmen sollten und Riba ist eines davon. Der Prophet sagte: „Riba hat 99 Tore. Das geringste ähnelt einem Mann, der mit ­seiner eigenen Mutter schläft.“

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Ali Kocaman

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