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Erst beliebter Geschäftspartner, danach Ziel für westliche Luftangriffe. Manch einer vermutet ökonomische Motive. Von Sulaiman Wilms

Militarisierter Streit um die Fleischtöpfe?

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(iz). Kaum ein anderer Krieg der letzten Jahre scheint so wenig klare Motive zu haben, wie die am 19. März begonnenen Luftangriffe auf die vom Gaddafi-Regime kontrollierten Gebiete Libyens. Geht es um Öl, Goldreserven oder gar um Wasser, wie manch einer vermutet? Oder ist die chaotische Angriffskoalition in ihren Krieg gestolpert, ohne zu wissen, was sie erreichen will?

Nach dem Ausbruch der libyschen Proteste zwischen dem 13. und 16. Februar waren Kommentatoren darauf getrimmt, eine Fortsetzung jener Rebellionen im Rest der Arabischen Welt zu sehen. Aber jedem hätte klar sein müssen, dass die Verhältnisse – unabhängig davon, wie man das Regime des Muammar Gaddafis bewertetet – andere waren als bei den Nachbarn.

Libyen, der viertgrößte afrikanische Staat, verfügte dank seiner Erdöleinkünfte – im Gegensatz zu den anderen Ländern des Kontinents – über das höchste Prokopfeinkommen. Mit einer Alphabetisierungsquote von 87 Prozent erfreuten sich die Libyer bisher eines höheren Lebensstandards. Auch wenn – nach Angaben der letzten Volkszählung – 21 Prozent der Menschen als arbeitslos gelten, arbeiteten trotzdem eine Millionen «Gastarbeiter» (manche sprechen gar von 1,5 Millionen).

Die Herrschaft Gaddafis verteilte die reichlich anfallenden Erdölgewinne an die Stämme, deren Existenz nach Ausbruch der Unruhen spürbar wurde, um seine absolute Herrschaft akzeptabel zu machen. Fraglos führte dieses, in der Arabischen Welt bekannte Herrschaftsmuster (Akzeptanz politischer Unfreiheit im Austausch für Anteil am Kuchen) bei jenen zu Unzufriedenheit, die das Gefühl hatten, nicht ausreichend beteiligt worden zu sein. Rudolf Walther schrieb am 01. April zu Recht in der bis dato kriegsbegeisterten tageszeitung, dass Gaddafis Herrschaft nicht auf Staatsterror beruhte, «sondern auf Gas- und Erdölexporten, aus deren Erlösen er sich Zustimmung – oder wenigstens Duldung – erkaufte».

Es muss daran erinnert werden, dass Libyen ein relativ künstliches Konstrukt ist, dass erst in den 1960er Jahren unter der Herrschaft des von Gaddafi gestürzten Königs Idris vereint wurde. So war es kein Zufall, dass die Oppositionsbewegung ihr Zentrum im östlichen Benghazi – dem Mittelpunkt der historischen Provinz Cyrenaika – hatte. Hier liegt nicht nur ein Teil der Erdölindustrie, sondern auch viele Stämme, die sich ungerecht behandelt fühlten. Yelena Suponina, Nahostexpertin der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti, sah in einer grundlegenden Analyse der innerlibyschen Lage hier die Bruchlinie des Konflikt.

Suchen wird nach wirtschaftlichen Hintergründen machen, die als als Motivationen für den Krieg gegen Libyen dienen können, eröffnet sich ein mehrschichtiges Bild.

Die USA beziehen kein Erdöl aus Libyen, allerdings ihre europäischen Verbündeten. Aber die jetzige Krise ist für das Afrikakommando der US-Armee (AFRICOM, stationiert in Deutschland) ein Aktionsfeld. Der Einsatz dürfte die Chinesen sicherlich nervös machen. Es ist kein Zufall, dass jetzt – wenn Afrikas Erdölvorräte sowohl für die USA als auch für China wichtiger sind – die USA die Ressourcen ihrer militärischen Formation zum Einsatz bringt. Vor Ausbruch der Proteste arbeiteten rund 30.000 chinesische Fremdarbeiter in Libyen – rund 400 von ihnen in der Erdölindustrie. 11 Prozent der libyschen Erdölexporte wurden bisher an Peking verkauft und der dessen Erdölkonzern CNPC war an Ölförderung und Erschließung beteiligt, die laut M. Chossudovsky umfangreich sein sollen.

So ist erklärlich, dass die Afrikanische Union (AU) im Gegensatz zur Strategie der Arabischen Liga das libysche Abenteuer ablehnte. Gaddafi hatte große Summen seiner Erdöleinkünfte in Schwarzafrika investiert. Sollte Tripolis dank der Kombination aus Rebellen und Interventionskräften fallen, dann werden auch die neuen Machthaber ihr Öl an den Meistbietenden verkaufen. Es sei aber nicht unwahrscheinlich, meinte Diana Johnstone in Counterpunch, dass sie ihre Gewinne nicht in Afrika belassen werden, sondern der Londoner Börse und den westlichen Waffenhändlern andienen werden. Im Gegensatz zu anderen Regierungen und Machthabern lagern in der libyschen Zentralbank und anderen Banken große Bargeldvorräte, die sich einem direkten Zugriff der Interventionsmächte entziehen. Nach Ansicht von Beobachtern stelle diese Kontrolle des Bargeldes eine der Gründe dar, warum Gaddafi bisher in der Lage war, sich an der Macht zu halten.

Nach Angaben von Adrian Ash, einem Goldfachmann im Gespräch mit der BBC, zählen Tripolis Goldvorräte zu den 25 größten der Welt. Beim aktuellen Goldpreis – der auch dank des Krieges erneut anzog – beläuft sich ihr Wert auf mehr als 4,59 Milliarden Euro. Bei Gold handle es sich – was sich historisch bewahrheitet habe – in Wirklichkeit um ökonomische Freiheit. Für Gaddafi sei die Kontrolle dieses anonymen, aber liquiden Kapitals von großem Vorteil. Allerdings dürfte es schwierig sein, es auf dem internationalen Markt umzusetzen. Er müsse wohl den Umweg über ein befreundetes Land wie den Tschad nehmen, damit er es aus dem Land schaffen könne. Allerdings hat Tripoli – anders als viele andere Staaten aus der zweiten Reihe – sein Gold im Wesentlichen nicht in London, New York oder der Schweiz deponiert, sondern kontrolliert diese selbst.

Erdöl ist der Treibstoff unseres Wohlstands. Seit mehr als 100 Jahren – mit Entstehen der Autoindustrie und der britischen Entscheidung, seine imperiale Marine auf Erdöl umzustellen – können Industrienationen nicht ohne auskommen. Vor Jahren sagte mir ein befreundeter Araber, Erdöl habe sich als Fluch der Araber erwiesen. Es sei «eine Ausscheidung des Teufels». Es ist klar, dass dies auf Libyen zutrifft – das wohl nur wegen des Erdöls überhaupt zum heutigen Nationalstaat wurde. Augenblicklich verfügt das Land über die größten nachgewiesenen Erdölvorräte Afrikas. Allerdings fördern Angola und Nigeria – wichtige Lieferanten für die USA und China – mehr. Tripolis ist überwiegend von seinen Erdöleinnahmen angewiesen; ein Viertel seiner Bruttoinlandsprodukts und 94 Prozent der Exporte. Trotzdem eines relativ hohen Wohlstands gelang es Libyen nicht, weitere relevante Industrien oder unabhängige Einkommensquellen aufzubauen.

Selbst wenn libysches Öl nur einen geringen Anteil (vor Kriegsbeginn 2 Prozent der globalen Tagesförderung) am deutschen Energiemix ausmacht, erlebten die weltweiten Energiemärkte einen Anstieg der Preise. Selbst wenn der relativ geringe Anteil scheinbar keinen Einfluss nehmen sollte – von momentanen Spekulationsgewinnen abgesehen –, wurde schmerzhaft bewusst, dass die Verfügbarkeit bezahlbarer Förderung schwindet. Es darf bezweifelt werden, ob die simplizistische Formel «Krieg ums Öl» zutrifft, denn auch Gaddafi Regime hatte bisher nichts unternommen, den Verkauf des libyschen Erdöls auf bestimmte Verbraucher zu begrenzen. Natürlich tauchten schnell Spekulationen auf, wonach Gaddafi Libyens Erdölförderung entweder verstaatlichen wollte oder Vertragsbedingungen für aktive Unternehmen verschärfen wollte. Zu den internationalen Firmen, die sich in Libyen engagierten, zählten unter anderem Conoco, Gulf, BP, Repasol, ENI, Total sowie die deutsche Wintershall. Allerdings: Das nationale Erdölunternehmen NOC verhandelte nicht nur einige Verträge in den letzten Jahren neu. Im Rahmen einer internen NOC-Debatte wurde diskutiert, neue Erschließungen ohne fremde Partner und mit Finanzierung inländischer Banken durchzuführen.

Eine gewisse Verbindung zwischen Krieg und Erdöl lässt sich nicht leugnen – wenn auch aus opportunistischen Gründen: Einen Tag, bevor zur Anerkennung der Rebellenregierung in Benghazi durch den Golfstaat Qatar kam, bot Qatar Petroleum an, ostlibysches Erdöl zu transportieren und zu vermarkten. Sollte sich die de facto Spaltung Libyens verlängern, hätte die Opposition in Benghazi so eine eigene Einnahmequelle. Dies wiederum könnte den Konflikt weiter befeuern. Laut Agenturmeldungen kündigten die Rebellen an, ein eigenes Mobilfunknetz aufbauen zu wollen. Vielleicht spielte auch eine untergründige Panik in der westlichen Interventionskoalition mit. Ein anhaltender innerlibyscher Konflikt mit ungewissem Ausgang hätte – in den Augen der Planer – für unabsehbare Dauer den Fluss des «Schwarzen Goldes» unterbunden. Es lag also Interesse der von Libyens Erdöl abhängigen Europäer, eine Lösung zu beschleunigen.

Den Wenigsten ist bewusst, dass Libyen nicht nur Heimat enormer Vorräte Schwarzen Goldes ist, sondern auch des Blauen. Gemeinsam mit Ägypten kontrolliert Tripoli enorme Mengen fossilen Wassers, das tief unter der nubischen Wüste geborgen ist. Zu seiner Erschließung begann Gaddafi vor Jahrzehnten das Projekt des “Great Man Made River Projekt (GMMRP), dass der amerikanische Journalist Pepe Escobar als “Wasser-Pipelineistan” bezeichnet.

Für die Finanzierung dieses Megaprojekts, angeblich rund 25 Milliarden US-Dollars, musste sich Tripolis keinen Knebelverträgen seitens internationaler oder privater Großbanken unterwerfen. Bereits heute werden die Siedlungszentren entlang der Mittelmeerküste mit Wasser versorgt. Anlässlich des Beginns der Wasserlieferung an große Städte wie Tripolis oder Benghazi schrieb ein libyscher Autor: «Der Fluss ist eine neue Lektion und ein Beispiel im Bemühen um Selbstversorgung, Lebensmittelsicherheit und wirkliche Unabhängigkeit. Keine Nation, die von einem Land abhängig ist, seine Menschen zu ernähren, kann frei sein.» Obwohl Kriegsgegner mit einer gewissen Begeisterung von diesem Megaprojekt sprechen – das angeblich so viel Wasser liefert, wie der Nil 200 Jahre mit sich führt – ist Skepsis angebracht. Gaddafi hat – wie die anderen arabischen Regime auch – über den bloßen Verbrauch keinen umfangreichen und nachhaltigen Nutzen aus seinen Ressourcen gezogen. Das Wasser diente bisher nicht zum Aufbau einer alternativen Ökonomie; und das, obwohl sich bei rapide steigenden Lebensmittelpreisen deren Anbau lohnt. Nach Angaben eines Berichts der BBC ist der Boden in der Küstenregion so fruchtbar, dass er zwei jährliche Ernten ermöglichen soll. Außerdem lehrt das desaströse Vorbild der technologiebegeisterten Sowjetunion, dass Riesenprojekte in Sachen Wasser durch Verdunstungsverluste und Versalzung zur bleibenden Zerstörung von Landschaften führen. «Fossile Wasser» ist wie Erdöl und -gas ein Ressource, die sich nicht erneuert.

Manch einer vermutet, dass Frankreich – als führende Kriegspartei – ein Interesse an der Zerstörung der bisherigen Infrastruktur hat. Nach einem «erfolgreichen» Interventionsende könnten die französischen Konzerne Veolia, Suez Ondeo und Saur, die 40 Prozent des globalen Wassermarktes beherrschen sollen, am Wiederaufbau unter Paris Ägide profitieren.

Zum Schicksal Libyens zählt auch seine Geopolitik. Das dünn besiedelte, viertgrößte Land Afrikas stellt nicht nur einen Übergang zwischen Mittelmeerraum (engl. MENA) und dem saharischen Afrika dar. Der Vielvölkerstaat, Heimat für Araber, Berger, Tuareg und schwarzafrikanischer Tubu, liegt auch an der Schnittstelle frankophoner und US-amerikanischer Interessengebiete. Die letzteren stellen eine der wichtigsten Volksgruppen im südlichen Tschad, dessen Beziehungen zu Gaddafi sich in den letzten Jahrzehnten unruhig gestalteten. Der Tschad, der im Süden an subsaharische Staaten grenzten, hat eine gemeinsame Grenze zum sudanesischen Bürgerkriegsgebiet Darfur. Im südlichen Tschad werden nicht nur eigene Erdölvorkommen vermutet. Auch haben die ExxonMobil und Chevron Interessen an einem Projekt zum Bau einer Pipeline von Darfur über Tschad an potenzielle Häfen in Kamerun. Hier stoßen sie an chinesische Interessen. 2007 unterzeichnete Pekings CNPC ein weitreichendes Abkommen mit der Regierung des Tschads.

In vielen Staaten Nord-, Nordwest- und Nordostafrikas sind sowohl Einheiten von AFRICOM als von Paris vertreten. Gleichzeitig soll dieser geografische Raum der Sahara zukünftig der Ort sein, indem dank des Mega-Konsortiums DESERTEC in wenigen Jahren 50 Prozent des europäischen Stroms durch Solaranlagen erzeugt werden soll. Obwohl Paris und Washington jetzt im Rahmen ihres ad-hoc-Bündnisses gegen Tripolis intervenieren, haben sich ihre jeweiligen Rohstoffkonzerne einen teilweise heftigen Wettbewerb geleistet. Dessen Folgen sind in der anhaltenden humanitären Katastrophe des östlichen Kongobeckens zu begutachten. Der geopolitische Fachmann Prof. Michel Chossudovsky sieht im Vorgehen der Regierung Obama den Versuch, die frankophonen Länder Tunesien, Marokko und Algerien – entgegen ihrer bisherigen Tradition – weitaus enger an sich zu binden. Für Chossudovsky ist die Südgrenze Libyens von strategischer Bedeutung für Washington, um einen Einfluss auf das frankophone Afrika auszuweiten.

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