IZ News Ticker

Erste Anlaufstation für viele

Interview mit dem Bildungsprojekt Streben nach Wissen e.V.

Werbung

Foto: Streben nach Wissen e.V.

(iz). Das Projekt Streben nach Wissen e.V. wurde von einer Gruppe Muslime verschiedener kultureller Prägung angefangen. Zusammengeführt hat sie das Studium der Islamologie beim Islamologischen Institut. Ihre Absicht war es, dem bisherigen Mangel an authentischem Wissen mit dieser Initiative entgegenzuwirken. „Unser Ziel ist es, allen Interessierten, sowohl Muslimen als auch Nicht-Muslimen, den Zugang zu mehr Wissen über den Islam zu ermöglichen – Wissen, das ausschließlich auf authentischen Quellen basiert.“

Hierzu sprachen wir mit zwei Organisatoren des Projektes, Abdessamad ­Affani und Abdelgalil Mrabti. Affani ist 35 Jahre, aktiv bei Streben nach Wissen e.V. und Mitbegründer des Projektes Ibn Battuta Reisen. Unser anderer Gesprächspartner, Abdelgalil Mrabti, ist 32 Jahre alt. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der Initiative und engagiert sich ebenfalls bei Ibn Battuta Reisen.

Islamische Zeitung: Lässt sich sagen, dass das Projekt von Streben nach Wissen e.V. auf eine offene muslimische Bildungsarbeit abzielt, in der sowohl klassische Inhalte als auch aktuelle Fragen angesprochen werden?

Abdessamad Affani: Ja, das kann man so sagen. Das ging damals von einem ­Studiengang aus, der die islamischen Wissenschaften im Allgemeinen thematisiert hat. Durch die Arbeit kann man ein bisschen tiefer auf die Themen ­eingehen. Wir haben gemerkt, dass bei vielen Interesse besteht und dass es von der Gemeinschaft angenommen wurde. Als wir angefangen haben, Seminare zu ­organisieren – erst einmal zu klassischen, aber auch zu geschichtlichen Themen –, haben wir mit der Zeit auch gesamtgesellschaftliche Probleme angesprochen. Wir arbeiten in Richtung der muslimischen Community.

Islamische Zeitung: Sie sind quer zu den bestehenden Strukturen aufgestellt und nicht in eine Verbandsdirektion eingebunden. Zielt Streben nach Wissen e.V. auf die jüngeren Segmente des muslimischen Mainstreams ab?

Abdelgalil Mrabti: Das könnte man als unsere Zielgruppe definieren. Jedoch gilt das nicht unbedingt für die Wahl unserer Themen. Wir wollten eigentlich alle verschiedenen Ethnien und Ausrichtungen der Leute ansprechen. Das sind nicht unbedingt nur Muslime, auch Nichtmuslime interessieren sich stellenweise für einige Themen. Das können beispielsweise Seminare zur Kalligrafie sein. Aber auch bei islamischen Themen kommen Leute hin, weil sie das einfach interessiert.

Islamische Zeitung: Streben nach Wissen e.V. fährt in seiner Arbeit ja zweigleisig. Einerseits bieten Sie ein Vortragsprogramm – eintägig oder als Wochenendseminar – an. Andererseits werden die Referate auch aufgezeichnet und Interessierten zur Verfügung gestellt. Wo ist der Zuspruch des Publikums größer?

Abdelgalil Mrabti: Langfristig interessieren sich die Leute eher für die Videos. Manche lassen sich freischalten, um auf alte Beiträge zurückgreifen zu können. Die Zahl der physisch anwesenden TeilnehmerInnen sind eher rückläufig. Woran das liegt, können wir nur spekulieren.

Islamische Zeitung: Das heißt, die aufgezeichneten Beiträge sind nicht frei zugänglich?

Abdessamad Affani: Wir haben mit der Zeit erkannt, dass dieses Prinzip – wie es die modernen Streamingdienstanbieter machen – dem Interesse der Leute entspricht. Das Publikum möchte ­Materialien, die nicht so frei zugänglich sind von Dozenten, die auch dementsprechende Qualifikationen haben. Dementsprechend werden die Vorträge von uns professionell aufgezeichnet und angeboten. Zu Beginn haben wir diesen Content nur den TeilnehmerInnen zu Verfügung gestellt, damit sie nacharbeiten konnten. Dann wurde das Interesse daran so groß, dass wir angefangen haben, die bereits bestehenden Seminare öffentlich für einen geringen Betrag anzubieten, sodass nun jeder darauf zurückgreifen kann. Mittlerweile haben wir eine Mediathek aufgebaut, die schon knapp 80 Seminare von verschiedensten Dozenten enthält. Teilweise kann man sich nur die Tondateien herunterladen, diese lassen sich dann beispielsweise im Auto hören. Das ist so eine Art muslimisches „Wissens-Netflix“.

Islamische Zeitung: Manche Bildungsverlage bieten bei Hörbüchern oder Webinaren noch schriftliches Begleitmaterial an. Gibt es das bei Ihrem Projekt auch?

Abdelgalil Mrabti: Ja, es gibt Material von einem Vortrag wie Präsentationen etc. Was verfügbar ist, wird den NutzerInnen zur Verfügung gestellt. Der Grundgedanke war ja für die Teilnehmer, dass sich die erhebliche Menge an Inhalt eines Seminars später noch einmal nacharbeiten lässt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass die Teilnahmegebühr nicht höher ist als die Nutzungsgebühr des Videos. Wir möchten die Leute motivieren, persönlich an einem Seminar teilzunehmen.

Islamische Zeitung: Wie geht Streben nach Wissen e.V. damit um, dass bei einem Webinar oder ähnlichem keine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist?

Abdessamad Affani: Das soll einer unserer nächsten Schritte sein. Wir haben erkannt, dass diese Angebote für viele wichtiger sein werden. Ein Vorteil dabei ist: Es gibt keine örtliche Bindung mehr für eine Teilnahme. In Zukunft ist geplant, dass wir auch Livestreams anbieten, auf denen die Zuschauer mit den Dozenten interagieren können. Wir wollen jetzt in Zukunft auch streamen um den Zuschauern die Möglichkeit zu bieten auch direkt mit den Dozenten in Interaktion zu treten.

Islamische Zeitung: Hängt die Teilnehmerzahl auch von den Themen ab? Ist es schwieriger, bei komplizierteren Fragen die gleiche Menge Publikum zu bekommen?

Abdelgalil Mrabti: Definitiv. Es gibt Themen, bei denen es läuft und man sich manchmal sogar fragt, ob das noch zusätzlich befeuert werden soll. Bei manchen, beliebten Inhalten überlegen wir uns schon, ob es in der erwünschten ­Frequenz angeboten werden muss. Wir versuchen schon, andere Themen, Perspektiven und Dozenten anzubieten. Nur so lässt sich der Horizont erweitern.

Islamische Zeitung: Aus welchem Pool bezieht ihr eure Dozenten? Es gibt ja durchaus ein muslimisches Meinungsspektrum mit durchaus konträren Ansichten. Was ist da die Richtschnur bei Streben nach Wissen e.V.?

Abdessamad Affani: Ich würde sagen, das ist ein Prozess. Zu Beginn haben wir uns bei den klassischen ein bisschen eingeschränkt in Hinblick auf DozentInnen mit traditioneller Ausbildung. Mittlerweile ist es so, dass wir auch dieses Gebiet verlassen und versuchen, gesamtgesellschaftliche Themen anzusprechen, beispielsweise Probleme in der Community wie psychische Krankheiten oder politische Themen, aber auch die Vermittlung von Kenntnissen wie der Beantragung von Fördergeldern.

Islamische Zeitung: Streben nach Wissen e.V. bietet ein explizit deutschsprachiges Bildungsprogramm an. Sehen Sie darin auch ein verbindendes Element für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland? Begreifen Sie das Angebot auch als kommunikativen Raum für die deutschen Muslime?

Abdelgalil Mrabti: Kontroversen eigentlich weniger. Unsere Position hängt auch davon ab, dass die meisten von uns zuvor Kurse für die Islamologie belegt haben. Uns wurde da immer gelehrt, dass es Meinungsvielfalt und eine Diskussion gibt. Jeder solle in Vielfalt leben können. So gehen wir auch hier damit um.

Abdessamad Affani: Dieser Austausch und diese Kontroversen finden bei uns statt, aber in einem geschützten Rahmen. Unsere Dozenten gehen auch auf kontroverse Fragen ein wie der Frage nach dem muslimischen Selbstverständnis in Deutschland.

Islamische Zeitung: Es geht bei dem Projekt also auch darum, den Muslimen, einen geschützten Raum für ein Gespräch zu bieten?

Abdessamad Affani: Es war auch unsere Absicht, unseren Dozenten eine gewisse Freiheit zu geben, wo sich kontroverse Fragen ohne die übliche Heftigkeit behandeln lassen.

Islamische Zeitung: Lässt sich anhand des Interesses eurer TeilnehmerInnen auch ein Bild dessen zeichnen, was Muslime in Deutschland thematisch interessiert?

Abdelgalil Mrabti: Man kann anhand der Fragen schon sehr schnell erkennen, wie oft die TeilnehmerInnen die Seminare besucht haben. Es gibt immer die ersten Anfangsfragen von Menschen, die noch nicht so viele Berührungspunkte mit uns oder allgemein mit islamischen Inhalten hatten. Aber dann gibt es auch Leute, die ein bisschen vertiefter in der Materie drinstecken. Im Endeffekt sind darunter immer bekannte Fragen wie das Kopftuch oder das Gebet in der Öffentlichkeit. Auch die klassischen islamischen Themen sind immer dabei.

Abdessamad Affani: Ich würde vielleicht sagen, dass wir erkannt oder gesehen haben, dass es auch um Gemeinschaft geht. Insbesondere gilt das für jene, die sich nicht einer spezifischen Frage oder Richtung verpflichtet fühlen. Das größte Thema, das die Leute hierher bringt, ist, dass man hier auf ein Gefühl von Gemeinschaft trifft.

Abdelgalil Mrabti: Wir haben Leute mit verschiedensten Hintergründen. Und alle treffen sich im Endeffekt in der deutschen Sprache wieder. Natürlich haben wir besonders bei islamischen Themen auch ins Arabische übersetzt. Trotzdem ist die deutsche Sprache der Dreh- und Angelpunkt für alle. Und das ist was ganz Besonderes für die Teilnehmer.

Islamische Zeitung: Es gibt mehrere Initiativen wie Streben nach Wissen, die sich der strukturübergreifenden Wissensvermittlung widmen. Haben Sie das Gefühl, dass der langjährigen Bildungsarbeit Ihres Vereines oder vergleichbarer Projekte ausreichend Aufmerksamkeit in der muslimischen Zivilgesellschaft geschenkt wird?

Abdessamad Affani: Ich sehe das schon, gerade in die muslimische Zivilgesellschaft sind wir sehr unterrepräsentiert. Wir diskutieren in der Gesellschaft über viele Themen, aber nicht über das, was wirklich stattfindet. Wir reden über Verbände, über Kampfbegriffe wie „konservativ“ oder „liberal“ und über Islamkritik. Aber gerade die jungen Leute, die jetzt herangezogen werden und die irgendwo ein bisschen enttäuscht von ihren Verbänden sind, werden schon sehr unterrepräsentiert im allgemeinen Kontext.

Abdelgalil Mrabti: Ich denke, die erste Anlaufstation für viele Muslime in Deutschland ist immer noch die eigene Moschee, und da sind wir immer noch sehr stark an Sprachen und Ethnien gebunden. Und ich glaube, das ist ein Punkt, der überwunden werden muss in Deutschland. Islam auf Deutsch ist nicht minderwertiger als Islam auf Arabisch oder in irgendeiner anderen Sprache.

Wir sind ein gemeinnütziger Verein und da wollen wir das Ganze nochmal ein bisschen für die Jugend pushen. Für etwaige deutschsprachige Besucher mit uns gemeinsam Angebote zu formulieren, wäre eigentlich für die eine oder andere Moschee ein Gewinn, jedoch ist man da schon ein bisschen verschlossen.

Islamische Zeitung: Ist das eine Generationenfrage? Ich habe das Gefühl, dass es eine Frage der Zeit ist, bis die nachrückenden Generationen etwas verändern. Oder ist es ein strukturelles Problem?

Abdessamad Affani: Ich finde sowohl als auch. Da ist ein Generationenproblem und wenn man dieses Generationenproblem überwindet, gibt es immer noch Strukturen die das nicht zulassen. Ich glaube, das Generationenproblem könnte man lösen, aber es gibt Strukturen, welche dies teilweise verhindern. Junge Muslime die sich aus dem klassischen Kontext heraus sehen und auch so leben möchten, werden dann doch schon ein bisschen zurückgehalten, gerade in den Verbandsstrukturen.

Abdelgalil Mrabti: Das sind Strukturen, die sehr introvertiert und in sich ­gekehrt sind. Es war in der islamischen Geschichte nie so, dass der Islam nur auf Arabisch verbreitet wurde. Man hat schon in der Frühzeit des Islam und auch zu Zeiten des Propheten, Prophetengefährten gehabt, die in ferne Länder entsandt wurden. Sie sollten dort die Lehre des Islam verbreiten. Ich glaube, dieses Denken fehlt noch stark. Das liegt einmal an der Struktur, weil es bis jetzt keine gibt, die das irgendwie steuert, sondern jeder so vor sich hin macht. Wir haben jetzt in Deutschland mittlerweile eine 50-jährige Geschichte der Moscheen, seitdem die ersten „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen sind. Und man will vielleicht von diesen Einzellösungen gar nicht loslassen, weil man Angst hat, dass das irgendwie gegen die Wand ­gefahren wird. Und da fehlt eine allgemeine Struktur, die das Ganze koordiniert, ohne den Menschen das Gefühl zu geben, sie würden isoliert oder hätten keinen Einfluss.

Islamische Zeitung: Lieber Abdessamad Affani, lieber Abdelgalil Mrabti, wir bedanken uns für das Gespräch.
=

The following two tabs change content below.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen