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Erziehung nach Srebrenica

Genozidforscher John Cox über den Völkermord in Bosnien

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Foto: Archiv

(Algoritam). Jüngst wurde die Verleihung des diesjährigen Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller und Dramatiker Peter Handke bekanntgegeben. Handke machte von sich Reden, als er sich offen auf die Seite des serbischen Regimes und seiner Machthaber stellte. In seiner Positionierung pro Belgrad leugnete der Schriftsteller den an den Bosniern begangenen Völkermord. Über den bosnischen Genozid und seine Behandlung sprachen wir mit dem US-amerikanischen Forscher John Cox.

Prof. John Cox ist Professor für ­Geschichte und Globale Studien an der Universität von North Carolina in Charlotte und Direktor des dortigen Zentrums für Holocaust-, Völkermord- und Menschenrechtsstudien. Er schreibt momentan ein Buch über Völkermordleugnung, das 2020 veröffentlicht werden soll. Außerdem überarbeitet er die Neuausgabe seines Buches „To kill a People: Genocide in the Twentieth Century“ (2017).

Islamische Zeitung: Prof. Dr. Cox, Sie studieren und lehren seit vielen Jahren Völkermord- und Holocaust-Studien. Wie bekannt oder unbekannt ist der Genozid an bosnischen Muslimen in akademischen Kreisen des Westens?

Prof. John Cox: Unter Fachleuten in den USA, Europa, Australien und ­Kanada – Orte, an denen Völkermordstudien eingerichtet sind – ist dieser ­Völkermord sicherlich gut bekannt. Dort steht er nicht zur Debatte. Neben anderen wie in Kambodscha oder Ruanda gilt er als eines der wichtigsten Beispiele in der modernen Welt.

Aber jenseits der kleinen Welt der ­Experten und Gelehrten ist er wesentlich weniger bekannt und verstanden. Selbst unter Historikern des europäischen 20. Jahrhunderts (die oft überspezialisiert sind) müsste der Völkermord an den Bosniern deutlich bekannter sein. Ich und andere wollen das ändern.

Unter der allgemeinen Öffentlichkeit gibt es weniger Bewusstsein. Diese Unwissenheit ist unglücklicherweise nicht einzigartig. Weniger meiner Studenten haben vom Genozid in Ruanda (1994) gehört – von anderen Tragödien als dem Holocaust zu schweigen. Und doch denke ich, dass die weitverbreitete Unkenntnis über den bosnischen Genozid in weiten Teilen eine Hinterlassenschaft des beschämenden Verhaltens von US-Politikern und Diplomaten in den 1990ern ist.

Ich habe nie jemanden getroffen, der sagte: „Oh ja, ich erinnere mich an Ruanda. So weit ich weiß, war es sehr komplex, mit Grausamkeiten auf allen Seiten, aber es war kein Völkermord.“ Wenn jemand etwas über Ruanda in den 1990er weiß, dann ist ihm der Völkermord bewusst. Im Gegensatz dazu: Wenn sich ein Amerikaner dunkel an den Jugoslawienkrieg erinnert, dann meint er fälschlicherweise, dass sich das Blutvergießen aus „altem Hass“ ergeben hätte. Denn sie erinnern, dass von ­Clinton, seinem Außenminister und anderen – darunter vielen Medien – gehört zu haben.

Erst in den letzten beiden Monaten nach meiner Rückkehr aus Bosnien habe ich mit verschiedenen Freunden ge­sprochen, die trotz ihrer Bildung meinten: „Das war ein großes Durcheinander. Es ist schwer, einer Seite die Schuld zu geben.“

Zur Klarstellung sollte festgehalten werden, dass alle Völkermorde komplex und voller moralischer Zweideutigkeiten sind. Unweigerlich treten sie in Zeiten von Krieg und Revolution auf – mit ­Kriminellen und Opfern auf allen Seiten. Man kann auf Tötungen von Hutu-Zivilisten durch Tutsi-geführte Truppen, das Leiden vieler Türken während des Ersten Weltkriegs oder die Vertreibung von Hunderten von Serben durch ­kroatische Truppen im August 1995 und andere Gräueltaten gegen serbische Zivilisten verweisen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Völkermorde an Tutsi, Armeniern und Bosniern begangen wurden.

Islamische Zeitung: Sie haben kürzlich Bosnien-Herzegowina besucht, das Land bereist und Leute unterschiedlicher Herkunft getroffen. Was sind ihre Eindrücke vom Krieg, dem Völkermord und der Verherrlichung von Kriegsverbrechern?

Prof. John. Cox: Ich hatte die Ehre, einen Monat in Bosnien zu verbringen, die meiste Zeit in Sarajevo. Ich fuhr nach Mostar, Kroatien und fuhr durch den Osten des Landes, das größtenteils den Bosniern gestohlen wurde, nach Sre­brenica. Begleitet wurde ich von einem neuen Freund, der über 20 Jahre mit dem Institut für fehlende Personen arbeitet.

Die unmittelbaren Eindrücke waren die von einem wunderschönen Land; voller wunderbarer Menschen mit reicher Kultur und Geschichte. Eine Sache, die mir in Gesprächen mit Bosniern immer auffiel, war ihr Verlangen, in der Art multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft zu leben, wie sie einst ­existierte. Die Bindung an das Konzept Merhamet – das mich an die Convivencia des islamischen Spaniens erinnert – war aufrichtig und anrührend; weil es verloren war. Genau wie in Spanien wurde diese Halb-Utopie niemals erlangt, aber die Suche nach ihr repräsentierte das Beste der Menschheit: Ungeachtet aller Unterschiede miteinander in Frieden zu leben. Das ist weit mehr, als nur „tolerant“ zu sein. Ich wurde oft an etwas erinnert, das mir ein bosnischer Überlebender vor 20 Jahren sagte: „Während sich die anderen auf Krieg vorbereiteten, glaubten wir immer noch an den einen Traum.“ Der Traum einer gleichen, vielfältigen Gesellschaft, die Jugoslawien angeblich war.

Ich sah auch weniger erbauliche ­Anblicke und Eindrücke, als wir durch die Republika Srbska fuhren. Ich war entsetzt, aber nicht völlig überrascht, als ich auf der Fahrt durch die Stadt Gacko, die einmal eine große bosnische Mehrheit hatte, aber nun beinahe ausschließlich von Serben bewohnt wird.

Islamische Zeitung: Harte Grenzen existieren nicht zwischen den beiden politischen und administrativen Einheiten, aber klare Grenzen sind in der mentalen Geographie vieler präsent. Was waren die größten sozialen, ­wirtschaftlichen und politischen ­Unterschiede zwischen den beiden Einheiten?

Prof. John Cox: Ich muss einräumen, dass meine Eindrücke oberflächlich ­waren. Weder beherrsche ich die Sprache, noch habe ich mehr als nur einige Wochen in Bosnien-Herzegowina verbracht. Aber ich kam zu einem Gefühl für verdrehte Perspektiven, die sich aus der Weigerung ergibt, die im serbischen Namen begangenen Verbrechen – und die Seele einer Gesellschaft – zu behandeln. Diese Dinge vergiften den eigenen Geist – und den einer Gesellschaft.

Natürlich glauben nicht alle Serben der dummen und rassistischen Propaganda von Dodik & Co. Genauso gab es weiße Südafrikaner, weiße Amerikaner und nicht-jüdische Deutsche, die an Gleichheit glaubten. Aber ich fürchte, dass viele Kroaten und Serben, die Natio­nalismus und Rassismus in den 1990ern ihre Heimat verließen – oder ihre Ansichten änderten. Während­dessen werden jüngere Serben im Geist einer nationalistischen Ideologie erzogen. Ich sah einige Teenager, die auf einem Feld nahe Srebrenicas einen Fußball kickten, wo hunderte Muslime, die nach Tuzla fliehen wollten, am 13. Juli 1995 getötet wurden. Entweder kümmerte sie das nicht oder sie glauben sogar, das Massaker sei angemessen gewesen.

Es gibt noch einen anderen starken Eindruck und Kontrast. Mich beeindruckte die großzügige Haltung, die viele Bosnier zum Ausdruck brachten. Solche Menschen sollten nicht notwendigerweise zu hart beurteilt werden. „Sie wurden von ihren Führern getäuscht und ausgebeutet“, sagten viele Leute.

Islamische Zeitung: Es gab viele ­Versuche kroatischer und serbischer Nationalisten, die Geschichte des ­Bosnienkrieges umzuschreiben. Sie wollen ihn als Konflikt darstellen, an dem alle Seiten gleiche Schuld hätten, und sie wollen Srebrenica als isolierten Genozid darstellen. Wie gefährlich ist solch ein Revisionismus?

Prof. John Cox: Das ist gefährlich; vorrangig deshalb, weil Leugnung zu den sichersten Hinweisen auf genozidale Massaker gehört, wie der Experte Gregory Stanton darlegt. „Die Täter des Völkermords öffnen die Massengräber wieder, verbrennen die Leichen, und ­versuchen, die Beweise zu verbergen … und auch versuchen sie häufig, die Opfer für das Geschehen verantwortlich zu ­machen“, schreibt Stanton. Das ist ­genau, was sich in der serbischen ­Leugnung findet.

2005 wurde ein Video veröffentlicht, auf dem eindeutig Hinrichtungen von Zivilisten zu sehen sind. Begleitet ­werden diese vom Lachen und Witzeln der paramilitärischen Einheit „Scor­pions“, die sie durchführten. „Serbien ist tief geschockt“, sagte Präsident Boris Tadic. „Alle, die Kriegsverbrechen gegangen haben, müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, erklärte er. Es schien, die Zeit sei gekommen für eine ehrliche Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Aber nein! Eine neue Deutung wurde herausgegeben, die ungefähr so klingt: „Wieder einmal werden wir ungerechtfertigt schlecht gemacht. Wir sehen nur die Tötung einiger weniger Leute. Wo sind die sogenannten 8.000? Und ­überhaupt: das waren einige undiszi­plinierte Soldaten. Es war nicht Teil eines Plans.“

Jelena Subotic schrieb, dass Srebrenica in der öffentlichen serbischen Erinnerung eine Irritation darstellt. Ein weiteres Puzzleteil einer anti-serbischen Propaganda. „Srebrenica dreht sich im öffentlichen serbischen Gedächtnis vorrangig um die Serben.“

Viele Elemente der serbischen Leugnung hat Parallelen in anderen Teilen der Welt, wenn auch nicht immer in solchen Ausmaßen. Würde George Orwell heute leben, würden ihm sicherlich viele Länder einfallen. Er schrieb: „Der Nationalist lehnt nicht nur nicht die von seiner Seite begangenen Grausamkeiten ab. Er hat auch die erstaunliche Fähigkeit, nicht von ihnen zu hören.“

Ich möchte versuchen, die schockierendsten und empörendsten Dinge zu vermitteln, die ich beobachtet habe: Die Gebäude in Rogatica, die wie jene in Auschwitz-Birkenau aussehen und die als Konzentrationslager benutzt wurden. Der Fußballplatz von Nova Kasaba, wo hunderte Männer und Jungen am 13. Juli 1995 abgeschlachtet wurden. Das Lagerhaus von Kravica, das heute noch voller Einschusslöcher ist. Bei keinem dieser besuchten Orte konnte ich irgendeinen Versuch erkennen, die Verbrechen zu verschleiern. Tatsächlich erinnern sie an die Bilder vom Lynchen, die vor ­hundert Jahren in den USA aufgenommen wurden. Junge und alte Weiße – darunter bekannte Mitglieder der ­Gemeinde – lächelten ohne Furcht vor öffentlicher Kritik oder rechtlichen ­Folgen in die Kamera.

Die Feier rassistischer Gräueltaten und Morde ist leider nicht einzigartig. In Italien werden Rudolfo Graziani „Der Schlächter von Äthiopien“ und andere Faschisten gefeiert. Und in meinem eigenen Land wird die Landschaft von Denkmälern für Sklaverei verschandelt. Im Kontext von ­Bosnien ist das irgendwie drohender, da Täter und Leugner direkt hinter den Bergen lauern.

Islamische Zeitung: Was können bosnische Muslime von Juden im Kampf gegen die Leugnung von Völkermord lernen?

Prof. John Cox: Die Leugnung des Holocaust wurde teilweise dadurch ­bekämpft, dass man sich an andere Gemeinschaften wandte und Verbündete fand, die die moralische Klarheit und den Anstand hatten, Stellung zu beziehen. Ich denke jedoch, dass das Wissen über den Holocaust und die Opposition gegen die Leugnung des Holocaust aus verschiedenen Quellen stammt. Es besteht kein Zweifel, dass Rassismus dazu beiträgt, zu erklären, warum das amerikanische und europäische Publikum „weißen“ Opfern mehr Sympathie entgegenbringt als den Kambodschanern, Ruandern, Rohingya-Muslimen oder Uiguren in Xinkiang.

Man sollte daher meinen, dass ein ­europäisches Volk wie die Bosnier auf größere Sympathie etc. stoßen würde. Auf Ihre Frage muss ich antworten, dass Juden und Pädagogen des Holocausts die einzigen sind, die Erfolg im Kampf gegen Völkermordleugnung in den USA und/oder Europa hatten. Ich denke, der Hauptgrund dafür ist, dass Europa und der Westen auf Genozid aufgebaut sind. Westliche Institutionen und Medien ­haben einen Weg gefunden, den Holocaust in ein Narrativ zu verwandeln, der die gesamte westliche Tradition nicht in dem Maße, wie es nötig wäre, mit ­anklagen würde.

Aber unter den führenden Institutionen in den Vereinigten Staaten und dem Großteil Europas gibt es wenig Interesse an der Beschäftigung mit ­Völkermorden in Bosnien, Ruanda, Kambodscha, Bangladesch, Guatemala und anderswo. Da scheint es besser zu sein, sie in wage Erzählungen von „altem Hass“ zu hüllen manchmal den Holocaust als Rechtfertigung für die Invasion des Irak zu beschwören. Und natürlich ist der bosnische Genozid besonders ­beschämend für die europäischen und amerikanischen Führer, die daran beteiligt waren.

Nichtsdestotrotz finde ich immer wieder Studenten und andere anständige Menschen. Wenn sie anfangen, von ­Bosnien zu lernen, wollen sie mehr ­wissen und werden dadurch mithelfen, andere zu erziehen.

Das Interview wurde erstmals auf der Website von Algoritam veröffentlicht.

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