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Es bleiben offene Fragen: Muslimische Verbände beziehen Stellung zum jüngsten Fleisch-Skandal. Sulaiman Wilms kommentiert

Darf's noch ein bisschen Pferd sein?

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(iz/islam.de/KRM). Während in den letzten Tagen die neuesten Einzelheiten des letzten – von vielen – Skandals der industriellen Fleisch- und Lebensmittelindustrie bis zum Einzelverbraucher vordringen, retten sich viele, auch Muslime, in Galgenhumor. Auf Facebook finden sich bereits Wortspiele wie „Geiz ist Gaul“ oder auch „Wenn in Deinem Döner kein Pferdefleisch war, dann hast Du wohl Schwein gehabt“. Für viele scheint der Galgenhumor ein probater Umgang mit einem erneuten Ekelfall zu sein.

Wenn mancher Politiker sich auch in Krisenbewältigung ergeht, oder gar das Eingreifen des BKA fordert, sollen laut einer Stichprobe des Senders RTL (Deutsch-Türkische-Nachrichten vom 17.02.2013) auch Döner-Buden in Leipzig und Berlin betroffen sein. Dies habe das Deutschlandradio berichtet. Dass bei den Stichproben darüber hinaus auch bis zu sieben Prozent Schweinefleisch entdeckt wurden, scheint angesichts der industriellen Verwurstung von Black Beauty beinahe schon nebensächlich.

„Ein Umstand, den vor allem muslimische Mitbürger, die kein Schweinefleisch verzehren, zusätzlich verärgern dürfte. Denn Döner werden eigentlich aus Rind- oder Lammfleisch beziehungsweise auch aus Puten- oder Hühnerfleisch hergestellt“, verlautbarte hierzu das Institut für Produktqualität ifp.

Zeitgleich zur Berichterstattung traten einige muslimische Dachverbände mit Stellungnahmen an die Öffentlichkeit. In seiner Erklärung vom 18.02.2013 verwies KRM-Sprecher Eros Pürlü darauf, dass Panschereien im Fleischbetrieb für manche Religionsgemeinschaften gravierendere Folgen als für die Mehrheitsgesellschaften hätten. Neben der allgemeinen Gefährdung und Täuschung der Konsumenten seien ihnen bestimmte Fleischsorten – wie Schwein oder Pferd – untersagt. Der Staat müsse „Sorge tragen und hier strengere Kennzeichnungspflicht und stärkere Kontrollen anlegen“, so Pürlü.

„Der Verbraucher muss sich darauf verlassen können, dass ‘Halal’-Produkte auch wirklich ’Halal’ sind“, sagte dazu der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek in Köln. „Die Zertifizierung von Lebensmittel für den muslimischen Verbraucher in Deutschland muss deshalb transparent gemacht und vereinheitlicht werden.“ Die islamischen Religionsgemeinschaften sollten laut Mazyek diesen Skandal auch selbstkritisch als Warnung begreifen, endlich einheitliche Kriterien für die Halal-Zertifizierung von Lebensmittel festzulegen.

Ali Kizilikaya, Chef des Islamrates, der ebenfalls im KRM vertreten ist, sieht nach Angaben der Nachrichtenagentur dapd einen „doppelten Betrug aus Sicht der Muslime“. Der Staat müsse sich für stärkere Kontrollen in der „Kennzeichnungspflicht“ einsetzen. Die Halal-Zertifizierung sei, so Ali Kizilkaya, Aufgaber der Muslime beziehungsweise der muslimischen Zertifizierungs-Einrichtungen. Dafür müssten die Muslime sorgen.

Bisher konnten sich muslimische Verbände oder Zertifizierer – von der kleinen Moschee, bis zum kommerziellen Betrieb – in ihrer Gänze nicht auf gemeinsame Standards und Prüfverfahren einigen, noch hat die Kategorie „Halal“ bis dato eine Bedeutung für das deutsche Lebensmittelrecht. Die seit einem Jahr bestehende Gütegemeinschaft Halal-Lebensmittel e.V., die das „RAL-Gütezeichen Halal“ betreibt, ist nach Ansicht eines Teils der muslimischen Beobachter ein folgerichtiger Schritt. Verhaltenere Insider verwiesen allerdings darauf, dass in dem Verein bisher nicht die gesamte Bandbreite der muslimischen Gemeinschaft vertreten sei. Dies schwäche eine – idealerweise möglichst große – Verbindlichkeit. Unter den Mitgliedern sind, so ergibt ein Blick auf die im Internet angegebene Liste, bisher noch nicht alle in Deutschland aktiven Zertifizierer.

Vollkommmen ungeklärt ist bisher das schwierige Verhältnis von Zertifizierung und ökonomischem Interesse. Am einfachsten – und zuverlässigsten – wäre eine solche via eine unabhängige Stiftung zu organisieren. Das ist eine Ansicht, die in Sachen „Halal“ in Deutschland häufig zu hören ist. Da die Aussage, etwas sei „erlaubt“, in den Augen mancher einem religiösen Urteil gleichkommt, ist der Akt der finanziellen Vergütung für ein solches Rechtsurteil folgerichtig nicht unumstritten. Und, wie industrielle Produkte beweisen, die Existenz von – durch Gelehrten zertifizierten Produkten – sagt noch nichts über deren ganzheitlicher Qualität aus. Oft genug beschränkt sich die Halal-Zertifizierung auf rein lebensmitteltechnische Prozesse.

Vom früheren Halal-Hype ernüchterte Brancheninsider inner- und außerhalb Deutschlands halten die Schaffung eines verbindlichen Standard auch in absehbarer Zeit auf jeden Fall für ein ambitioniertes Vorhaben, weil sich widerstrebende Absichten und Interessen – in der Regel ohne Beteiligung muslimischer Verbraucher – zu oft im Wege gestanden hätten. In der Praxis nutzt die bisherige, in Deutschland stattfindende Vergabe von Halal-Siegeln in ihrer absoluten Mehrheit der großen Lebensmittelindustrie, die in Länder der muslimischen Welt exportieren will.

Und es ist eben jener immanente Trieb zur Gewinnmaximierung innerhalb selbiger „Industrie“, die zu solchen und früheren Skandalen führte. Es sollte, gerade für kommerziellen Halal-Lobbyisten, die sich um satte Aufträge aus der Branche bemühen, ein Denkanstoß sein, dass es den Branchengiganten Nestle erwischte. Selbiger Konzern, der neben Fastfoodketten zu den größten Gewinnern des kapitalistischen „Halal“-Booms gehört und mittlerweile in Dutzenden Fertigungsstätten „halal“ produzieren will.

Viele Kommentatoren erinnern nun – bis alles wieder in der Versenkung verschwindet – zu Recht daran, dass auf Geiz durchaus einmal auch Gaul folgen kann. Fleisch, noch dazu artgerechtes und islamisch korrekt produziertes hat seinen Preis. Die „viel, billig“ Mentalität auch vieler muslimischer Verbraucher hat dazu geführt, dass sie de facto zu unwissenden Helfershelfern von Lebensmittelpanschern werden.

Es ist sicherlich den Hinweis wert, dass wir Muslime gut beraten sind, dem prophetischen Hinweis zu folgen, und sehr maßvoll mit Fleisch umgehen. Immerhin ist es eine Königin unter den Speisen. Das schont den Geldbeutel, beugt Krankheiten vor und macht Platz für wirklich vollwertiges Fleisch.

Bis dahin müssen sich Deutschlands Muslime wohl oder übel in Geduld üben, auf Alternativen ausweichen und hoffen, dass die muslimische Lebensmittelbranche endlich das Segment für biologisch und organisch erzeugtes Fleisch entdeckt. Der bisherige Massenimport billigster und oft minderwertigerer Ware – im Vergleich zum nichtmuslimischen Handwerksbetrieb von Nebenan – aus Frankreich, Neuseeland und anderen Ländern wird hoffentlich nicht der Weisheit letzter Schluss ein.

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Sulaiman Wilms

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