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„Es gab nie ein christlich-jüdisches Abendland“

„IZ-Begegnung“ mit dem Rabbiner, Autoren und Aktivisten Armin Langer

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Foto: A. Langer

(iz). Armin Langer ist für seine Bemühungen um einen jüdisch-muslimischen Dialog bekannt.. Der Gründer der Salaam-Shalom Initiative veröffentlichte jetzt ein Buch mit dem Titel „Jude in Neukölln“. Wir sprachen mit ihm über seine Wahlheimat und Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamhass.

Islamische Zeitung: Sie schwärmen als Jude von Neukölln und widmen ihm ein ganzes Buch. Für viele ist das ein Widerspruch…

Armin Langer: In den letzten Jahren sind sehr viele jüdische Migranten nach Berlin, speziell Neukölln, gezogen. Aus Israel, den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Die Gegend ist für uns ziemlich anziehend. In Neukölln sind Minderheiten die Mehrheit. Hier leben 150 unterschiedliche Nationen, da fühlt man sich nicht unbedingt anders als der Rest. Für israelische Juden kommt hinzu, dass Neukölln durch das arabische Leben sehr attraktiv ist, man findet die gleichen Läden wie in Israel. Die arabische und die israelische Küche ähneln sich sehr. Berlin ist außerhalb von Israel, soweit ich weiß, der einzige Ort, wo die Anzahl der jüdischen Einwohner wächst.

Islamische Zeitung: Es wird oft davon gesprochen, dass ein Ort mit vielen Arabischstämmigen für Juden gefährlich sei. Sehen Sie und ihre jüdischen Freunde das anders?

Armin Langer: Ja, israelische oder amerikanische Juden mit Sicherheit. Weniger aber russische oder deutsche Juden. Die Behauptung an sich ist sowieso vereinfachend. Aber diejenigen, die behaupten, Neukölln sei eine No-Go-Area für Juden, sind vor allem russischstämmige Juden. Das liegt auch daran, dass ihnen die alltägliche Begegnung mit Neuköllnern beziehungsweise Muslimen fehlt.

Islamische Zeitung: Wie viele Juden gibt es in Neukölln und wie viele davon erreichen Sie?

Armin Langer: Mit den Veranstaltungen von Salaam-Shalom erreichen wir Tausende Berliner. Aber das sind eben nicht nur Juden, sondern breitgefächert alle möglichen Leute. In Neukölln gibt es vielleicht so um die 1.000 Juden. Im Vergleich zu anderen Bezirken ist das viel.

Islamische Zeitung: Gibt es jüdische Stimmen, die Ihnen vorwerfen, das zu romantisch zu sehen?

Armin Langer: Ja, die gibt es natürlich. Aber eben nicht unter den Neuköllner Juden. Mal von der Behauptung Neukölln speziell sei eine No-Go-Area für Juden, abgesehen, halte ich grundsätzlich nichts von dieser Rhetorik. Im Tagesspiegel gab es vor einer Weile einen Bericht darüber, dass sich nicht einmal die Polizei in den Rollbergkiez traue. Und im Rollbergkiez gibt es eine der größten Schwulenbars der Stadt, ein Kino und, wenn das nicht genug wäre, eine Polizeistation. Und das soll eine No-Go-Area sein? Diese Geschichten über solche rechtlosen Viertel sind in Deutschland nicht relevant, nicht wahr. In Deutschland herrscht Ordnung.

Islamische Zeitung: Halten Sie das also für Populismus?

Armin Langer: Ja, durchaus. Es geht dabei nicht darum, bestimmte Minderheiten zu schützen, wie in dem Fall die Juden, sondern darum, eine andere Minderheit zu stigmatisieren.

Islamische Zeitung: Sie sind in Neukölln eine lokale Berühmtheit. Wie reagieren die Menschen auf Sie? Wie reagieren die Muslime auf sie?

Armin Langer: In Neukölln sind wir mit vielen Muslimen im Gespräch. Wir haben gute Verbindungen zu den muslimischen Gemeinden. Ich habe schon öfters in der Sehitlik-Moschee sowie der Neulöllner Begegnungsstätte referiert, mich als Jude vorgestellt, über jüdische Angelegenheiten gesprochen und habe dabei nie etwas Negatives erfahren.

Kurz nachdem ich nach Neukölln gezogen bin und zu einem arabischen Friseur kam, und er mich nach meinem Motiv für den Umzug fragte, ich es mit meinem Rabbiner-Seminar begründete, war seine Reaktion nicht, mich auszufragen, wie ich zu der Besatzung des Westjordanlandes stünde, sondern, wie man denn ein Rabbiner wird. Ähnlich war es auch bei einem anderen, wiederum türkischen, Friseur. Der erzählte mir auf die Information, dass ich Jude bin, sofort von Andalusien und wie gut Juden und Muslime dort zusammenlebten. Diese Reaktion gibt es übrigens oft. Alle wollen über Andalusien reden (lacht).

Islamische Zeitung: Gab es antisemitische Angriffe auf Sie in Neukölln?

Armin Langer: Nein, nie. Und jüdische Freunde, die täglich mit Kippa durch den Bezirk laufen, waren ebenso nie irgendwelchen Angriffen ausgesetzt. Hin und wieder hört man schon einen antisemitischen Kommentar, aber die hört man in jedem anderen Bezirk genauso. Und das wohlgemerkt nicht speziell von Muslimen.

Islamische Zeitung: Selbst ein Kommentar kann als Angriff verstanden werden. Auch Muslime beklagen, dass es immer öfter zu antimuslimischen Kommentaren auf offener Straße kommt. Vor allem muslimische Frauen berichten davon. Kommen die Kommentare von der gleichen Quelle?

Armin Langer: Ich würde sagen, die Kommentare kommen vor allem von Leuten, die von einem weißen, christlichen Deutschland träumen und alle anderen Identitäten, seien sie jüdisch oder muslimisch geprägt, werden dabei nicht respektiert. Ich glaube schon, dass die Beurteilung des Antisemitismus sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Wer sich antisemitisch in der Öffentlichkeit äußert, verliert seinen Job am nächsten Tag. Und das ist auch gut so. Aber ich würde mir wünschen, dass der gleiche Maßstab auch bei Äußerungen gegen Muslime angesetzt würde.

Islamische Zeitung: Kann man Antisemitismus und Islamophobie miteinander vergleichen? Sind es gleiche Techniken?

Armin Langer: Es sind oft identische Vorwürfe. Zum Beispiel wird Juden und Muslimen vorgeworfen, die Welt übernehmen zu wollen. Es gibt Leute, die von Verjudung sprechen und Leute, die von einer Islamisierung sprechen. Juden wird vorgeworfen, ihre Religion sei primitiv oder rückständig, was zum Beispiel damit begründet wird, dass einige Juden dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben und die gleichen Vorwürfe hören wir eben auch bei Muslimen. Bekannterweise auch, was die Beschneidung oder das rituelle Schächten angeht. Das Grundsatzprogramm der AfD betrifft in vielen Punkten übrigens nicht nur Muslime, sondern auch Juden.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie den Begriff des christlich-jüdischen Abendlandes?

Armin Langer: Es gab nie ein christlich-jüdisches Abendland. Juden wurden nie als Teil Europas angesehen. Wir waren über 2000 Jahre unterdrückt in diesem Land, teilweise verfolgt, standen vor der Vernichtung oder wurden vereinzelt geduldet. Wir wurden aber nie als Teil der Gesellschaft anerkannt. Wer sich den europäischen Kanon der Literatur anschaut, findet nicht wirklich jüdische Autoren. Heinrich Heine oder Karl Marx finden sich dort nur, weil sie zum Christentum konvertiert sind. Heinrich Heine selbst erklärte, das Konvertieren zum Christentum sei die Eintrittskarte in die europäische Gesellschaft. Ich muss aber sagen, dass ich zuversichtlich bin. Gerade den jungen Generationen ist bewusst, dass Deutschland nicht mehr das gleiche Land wie vor 50 oder 100 Jahren ist, also nicht mehr ethnisch homogen. Das ist natürlich nicht einfach zu verarbeiten, aber ich bin guter Hoffnung.

Islamische Zeitung: Wie haben Europas Juden versucht, 2 Jahrtausenden Antisemitismus entgegenzuwirken?

Armin Langer: Im 19. Jahrhundert gab es eine Bewegung, die antisemitische Hetze in Zeitungen thematisiert hat. Man veröffentlichte einen Pressespiegel und machte deutlich, dass das nicht „Judentumkritik“ war, sondern klar Antisemitismus. Es gibt Forscher, die dieser Methode eine gewisse Effektivität zusprechen. Auf der anderen Seite ist der Holocaust aber trotzdem geschehen. So effektiv war es dann also auch nicht. Nicht unwichtig ist natürlich aber auch die Finanzkrise und andere sozioökonomische Phänomene, die ein solches Projekt nicht einfach machten. Ich glaube aber, dass wir verstärkt darauf hinweisen müssen, dass es nicht „Islamkritik“ ist, wenn Muslimen pauschal etwas unterstellt wird, sondern plump Rassismus. Das kann alles als freie Meinungsäußerung geschützt werden, gleichzeitig ist eine inhaltliche Entgegnung unsererseits notwendig.

Islamische Zeitung: Die organisierte Islamkritik fordert Einschränkungen des Islam, Einschränkungen für Muslime. Haben Juden in ihrer Geschichte in Deutschland vor der NS-Zeit Ähnliches hören müssen?

Armin Langer: Es gab viele Initiativen für die Einschränkung der Rechte von Juden. Schon weit vor den Nazis, beispielsweise für das Verbot des Schächtens. Es gab viele der sogenannten aufgeklärten, liberalen Philosophen, die sich dafür ausgesprochen haben, das Judentum sei eine rückständige Religion und Juden müssten zum Christentum oder Atheismus konvertieren, darunter zum Beispiel Immanuel Kant oder die Humboldt-Brüder.

Islamische Zeitung: Heute hören Muslime, sie sollen sich reformieren, einem liberalen oder humanistischen Islam folgen. Sehen Sie darin Parallelen?

Armin Langer: Absolut, ganz klar. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte um staatliche Neutralität. Die Forderung ist nämlich nicht wirklich, neutral zu sein, sondern die christlichen Normen zu übernehmen. Es ist nicht neutral, keine religiös geprägte Kleidung zu tragen, sondern entspricht der christlichen Vorstellung von Religion und Kleidung. Laut der christlichen Theologie braucht der Bürger keine religiösen Symbole. Laut der muslimischen und der jüdischen Theologie gibt es im Erscheinungsbild aber schon Merkmale, die man als religiöse Symbole verstehen kann.

Islamische Zeitung: Manchmal hört man den Satz, Muslime seien die neuen Juden. Ich halte ihn für faktisch-historisch und spirituell schwierig. Wie bewerten Sie das?

Armin Langer: Schlicht würde ich sagen, dass ich das nicht so sehe, weil es die alten Juden immer noch gibt und Antisemitismus nicht verschwunden ist. Aber ich finde, der Satz macht aufmerksam auf die Parallelen zwischen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus. Es ist sehr wichtig, über diese Ähnlichkeiten zu reden, weil dadurch die Ausgrenzungsmechanismen, denen sich Muslime ausgesetzt sehen, besser verstanden werden können. Es sollte Allgemeinbildung sein, dass die Argumente, die heute gegen Muslime verwendet werden, nichts Neues sind. Wenn man das erkennt, sieht man auch, wohin eine solche Hetze führen kann.

Islamische Zeitung: Neukölln hat nicht nur neue jüdische Einwohner. Gerade dieser Kultbezirk ist bei syrischen Flüchtlingen sehr beliebt. Hier wurden sogar bereits einige Läden von ihnen eröffnet. Wie haben syrische Flüchtlinge Neukölln für Sie verändert? Können Sie etwas mit der Behauptung, eines „importierten Antisemitismus“ anfangen?

Armin Langer: Ich muss sagen, ich liebe diese neuen syrischen Läden. Das Essen schmeckt unglaublich gut. Man muss an der Stelle auch erwähnen, dass es keinen Ort in Deutschland gibt, wo man eine so große Auswahl an gutem Essen bekommt. Zurück zu den Syrern, da möchte ich festhalten, dass ich viele von ihnen kennengelernt habe und keiner von ihnen war antisemitisch. Warum soll man über etwas reden, worüber es keine Zahlen gibt und Flüchtlinge pauschal in einen Verdacht stellen? Neukölln hat sich zumindest durch sie nicht zum Negativen verändert.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Langer, man kennt den Vorwurf, Politik und Medien seien auf dem rechten Auge blind. Finden Sie, es wird zu viel über vermeintlichen Antisemitismus durch Muslime geredet?

Armin Langer: Laut den Angaben der Bundespolizei werden über 95 Prozent aller antisemitischen Straftaten von Rechtsextremisten begangen. Wenn die deutsche Mehrheitsbevölkerung darauf spekuliert, Muslime könnten die neuen Antisemiten sein, versucht sie, die Verantwortung abzugeben, die Gefahr des Antisemitismus ernsthaft zu bekämpfen.

Islamische Zeitung: Welches Verhältnis haben Sie zu Ungarn?

Armin Langer: Es ist anstrengend, zuzusehen, was sich dort tut. Ich bin ziemlich pessimistisch, was die Entwicklung der ungarischen Öffentlichkeit angeht. Deshalb bin ich auch nach Deutschland gezogen. Ich war dort damals politisch aktiv, mit dem Gefühl, gegen eine Wand zu sprechen. In Deutschland habe ich jedoch die Hoffnung, dass wir verhindern können, dass die Rechten an die Macht gelangen. Antisemitismus und Islamhass verbreiten sich in Ungarn rasant, gerade im Zuge der Flüchtlingskrise. Was auf der einen Seite absurd ist, weil es in Ungarn kaum Muslime gibt und einige wenige dort eine jahrhundertealte Geschichte haben. Auf der anderen Seite gibt es in Budapest aber auch fünf bis sieben Prozent Juden. Gleichzeitig sind Antisemitismus und Islamhass im öffentlichen Diskurs Ungarns verankert.

Islamische Zeitung: Gerade Konservative sprechen in Deutschland vom christlich-jüdischen Abendland. Helmuth Kohl lobte gerade erst die Politik Viktor Orbans, Seehofer traf sich gar mit ihm.

Armin Langer: Sie passen zueinander. Seehofer ist nicht viel besser als Orban. Beide sind ziemlich rechtspopulistisch, sie vertreten eine ähnliche Linie in Bezug auf Geflüchtete und Muslime überhaupt.

Islamische Zeitung: Würden Sie sagen, wer antimuslimisch ist, hat das Potenzial, auch antisemitisch zu sein?

Armin Langer: Es gibt mehrere Studien, die das beweisen. Zum Beispiel hat Andreas Zick vom Institut für Gewaltforschung in Bielefeld nachgewiesen, dass Menschen, die antimuslimische Ansichten vertreten, oft auch antisemitische Ansichten haben. Dabei wurden Anhänger der Pegida-Bewegung befragt. Und diese waren sehr offen für Antisemitismus. Nur wird das weniger offen geäußert. Antimuslimische Äußerungen sind nicht derartig verpönt. Ich habe früher schon gesagt: Wer sich antisemitisch äußert, verliert seinen Job, wer sich antimuslimisch äußert, wird Bestseller-Autor.

Islamische Zeitung: Wie können Juden und Muslime effektiv gegen diese Phänomene antreten?

Armin Langer: Es ist wichtig, dass Juden und Muslime, nicht nur parallel zueinander, sondern gemeinsam gegen Rechtspopulisten auftreten. Eine gemeinsame Kampagne gegen Rechts ist notwendig. Beide Glaubensgemeinschaften sind von diesem Hass betroffen. Das letzte Mal war die Beschneidungsdebatte, aber das ist eben schon eine Weile her. Jetzt gibt es mit dem Grundsatzprogramm der AfD einen neuen Anlass. Ich denke auch nicht, dass wir dabei auf die Vertreter von Verbänden warten müssen. Die Zivilgesellschaft hat ein starkes Potenzial. Die Mehrheitsgesellschaft muss realisieren, dass es Juden und Muslime gibt, die sich an diesen Debatten beteiligen wollen. Und sie muss ebenso realisieren, dass sie nicht Angst vor Muslimen, sondern vor Rechtsextremen haben sollte.

Islamische Zeitung: Wir bedanken uns für das Gespräch.

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