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„Es geht mir um Freiheit“

Interview mit dem Unternehmensberater ­Khuram Malik über die Verbindung von ­Spiritualität mit ­unternehmerischer Entfaltung und warum man dem Anderen dienen muss

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Foto: Khuram Malik, Facebook

(iz). Khuram Malik ist Buchautor und Business-Stratege. Mit seinem Buch „Billion Dollar Muslim“ liefert er eine muslimische Sicht auf das Unternehmertum. Er möchte Muslime dazu inspirieren, selbständig zu werden und durch ihren spirituellen Grundgedanken Gutes für die Gesellschaft zu bewirken. Wir unterhielten uns mit ihm über die Selbständigkeit, seine Leidenschaft für den unternehmerischen Geist im Islam und damit einhergehende Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit.

Islamische Zeitung: Lieber Khuram Malik, was hat Sie dazu motiviert, das Buch „Billion Dollar Muslim“ zu schreiben? Geht es darum, reich zu werden?

Khuram Malik: Zunächst hatte ich in meinem eigenen Leben gesehen, wie viel besser es unserer Familie und jenen um uns herum ging, als mein Vater Unternehmer wurde. Außerdem habe ich erlebt, welchen Einfluss Unternehmer auf ihre Gesellschaft ausüben können. Wir alle wollen etwas für die Welt bewirken, sie gestalten. Und ich habe gesehen, dass Unternehmertum die beste Art ist, dies zu tun.

Als ich nach London kam, befasste ich mich damit, inwiefern Islam das Unternehmertum begünstigt oder befürwortet. Ich hatte es im Gefühl, da diese Tätigkeit eine ist, die stark mit unserer Fitra verbunden ist. Sie ist sehr intuitiv. Ich konnte jedoch nur sehr wenige Informationen dazu finden, und keine Bücher. Ich habe überall geschaut und irgendwann sagte meine Frau, ich solle das Buch einfach selbst schreiben, weil ich mich mehr damit beschäftigt hätte als andere und der Bedarf da sei. Der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte, dass neun Zehntel unseres Rizq, unserer Versorgung, vom Handel stammen. Wer also einer Beschäftigung, einem Job, nachgeht, der lebt bloß von einem Zehntel seiner Versorgung.

Geht es dabei ums Reichwerden? Absolut nicht. Ich ermutige dazu, Wohlstand aufzubauen, aber es geht mir dabei um Freiheit. Dabei geht es nicht einmal so sehr um finanzielle Freiheit, sondern um die Befreiung aus der intellektuellen Sklaverei der Job- Mentalität. Menschen arbeiten so viele Stunden in Beschäftigungsverhältnissen und sind dann komplett ausgemerzt. Sie haben keine Zeit für ihre Familie und dafür, das zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist. Wenn man Menschen fragt, was sie mit 100.000 Dollar machen würden, dann würde niemand sagen, er würde gerne von 9 bis 17 Uhr irgend einem Job nachgehen. Viele wären gerne Künstler, oder würden den Armen helfen, oder würden reisen etc. All die Dinge, die man nicht tun kann, wenn man in einem Beschäftigungsverhältnis ist. Selbst wenn man das Geld hat, hat man die Zeit nicht.

Unternehmertum gibt die Freiheit, diese Dinge zu tun. Und als Muslime wollen wir die Welt verändern. Daher ist für mich das Unternehmertum der einzige Weg dorthin.

Islamische Zeitung: Was sollten muslimische Unternehmer oder die, die es werden wollen, beachten, um nicht in die Falle zu tappen, bloß einen gewissen Lebensstil erreichen zu wollen?

Khuram Malik: Eine schwierige Frage. Es geht dabei schließlich um den Zustand des Herzens. Wenn jemand im Herzen das Verlangen nach Materiellem hat, dann wird Unternehmertum dies nicht verändern, sondern er wird es benutzen, um die schönen Autos und so weiter zu bekommen. Eigentlich ist es eine giftige Mischung, die destruktiv ist.

Deshalb braucht es einen spirituellen Beweggrund. Was Allah von uns will, ist, dass wir Gutes tun. Und wir tun Gutes, indem wir Ihm dienen. Ihm dienen wir, indem wir seiner Schöpfung dienen.

Wenn Geschäfte Probleme lösen, dann birgt sich darin Gutes. Uber hatte es sich, bei aller berechtigten Kritik, zur Aufgabe gemacht, das Monopol der Taxiunternehmen zu brechen. So kam der Erfolg.

Geld ist ein gutes Symptom. Man sollte darauf bedacht sein, viel davon zu generieren, aber die Absicht dahinter sollte immer sein, bestehende Probleme lösen zu wollen. Unternehmertum dafür zu nutzen, der Gesellschaft ein Nutzen zu sein und daraus einen Wert zu schöpfen, der finanziellen Lohn mit sich bringt, ist der beste Weg, dies zu tun.

Islamische Zeitung: Wir neigen dazu, dem Kapitalismus kritisch gegenüberzustehen, also haben wir meist eine skeptische Haltung zu Reichtum und den Reichen. Stammt diese aus dem Islam selbst oder haben wir die kommunistische Ideologie übernommen?

Khuram Malik: Das Problem mit dem Kapitalismus ist das Wort Kapital. Dieses wird geschaffen, um den Reichtum der Massen in den Händen einiger weniger zu konzentrieren. Wenn wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, dann setzen wir Profit mit Tyrannei und Korruption gleich.
Historisch haben zudem viele Religionen gelehrt, dass Geld und Materialismus die Wurzel des Bösen seien.

Muslime haben dies übernommen und heute auch eine sehr ungesunde Beziehung zu Reichtum. Doch viele Sahaba waren reich und ihnen wurde das Paradies versprochen. Warum sollte Reichtum schlecht sein, wenn ihnen das Paradies gegeben wurde?

Es kommt auf die Art an, wie man den Reichtum nutzt. Man kann so viel Gutes mit seinem Geld tun und Allahs Wohlgefallen damit suchen. Wenn wir aber die kapitalistische Idee verfolgen und Menschen ausbeuten, um mehr und mehr Profit zu machen, dann ist das natürlich verwerflich.

Das Problem mit dem Kommunismus ist auf der anderen Seite, dass staatlich geregelt sein soll, wie viel wir verdienen. Allah hat uns aber Freiheit gegeben. Wir haben die Freiheit, unsere Versorgung zu bestreiten wie wir wollen, im erlaubten Rahmen, und können so viel verdienen wie wir wollen. Es gibt dabei keine Einschränkung.

Im Islam geht es darum, dass das Fundament für alle gleich und gerecht ist, sodass jeder hinausgehen kann und für sich und seine Familien die Versorgung erarbeiten kann. Wenn wir Geld als die Wurzel allen Übels sehen, werden wir immer vor ihm davonlaufen. Wir haben aber Rechnungen zu bezahlen und wollen Dinge verändern. Also brauchen wir eine gesunde Grundeinstellung. Wir können unseren Reichtum nur nach unserer Absicht, die dahinter steckt, beurteilen.

Islamische Zeitung: Wieso ist Unternehmertum heute so relevant und wieso entscheiden sich immer mehr Menschen dazu, einer Arbeit nachzugehen, die kein typischer „9-to-5-Job“ ist?

Khuram Malik: Ich kenne niemanden, der in einem Beschäftigungsverhältnis ist, der nicht seinen Job aufgeben würde, um Unternehmer zu werden, selbst wenn der Verdienst derselbe wäre. Sie alle haben die Schnauze voll von ihrer Arbeit. Es wird immer schlimmer. Speziell im Westen erkennen wir, dass der Kapitalismus langsam untergeht.

Wir erleben es dann in uns selbst, weil das ganze System zusammenfällt. Das giftige Fundament ist in allen Bereichen erkennbar. Leute sind unzufrieden und tragen es an ihre Familien und Freunde weiter. Wir erkennen, dass wir zu Lohnsklaven geworden sind. Menschen wollen einfach emotionale und intellektuelle Freiheit. Ihre Jobs geben ihnen diese nicht. Also müssen sie nach etwas anderem suchen. Sie wissen aber nicht, wie sie Unternehmer werden können. Niemand hat es ihnen beigebracht. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nicht danach ausgerichtet worden, uns zu ermutigen, selbständig zu werden.

Wir haben außerdem oft die Einstellung, dass wenn alle selbständig würden, es keine Arbeit mehr gäbe. Wenn wir uns aber das Modell von Medina anschauen, sehen wir, dass es Zünfte gab. Jeder kam als freier Mann dorthin, und man kooperierte mit einander und anderen Leuten, um Dienstleistungen an wiederum andere zu bieten. Man verband sein Geld mit dem der anderen.

Das moderne Äquivalent dessen wäre der Freiberufler. Das, womit man unseren Propheten am ehesten beschreiben konnte, war, dass er als Freiberufler und Berater agierte. Als Khadidscha ihn beschäftigte, denken wir dabei, dass er ihr Angestellter war. Dabei war sie seine Auftraggeberin, eine ganze andere Perspektive. Er hat ihr eine seiner Leistungen angeboten.

Wenn er heute leben würde, dann wäre er kein Angestellter. Er wäre ein Freiberufler und er wäre ein Teil einer Gruppe von Leuten, die sich gegenseitig unterstützen. Die Idee eines Lohnsklaven war nicht, was in Medina geschaffen wurde.

Er würde seine Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen und frei bleiben. Er wäre Unternehmer. Auch islamische Gelehrte haben mir bestätigt, dass seine Tätigkit die eines Unternehmers war. Wieso sollten wir also Angestellte sein, wenn wir ihm, Allahs Segen und Friede auf ihm, nacheifern? Das ist nichts als Sklaverei und dies ist die Kultur, in der wir heute leben: Geh, und beschaffe dir einen Job.

Islamische Zeitung: Als Muslime finden wir uns politisch oft in der Situation wieder, viele Kompromisse bezüglich unseres Dins eingehen zu müssen, um eine Partei unterstützen zu können. Glauben Sie, dass Unternehmertum uns aus diesem Dilemma heraus helfen kann und uns eine andere Art politischen Einflusses geben kann?

Khuram Malik: Absolut! Unternehmertum gibt so viel politische Macht. Wenn man sich anschaut, wie politische Strukturen funktionieren, sehen wir, dass auch die Politiker unternehmerische Tendenzen haben, sie kaufen sich ihren Platz in der Politik. Colin Powell gab zu, dass er für seine Position bezahlt hat. Er wusste, wie man das Geld zusammenbekommt, sein eigenes einsetzt und wusste, wie man es für politische Zwecke einsetzt.

Das Prinzip der Demokratie wird zur Farce, wenn Ultrareiche wie Trump in den USA sich mit ihren Kampagnen zur Macht hinbewegen. Sie sind Unternehmer und Oligarchen. Die Medien sind ebenso Unternehmen, die von Leuten geleitet werden und die öffentliche Meinung bestimmen.

Wir müssen wissen, wie wir Unternehmen und Zünfte selbst kreieren. Sieht man sich Elon Musk an, und seine Kooperation mit wichtigen politischen Akteuren, erkennt man, dass sein Einfluss darin begründet liegt, dass er reich ist und etwas Außerordentliches bietet.

Lobbyarbeit bestimmt das politische Feld und die Lobbys werden von Unternehmen finanziert. Die größte Macht liegt also beim Unternehmer. Schaut man sich in England die Krankenhäuser an, dann sieht man, dass sie von Zünften gegründet wurden. Sie hatten die Möglichkeit dazu, weil sie das Geld hatten und somit eine gewisse Macht. Chinesische Unternehmen beeinflussen die Politik in Pakistan. Unternehmertum darf in der Politik nicht unterschätzt werden.

Islamische Zeitung: Ist es Ihrer Meinung nach möglich, Themen wie Islamophobie durch Unternehmertum anzugehen?

Khuram Malik: Ja, das glaube ich. Das Islamophobia Newtork wird mit Millionen an Dollars unterstützt, was von Unternehmen kommt, die Islamophobie schüren wollen, weil es in ihre Agenda passt. Wir können dem entgegentreten. Hollywood ist nichts als ein Unternehmen, denn Filmemachen ist eine Art von Unternehmertum. Schaut man sich die türkische Dirilis Ertugrul aus der Türkei an, sieht man, dass sie das Bild der Leute über Muslime verändern. Sie sehen durch die Serie Gutes in den Muslimen. Aber so ein Projekt braucht einen Unternehmer, der es kreiert. So etwas kann man ebenso mit Büchern machen. Man kann ein anderes Bild schaffen und Charaktere und Narrative schaffen, die uns in einem positiven Licht darstellen und uns wichtige Rollen verleiehen.

Islamische Zeitung: Ein großartiges Unternehmen braucht ein großartiges Team. Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Komponente für das Wachstum und den Erfolg eines Teams? Wie bewahren wir es davor, auseinanderzufallen?

Khuram Malik: Die wichtigste Komponente ist Liebe. Das hört sich klischeehaft an, aber es ist wahr. Die meisten Firmen beruhen auf Angst. Menschen haben Angst, ihre Rechnungen nicht zahlen zu können, also arbeiten sie. Und die Firmen nutzen dies aus. Wenn sich aber eine bessere Möglichkeit ergibt, werden diese Arbeitnehmer diese ergreifen, denn sie haben keine Loyalität zur Organisation. Warum auch?

Diese giftige Atmosphäre betrifft jeden Mitarbeiter und reduziert Produktivität und Kreativität. Dadurch gibt kaum Platz für Innovation und somit entsteht weniger Profit.

Wenn man ein Team durch Liebe leitet, dann inspiriert man es, zu kreieren und weiterzumachen und es entsteht Loyalität. Eine, die nicht nur auf den Gehalt bezogen ist. Die Mitglieder sind der Vision gegenüber loyal. Das macht starke Unternehmen aus. Solche können mit viel weniger Leuten auskommen. Sie können mit fünf Leuten viel stärker sein als andere mit 20, weil sie Liebe für das empfinden, was sie tun.

Viele denken, wenn man Liebe zeigt, dann würden anderen undankbar und undiszipliniert. Wenn jemand aber durch Angst diszipliniert wird, dann ist es eine Strafe. Wenn es aus Liebe geschieht, dann ist es deswegen, weil man möchte, dass jemand wächst und weil man sich um ihn sorgt. So vergrößert man die Loyalität. Wer möchte so jemanden verlassen oder ihm in den Rücken fallen?

Islamische Zeitung: Welche Tipps haben Sie für unsere LeserInnen, die mit dem Gedanken spielen, selbständig zu werden? Oft liegt die Zurückhaltung ja in der einfachen Tatsache, dass sie keine Bankkredite dafür aufnehmen möchten.

Khuram Malik: Es braucht nicht viel Geld, um anzufangen. Viele verharren am Anfang darin, Businesspläne und Registrierungen zu erstellen und vieles aufzubauen, was noch nicht notwendig ist. Ich habe einen kostenfreien Online-Kurs kreiert, der den Menschen beim Start helfen soll, https://learning.krmmalik.com/. Jeder, der das liest und Interesse hat, sollte den Kurs besuchen, er ist kostenfrei und hilft, den Anfang zu machen und vor allem kein unnötiges Geld zu verlieren.

Ich gehe dort auf die Fallen ein, in die die meisten tappen. Man braucht keine Kredite. Die meisten Unternehmen können durch Ersparnisse von 2-3 Monatsgehältern begonnen werden.

Alles, was in der Fitra des Menschen ist, wird Baraka haben. Daran müssen wir uns erinnern. Man kann diese nicht spüren, solange man es nicht tut. Man kann sich vielleicht vorstellen, wie schön etwas ist, wenn man es aber nicht persönlich erlebt hat, weiß man nicht, wie diese Erfahrung eigentlich ist. Unternehmertum ist in der Fitra des Menschen und alles was unser Prophet getan hat, war in der Natur des Menschen. Es macht Angst, aber mein Tipp ist, Istikhara zu beten und Sure Al-Waqiah zu rezitieren. Sie ist exzellent hierfür und eine große Hilfe.

Es gibt viele Business-Bücher und Kurse, die bei all dem helfen können. Einiges ist aber nicht aus Büchern zu entnehmen. Man braucht einen Lehrer, so wie im Din überhaupt. Die Weisheit, die Unternehmer haben, kann nicht durch Bücher vermittelt werden. In meinem Buch wird ein Argument für die Selbständigkeit gemacht, um die Leute dafür zu begeistern. Aber wenn man sich dazu entscheidet, braucht man mehr. Deswegen habe ich meinen Podcast gestartet, der auf iTunes, Android und Soundcloud kostenfrei zu hören ist. Ich veröffentliche dort jede Woche eine Folge, der Podcast heißt ebenso Billion Dollar Muslim. Ich spreche dort über all diese Nuancen und Weihseiten, die nur jemand teilen kann, der es selbst alles erlebt hat. Wie man alles managen soll und all die Hochs und Tiefs überlebt, aus der Perspektive eines Muslims, der Muslimen eine Perspektive aufzeigen möchte. Mittwochs um 12 Uhr werden sie auf Facebook live übertragen.

Jeder, der Unternehmer werden möchte, ist dazu eingeladen, sich meinen Kurs anzuschauen und in den Podcast reinzuhören. Ich versuche dort, auf alles einzugehen und den Leuten den Weg in die Freiheit zu erleichtern.

Islamische Zeitung: Lieber Khuram Malik, wir bedanken uns für das Interview.

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