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„Es geht nicht nur um Zahlen und Grenzen, sondern um Einzelschicksale“

„IZ-Begegnung“ mit der österreichischen Journalistin und Autorin Nermin Ismail über ihre Erfahrung mit der Flüchtlingsfrage

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Foto: Copyright Luiza Puiu

(iz). Nermin Ismail ist österreichische Journalistin und hat kürzlich ihr Buch „Etappen einer Flucht. Tagebuch einer Dolmetscherin“ veröffentlicht. In diesem nimmt sie den Leser mit auf ihre persönliche Reise durch verschiedene Stationen der sogenannten Flüchtlingskrise 2015. Wir sprachen mit ihr über ihre Erlebnisse und die Menschen, die sie kennenlernen durfte.

Islamische Zeitung: In Ihrem Buch beschreiben Sie eindrücklich Ihre Erfahrungen während der Flüchtlingsmigration des letzten Jahres. Was waren Ihre Beweggründe, so nah und gleich an mehreren Orten dabei zu sein?

Nermin Ismail: Es gab mehrere Gründe. Einerseits war es meine journalistische Tätigkeit. Man hat einfach die Aufgabe, da, wo man das Gefühl hat, es wird nicht genug berichtet und wir haben nicht genug Zugang dazu, hinzugehen und mit den Betroffenen zu sprechen. Andererseits wollte ich als Privatperson, die Arabisch spricht, meine Hilfe anbieten, indem ich ehrenamtlich übersetze.

Daher sind die Etappen jeweils unterschiedlich. Ich habe mich in den Räumen und Orten bewegt, mit unterschiedlichen Menschen gesprochen. Was aber überall gleich war, ist der Wunsch der Menschen, ihre Geschichten weiterzuerzählen, sie aufzuschreiben. Sie haben viele harte Dinge erlebt, die sie so nicht erwartet hatten und wollten, dass dies nicht ungehört bleibt. Deswegen haben sie sich grundsätzlich gefreut, dass da jemand war, der gesagt hat „ich höre euch zu, ich interessiere mich für eure Sorgen“. Egal, an welchem Ort es war, sie waren glücklich darüber, dass da jemand war, der ihre Sprache sprechen konnte.

Das waren meine Beweggründe. Ich wollte aufzeigen, dass diese Menschen keine Zahlen sind. Es geht nicht nur um Zahlen und Grenzen, sondern um Einzelschicksale. Jeder hat eine eigene, besondere Geschichte zu erzählen. Vieles kann man nicht mehr wiedergutmachen. Sich das anzuhören, ist das Mindeste, was man für diese traumatisierten Menschen tun kann.

Islamische Zeitung: Nach all dem was Sie in dieser Zeit gesehen und erfahren haben, würden Sie es noch mal tun?

Nermin Ismail: Ja. Ich würde es auf jeden Fall noch mal tun. Und die Arbeit ist ja jetzt auch nicht vorbei. Nur, weil das Buch nun veröffentlicht ist, heißt das nicht, dass ich aufgehört habe.

Menschen flüchten immer noch, es ist egal, ob die Grenzen offen oder zu sind. Jene, die nicht im Krieg bleiben können, müssen gehen, und finden ihre Wege. Doch wird es ihnen immer schwieriger gemacht. Legale sowie illegale Wege werden immer problematischer. Nur, weil derzeit nicht Tausende hier ankommen, heißt es nicht, dass nicht beispielsweise in Griechenland in den Flüchtlingsunterkünften Dinge passieren, die nicht in Ordnung sind.

Der Direktor der European Agency for Fundamental Rights sagte, wenn es egal wird, dass Menschenrechte verletzt werden, wir unsere Grundlage verlieren.

Und es ist Aufgabe der Journalisten, darauf aufmerksam zu machen, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Ich würde es definitiv wieder machen, aber es muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit auf mehreren Ebenen weitergeht. Denn die Menschen sind ja jetzt da.

Islamische Zeitung: Gerade wenn man auf den Aspekt der Menschenrechte eingeht – was würden Sie zur Situation in der Türkei und Griechenland sagen? Es gibt viele Stimmen, die behaupten, es sei besser für die Menschen, dort zu bleiben und nicht weiter in Richtung Westeuropa zu reisen.

Nermin Ismail: Ich kann dazu nur sagen, was ich selbst gesehen habe. Nämlich, dass sehr viele Menschenrechte verletzt werden und es sowohl in der Türkei als auch in Griechenland überfüllte Flüchtlingslager gibt. In der Türkei geraten beispielsweise viele Kinder in die Kinderarbeit.

Islamische Zeitung: Wie bewerten Sie die Forderung, die Geflüchteten in Europa zu verteilen? Wenn man die Berichte über Ungarn gesehen hat, kann man da wollen, dass sie dort bleiben?

Nermin Ismail: Ich kann und möchte eine politische Aussage nicht beurteilen. Es ist aber klar, dass gewisse Standards von den Ländern der EU erfüllt werden müssen und wenn einige Länder sich weigern, dann ist das nicht in Ordnung.

Es ist eine schwierige Situation, wenn viele wieder nach Kroatien oder Ungarn abgeschoben werden, obwohl sich die Menschen eingelebt haben, ihre Nachbarn kennengelernt haben, die Kinder zur Schule gehen und sie dann wieder dorthin zurück müssen, wo sie traumatische Erlebnisse hatten. Sie haben mir ganz schlimme Geschichten erzählt und waren froh, endlich angekommen zu sein, nur um dann wieder zurückgeschickt zu werden.

Islamische Zeitung: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass sie ganz verschiedene Erfahrungen mit den Menschen selbst gemacht haben. Erzählen Sie uns etwas darüber.

Nermin Ismail: Wenn man einen Mann vor sich stehen hat, der erst, als er an der Grenze zu Österreich steht, realisiert, dass er seine Tochter verloren hat, lässt das einen natürlich nicht kalt. Es gab viele Situationen, in denen man merkte, dass die Menschen einfach nicht mit dem umgehen konnten, was ihnen passiert ist. Als ich den Mann fragte, wo er denn seine Tochter das letzte Mal ­gesehen habe, sagte er „im Meer“. Das ist etwas, was wir normalerweise nur in Bildern in den Medien und als Schlagzeilen sehen. Es von einem Betroffenen zu hören, ist sehr hart.

Die Menschen, die hier angekommen sind, merkten oft nach einiger Zeit, dass es ihnen doch nicht so gut geht wie sie glaubten und ihre Traumata sie doch einholen. Wenn ich Syrer und Iraker gefragt habe, was sie sich eigentlich am meisten wünschen würden, kam fast immer die Antwort, sie wollten wieder nach Hause. Insbesondere dann, wenn sie das Gefühl hatten, in einer Gegend zu leben, in der sie nicht erwünscht sind und man viele Vorurteile gegen sie hat. Aber es gibt da so viele Geschichten, ich wüsste nicht, wo ich anfangen soll.

Islamische Zeitung: Sie deuten in Ihrem Buch an, dass es Sie stört, wenn die Geflüchteten lediglich als Massen oder Zahlen dargestellt werden. Sind die Vermenschlichung der Flüchtenden und das Zurückerlangen unserer Menschlichkeit ihnen gegenüber Ziel Ihres Buches?

Nermin Ismail: Ja. Das ist meine ­Absicht gewesen. Wenn man eine Menschenmasse homogenisiert, entmenschlicht man sie. Viele erzählten mir, dass es sie störte, immer nur als Flüchtling ­bezeichnet zu werden, wobei sie doch so viel mehr sind.

Sie haben unterschiedliche Rollen. Unter ihnen sind Studenten, Arbeitende, Väter, Mütter. Im Endeffekt wollen sie nichts anderes als was jeder von uns möchte, nämlich ein Leben, in dem sie ihre Träume verwirklichen können, in dem sie sich erfüllen und mit ihrer ­Familie in Sicherheit leben können. Und genau darum ging es mir, zu zeigen, dass es so viel mehr gibt, was sie ausmacht als ihr Flüchtlingsdasein. Dadurch holen wir auch das Menschliche in uns wieder ­zurück.

Islamische Zeitung: Sind Sie mit den Menschen, die Sie kennenlernten, noch im Kontakt? Wenn ja, wie geht es ihnen und wo sind sie?

Nermin Ismail: Es gibt Menschen, mit denen ich noch im Kontakt bin, von denen ich weiß, was sie machen und ­regelmäßig mit ihnen telefoniere. Es gibt auch andere, bei denen der Kontakt ­vollkommen abgebrochen ist. In Österreich sind viele, mit denen ich noch ­spreche. Oft rufen sie an, um über ihre Probleme zu sprechen. Besonders schön ist, dass einige zu den Lesungen meines Buches gekommen sind.

Es ist jedoch schwierig, ein normales Leben zu führen, wenn man an einem abgelegenen Ort leben muss, an dem man sich nicht wohl fühlt. Ich versuche ihnen dabei Hoffnung zu machen, da sie es schon so weit geschafft haben.

Islamische Zeitung: Haben Sie in dieser Zeit auch etwas Neues über Sie selbst gelernt? Gibt es Dinge, die Ihnen bewusst geworden sind, auch bezüglich Ihrer eigenen Identität als österreichische Muslimin?

Nermin Ismail: Hauptsächlich gab es die Erkenntnis darüber, wie privilegiert man ist. Überall haben die Menschen mich gefragt, woher ich komme. Als ich erklärte, dass meine Eltern Ägypter sind aber ich in Österreich geboren bin, haben sie mir gratuliert und gesagt, welches Glück ich doch habe. Das ist mir immer wieder klar geworden, dass es bloßes Glück ist, in einem sicheren Land geboren zu sein. Es ist weder eine Leistung noch etwas, was ich verdient habe.

Seltsam war die Erfahrung, Arabisch mit den Menschen zu sprechen und dann auf der anderen Seite zu stehen und ins Deutsche zu wechseln, da haben sich viele gewundert und waren in ihrem Schubladendenken verunsichert. Die Sprache macht viel aus, und, für sich selbst ­sprechen zu können.

Mir ist auch bewusst geworden, dass das, was ich bin, nicht von der Wahrnehmung anderer abhängt. Nur weil sie mich als etwas sehen, heißt es für mich nicht, dass ich es auch bin. Das sage ich den Menschen, die geflüchtet sind, immer wieder. Sie können sein, was immer sie wollen. Ihre Aufgabe ist es, ihre positive Energie zu behalten in ihrer neuen europäischen Umgebung.

Aus Recherchegründen war es einerseits auch erleichternd, als Flüchtling wahrgenommen zu werden, weil ich so hautnah die Geschäfte miterleben konnte, die beispielsweise in der Türkei gemacht werden. Negativ war das Misstrauen als ich sagte, ich sei Österreicherin, und man glaubte, ich wolle nur einen Weg nach Europa finden. Das war ­überraschend, weil ich mich selbst als Europäerin begreife und realisieren musste, was die Wahrnehmung doch ausmacht.
Jedoch, auch wenn sich die Erfahrungen schlimm anhören: Es gab viele schöne Momente, sei es mit den Flüchtlingen, mit Menschen vom Roten Kreuz, mit kleinen Mädchen, die lächelten, weil man ihnen was Süßes in die Hand gab. Etwas Positives war immer da. Und das gab einem immer die Hoffnung, dass es gut gehen würde.

Islamische Zeitung: Würden Sie das, was 2015 passiert ist, als positiv oder überwiegend problematisch bewerten? Und wie blicken Sie der Zukunft ­entgegen?

Nermin Ismail: Es ist sehr schwierig, es als gut oder schlecht zu bewerten. Jeder Mensch ist woanders angekommen und man muss jedes einzelne Schicksal betrachten. Wenn wir die politische Seite betrachten, sehen wir Überforderung und noch keine wirklichen Lösungen.

Es gab anfangs große Solidarität. Doch wo wir jetzt angekommen sind, ist nicht, was man sich erhofft hat. Es wurden Grenzzäune gebaut und Menschen werden in Länder abgeschoben, in denen sie nicht leben wollen.

In die Zukunft blickend kann man sagen, dass die Grundstimmung keine positive ist. Daher ist es mir wichtig gewesen, dieses Buch zu schreiben, die Menschen selbst vorzustellen und von diesem Begriff „Flüchtling“ wegzukommen. Es geht nicht um „die Flüchtlinge“. Flüchtlingsstrom. Flüchtlingswelle. Flüchtlingsmassen. Diese Begriffe haben nichts Menschliches an sich. Ich finde es gefährlich, so große Gruppen von Menschen zu homogenisieren und zu entmenschlichen. Sie sind geflüchtet, weil sie es mussten.

Liebe Nermin Ismail, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Tijana Sarac

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