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Es ist tragisch, dass Ghandis Erben den Menschen die Freiheit verweigern. Von Shahid R. Siddiqi

Wir alle sind Kaschmiris!

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Die anhaltend bedrückende Lage der Menschen in Kaschmir erzwingt eine ­offene Debatte dieses Themas in Indien. Daher darf ein hochrangiges Meeting in Neu Delhi mit Arundhati Roy zur Lage in dem illegal besetzten Tal nicht unterschätzt werden.

(iz). Als Ghandi von den britischen Kolonialisten für seine Rolle im Widerstand der Inder gegen die britischen Herrscher 1922 in Ahmadabad wegen Umsturz angeklagt wurde, plädierte er auf schuldig. Er sagte den Richtern: „Ich habe kein Interesse daran, vor diesem Gericht zu verheimlichen, dass das Predigen von Unzufriedenheit mit dem existierenden Herrschaftssystem beinahe zu einer Leidenschaft für mich geworden ist…“ Der „Aufruhr“, so Ghandi, „ist juristisch ein bewusstes Verbrechen“, aber „er scheint mir die höchste Bürgerpflicht zu sein“.

Wie ironisch ist es, dass in einem Land, dass seine Freiheit durch Menschen wie Ghandi bekam, die den Aufstand als ihre Pflicht im antikolonialen Kampf betrachteten, die Menschen in Kaschmir unter dem Vorwurf des „Aufruhrs“ angeklagt werden. Sie wollen sich nicht zwingen lassen, als „Inder“ zu gelten und verlangen „Azadi“ (Freiheit) von Indien. Damals besetzte Neu-Delhi Kaschmir in Zusammenarbeit mit dem scheidenden britischen Vizekönig und schloss es später gegen die Wünsche der Kaschmiris der Indischen Union an.

Heute stellen Nationalisten und rechtsextreme Gruppen lächerliche Forderungen nach einer Strafverfolgung der Führer in Kaschmir und jener ausgesprochenen und furchtlosen Inder, welche die Sache Kaschmirs als eine gerechte verteidigen. Auf einer Veranstaltung in Neu-Delhi am 21. Oktober 2010 präsentierten neben Führern aus Kaschmir auch bekannte indische Persönlichkeiten wie Arundhati Roy und andere Kaschmirs Verlangen nach „Azadi!“. Sie zeigten der Öffentlichkeit ein Bild dessen, was wirklich in Kaschmir geschieht: Rücksichtslose Sicherheitskräfte, die an brutalen Morden, Verhaftungen, Menschenrechtsverletzungen und einer systematischen Wirtschaftsblockade des Tals beteiligt sind. Sie tun dies mit der Absicht, den Willen der Menschen zu brechen und sie zur Unterwerfung und Aufgabe ihres Verlangens nach Freiheit zu zwingen.

Die Veranstaltung unter Teilnahme von Dissidenten, verschiedener Widerstandsbewegungen Indiens, Journalisten, Intellektuellen und Aktivisten war ein wichtiger Schritt. Vielleicht zum ersten Mal war der Ruf „Hum Kia Chahtaya Hain – Azadi!“ (Was wollen wir? Freiheit!) durch das Fernsehen in vielen indischen Wohnzimmern zu hören. Dies war das erste Mal, dass einige Menschen den Mut hatten, mitten im Herzen Indiens gegen die Menschenrechtsverletzungen im besetzten Kaschmir aufzustehen. Vielleicht zum ersten Mal mussten viele Inder erkennen, dass, so wie sie ihre Freiheit von den britischen Kolonialisten erlangten, die Kaschmiris ebenfalls ein Recht auf Freiheit haben. Historisch waren sie ein unabhängiger Staat wie viele andere in der Region. Und der Verkauf ihres Gebiets an einen Hindu-Herrscher durch die britischen Thronräuber war ein willkürlicher und unrechtmäßiger Akt. Diese Themen müssen den Indern korrekt dargestellt werden. Und dies ist genau das, was die kaschmirischen Führer zum ersten Mal in Orten wie Delhi, Chennai und Kolkata getan haben. Dies gefällt weder der indischen Regierung, noch entspricht es der Agenda nationalistischer und rechtsextremer Parteien. Den Ruf nach Freiheit auf den Straßen Kaschmirs erklingen zu lassen, ist eine Sache, aber dies im Herzen der Hauptstadt Delhi zu tun, eine andere.

Als die international bekannte Autorin Arundhati Roy öffentlich sagte, dass Kaschmir „kein integraler Bestandteil Indiens ist“ und ihre Abscheu angesichts der rücksichtslosen Unterdrückung der Kaschmiris und Ermordung unbewaffneter Demonstranten ausdrückte, wurde sie mit einer Welle des Hasses konfrontiert. Die radikale RSS, die BJP und eine bunte Koalition von Nationalisten, Rechten, extremistischen Politikern, hinduistischen Fanatikern, Terrorgruppen, Medienkontakten und Sympathisanten innerhalb der Geheim- und Sicherheitsdienste beschuldigten sie und andere Sprecher der Volksverhetzung und forderten ihren Kopf.

Es gab nichts in den Reden, was nicht vorher schon von anderen – Führern wie einfachen Leuten – in den Straßen Kaschmirs und dortigen Medien gesagt wurde. Der Kampf und die Leiden der Kaschmiris wurden – insbesondere in den letzten drei Jahren – immer öfter ernst genommen. Indiens Besatzung des Tals gilt mittlerweile als unmoralisch. Die Einschüchterung Arundhati Roys diente ihrer Terrorisierung und dazu, sie und jene, die so wie sie denken, zum Schweigen zu bringen. Als Christin, und daher Mitglied einer Minderheit in Indien, ist Roy gegenüber Angriffen seitens hinduistischer Fundamentalisten verletzlich. Indiens Christen wurden im Winter 2008 lebendig verbrannt, so wie 2002 ein Hindu-Mob 2.000 muslimische Männer, Frauen und Kinder im Bundesstaat Gujarat verbrannte.

Aber es wäre lächerlich für Indiens Regierung, Arundhathi Roy der Volksverhetzung anzuklagen, denn sie gilt als führende Dissidentin. Solch ein Vorgehen würde zu einer internationalen Verurteilung führen und Indiens Reputation als aufstrebende Regionalmacht und „größte Demokratie der Welt“ beflecken. Außerdem würde es die Kaschmirfrage ins internationale Blickfeld rücken. Roy brachte ihre Kritiker zum Schweigen, als sie die gleiche Wortwahl wie Jawaharlal Nehru benutzte. Er war der erste Premierminister nach Indiens Unabhängigkeit und Gründer des heutigen Staates. Roy sagte: „Schande über eine Nation, die ihre Autoren mundtot machen muss, weil sie die Wahrheit sagen (…) und die jene einkerkern muss, die Gerechtigkeit verlangen, während Killer auf den Dörfern, Massenmörder, kapitalistische Betrüger, Plünderer, Vergewaltiger und jene, die sich auf die wehrlosen Armen stürzen, volle Freiheit genießen.“

Regierungen des indischen Zentralstaats und der einzelnen Bundesstaaten bedienten sich schon oft des Vorwurfes der Volksverhetzung, um Widerspruch zu ersticken. Aber weil das Argument oft schwach war, wurde es mehrheitlich von den Gerichten zurückgewiesen. Grundlage dafür war die Feststellung des Obersten Indischen Gerichtshofes, wonach die Anklage der Volksverhetzung nur dann gültig ist, wenn sie die öffentliche Ordnung absichtlich stört oder zu Gewalt aufruft. Rechtsexperten und Politikwissenschaftler sind der Ansicht, dass „Aufwiegelung“ und „Missachtung der Gerichte“ in einer zeitgenössischen Demokratie keinen Platz mehr haben, um Kritik zu niedrig zu halten.

Shivam Vij, ein Autor in Delhi, sagte über den Kampf der Menschen in ­Kaschmir: „Wenn die Idee von Indien dergestalt ist, dass die selbst ernannten Wächter des Nationalismus über das ­nationale Interesse entscheiden und all jene verhaften wollen, die nicht mit ihrer Version desselben übereinstimmen, dass müssen wir alle uns von solch einem Indien abspalten. Wir alle sind Kaschmiris!“

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