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Essay: Beiträge zum europäischen Denken und seiner Beziehung zum Arabischen. Von Abdassamad Clarke

Lässt sich Identität übersetzen?

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(iz). Die Identität der Muslime und der Umma könnte nicht einfacher sein: Die uns interessie­rende Frage aber liegt gewissermaßen hinter uns. Es handelt sich um die Übersetzung dieser Identität angesichts eines europäischen oder westlichen Hintergrunds.

Genauso wie wir uns darum bemühen, unseren Din in dieses historisch neue Um­feld zu übertragen, sind andere wesentlich weiter, ihre säkulare Weltanschauung in eine muslimische Situation zu übersetzen. Und andere innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft arbeiten an einer Übertragung ihres Islam-Verständnisses, das als solches kaum noch zu erkennen ist. Es ist durchaus vorstell­bar, dass Länder in der muslimischen Welt ihren Islam derart einmal ­verlieren könnten.

Und, diese Frage ist keine geografische, sondern eine temporäre: Die Übersetzung des Dins in die Zeit, in der wir leben.

Identität
Identität leitet sich aus dem lateinischen „Idem (dasselbe)“ ab. Dies ist zwar nur eine Definition von „Wikipedia“, findet sich aber ebenso in anderen, respektablen Referenzwerken. Wie kann ein Ding eine Beziehung zu sich selbst haben? Es ist es selbst.

Was sonst sollte man sein? Man ­könnte versuchen, etwas anderes zu sein. Dies ist der Zustand der meisten in der heuti­gen Welt, darunter viele Muslime. Und es ist der Zustand der Uneigentlichkeit. Sie ist die Folge, der Entlehnung einer fremden Identität. Es einer Person zu ermöglichen zu entdecken, wer sie wirklich ist, ist aber die Grundlage jeglicher Erziehung. Das zu sein, was man ist, beschreibt den Zustand dessen, was man im Arabischen als „Fitra“ bezeichnet. Islam ist der Weg der Fitra.

Mensch und Gesellschaft
Was für den Menschen gilt, lässt sich auch auf die Gesellschaft anwenden – beziehungsweise auf Muslime und ihre ­Gemeinschaft. Der soziale Entwurf ist ­dabei mehr als nur eine Ansammlung von Individuen. So wie der Menschen mehr ist als nur ein Zell-Haufen, so ist die Umma mehr als nur eine Anhäufung von Muslimen.

Der Mensch ist ein zeitliches Wesen
In beiden Fällen ist Identität etwas, dass der Zeit widersteht. Ein ­Sterbender kann sich eindringlich an Szenen seiner Kindheit erinnern. Der Mensch ist ein zeitliches Wesen. Hätten wir nur eine Gegenwart, kämen wir aus dem Nirgend­wo und gingen zum Nirgendwo. Erstaunlicherweise ist genau das der Zustand vieler Menschen und Gesellschaften. Sie stecken im Jetzt fest und verstehen nicht wirklich, wie sie dorthin gelangten, noch wohin sie gehen sollen.

Die Umma ohne ihre Geschichte ist in der Gegenwart verloren; sie hat weder Vergangenheit, noch Zukunft. Für Identität muss man sich an seine ­Geschichte erinnern und eine Zukunft vorstellen und beabsichtigen, aber sie nicht von jemandem anderes übernehmen. Der zeitgenössische Muslim ist wie ein Mensch mit Gedächtnisverlust, den die Ärzte – oder akademische Historiker – überzeugen wollen, dass er eine Vergangenheit hat, an die er sich nicht erinnern und die er nicht verstehen kann. Aufgrund dessen versuchen ihn die Stimmen ­seines Inneren davon zu überzeugen, dass er sich auf eine Zukunft zubewegt, die nicht wirklich Sinn ergibt.

Übersetzungen sollen ­helfen zu verstehen
Zum Zwecke der Übersetzung muss es etwas geben, dass sich übertragen lässt. Wir stehen nun vor der Aufgabe der „Übersetzung von Identität“. Das heißt, die Übersetzung von etwas, das authentisch ist, in eine neue Sache überführt wird, die ebenso echt und wahrhaftig ist. Oder es handelt sich um eine Frage der Zeit: Übersetzung von der Vergangenheit in die Zukunft – mit Hilfe der ­Gegenwart.

Arabisch
Betrachten wir das Europa, in dem wir leben, und seine christlichen Wurzeln, die längst aufgegeben wurden, entdecken wir, dass die Evangelien auf Griechisch geschrieben wurden – und nicht auf Aramäisch, der Sprache [des Propheten] ‘Isa. Schnell wurden sie zuerst in Latein und dann – während der Reformation – ins Deutsche und andere Sprachen übertra­gen. Dies waren die Anfänge der Moder­ne. Dank der Übersetzer ließ die Moder­ne ihre Bindungen hinter sich und blickte durch abgetönte Gläser zurück.

Griechisch führte eine schwere Last mit sich, die es nicht ablegen konnte: Seine langen kulturellen und philosophischen Traditionen, denen Sokrates, Platon und Aristoteles ihre letztmalige Form verliehen. Das war die Sprache, in der die Worte und das Leben von ‘Isa aufge­zeichnet wurden. Und auf ihr beruhten spätere, lateinische, deutsche und englische Übertragungen. Auf der Basis ­einer griechischen Verfestigung des hellenischen Erbes und seines Missverständnis­ses des Christentums wurde eine gesamte Weltanschauung aufgebaut. Dies sind die getönten Gläser, durch die die wir zu blicken versuchen.

Der Übersetzer sollte dem Leser jedoch die nötige Hilfe an die Hand geben, um auf das authentische Original blicken zu können. Die Absicht ist nicht der Blick durch die Übersetzung, sondern dass die Übertragung ein Licht sei, welches das Original beleuchtet.

Übersetzer – in Gefahr durch Missverständnisse
Einige unserer Übersetzer sind von der Kultur beeindruckt, in die sie ­übersetzen. Sie versuchen zu beweisen, dass sie mit allem in dieser Kultur übereinstimmen. Eine Kultur, die die abgetönten Gläser darstellt, die es uns unmöglich machen, ein genaues Bild zu erlangen. Andere, die von der dominanten Kultur unbeeindruckt bleiben, aber Begriffe benutzen möchten, die allgemeinverständlich sind, unterliegen der gleichen Fehleinschätzung.

Neben wir ein grundsätzliches Beispiel: In Unkenntnis der Entstehung des modernen Staates aus seinen Wurzeln von Platons „Republik“, über den Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution übersetzen sie das arabische „Daulah“ als „Staat“. Originär ­bedeutete es aber „eine Wendung zum Glück“ und wurde lose auf eine Dynastie ­angewendet. Dynastien kommen und gehen natürlicherweise. Und so wurde etwas ­eigentlich veränderliches zu etwas statischem gemacht. Sie versuchen, die dominante Kultur davon zu überzeugen, dass „Muslime“ modern sind – derart beeindruckt von der Moderne, und so unbeeindruckt von ihrer eigenen Geschichte. Die Folge von Entscheidungen zweier vollkommen getrennter Übersetzer-Typen – mit sehr verschiedenen Gründen – ist die Schaffung einer neuen Form. Dies ist weder eine arabisierte Moderne, noch eine exakte, modernisierte Versi­on des Islam, sondern liegt irgendwo dazwischen und ist ein bisschen von beidem. So wie es bei Worten ist, so ist es auch bei Menschen, Gesellschaften und Lebenspraxis.

Dabei besteht das eigentliche Ziel nicht darin, eigenständige Übersetzungen anzufertigen. Vielmehr versuchen wahrhaf­tige Übersetzer, dem Leser dabei zu helfen, das arabische Original zu erkennen. Dieses offenbart sich in der Sprache der Fitra, die ihren Trägern eigen ist.

Fitra
Wir müssen uns davor hüten, dass das Wort Fitra das Bild eines verloren Stammes im Dschungel erzeugt. Es führt zur herablassenden Einschätzung, dass es sich hier um Romantik handelt. Das Gegenteil ist der Fall. Fitra ist verfeinert und komplex. Ihre Sprache hat eine Vielgestaltigkeit, der kein späteres Lernen gleichkommen kann. Die Umstände der Fitra – Familie, Gruppe oder Gemeinschaft – sind organisch, miteinander verbunden und komplex. Islam kann als Gefäß begriffen werden, dessen Aufgabe der Schutz dieser Fitra ist – sei es in den Menschen oder in der Sprache.

Der Din und die Sprache der Fitra
Im Gegensatz zum Ort, der ihm heute zugewiesen wird, ist das Arabische keine klassische Sprache. Vielmehr ist es eine vollkommen unbefleckte, ­natürliche, eine Sprache der Fitra. Auch wenn ihr höhere religiöse Bedeutungen übergeord­net sind, kommt ihre reale Essenz präzi­se aus der Wüste und deren natürlichem Umfeld. Nicht geprägt durch die voran­gegangenen Kulturen, Wissenschaften, Zivilisationen oder Philosophien der Griechen, Römer oder Perser. Dies ­waren Völker, deren Gemeinwesen sich zu hochmilitarisierten und aggressiven Reichen entwickelten.

Trotz unserer eigenen langen Geschichte der Kultur, Religion, Wissenschaft und Philosophie haben sich unse­re großen Leute des Wissens immer sehr darum bemüht, die Natur ihrer Fitra zu bewahren. Das gleiche gilt in noch größerem Maße für die Bewahrung des ­Islam als dem Din der Fitra – trotz der Anstrengungen seitens Dritter und der natürlichen Entropie von Geschichte.

Auch wenn Sprache hier bis zu einem gewissen Grad ein Gleichnis für alle Arten des Daseins, der Gesellschaftsvarian­ten und Praktiken ist, bleibt die Frage nach Sprache weiterhin entscheidend. Die Mehrheit der Streitigkeiten in der heutigen Welt dreht sich um radikale Neu-Definitionen und Veränderungen in den Bedeutungen der Worte. Es lässt sich feststellen, dass die Anhänger der dominanten Erklärungsmuster ihrerseits Gefangene einer Welt-Anschauung sind, die sie durch getrübte Linsen wahrnehmen. Die authentische Entdeckung von Sprache, Bestimmungen und Identität kann nur zum Nutzen aller sein. Arabisch ist dafür ein klares, durchsichtiges Glas für diesen Vorgang.

Der Autor ist Direktor der Muslim Faculty for Advanced Studies in England.

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Abdassamad Clarke

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