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Essay: Eine kritische Betrachtung zur Imamausbildung in Deutschland. Von Yasin Bas, Melle

"Goethe-Imame“ im Land der Dichter und Denker

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(iz) Das Goethe-Institut bildet in Deutschland in den nächsten drei Jahren an Fortbildungs- und Deutschkursen etwa 130 Imame aus. Das Modellprojekt „Imame für Integration“, das in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) entwickelt wurde, ist Mitte Dezember in Nürnberg mit der offiziellen Begrüßung von 15 Imamen gestartet. Neben Nürnberg wurde auch in Köln in einer Pressekonferenz das Deutschkurs-Projekt der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Somit ist die Rheinmetropole nach Nürnberg die zweite Region, in der das gemeinsame Projekt startet. An der Pressekonferenz anlässlich der Auftaktveranstaltung nahmen unter anderem Erwin Schindler, Gruppenleiter im BAMF für Grundsatzfragen der Integration, Angela Kaya, Leiterin der Region Deutschland des Goethe-Instituts, Mustafa Kemal Basa, Generalkonsul der türkischen Republik in Köln, Sadi Arslan, Vorstandsvorsitzender der DITIB, Hans Werner Bartsch (CDU), Ratsmitglied und Bürgermeister der Stadt Köln, Stefan Brunner, Leiter des Goethe-Instituts in Düsseldorf sowie Imame aus Köln und Umgebung teil.

Der Unterricht für die „Goethe-Imame“ umfasst mehr als 500 Stunden deutsche Sprache sowie etwa zwei Wochen interkulturelle und landeskundliche Kurse zu Themen wie Alltag, Geschichte und Rechtsordnung in Deutschland, religiöse Vielfalt, Staat und plurale Gesellschaft, Bildung sowie Vereinsarbeit. Nach dem theoretischen Konzept des Migrationsforschers Klaus J. Bade wird hier eine „begleitende Integrationspolitik“ praktiziert. Eine weitere Möglichkeit, die seit 2002 ebenfalls durch das Goethe-Institut angeboten wird, sind Sprachkurse für Imame in der Türkei. Somit werden die Theologen bereits in ihren Herkunftsländern auf ihre Arbeit in Deutschland vorbereitet. Diese „präventive Integrationspolitik“ (Bade) stärkt bereits im Vorfeld die Sprachkompetenz der Imame und sorgt für ein positives Integrationsbeispiel – auch und nicht zuletzt – bei Gemeindemitgliedern in den Moscheen. Für das Gelingen der Integration des Islam in Deutschland ist aber der enge. Austausch sowie eine noch viel engere Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern der Migrantenselbstorganisationen und anderen lokalen Multiplikatoren unabdingbar. Noch wichtiger ist dennoch, dass Imame in Deutschland eine theologische Ausbildung erhalten. Es reicht nicht aus, dass man Personen, die zwar religiöse Erfahrung mitbringen oder sie in Fortbildungen erhalten haben, durch zeitlich begrenzte Kurse oder Projekte zu Imamen deklariert. Eine solide theoretische und theologische Ausbildung ist der Grundstein für den Beruf des Imams.

Denn Imame sind im Islam nicht nur Vorbeter und Prediger, sondern auch Ansprechpartner für theologische Fragen. Wenn es darauf ankommt, sollten sie in der Lage sein, religiöse Gutachten zu erstellen. Auf diese Aufgaben sind Imame in den über 890 DITIB-Moscheen in Deutschland in der Regel gut vorbereitet. Doch werden diese Imame in Deutschland auch zunehmend in Alltags-, Familien- und Schulproblemen um Rat gebeten. Um diese Schwierigkeiten zu bewältigen, müssen sie die deutsche Sprache sprechen und anwenden können. Andere Verbände bedienen sich oft der pensionierten Imame des Amts für religiöse Angelegenheiten aus der Türkei oder bilden ihre Imame für ihre Gemeinden selbst aus. Die Gefahr besteht darin, was diese in Eigenregie ausgebildeten Imame gelehrt bekommen und später ihren Gemeindemitgliedern weitergeben. Ohne eine fundierte theologische Universitätsausbildung ist diese Methode mit Gefahren behaftet und – muss nicht – könnte aber der Integration zuwid! erlaufen.

Es scheint Konsens zu bestehen in dem Punkt, dass Imame in Deutschland die deutsche Sprache erlernen. Außerdem ist die Forderung der Politik, „Wer in Deutschland lebt, muss auch Deutsch sprechen können“ bedingungslos zu akzeptieren. Es kann nur zum Vorteil der Muslime sein, die Sprache des Landes zu beherrschen, in dem sie leben. Doch die Frage, ob dies unter allen zu berücksichtigenden Gesichtspunkten der Imamausbildung oberste Priorität besitzen soll, ist zu diskutieren. Wir reden hier nämlich von Theologen, nicht über Linguisten, Sprachpädagogen oder Lehrer. Es gibt, wenn man die Moscheen einmal intensiv von innen betrachtet, zahlreiche Moscheegemeinden, in denen wenige Personen Deutsch einwandfrei sprechen. Sie halten ihre rituellen Gebete auf Arabisch ab und sprechen in der Regel die Bittgebete in ihrer jeweiligen Heimatsprache. Vor allem die erste und zweite, aber auch die dritte Generation der muslimischen Einwanderer praktiziert diese Form des Gebets. Nicht zu vergessen ist zudem die fehlende islamische Liturgiesprache bzw. die fehlende Fachtermini im Deutschen. Daher sollte ein Imam neben Deutsch auch die Sprachen beherrschen, die mehrheitlich in der Gemeinde gesprochen werden. Da zu den Hauptaufgaben der Imame die Gemeindearbeit zählt, muss ein Imam auch auf die Nachfrage und Erwartungen seiner Gemeinde Rücksicht nehmen. Es stellt sich die Frage, was die Gemeinden in aller Regel von ihrem Imam erwarten. Zunächst einmal theologische Kompetenz. Der Imam, der einer Gemeinde vorsteht, sollte eine mehrjährige, intensive theologische Ausbildung genossen haben, damit er mit dem Wissen ausgestattet ist, diese geistlich-moralische Aufgabe zu übernehmen. Viele praktizierende Hobby- und Freizeitimame genügen diesem Anspruch leider nicht. Zudem müssen die Imame vertrauenswürdig sein. Denn wer nicht das Vertrauen seiner Gemeinde genießt, der kann selten glaubwürdig bei den Mitgliedern ankommen. Ein Bezug zur herrschenden Lebenswirklichkeit in Deutschland ist ebenfalls eine wichtige Voraussetzung einer adäquaten Imamausbildung.

Leider machen wir an deutschen Hochschulen die Erfahrung, dass Wissenschaftler aus fast allen möglichen Disziplinen für die Imamausbildung in Betracht gezogen werden; nur nicht Theologen. So haben wir es, wenn wir uns die nominierten Personen für die theologische Ausbildung an deutschen Universitäten anschauen, fast ausschließlich mit Geisteswissenschaftlern zu tun. Auch die Islamwissenschaft bietet nur bedingt eine Grundlage für die Lehrtätigkeit in der Theologie. Dankenswerterweise muss man erwähnen, dass die Hochschullehrer, die die zukünftigen Imame ausbilden sollen, oft einen muslimischen Hintergrund besitzen. Das ist nicht immer selbstverständlich gewesen und musste teilweise hart errungen werden. Trotzdem stellen sich viele Muslime, vor allem die Gemeindemitglieder und deren Angehörige die berechtigte Frage nach der Qualität und Qualifikation dieser nicht-theologischen Hochschullehrer.

Wenn die deutsche Bildungslandschaft sowie die akademische Gesellschaft keine vernünftig ausgebildeten islamischen Theologen besitzt, dann können, sollten, ja müssen die politisch und akademisch Verantwortlichen einen Fachkräfteimport aus den muslimischen Staaten in Betracht ziehen. Was in anderen Bereichen, etwa in der IT-Branche, eine Lösung war, sollte in der Theologie nicht übergangen werden. Der Verweis auf eine sogenannte deutsche islamische Theologie greift zu kurz. Theologie organisiert sich global, wie eben jede andere Wissenschaft auch. Von einer deutschen Theologie zu sprechen, ist genau so unangebracht, wie über eine deutsche Soziologie oder Psychologie zu reden. Das Blickfeld einer Theologie greift immer über ihren Entstehungsort hinaus.

Wen die Muslime in Deutschland als Imame ausbilden und vor allem in welcher Form, das sollten in erster Linie auch die Muslime selbst entscheiden und lösen dürfen. Es geht hier nicht um irgendeine philosophische Denkart. Es geht um die Religion der 4,5 Millionen Muslime in diesem Land. Wenn die Muslime dennoch Unterstützung benötigen sollten, werden sie sicherlich nicht zögern, ihre Kooperationspartner in den jeweiligen Ministerien um Beistand zu ersuchen. Was für jüdische und christliche Theologen gilt, muss auch für islamische Geistliche gelten können. Oder haben sie schon mal gehört, dass in die Ausbildung von Priestern, Pfarrern und Rabbinern von staatlichen Behörden interveniert wird?

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Yasin Baş

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Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.
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Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.
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