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Etwas lieben, um es zu verstehen

Anmerkungen zu wichtigen Aspekten einer zukünftigen islamischen Bildung. Von Dr. Recep Sentürk

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Foto: Sulejman Bugari

(iz). Ich war mit den Kollegen meiner Universität auf einer Reise in einem afrikanischen Land, wo uns dessen beste Universität gezeigt wurde. Der ­Vorstand der Universität erzählte uns stolz, dass sie ihnen übergeben wurde, als sich die Briten zurückzogen, und sie seitdem in ihrer eigenen Leitung stünde. Ich fragte sie, was sich verändert habe, seitdem sie die Leitung übernommen hatten. Sie antworteten stolz: „Nichts! Wir haben alles so erhalten, wie es war.“ Die Leute dieser Universität dachten, dass die Bildungseinrichtung „islamisch“ geworden sei, weil die Leute, die im Vorstand sitzen und die Universität leiten, Mus­lime sind. Dabei lehren sie das Modell, welches von Kolonialherren eingerichtet wurde. Das ist die Einstellung vieler ­Muslime in der heutigen Welt. Wenn die Lehrenden Muslime seien, dann sei Bildung „islamisch“.

Was sind die Prinzipien? Was sind die Kriterien, nach denen wir dies beurteilen? Ich habe einige Punkte aufgelistet, die von Bedeutung sind: Der Zweck der ­Erziehung muss es sein, den vollkom­menen Menschen (arab. insan al-kamil) hervorzubringen. Die Methode der Erziehung sind Unterweisung und Reinigung des Herzens. Die Schaffung einer muslimischen Identität. Das Erreichen einer vielfältigen und mehrschichtigen Weltanschauung.

Wenn die Erziehung nicht islamisch ist, kann es das Ergebnis ebenso wenig sein. Wenn wir also Weltanschauungen importieren, etwa Materialismus, dann können wir noch so gute Lehrer haben. Dennoch wird die Lehre keine islamische sein. Was sie dazu macht, ist die Art und Weise, wie Welt verstanden und wie dieses Verständnis vermittelt wird. Hinzu kommen weitere Aspekte: Universalismus in unserer Beziehung zu anderen. Die Qualität von Männern und Frauen in der Erziehung. Isnad – die persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Usul-ul Fiqh als rationale Methode des Denkens. Finanzierung durch Stiftungen. Unsere Bildungseinrichtungen wurden traditionellerweise so finanziert. Das schafft Unabhängigkeit von politischer Macht.

Der Zweck der islamischen Erziehung ist es, vollkommene, ganzheitliche ­Menschen zu bilden. Das Vorbild ist der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken. Sein herausstechendstes Merkmal war Ihsan, Vollkommenheit. Der Gesandte Allahs praktizierte die bestmögliche Handlungsweise in jedem gegebenen Umstand. Von ­seiner Kindheit bis zu seinem letzten Atemzug verkörperte er Perfektion. Die Zusammenfassung der Sunna ist, in jeder Situation das Bestmögliche zu tun. Und das bestmögliche Verhalten verändert sich je nach gegebenem Zustand. Schaut euch das Leben Muhammads an, um zu sehen, was, was in welcher Situation das beste Handeln ist. Fragt euch selbst „Was ist die Sunna für diesen Moment?“ Der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, wies uns einen klaren Weg zur ­Erkenntnis, was der vollkommene Mensch ist.

Ein weiteres Merkmal dieser Erziehung ist der Geschmack des Glaubens (arab. dhauq). Die Art, den Din zu praktizieren, war nicht mechanisch. Es war kein Befolgen staatlicher Gesetze. Das Praktizieren geschah aus Freude. Der Prophet erklärte es, indem er uns lehrte, dass derjenige, der die folgenden drei Charakteristiken aufweist, Islam schmecken können wird. Als ich dieses Hadith zum ersten Mal las, geschah eine Revolution in mir. Ich hatte so viele philosophische und theologische Bücher gelesen, doch keines von ihnen behandelte das Schmecken oder die Süße des Imans.

Was sind nun diese drei Kriterien, um Iman zu schmecken? Es ist, Allah und Seinen Gesandten mehr als alles andere zu lieben. Unsere Lehrer und unsere Schüler sollten dies beabsichtigen. Unser Bildungssystem sollte bezwecken, Leute zu erziehen, die Allah und Seinen Gesandten mehr als alles andere lieben. Sie gehorchen aus Liebe und Freude heraus und pflegen eine liebevolle Beziehung zu ihrem Schöpfer. Glaube im Islam beruht auf der Dimension der Liebe. Ohne diese ist er unvollständig. Manchmal reagieren Muslime kritisch darauf, obwohl es ein eindeutiger Bestandteil unseres Dins ist. Sie meinen, Islam sei keine Religion der Liebe sei. Der Prophet sagte: „Sag ihnen, wenn sie Allah lieben, dann sollen sie mir folgen, damit Allah auch sie liebt.“ Der perfekte Mensch hat eine vollkommene Liebe zu Allah und Seinem Gesandten.

Wenn wir andere Menschen um Allahs Willen lieben, werden wir das umfassende Vertrauen auf Allah (arab. iman) schmecken. Als ich die obige Aussage des Propheten zum ersten Mal las, war sie ein Schock für mich. Was haben andere Menschen mit meiner Beziehung zu ­Allah zu tun? Wäre es kein Hadith bei Bukhari gewesen, hätte ich gedacht, es sei verfälscht. Das ist unser heutiger ­Zustand. Wir glauben, dass unsere Beziehung mit anderen nicht unseren Glauben beeinflusst.

Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass dieser Mensch, den wir hervorbringen möchten wollen, jemand sein soll, der durch Liebe zu anderen geprägt ist und zu ihnen in liebevoller Beziehung steht. Diese ist für Allah. Wenn ich eine Frau wegen ihrer Schönheit liebe, könnte ihre Schönheit vergehen. Wenn ich sie aber für Allah liebe, wird die Liebe nie verloren gehen. Dies ist ein wichtiges Fundament für zwischenmenschliche ­Beziehungen.

Man soll es so sehr hassen, eine falsche Handlung zu begehen oder zum Bedecken der Wahrheit (arab. kufr) zurückzukehren, wie man es hassen würde, in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. Zunächst geht es also um die Liebe zu Dreien – Allah, Seinem Gesandten, und den Menschen und zum Schluss um Abscheu – das Verabscheuen der Sünde. Der Gläubige hat demnach zwei parallele Prozesse in sich. Den inneren des Herzens und den äußeren in den Taten des Körpers. Diese qualifizieren ihn dafür, Iman zu schmecken.

Heute konzentrieren wir uns oft auf die physischen Aktivitäten, die physischen Aspekte unseres Dins. Und wir vernachlässigen die spirituelle Seite, jene des Herzens. Deswegen entfernen wir uns von der Möglichkeit, zu schmecken. Aus diesem Grund genießen wir unser Vertrauen auf Allah nicht mehr. Es ist geschmacklos. Und jene, die uns von außen beobachten, können nicht mehr erkennen, dass wir eine Freude in uns haben, wenn wir unsere Religion praktizieren. Also fühlen sie sich davon nicht angezogen. Wenn sie aber sehen, dass wir die größte Freude und das höchste Glück verspüren, wenn wir unseren Din ausleben, dann wird er attraktiv für sie.

Dies sind die grundlegenden Merkmale des vollkommenen Menschen. Er ist der Zweck der islamischen Bildung. Heute haben wir aber so viele verschiedene Bildungssysteme. Wir müssen darauf schauen, welches Ziel sie haben und welche Menschen sie hervorbringen möchten. Und keines von ihnen beabsichtigt dieses Ideal.

Nationale Bildungssysteme wollen im Grunde gute Bürger erziehen, die der Ideologie des Staates folgen und ihm dienen. Doch der vollkommene Mensche ist frei – er dient nur Allah. Er ist weder ein Sklave des Schaitan, noch seines Nafs, noch irgend einer menschlichen Autorität. Echte Freiheit manifestiert sich innerlich und äußerlich. Heute geht es den meisten bl0ß um die äußerliche Freiheit.

Schauen wir nun auf die Methodologie. Arbeitet eine Erziehung nicht mit Unterweisung (arab. ta’lim) und Reinigung des Selbst (arab. tazkija), kann sie nicht islamisch sein. Tazkija beschäftigt sich mit dem Herzen. Wir wissen, dass der Intellekt (arab. aql) aus dem Herzen entspringt. Welches System befasst sich heutzutage mit dieser Tatsache? Der perfekte Mensch denkt mit dem Herzen, und sein Verstand ist ein Werkzeug seines Herzens. Alle Glieder sind bloß dessen Instrumente, dies ist eine Grundlage der islamischen Psychologie. Durch die Praxis der Tazkija wird das Herz gereinigt, und von seinem niederen Selbst befreit. Das Ego wird nicht getötet, sondern im Rahmen des Erlaubten unter Kontrolle gehalten. Im Islam gibt es keine völlige Abkehr von der Welt, wir verdienen Geld, haben Sex, genießen, was uns gegeben wurde. Dennoch sind wir nicht materialistisch und geben ihm nicht, was immer es will. Islam ist der Weg der Mitte. So wird das Herz rein gehalten.

Die grundlegende Art, Tazkija zu praktizieren, liegt im Dienst am Nächsten (arab. khidma). Nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren und Pflanzen. Denn wenn man anderen dient, kann es dann noch Platz für Arroganz im Herzen geben? Kann einer, der dient, egoistisch sein? Die schlechten Eigenschaften verlaufen sich, während die guten zunehmen. Das beste Beispiel dafür war der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken. Er diente seinen Gefährten, seinen Frauen, seinen Kindern. Dies ist die beste Methode zur Reinigung des Herzens und muss daher ein Bestandteil der Bildung sein. Schüler müssen in die Lage versetzt werden, anderen zu dienen – der Gemeinschaft, der Umwelt, Bäumen und Blumen im Garten. Es wird ihnen helfen, sich in der egoistischen Welt herauszukristallisieren. Sich um eine einzelne Pflanze zu kümmern, bedeutet, Verantwortung für dieses Wesen zu übernehmen.

Wenn der Schüler seinem Lehrer dient, indem er ihm beispielsweise Essen bringt, entsteht eine Verbindung zwischen beiden. Sie fangen an, sich mehr zu lieben und zu schätzen. Wenn sie zusammen reisen, und nicht bloß im Klassenzimmer zusammen sind, wird dieser Bund ebenso gestärkt.

Unsere Bildung sollte zudem die kulturellen Schätze des Islam lehren. Darin geht es nicht nur um Qur’an und Sunna, sondern auch um das, was die muslimischen Zivilisationen in der Geschichte hervorgebracht haben. Eine Wertschätzung der Künste, Architektur etc. ist von hoher Bedeutung in der Erziehung neuer Generationen.

Des Weiteren müssen die jüngeren Muslime dazu erzogen werden, Gerechtigkeit zu wollen. Nicht nur für sich, sondern für die ganze Welt.

Darauf aufbauend müssen wir uns auch mit Weltanschauungen befassen. Und diese haben verschiedene Schichten. Dazu gehören die äußeren, materiellen, sowie die inneren, spirituellen. Und dann gibt es die Sphäre Allahs. Sie ist weder materiell noch spirituell, sondern über alles erhaben. Wir haben also keine eingeschränkte Weltsicht, in der wir nur auf eine der Schichten schauen und nur sie für existent halten. Das Wissen um eine Ebene kann nicht vom Wissen um die anderen getrennt werden. Jede Schicht, jede Betrachtung verlangt nach einer eigenen Methode.

Erziehung hat auch finanzielle Aspekte. Wir denken oft, dass eine umfangreiche Bildung zu teuer sei, um sie realisieren. Die früheren Muslime wussten um ihren Wert, sodass sie bereit waren, Kosten in Kauf zu nehmen. Sie haben die Qualität der Bildung nicht heruntergeschraubt, weil sie kostspielig war.

Zudem geht es in der islamischen Erziehung um Usul-ul Fiqh – das rationale Denken und die Normenlehre. Sie sind ein wichtiger Bestandteil islamischer Lehre und die Voraussetzung für angemessenes Handeln.

Zum Schluss folgt das menschliche, zivilgesellschaftliche Handeln. Wir Muslime müssen darauf bedacht sein, Zivilgesellschaften zu bilden und uns um die Probleme unserer Gemeinschaften und unserer unmittelbaren Umgebung zu kümmern. In der Geschichte der muslimischen Kulturen gab es immer hervorragende Gesundheitssysteme. Keines wurde von einem Staat finanziert, sondern durch die Stiftungen. Krankenhäuser waren exzellent und jeder konnte in ihnen behandelt werden, ungeachtet seiner finanziellen Lage. Ebenso war das Studium für junge Menschen, inklusive Stipendien, der Zugang zu Büchern und andere Angelegenheiten der Bildung, vollkommen frei vom Staat und auch durch die Stiftungen finanziert. Wenn wir Auqaf etablieren, können wir uns um unsere Gesellschaft kümmern.

Wenn wir die genannten Punkte nicht berücksichtigen, werden wir intellektuell von anderen abhängig. Es wird unser Schaden sein, wenn wir alles übernehmen und importieren müssen, statt unsere eigenen Schätze zu nutzen. Wir selbst haben die Pflicht, unsere Bildung inklusive ihrer Finanzierung etablieren. Erziehung ist kein „Job“, sie ist Anbetung (arab.‘ibada). Denn der Lehrer ahmt mit seiner Aufgabe auch die Propheten nach.

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