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Europa aufgepasst! US-Communities beweisen ihre Positivität – gerade die neuen Muslime spielen dabei eine wichtige Rolle. Von Ali Kocaman, Rendsburg

Auf der anderen Seite des Atlantiks

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(iz). „Amerika, du hast es besser / als unser Kontinent, der alte. / Hast keine verfallenen Schlösser/ und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern, / Zu lebendiger Zeit, / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit.“ Goethe

Die obige Amerika-Utopie Goethes scheint fast schon ein Anachronismus zu sein. Welcher Muslim käme denn überhaupt auf den Gedanken, solche Vorstellungen der einzigen verbliebenen „Supermacht“ und Feindbild verschiedener Ideologien zuzuordnen?

Würden wir ein Experiment veranstalten und Muslime in Europa und anderswo nach diesem Zitat aus einer anderen Zeit befragen, dann würden sie es wohl so nicht unterschreiben wollen. Verlassen wir aber die ausgetretenen Pfade von Politik und Meinung (ironischerweise sind gerade im Nahen Osten viele Muslime von den USA fasziniert und möchten gerne dort leben oder zumindest studieren), so ergibt sich zumindest ein mehrschichtiges Bild von dem Land, welches schon beinahe ein eigener Kontinent ist.

Unterschiedliche Ausgangssituationen
Der Islam ist die dynamischste Religion auf dem nordamerikanischen Kontinent. Schätzungen über die Muslime zwischen Atlantik und Pazifik schwanken je nach Quelle zwischen 7 und 15 Millionen. Verglichen mit der manchmal tristen Grundstimmung in Deutschland haben die kulturell und ethnisch diversen Muslime im Schmelztiegel USA drei wesentliche Standortvorteile.

Im Vergleich mit Westeuropa nehmen die Muslime der Neuen Welt (nicht nur Schwarze, sondern auch zunehmend Latinos und weiße US-Bürger) untypisch eine wichtige Stellung in der bunten muslimischen Gemeinschaft des Riesenlands ein. So gestalten mit positiven Gestalten wie Hamza Yusuf, Zaid Shakir, Ingrid Mattson oder Schaikh Nooruddeen Durkee jene Muslime, die in nichtmuslimische Familien geboren wurden, das Gespräch über und mit dem Islam mit. Sie sind das Gesicht des amerikanischen Islam gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ihrer Heimat. Das erklärt auch den Unterschied zu vielen Communities in Westeuropa, die immer noch von der Migration früherer Generationen von Muslimen geprägt sind und nur selten „neue Muslime“ an verantwortlichen Stellen sitzen haben. Insbesondere Hamza Yusuf hat es durch seine Lehrtätigkeit und Veröffentlichungen geschafft, als Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Strömungen der US-Muslime zu wirken.

Zweitens – auch hier zeigt sich ein Unterschied zu anderen Minderheiten-Communities im Westen – ist zumindest ein Teil der US-Muslime nicht in der so genannten „Unterschicht“ angesiedelt, sondern besteht aus erfolgreichen Unternehmern, Selbstständigen, Ladenbesitzern, Akademikern und Ärzten. Auch wenn insbesondere die verschiedenen Gemeinden der schwarzen und spanischsprachigen Muslime in urbanen Brennpunkten unter herben Schwierigkeiten leiden, hindert dies viele von ihnen nicht daran, eine pro-aktive Haltung in sozialen und gemeinschaftlichen Fragen einzunehmen und vorbildliche Projekte zu entwickeln.

Und drittens spielen viele der banalen, aber hartnäckigen Streitpunkte Deutschlands (wie der Moscheeneubau, das Halal-Schlachten oder das Kopftuch) auch in der Auseinandersetzung mit der Politik der USA nur höchst selten eine entscheidende Rolle. Überraschend im Vergleich zu eingefahrenen Ansichten in unseren Breiten, hatte vor einigen Monaten sogar der hiesige US-Botschafter die unproduktive Haltung der deutschen und westeuropäischen Gesellschaften gegenüber Muslimen und dem Islam als Gesamtphänomen moniert.

Ausgewählte Beispiele
In einem Text1 präsentiert der Publizist und Lehrer Zaid Shakir eine ungewöhnliche Gemeinde, wie sie bei uns wohl nur selten zu finden ist: Das „Logan Islamic Community Center (LICC)“. Gelegen in der einst unsicheren Innenstadt des kalifornischen San Diego, dient die unermüdlich arbeitende Gemeinde als spirituelle Heimstätte für Muslime mit schwarzem, spanischsprachigem und weißem Hintergrund. Sie finden dort ihren Ort, um einen unverstellten Zugang zu einer authentischen Lehrer erhalten, die sich nach eigenem Bekunden am Mittelweg zwischen Esoterik und Extremismus an einer richtig verstandenen „Tradition“ orientiert. Das besondere bei ihr sei, so Shakir, dass sie ausschließlich aus US-Bürgern unterschiedlicher Herkunft bestehe, die erst später im Laufe ihres Lebens den Weg zum Islam gefunden hätten. Es ist die jugendliche Energie der Gemeindemitglieder, die in ihren zahlreichen Programmen, Aktivitäten und Dienstleistungen zu spüren sei. Mohammed Zaki Abdul-Latif, 26-jährig und lokaler DJ, ist ein aktives Mitglied des LICC.2 Wenn von den Mitgliedern seiner Gemeinde die Rede sei, dann werde er resolut: „Gepriesen sei Allah, wir wurden aufs wärmste von den Kindern der Immigranten aufgenommen. Sie stehen mit uns in Verbindung, weil wir alle die gleichen Wertvorstellungen teilen. Die verantwortlichen und langjährigen Mitglieder anderer Moscheen heißen uns willkommen. (…) Wir sind vor allem und zuerst eine einheimische, hier gewachsene Gemeinschaft von zumeist jungen Muslimen, aber wir sitzen mit und lernen von traditionellen Gelehrten, von denen viele Verbindungen haben, die – über die Vermittlung oder über die Abstammung – bis zum Propheten zurückreichen.“

Hände ringend müssten wir in Deutschland nach erfolgreichen Projekten, wie es beispielsweise Pat MacDonnell Twair beschreibt.3 Der Autor hat sich in das berüchtigte Stadtviertel South Central von Los Angeles gewagt, das lange Zeit als innerstädtisches Kriegsgebiet galt. Hier hat unter breiter Unterstützung professioneller Helfer und Mäzene 1996 eine freie Klinik für jene Menschen eröffnet, die sich ansonsten eine professionelle medizinische Versorgung nicht leisten können. Die „UMMA Community Clinic“,4 die unter Ermutigung von Aktivisten und Lokalpolitikern in den 90er Jahren entstand, war die erste muslimische Einrichtung ihrer Art in den USA. Ihren Ursprung hatte diese nachahmenswerte Idee bei hoch-motivierten und gut ausgebildeten Medizinstudenten, die außer ihrer Karriere noch etwas anderes mit ihren Fachkenntnissen anfangen wollten. „Unser Ziel war es, einen Eindruck auf das Wohlergehen der Menschen in South Central genauso wie in unserer eigenen muslimischen Community zu hinterlassen“, berichtet der Arzt und UMMA-Mitbegründer Mansur Khan. Der Landkreis Los Angeles umfasst eine Fläche, die einem Drittel der Niederlande entspricht. Aber hier leben nicht nur Milliardäre in den Nobelvierteln Bel-Air und Beverly Hills, sondern allein in der Region von South Central 900.000 Menschen, die unter Armut und/oder Obdachlosigkeit zu leiden haben. „Wir verwandelten ein Gesundheitsrisiko in ein Gesundheitszentrum“, berichtet Mitbegründer Abdul Cader stolz. „Wir konnten dies erreichen, weil wir ein Zeitfenster vor der Eröffnung eigener Praxen und der Gründung von Familien hatten. Nach einigen Monaten wurde den Menschen klar, dass wir sie nicht bloß abfertigen, sondern einer der ärmsten Gemeinden des Landes dienen wollten. South Central hat eine der höchsten Raten an Frühgeburten, Waisenkindern, Kindesmissbrauch und Menschen ohne Gesundheitsversorgung“, führt der amtierende Geschäftsführer von UMMA, Yasser Aman, aus. Heute ist die Klinik integriert in die Nachbarschaft, die seit ihrer Eröffnung sicherstellt, dass Straßengangs und Banden sich von ihrem Grundstück fernhalten und die Mitarbeiter aus Dankbarkeit regelmäßig mit Essen versorgt.

1 Zaid Shakur, Traditional Islam for the hip-hop-generation, www.infocusnews.net, März 2007
2 Im Internet unter: liccsd.org/index.html
3 Pat McDonnell Twair, „You’re only students“, Saudi Aramco Magazine, Mai/Juni 2007
4 Im Internet unter: www.ummaclinic.org

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Ali Kocaman

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