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Europa – was ist das?

Ein ewig unruhiger Kontinent: – in seinen Errungenschaften wie in seinen Abgründen. Christoph Arens anlässlich des Europawahlkampes

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Europa – was ist das?

Bonn (KNA). Europa ist kompliziert. Man kann nicht einmal sagen, wie groß es ist. Spötter sprechen vom Wurmfortsatz der asiatischen Landmasse. Im Osten gibt es keine klare Grenze. Auch bei der EU ist die Sache vielschichtig: 512,6 Millionen Einwohner leben in den 27 Mitgliedsstaten. Darin enthalten allerdings auch die Bewohner einiger Überseegebiete, die Teil Frankreichs und der Niederlande sind.

Der Kontinent ist stark zergliedert, reich an Küsten, fruchtbar und größtenteils in einer gemäßigten Klimazone gelegen. Doch Europa definiere sich weniger über seine Geografie als über gemeinsame Geschichte und Kultur, sagt der britische Historiker Christopher Clark. Aber was heißt das schon?

Historiker wie Mark Greengrass oder der Berliner Michael Borgolte sind sich einig, dass die Bewohner des Kontinents sich frühestens seit dem 16. Jahrhundert als Europäer verstanden – also erst, nachdem Portugiesen, Spanier und Niederländer Kolonien in Afrika, Asien und Amerika gegründet hatten. „Europa wäre nicht entdeckt worden ohne die Entdeckung der Neuen Welt“, beschreibt Greengrass ein Paradox.

„Europas Werdegang ist keineswegs eine Einbahnstraße von den alten Griechen bis zur EU“, sagt Clark mit Blick auf oft beschworene geistige Fundamente. Auch der französische Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff betont: „Es gab keinen Bauplan.“ Eine Wurzel liegt im Reich der Karolinger: Aus Sicht des Münsteraner Theologen Thomas Bremer entstand durch das Bündnis von Kaiser Karl dem Großen und Papst Leo III. erstmals das Bewusstsein einer lateinisch-christlichen Zivilisation.

Europas Geschichte sei so dynamisch, weil jede Einheit durch neue Dissonanzen wieder in Frage gestellt wurde, nennt Borgolte ein zentrales Bauprinzip. Auch Le Goff verweist auf die Produktivität vieler Spannungen: Die Konkurrenz zwischen Kaiser und Papst, der Dualismus von geistlicher und weltlicher Macht, stehen an der Wiege europäischer Freiheitsvorstellungen.

Dabei war Europa kein christlicher Block: Der Konflikt zwischen Orthodoxie in Konstantinopel und Moskau und römisch-lateinischer Christenheit sorgt für Gräben bis heute. Gleiches gilt für die Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten. Dass Europa sich säkularisierte, hängt auch mit den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts zusammen. „Um 1650 lag das Christentum verwüstet und ausgeblutet darnieder“, schreibt Greengrass. Eine weltliche Elite formierte sich, die nicht mehr das Christentum verteidigte, sondern Machtpolitik in eigener Sache betrieb.

Für Vielfalt sorgten auch Muslime und Juden: Etwa in Spanien trugen sie wesentlich zu Aufklärung und Toleranz bei, waren in Medizin, Mathematik und Astronomie lange weit voraus und retteten das Denken der Griechen in die neue Zeit. Sie wurden verfolgt und ausgewiesen.

Einen Schub erlebte der Kontinent während der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert. Dass die Europäer – und nicht das damals viel mächtigere China – sich an die Spitze des Fortschritts setzten, führt der Zürcher Historiker Bernd Roeck auf Kolonialbesitz, aufblühende Städte und Wissenschaft mit der lateinischen Sprache als länderübergreifendem Band und Buchdruck zurück. Aber auch darauf, dass es in China nur ein einziges Machtzentrum gegeben habe. „In Europa herrschte ständige Konkurrenz.“

Personen, die bei Herrschern oder Kirche aneckten, konnten relativ leicht in andere Länder oder an andere Universitäten ausweichen. Auch Agnostiker und Atheisten fanden Publikationsmöglichkeiten, eine kritische Wissenschaftskultur entstand. „Auch der Nichtglaube ist ein europäisches Produkt“, betont Bremer.

Besonders im 19. Jahrhundert griffen die Europäer weit über den eigenen Kontinent hinaus. Machtstreben, Gier, Mission und Sendungsbewusstsein: Europa prägte der ganzen Welt seinen Stempel auf. Zugleich weckten Nationalismus und Konkurrenzdenken im Innern selbstzerstörerische Kräfte: Im 20. Jahrhundert wurde Europa zentraler Schauplatz zweier Weltkriege. Erst als der Kontinent kurz vor dem Abgrund stand, setzte sich der Gedanke eines geeinten Europas durch – eine kopernikanische Wende.

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Christoph Arens

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