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Existenzielle Erfahrung: Der Gesundheitswissenschaftler Ilhan Ilkilic über Krankheit, Sterben und Tod

Das Grabfeld im Moscheegarten

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(iz). Der Gesundheitswissenschaftler Dr. Dr. Ilhan Ilkilic hat auf seinem Fachgebiet wegweisende Aufklärung betrieben und gehört zu den Experten, welche die Öffentlichkeit und das Fachpersonal im Gesundheitswesens unermüdlich über die „Begegnung mit Umgang mit muslimischen Patienten“ aufklären. 2002 veröffentlichte er „Der muslimische Patient“ und wurde 2012 vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert in den Deutschen Ethikrat berufen. Derzeit lehrt er an der Univer­sität Istanbul Medizingeschichte und -ethik.

Im Vorfeld der Fachtagung „Krankheit, Sterben und Tod im Islam“ der Evangelischen Akademie Hofgeismar sprachen wir mit ihm über die exis­ten­zielle Grunderfahrung des Sterbens, den muslimischen Umgang mit diesem Thema sowie über die Rolle, die Krankheit, Sterben und Tod in ­unserer Zeit spielen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Dr. Dr. Ilkilic, sie referier(t)en am ersten Februarwochenende auf einem Seminar zum Thema “Krankheit, Sterben und Tod im Islam”. Können Sie uns die muslimische Position dazu beschreiben?

Ilhan Ilkilic: Wir wissen, dass der Tod als eine existentielle allgemeinmenschliche Erfahrung vom Islam reflektiert wird. Im islamischen Glaubenskonzept betrifft der Tod sowohl die Leiblichkeit als auch die Geistigkeit des Menschen. Die Muslime verstehen den Tod als Heimkehr zum Schöpfer und nicht als Folge einer Sünde. Er ist auch nicht das absolute Ende des Menschen, sondern das Tor vom Diesseits zum Jenseits, wo sowohl die guten als auch die schlechten Taten belohnt oder bestraft werden. Es ist auch bekannt, dass der Glaube an das Jenseits, an die Auferstehung nach dem Tod sowie an das Jüngste Gericht zu den elementaren Glaubensprinzipien des Islam gehören. Diese beeinflussen wiederum die Präferenzen und Entschei­dungen eines Muslims vor seinem Sterben und über sein Lebensende hinaus.

Islamische Zeitung: Nicht wenige Menschen beschreiben, wie Tod und Sterben immer mehr aus dem Alltag verschwinden. Ein Hinweis darauf ist zum Beispiel die Änderung alter Rituale oder der Verzicht auf sie. Haben Muslime einen anderen Zugang dazu?

Ilhan Ilkilic: Es gibt in unserer Geis­teskultur genügend religiöse Praxis, die uns ständig an den Tod und die Endlichkeit des menschlichen Lebens erinnert. Dazu gehört beispielsweise das fünfmalige Gebet. Wenn Sie in Istanbul zu einer osmanischen Moschee zum Gebet gehen, stellen Sie fest, dass fast jede alte Moschee im ihrem Garten ein Grabfeld hat. Allein das tägliche Begegnen mit diesem Grabfeld gibt dem Muslim die Gelegenheit über den Tod und die Endlichkeit des Menschen nachzudenken. Sie werden fünf Mal am Tag erinnert, dass der Tod wahr und wirklich ist. Welche Konsequenz der Muslim aus dieser Erfahrung für sich ableitet, hängt natürlich von seiner individuellen Bewertung und Handlung ab.

Ebenso bieten die Rituale am Sterben­den und Verstorbenen Muslim für die Angehörigen einen Zugang zum Tod. Durch das moderne Leben ­verschwinden leider auch für die Muslime diese Begegnungsmöglichkeiten mit dem Tod.

Islamische Zeitung: Was kennzeich­net den muslimischen Umgang auf diesem Gebiet? Wo gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede?

Ilhan Ilkilic: Der Prophet Muhammad empfiehlt den Muslimen ständig und intensiv über das Sterben und den Tod nachzudenken bevor sie sterben. Darin sehe ich im heideggerschen Sinne ein Verständnis vom Sein zum Tode. Das vom Propheten empfohlene Nachdenken geht weiter und erfordert auch moralische und praktische Konsequenzen. Das bedeutet, dass das Verhalten gegenüber anderen Menschen und der Umwelt durch dieses Nachdenken moralisch evaluiert und gegebenenfalls praktisch korrigiert wird.

Somit hat der islamische Glaube an das Jenseits moralische Implikationen. Mann muss die Theologien und Eschatologien der anderen monotheistischen Religionen untersuchen, um festzustellen, ob sie in diesen Themenbereichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben.

Islamische Zeitung: Heute werden viele Aspekte vom Tod und der Bestattung durch eine technisierte Gesundheitsindustrie vereinnahmt oder dominiert. Ist es ihrer Erfahrung nach möglich, die wesentlichen praktischen Elemente des islamischen Umgangs aufrechtzuerhalten? Wenn ja, wie?

Ilhan Ilkilic: Theoretisch ist es möglich. Praktisch scheint es mir zumindest in Deutschland schwierig zu sein. Stellen Sie sich vor, Ihr Freund oder Verwandter stirbt innerhalb der Woche und Sie möchten möglichst lang und intensiv am Trauerprozess und an den Ritualen teilnehmen. Können Sie problemlos von Ihrem Arbeitgeber dafür zwei bis drei Tage freigestellt werden?

Dafür muss die Gesellschaft bereit sein, in solchen Situationen ihren Mitgliedern unterschiedlicher Religionszugehörigkeit freie Räume zu schaffen. Nur dadurch kann man der Entfaltung der religiösen Identität gerecht werden. In einer modernen Gesellschaft, wo die Leistung und Arbeit im Vordergrund stehen, kann eine solche Kulturpraxis nicht leicht realisiert werden.

Islamische Zeitung: Häufig wird das Lebensende in unserer Gesellschaft entweder durch langes Vegetieren – quasi ein in die Länge gezogenes Sterben – in Alters- beziehungsweise Pflegeheimen geprägt, aber auch durch den Wunsch auf einen so genannten “selbstbestimmten” Tod, die so ge­nenannte Sterbehilfe. Könnten Sie sich vorstellen, dass die muslimische Praxis dabei eine relevante Alternative für viele darstellen könnte?

Ilhan Ilkilic: Es ist ja bekannt, dass in der islamischen Welt aktive Sterbehilfe kategorisch abgelehnt wird. Ich denke, es gibt gute Argumente für diese Position im islamischen Glauben. Dagegen ist die passive Sterbehilfe immer noch ein umstrittenes Thema unter Muslimen. Die Muslime sollen sich im Klaren sein was die Lebensverlängerung auf jeden Preis für sie bedeutet. Die Frage ob maximale Therapien am Lebensende, die mit Leidensverlängerung verbunden sind und keinerlei Heilung bewirken können, nach islamischem Menschenbild vertretbar ist, soll beantwortet werden. Da diese Fragen noch nicht einhellig und überzeugend von Muslimen beantwortet sind, bin ich skeptisch, ob die muslimische Praxis für andere eine Alternative sein könnte.

Islamische Zeitung: Unser Verständnis von Sterben und Tod sind erheblich durch das Wissen von der nächsten Welt beeinflusst. Wie ist hier ein konstruktiver Dialog mit Menschen möglich, für die der physische Tod auch das absolute Ende darstellt?

Ilhan Ilkilic: Ich denke, der Glaube an Gott ist eine wichtige Prämisse in solchen Dialogformen. Wenn diese theologische Prämisse für den anderen nicht gilt, dann wird ein konstruktiver Dialog schwierig sein. Die Schwierigkeit besteht meines Erachtens im transzendentalen Charakter der Hoffnungen und zu erwartenden Erfahrungen, die für andere wegen Glaubensbarrieren nicht zugänglich sind.

Ein Dialog zwischen Muslimen und Atheisten ist dennoch unter der Voraussetzung des gegenseitigen Respekts und der Anerkennung möglich, wodurch ein friedliches Zusammenleben gestaltet werden kann.

Islamische Zeitung: Lieber Dr. Dr. Ilkilic, Danke für das Interview.

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