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Fasten mit Feinsinn

Arif Agirbas erinnert an die subtilen Ramadantraditionen bei den Osmanen

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Foto: Designed von Freepik

„Kann der Lohn für Güte (etwas) anderes sein als Güte?“ (Ar-Rahman, Sure 55, 60)

„Den Barmherzigen ist Allah barmherzig. Seid barmherzig gegenüber denen, die auf Erden sind, dann sind auch die im Himmel euch gegenüber barmherzig.“ (Abu Dawud)

(iz). Im Osmanischen Reich bereiteten sich die Menschen zuerst mental auf den Ramadan vor und nutzten dazu die heiligen Nächte in den heiligen drei Monaten. Daneben wurden auch die Häuser, Straßen, Moscheen und ­Ruhestätten mit großer Sorgfalt geputzt, hergerichtet und verschönert.

Der Ramadan wurde mit besonderer Aufregung empfangen. Der erste Tag des Ramadans war besonders wichtig, da erst die Mondsichel gesichtet werden musste. Jene, die berichteten, den Mond gesichtet zu haben, wurden zum Richter gerufen und von ihm persönlich befragt. Nachdem die Mondsichel von zwei ­weiteren Zeugen bestätigt wurde, bekam derjenige, der den Mond zuerst gesichtet hat Geld zur Belohnung. Danach wurde der erste Tag des Ramadan offiziell in das Regis­ter eingetragen und mit der Zustimmung des Richters wurden die Öllampen der Süleymaniye-Moschee an­ge­zündet. So wusste das Volk, dass der Ramadan begonnen hat.

Im Osmanischen Reich gab es unzählige Ramadan-Bräuche, die mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. Zu den wichtigsten Besonderheiten gehörte, dass man ohne Einladung zu öffent­lichen Ramadan-Tafeln gehen und dort essen konnte. Während des gesamten Ramadan durfte man im osmanischen Palast ohne Einladung an der Tafel von den Speisen essen, die der Sultan zubereiten ließ. Eine äußerst bedeutungsvolle Tradition war, dass der Sultan vor dem Ramadan die islamischen Reliquien aus der Zeit des Propheten Mohammed und seiner unmittelbaren Nachfolger und insbesondere den Mantel, den der Prophet Muhammed, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, Uwais al-Qarani hinterließ, besichtigte.

Reichsdiener aller Ränge gaben sowohl finanzielle Hilfen als auch materielle Güter. So wurde an Bedürftige Fleisch, Reis, Gerste, Öl, Honig, Brot, Kaffee, Kerzen und Baumwolle aus­geteilt. Zudem wurde im Namen des Sultans jeden Tag während des ge­samten Ramadan Essen für 10.000 Personen verteilt.

Von dem Budget der Küche Fatih Sultan Mehmeds wurden jeden Montag und Donnerstag 250 Akçe (Silbermünzen) an Bedürftige verteilt. Auch der Sultan selbst ging in der Tarnung eines armen Bettlers in die Stadt und gab von seinem persönlichen Besitz Sadaqa an die Armen. An den öffentlichen Ramadan-Tafeln wurden neben Muslimen auch bedürftige Christen und Juden satt.

Ein weiterer schöner Brauch war, dass die im Laden angeschriebenen Schulden der Menschen von großzügigen Helfern getilgt wurden. Wenn der Monat Rama­dan kam, ging ein anonymer Wohl­habender in den nächsten Laden und beglich die Schulden beispielsweise der ersten 20 Personen, die auf der Schuldenliste standen und hoffte somit auf Barmherzigkeit Allahs im Ramadan.

Getreu der Philosophie: Nur wer gütig zu anderen ist, kann auf die Güte Allahs hoffen. Manchmal kam es auch vor, dass eine einzige Personen alle Schulden auf der Liste beglich. Die Feinheit, die sich in diesem Brauch birgt, war, dass der Helfende nicht wusste, wessen Schulden er beglichen hat und war somit davor bewahrt, stolz und hochmütig zu werden. Auch die Schuldner wussten nicht, wer ihre Schulden beglichen hat und waren auf diese Weise davor geschützt sich zu schämen.

Die Kinder, die zum Fasten noch zu klein waren, versuchte man schrittweise an das Fasten zu gewöhnen und sie daran zu erfreuen. So standen die Kinder mit zum Suhur auf, aßen gemeinsam mit der Familie und fasteten die Tage so lange sie durchhielten und aßen dann schließlich an der Ramadan-Tafel, die ihre Mütter für sie zubereiteten. Kindern, die zum ersten mal ganztägig ­fasteten, wurde mit Geschenken eine besondere Freude gemacht.

Die Osmanen legten besonderen Wert auf die Dimension der Ästhetik und auf Gedichte und Rhetorik. So schlug der Trommelspieler, der Nachts durch die Straßen lief, um die Menschen zum Suhur aufzuwecken, nicht bloß auf seine Trommel, sondern rief Lebensweisheiten und Sinnsprüche aus, die die Menschen zum Nachdenken anregten.

Wo selbst die Trommelspieler darauf bedacht waren, schöne Worte zu finden, waren die Divan-Dichter damit beschäftigt, die Hoheit und Tugend des Ramadan in ihren Qasidas (eine Gedichtform) zu schreiben, die sich in der Osmanischen Literatur als „Ramazaniyye“ eingefunden haben. Die musisch Gewandten komponierten Naschids über den Ramadan und trugen diese in den ­Moscheen und Tekkes vor, wenn nach jedem vierten Raka’a des Tarawwih-­Gebetes pausiert wurde.

Das erste Mal wurden zur Zeit des Sultans Ahmed I. im Ramadan Öllampen an die Minaretten der Sultan-­Ahmet-Moschee gehangen. Da das Volk großes Gefallen daran hatte, wurden von Jahr zu Jahr an immer mehr ­Moscheen Öllampen aufgehängt, mit denen Worte gebildet wurden, welche mit dem Ramadan verbunden werden. So wurden zu Beginn „Herzlich Willkommen, Monat Ramadan“ und während des Monats Sinnsprüche wie „Faste und finde Genesung“ aufgehängt.

Ein Brauch, dem wohlhabende Muslime nachgingen: Als die Gäste empfangen wurden, suchten sie sich einen Holzlöffel aus, die mit verschiedenen Namen der Qur’ansuren versehen waren. Jeder Gast setzte sich dann an den Tisch, der mit dem gleichen Namen der Qur’ansuren gekennzeichnet war. So saßen Arme und Reiche, Beamte und Bauern an einem Tisch und aßen gemeinsam. Anschließend wurden die Löffel, die aus dem Buchsbaum geschnitzt wurden, verbrannt, weil sie mit Namen der Suren versehen waren und ihre Asche wurde in den Rosengarten gestreut.

Im Ramadan beschenkte und bewirtete das muslimische Volk seine Mitmenschen noch mehr, als es dies ohnehin schon tat und erwies damit dem heiligen Monat seinen Respekt. Die ­Osmanen waren so sehr darauf bedacht, den Segen des Monats der Vergebung in alle Welt zu tragen, dass selbst die Tiere ihren Anteil am Ramadan hatten und zum Suhur und Iftar besonderes Futter gereicht bekamen.

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