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Faszination Aikido

Interview mit Sensei Imanul Hakim, Aikidomeister aus Indonesien

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Foto: Autorin

„Man kann Aikido nicht selbst lernen. Man muss es von der originalen Quelle lernen“ sagt der Indonesier Imanul Hakim über die Kampfkunst Aikido. Das hat sie mit der spirituellen Praxis des Islam gemeinsam. Unsere Südostasien-Korrespondentin Claudia Azizah Seise sprach mit ihm.

Islamische Zeitung: Was ist Aikido und wie wird man ein Lehrer und Meister für Aikido?

Sensei Imanul Hakim: Aikido ist eine Kampfkunst aus Japan und wurde von Morihei Ueshiba entworfen. Aikido ist keine sportliche Kampfkunst, mit der man Wettbewerbe bestreiten kann. Aikido ist Budo. Budo bezeichnet einen Weg, um ritterlichen Charakter zu entwickeln bzw. zu erwerben. Aikido basiert auf der Philosophie des Gründers, der während seiner Reise durch die verschiedenen Kampfkünste eine Art Erleuchtung erfuhr.

Mittlerweile hat sich Aikido auf der ganzen Welt verbreitet und es gibt verschiedene Methoden es zu lehren. Wenn man Aikido-Lehrer werden möchte, so sollte man von einem Sensei lernen. Sensei bezeichnet den Lehrer; der, der zuerst geboren wurde und der eine nachvollziehbare Verbindung des Lernens zum Gründer vorweisen kann.

Man kann Aikido nicht selbst lernen. Man muss es von der originalen Quelle lernen. Unabhängig von der Organisation oder dem Stil. Die größte Aikido-Organisation ist die Aikikai Stiftung, mit Sitz in Tokyo. Wie lange es braucht, um ein Meister zu werden, kann ich nicht sagen, denn Aikido ist eine lebenslange Reise des Lernens.

Islamische Zeitung: Aikido ist eine Kampfkunst aus Japan. Welche Verbindung besteht zwischen Ihrem Leben als praktizierender Muslim aus Indonesien?

Sensei Imanul Hakim: Was mich an Aikido zunächst faszinierte, waren die eleganten Bewegungen und Techniken. Man braucht nicht viel Kraft, um den Gegner zum Fallen zu bringen. Doch als ich begann Aikido zu lernen, erlebte ich etwas ganz anderes im Vergleich zu den Vorstellungen in meinem Kopf. Ich hatte sogar Zweifel, ob die Techniken wirklich effektiv seien. Doch ich habe weiter geduldig gelernt bis ich einen Sensei gefunden habe, der mir die Augen öffnete.

Aikido ist nicht eine Kampfkunst, die dir einfach nur mechanische Körperbewegungen beibringt. Es ist viel tiefer. Es geht darum, wie man seinen Körper, seine Gedanken, sein Herz, seine Seele und seine Energie zusammenführt und vereint. Dabei ist das wichtigste das (spirituelle) Herz. Das Herz ist das tiefgreifendste Element, um Aikido zu verstehen. Die wahre Kraft kommt vom Herzen. An diesem Punkt habe ich die Verbindung von Aikido und meiner Religion, Islam, zum ersten Mal wirklich verstanden.

Islamische Zeitung: Wie verbinden Sie Ihr Aikido-Training mit Gott? Und wo sehen Sie die spirituelle Seite von Aikido?

Sensei Imanul Hakim: Der Gründer von Aikido, O’Sensei, sagte einmal, dass es der Sinn und Zweck von Aikido ist, das menschliche Herz mit seinem Schöpfer zu verbinden. Einige Lyrik von O’Sensei zeigen diesen Aspekt klar und deutlich.

Du kannst dein Herz nicht mit dem göttlichen Schöpfer verbinden, wenn du nicht schon auf dem Weg bist, dein spirituelles Herz zu reinigen. Das Ziel von Aikido ist es, uns selbst nahe zu kommen und mit uns selbst ins Reine zu kommen. In der Aikido-Philosophie wird das Masa Katsu Agatsu. Katsu Hayabi. genannt. Die Bedeutung ist, dass der wahre Sieg, der Sieg über unser eigenes Ego ist. Dies ist ein Sieg, der über Zeit und Raum hinausgeht. Um diesen Zustand zu erreichen, muss der Aikido Schüler misogi, die Reinigung des Herzens, praktizieren. Im Islam kennen wir das als Jihad-un-Nafs.

In Aikido ist es nicht möglich, dass wir den Wunsch verspüren, unseren Gegner zu werfen oder ihm Schmerzen zuzufügen. Die ursprüngliche Technik von Aikido wurde aus dem Gefühl der Liebe entwickelt; dem Gefühl, alles, was auf uns zukommt zu umarmen. Viele glauben dieser Philosophie nicht. Doch wenn du Aikido praktizierst, wirst du es durch Training und Anwendung verstehen. Der höchste Punkt im Aikido-Training ist die Bewegung. Man bewegt sich nicht aufgrund des Gegners. Man bewegt sich, weil man durch den göttlichen Schöpfer bewegt wird und der eigene Wille ist dem göttlichen Willen untergeordnet und wird somit eins mit ihm. O’Sensei sagte Tenka Muteki: es gibt keinen Feind unter dem Himmel.

Islamische Zeitung: Welche Verbindung sehen Sie im Praktizieren einer Kampfkunst wie Aikido und unseren Propheten Muhammad als ein Vorbild zu nehmen?

Sensei Imanul Hakim: Der Prophet Muhammad wurde als eine Gnade für alle Welten gesandt (arab. „Rahmatan lil Alamin“ Al-Anbiya, Sure 21, 107). Als seine Gefolgschaft haben wir die Pflicht Gutes in der ganzen Welt zu verbreiten. Allah lehrt uns dies durch den Propheten Muhammad.

In der Aikido-Philosophie lernen wir, das wir lieben und alle Lebewesen und die gesamte Schöpfung beschützen sollen. Auf Japanisch nennen wir das Banyu Ai Go. Als Aikido Schüler lernen wir nicht den Gegner zu zerstören. Wir lernen, den Gegner zu lieben und zu schützen, auch wenn dieser eine negative Intention uns gegenüber hat. Weiter sollte unser Herz immer mit guten Absichten gefüllt sein, auch in den schlimmsten Situationen wie zum Beispiel Krieg.

Auch im Islam sehen wir diese Lehre deutlich. Ein hervorragendes Beispiel ist der Prophetengefährte Ali bin Abi Talib. Er konnte einen Feind umzingeln und dingfest machen und war kurz davor ihn zu töten. Dann spuckte ihm der Feind ins Gesicht. In diesem Moment steckte Ali sein Schwert zurück in die Scheide, anstatt ihn zu töten. Der Feind fragte Ali, warum er das getan hat und Ali antwortete, dass er ihn töten wollte, weil er die Muslime bekämpft hat. Doch als der Feind ihn anspuckte, wuchs Wut in Alis Herz: „Hätte ich dich in diesem Moment getötet, so wäre es, um mein Ego zu befriedigen, nicht, um die Muslime zu verteidigen. Das durfte nicht passieren”. Aufgrund Alis Einstellung und Ritterlichkeit, wurde dieser Mann zu einem Muslim.

Dieses Beispiel ist auch in den Lehren von Aikido zu finden. Ein Budoka zu sein heißt nicht, dass wir nicht reagieren dürfen auf eine Situation. Doch wir sollten immer auf unser Herz schauen. Welche Absicht und welche Gefühle befinden sich in unserem Herzen gegenüber einer bestimmten Situation. Falls wir etwas tun, das negative oder egoistische Absichten erkennen lässt, so müssen wir unser Tun stoppen. Wenn wir unserem Ego folgen, so wird unser Tun schlecht enden. Zum Beispiel: wir wenden eine bestimmte Aikido-Technik an und in unserem Herzen fühlen wir, wie wir den Wunsch verspüren, dem Gegner Schmerzen zuzufügen. In diesem Fall müssen wir unser Tun sofort abbrechen. Selbst wenn die Technik effektiv und schön ausgeführt wird, so ist es doch eine schlechte Technik, weil sie mit der negativen Absicht einhergeht. Wir müssen immer auf unser Herz schauen.

Islamische Zeitung: Sie lehren Aikido Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Wurzeln. Welches ist das verbindende Element in Ihrer Herangehensweise?

Sensei Imanul Hakim: Im Islam wissen wir, dass alle Menschen von dem gleichen Schöpfer geschaffen worden sind. Unabhängig von ihrem Glauben, Kultur und Religion. Sie alle haben die gleiche Fitra (natürlich gottgegebene Veranlagung).

Der Aikidomeister O’Sensei sagte einmal, dass die gesamte Schöpfung aus der gleichen Einen Quelle kommt. Solange die Menschen ihrer Fitra und den universal festgelegten Regeln folgen, werden sie harmonisch leben. Wenn ich meine Schüler unterrichte, schaue ich nicht auf ihren kulturellen oder religiösen Hintergrund. Ich bin davon überzeugt, dass sie alle die gleiche natürliche gottgegebene Veranlagung (Fitra) in ihrem Herzen, Körper und Seele haben. Das ist wie in den Lehren von Aikido.

Islamische Zeitung: Würden Sie sagen, dass Aikido Ihr Werkzeug ist, um die Menschen aufzurufen ihren Schöpfer zu erkennen?

Sensei Imanul Hakim: Ja. Aikido ist mein Werkzeug, die Menschen aufzufordern, ihren Schöpfer anzuerkennen.

O’Sensei erklärte, Aikido ist dafür da, das menschliche Herz mit dem göttlichen Schöpfer zu verbinden. Ich erkläre meinen Schülern, dass, wenn sie verstehen, dass alles aus Einer Einzigen Quelle kommt, sie dann tiefer kontemplieren können und zu dem Verständnis gelangen werden, dass es nur Eine Quelle gibt, die absolut und unveränderlich ist. Meine Hoffnung ist, dass dies ihre Gedanken und Herzen öffnet und sie den Einen Gott erkennen.

Islamische Zeitung: Würden Sie sagen, dass Aikido ein spirituelles Werkzeug ist, um Gott näher zu kommen? Und wenn ja, können Sie uns bitte ein Beispiel geben.

Sensei Imanul Hakim: Ja, das würde ich sagen. Der Islam lehrt uns, uns selbst verstehen zu lernen, um so Wissen über Allah zu erhalten. Außerdem lehrt uns der Islam, dass wir immerzu reflektieren und nachsinnen sollen (Al-i-Imran, Sure 2, 190-191). Andererseits hat O’Sensei, der Gründer von Aikido, in seinem Gedicht erklärt: „Ab und zu ist es notwendig, die Einsamkeit zu suchen, in den Tiefen der Berge und den versteckten Tälern, um die Verbindung zu der Quelle des Lebens wiederherzustellen.“

Für mich sind beides Methoden, um über unsere Fitra nachzusinnen und uns selbst zu verstehen. Wenn man beginnt nachzusinnen und zu meditieren, so begibt man sich auf den Weg zur ultimativen Wahrheit. Zum Beispiel lernen wir in unserem Aikido Training, dass unser Körper ein Teil der Fitra ist. Wenn wir also in unseren Gedanken oder Herzen negative Gedanken oder Absichten hegen, so wird das auf unseren Körper reflektieren. Unser Körper ist so erschaffen, dass er korrupte Taten nicht unterstützt. In der Realität bedeutet das, dass unser Körper nicht in Balance ist und der Gegner wird ihn mit Leichtigkeit hin und her schubsen können, wenn wir lügen oder negative Gefühle haben. Wenn wir wütend oder aggressiv sind, kann unsere Körperenergie nicht frei fließen und unser Körper wird steif. Daraus resultiert, dass es ein Leichtes ist, unsere Technik zu brechen.

Islamische Zeitung: Sie benutzen Aikido auch, um Muslimen zu helfen, die vom rechten Weg abgekommen sind und sich extremistischen Gruppen angeschlossen hatten, um ihnen die wahren Lehren des Islam wieder zu vermitteln. Können Sie uns ein bisschen mehr davon erzählen?

Sensei Imanul Hakim: Ich arbeitete mit einem De-Radikalisierungsprogramm in Indonesien zusammen, das Ex-Terroristen einem Bildungsprogramm unterzieht. Ich bat Allah, dass Er mir die Möglichkeit gibt, denen zu helfen, die die Terrorideologie verinnerlicht hatten. Und Allah öffnete mir diese Tür. Meine Aufgabe war es, den Ex-Terroristen Aikido beizubringen. Ich bin in verschiedene Städte Indonesiens gereist und habe viele von diesen Menschen getroffen. Ich habe mein Aikido genutzt, um ihnen klar zu machen, dass das was sie getan haben gegen ihre eigene Fitra (die gottgegebene natürliche Veranlagung) geht.

Alle diese Menschen haben ein gutes Herz, doch sie haben ihre eigene Religion falsch gelernt. Die meisten waren aggressiv und hatten keinerlei Sinn für Spiritualität. Was sie gelernt haben, ist, dass sie keine Chance haben, das Paradies zu erreichen, außer im Krieg zu fallen. Schlechte Menschen haben dieses falsche Verständnis ausgenutzt. Ich nutzte meine Aikido-Technik, um ihnen zu beweisen, dass ihr Denken falsch ist. Ich habe sie in Zweiergruppen zusammengetan. Dann sollten sie sich gegenübersitzend knien. Einer von ihnen sollte die Hände seines Partners nach unten auf die Oberschenkel gedrückt halten.

Vor dieser Übung fragte ich sie, welche Anrufung Allahs mit Allahu Akbar (Takbir) die stärkere und wirkungsvollere sei: der laut ausgerufene Takbir, der zum Beispiel im Kriegsfall gerufen wird oder der leise Takbir mit Ehrfurcht vor Allah im Herzen, wie man ihn im letzten Drittel der Nacht im Tahajjud Gebet leise murmelt. Alle Teilnehmer haben die erste Antwort gewählt. Dann sollten sie die Übung beginnen. Der, dessen Hände festgehalten wurden, sollte versuchen, sich von den drückenden Händen seines Gegenübers zu befreien, indem er die Hände wie im Ritualgebet zum Takbiral ihram in Höhe seiner Schultern bringen sollte. Während sie versuchten, die Hände zu heben, sollten sie so laut es geht den Takbir rufen, nachdem ich bis drei gezählt hatte. In ihren Gedanken sollten sie die Absicht fassen, den Gegenüber zerstören zu wollen. Das Ergebnis war: keiner der Teilnehmer war in der Lage mit dieser Absicht und dem lauten Ruf seine Hände von seinem Gegenüber zu befreien und in Gebetshaltung auf Schulterhöhe zu bringen. Je lauter sie den Takbir riefen, desto schwieriger war es Widerstand gegen die Hände des Gegenübers zu leisten. Alle Teilnehmer waren danach verwirrt.

Danach bat ich sie, den leisen Takbir mit Ehrfurcht vor Allah im Herzen zu sprechen und so die Hände nach oben zu heben, um sich von dem Druck der Hände des Gegenübers zu befreien. Ich bat sie, sich zu beruhigen. Die Augen zu schließen und zu spüren, dass Allah immerzu mit ihnen ist. Dann zählte ich bis drei und sagte den Teilnehmern, sie sollte ihre Hände heben. Alle konnten ohne Probleme ihre Hände zum Takbiral ihram erheben und sich von den drückenden Händen des Gegenübers befreien. Alle Teilnehmer fühlten sich leicht und waren vollkommen überrascht. Mehrere Teilnehmer weinten und fragten mich, warum und was das war. Ich sagte ihnen nur, sie sollten sich selbst fragen: „Dein Körper belügt dich nicht. Wenn du etwas machst, dass nicht der Fitra entspricht, wird dich dein Körper nicht unterstützen.“ In dem Moment haben die ex-Terroristen verstanden, dass sie Fehler gemacht haben, weil sie nicht ausreichend Wissen über ihre eigene Religion hatten.

Islamische Zeitung: Für diejenigen, die nach der Wahrheit suchen: was ist Ihr Rat?

Sensei Imanul Hakim: Ich bin überzeugt, wenn du ehrlich und aufrichtig nach der universellen und allumfassenden Wahrheit suchst, du einfach weitergehen solltest und Gott wird dir mitteilen, was du suchst.

Islamische Zeitung: Haben Sie noch eine Nachricht für unsere Leser?

Sensei Imanul Hakim: Ich möchte die muslimischen Leser unbedingt animieren, das zu lernen, was uns der Prophet Muhammad gelehrt hat: Kampfkunst, Bogenschießen, Reiten und Schwimmen. Das ist der Weg, um mehr über den ritterlichen Charakter zu lernen. Natürlich würde ich ihnen empfehlen Aikido zu lernen.

„Alle Prinzipien des Himmels und der Erde leben in dir. Leben selbst ist Wahrheit, und das wird sich nie ändern.“ O’Sensei

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Das Interview wurde von Azizah Seise geführt.

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Azizah Seise

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