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Faszination Islam

Der „Konvertit“ als Provokation – für mehr als nur eine Seite

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Einerseits missbilligen Teile der westlichen Gesellschaft die Konvertiten zum Islam, andererseits setzen die Konvertiten eine lange Tradition des kulturellen Austauschs fort und können möglicherweise zur Entwicklung des Islam im Westen beitragen, der eher einheimisch als importiert ist.“ Duderija & Rane

(iz). Man will nicht klagen, schließlich ist man als Muslim idealerweise der Dankbarkeit weitaus mehr zugeneigt als der Wehleidigkeit. Allerdings – die Anhäufung der teils skurrilen Zuschreibungen als manische Puritaner, in der Zeit stehengebliebene Hippies oder psychisch Labile auf der Suche nach einem Ersatzvater machen es einem als neuem (oder nicht mehr so neuem) Muslim nicht notwendigerweise leichter. Der „Konvertit“, für den es im Deutschen bisher keinen befriedigenden Begriff gibt, hat es gesellschaftlich manchmal nicht einfach. Zu viele Schichten des hysterischen „Diskurses“ liegen über dem Phänomen, als dass sich die meisten Stimmen zum Thema die Mühe machen, sich ergebnisoffen dem Phänomen zu nähern.

Bedauerlicherweise setzt sich die ­gelegentlich amüsierte oder kritische Distanz bei Muslimen fort. Ich kann mich an so manche Begegnung mit Funktionsträgern unterschiedlicher Organisationen in den 1990er und 2000er Jahren erinnern, in denen Desinteresse an neuen Muslimen dokumentiert wurde. Die Palette reichte von „interessiert uns nicht“ bis „ist nicht unsere Aufgabe“. Schlimmer: Es hat letztendlich den Anschein, als war die jüngere Vergangenheit hier stellenweise durch eine „Arbeitsteilung“ geprägt: Große Verbände konzentrieren sich auf Repräsentanz und Lobbyarbeit, und „Da’wa“ (ein Wort, das im deutschsprachigen Raum kaum auf der Agenda des muslimischen Mainstreams stand) wurde mangels ­Leidenschaft und Befähigung radikalen Kleinstgruppen überlassen. Die Ergebnisse dieser Kurzsichtigkeit sehen wir heute…

Anders als im angelsächsischen Raum gibt es bisher keine größeren, von der Community getragenen Projekte, die sich der Betreuung und Ausbildung der „Konvertiten“ widmen. Hier sind viele angewiesen, auf eigene Faust Wissen und Gemeinschaft zu finden. Ein Beispiel, wie so etwas erfolgreich gemacht werden kann, liefert das US-amerikanische Ta’leef Collective. Dort werden unter anderem Informationskurse für am Islam Interessierte sowie eine fundierte Ausbildung für neue Muslime angeboten. Und das Ganze in einem „dritten Raum“, der ihnen die Hemmung für eine Begegnung nimmt.

Konvertiten provozieren
Wie problematisch für manche Vertreter migrantisch-muslimischer Kreise die Verbindung zwischen „deutsch“ und „muslimisch“ zu sein scheint, belegte die Debatte im Vorfeld der jüngsten Runde bei der Deutschen Islamkonferenz. Die hörbare Kritik störte sich nicht nur zu Recht an der von Staatssekretär Markus Kerber formulierten Agenda eines „deutschen Islam“. In mehr als einem Posting wurde das Adjektiv „deutsch“ mit is­lamisch ­verbotenen Dingen wie Schweinefleisch in Verbindung gebracht. Manche innermuslimischen Kritiker sahen darin das Symptom einer zunehmenden „Re-Ethnisierung“.

Einen anderen Weg der Kritik beschreiten seit einiger Zeit muslimische AnhängerInnen der sogenannten Kritischen Rassentheorie – nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in den USA. Für die radikaleren machen sich „weiße“ Muslime beziehungsweise „KonvertitInnen“ einer sogenannten kulturellen Aneignung (engl. cultural appropriation) schuldig. Demnach würden sich diese mit kulturellen Federn unterdrückter Minderheiten schmücken, was ihnen als „privilegierte Weiße“ so nicht zukäme. Das klingt eher nach dem Kulturstreit um Karnevalskostüme als der Frage nach der Allgemeingültigkeit des von Allah offenbartem Dins…

Egal, ob innen oder außen, der Konvertit als solcher ist Provokation und Herausforderung. Bei den einen erschüttert er die kulturell, religiös oder rassistisch begründete Gleichsetzung des Anderen mit Muslimsein und Islam. Denn er hebelt das Narrativ des Islam als „fremder Religion“ auf. Er verkörpert vielmehr die Faszination, die von Allahs Din und seiner Offenbarung ausgeht. Für andere stellt er liebgewonnene ­Vorstellungen des Muslimseins in Frage. Denn er dokumentiert, dass man weder einem bestimmten Stamm oder Volk ­angehören muss, um Muslim zu sein; noch, dass man zu den „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon) gehören muss, um Zugang zu Allahs Rechtleitung zu ­erlangen.

Immer schon von ­zentraler Bedeutung
Bei eher unterwältigenden Online-Diskussionen habe ich mir angewöhnt, auf allzu platte Verallgemeinerungen zu entgegnen, dass „auch Deine Vorfahren Konvertiten waren“. Jenseits jeder Schnoddrigkeit war die Annahme des Islam durch neue Menschen und Gruppen einer der Garanten für Bestehen und Verbreitung. Es ist sicherlich nicht vermessen zu vermuten, dass Allah mehr als einmal in der Geschichte eine neue Gruppe von Menschen hervorbrachte, welche den Stab von früheren übernommen haben.

Allahs Din faszinierte Menschen unterschiedlicher Kulturen – von China und Südostasien, über den Nahen Osten bis nach West- und Europa hinein. Zu verschiedenen Augenblicken der europä­ischen Geschichte gab es Muslime auf dem Gebiet des heutigen Europas – von der mittleren Wolga bis zu den Pyrenä­en. Zeichnet man die Verteilung dieser Zonen auf einer Karte ein, ergibt sich beinahe das Bild eines Halbmondes.

Es geht hier aber vorrangig nicht um die nicht ausreichend dokumentierte Geschichte. Seit Beginn der Migration von Muslimen in unsere Gefilde stieg auch die Menge der Übertritte zum Islam an. Lewis Rambo, der häufig zum Thema „Konversion“ zitiert wird, ­definiert diese als „Prozess des Religionswechsels. Er ereignet sich in einem dyna­mischen Kraftfeld von Leuten, Ereignissen, Ideologien, Institutionen, Erwahrungen und Orientierungen“. Allerdings sei dieser nicht einheitlich. Es gebe nicht nur einen Anlass, nicht nur einen Prozess und keine einheitlichen Folgen.

Es erfordert – je nach Situation – durchaus Mut für einen Konvertiten, seine/ihre neue Religion im engeren oder weiteren Kreis öffentlich zu machen. „Im gegenwärtigen Klima der Furcht und Feindlichkeit gegenüber Islam und Muslimen stellt Konvertiten vor nennenswerte soziale Hindernisse und persönliche Herausforderungen“, schreiben Adis Duderija und Halim Rane im entsprechenden Kapital von „Islam and Muslims in the West“ (2019.

So bestehe die Herausforderung darin, zwischen einer Reihe von, oft kon­kur­rierenden und widersprüchlichen, kulturellen, sektiererischen, ideologischen, theologischen, doktrinären und juristischen Perspektiven zu unterscheiden. „Beim Navigieren in diesen Perspek­tiven, die von Muslimen oftmals un­kritisch mit ‘Islam’ gleichgesetzt werden“, müssten die Betreffenden anhand ihrer Überzeugungen sowie persönlichen, familiären und sozialen Kontexte die sinnvollste und geeignetste Option herausfinden.

Das Nummern-Spiel oder die Relevanz
Eines der Argumente für die Marginalisierung von neuen Muslimen beispielsweise in Deutschland wird die ­relativ geringe Zahl dieser „Minderheit in der Minderheit“ (Brice, 2010) angeführt. Man sei nicht relevant, meint so manche kritische Stimme. Oder könne, wenn einem etwas nicht passe, seine ­eigene Moschee aufmachen. Dem liegt natürlich auch eine rein quantifizierende Sichtweise zugrunde, wonach sich Relevanz ausschließlich an Zahlen bemessen ließe.

Duderija und Rane gehen von höheren Zahlen als den häufig kolportierten Zahlen aus. Auch sie räumen ein, dass „Konvertiten“ bisher nur einen kleinen Anteil der Muslime im Westen ausmachten – wobei die USA eine nennenswerte Ausnahme sind. Allerdings zitieren sie das Forschertrio Schuurman, Grol und Flowers (2016) und deren Schätzungen mit Hilfe mehrerer Quellen. Demnach lebten 215.000 neue Muslime in Frankreich, 215.000 in Deutschland und deutlich mehr als 100.000 in Großbritannien.

Wegen des Fehlens belastbarer Zahlen, wie das Beispiel Deutschland zeigt, könnten Schätzungen hier unterschiedlich ausfallen. Die augenfällige Betonung der Quantität führt dazu, dass Qualitäten – auch die potenziellen – der neuen Muslime übersehen werden. In mehreren offiziellen oder offiziösen Papieren tauchen sie (jenseits von separaten Sicher­heitsfragen) gar nicht oder nur als Fußnote auf. Selbst die renommierte Riem Spielhaus hat in ihrem Papier „Wer ist Muslim und wenn ja wie viele?“ (2013) nur anzumerken, dass es diese Gruppe gibt. Man habe es weiterhin „mit einer engen Vermengung der Kate­gorien Migrationshintergrund und Reli­gionszugehörigkeit“ zu tun. Es geht hier in meinen Augen nicht um reine Zahlenspielerei. Wenn der Zugang zu entscheidenden muslimischen Zirkeln nur an den Mengen festgemacht wird, und nicht an dem, was jemand mitbringt, ist es kein großes Wunder, dass Konvertiten in den meisten Führungsgremien nicht vertreten sind.

Eine wirklich nennenswerte Ausnahme stellt die muslimische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten dar. Hier sehen die Verhältnisse anders aus, was sich auch daran ablesen lässt, dass im Gegensatz zur hiesigen Landschaft viele der führenden Positionen von KonvertitInnen oder ihren Nachkommen besetzt werden. Anhand der Pew-Studie von 2017 sind ca. 21 Prozent der US-amerikanischen Muslime konvertierten. Zwei Drittel der in den USA geborenen schwarzen Muslime gaben an, dass sie „konvertiert“ oder „revertiert“ seien.

Nötige Brückenbauer
Muslime beklagen zu Recht, als gesellschaftliche Minderheit diskriminiert und nicht ausreichend präsent zu sein. Insofern ist es ironisch, dass die rele­vanten innermuslimischen Strukturen die Gegenwart muslimischer „Eigengewächse“ bisher kaum zur Kenntnis nehmen oder integrieren. Dabei zeigt die Alltagspraxis, dass sie wegen ihrer Vertrautheit eine wichtige Brückenfunktion zwischen unterschiedlichen Muslimen beziehungsweise zur Mehrheitsgesellschaft sein können.

Duderija und Rane verweisen auf mehrere Befragungen, in denen befragte Konvertiten ihren Wunsch und ihre ­Willen zum Ausdruck brachten, zur Verbesserung des Verständnisses zwischen Muslimen und der westlichen Gesellschaft beizutragen. In den letzten Jahren hätte es hierzu ein steigendes akademisches Interesse gegeben. Ein Teil konzentrierte sich dabei auf die Rolle früher und multigenerationeller westlicher Muslime, ein anderer auf das Potenzial zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Eine Mehrheit (84 Prozent) der ­Konvertiten, die an der Studie von Brice teilgenommen haben, stimmte zu, dass Konvertiten als Brücke zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Gemeinschaften fungieren können. Die Studie identifizierte mehrere Kontexte, in denen die Erfahrungen von Konvertiten muslimischen Gemeinschaften und deren Beziehung zur Gesellschaft ­zugutekommen könnten, darunter a) die Unterscheidung zwischen Kultur und Religion, b) Moscheen gemeinschaftsfreundlicher und offener für Nichtmuslime machen und c) bessere Vertretung der (geborenen und konvertierten) Muslime in Medien und in Öffentlichkeit, um Stereotype zu zerstreuen.

Suche nach Einheit
Ungeachtet temporärer Hindernisse oder soziologischer Fragen der Repräsentation suchten und suchen Menschen – aus welchen Gründen auch immer – über den Islam einen unverstellten ­Zugang zur göttlichen Einheit. Ob im 7. oder im 21. Jahrhundert – die Umstände mögen andere sein, der Kern ist der gleiche.

Einen Hinweis darauf gibt auch ­Marcia Hartmanns Essay „Conversion Narratives“ (The Muslim World, 1999). Demnach sei der Begriff „Konversion“, so ein Ergebnis ihrer Studie, kein wirklich angemessener Begriff für die Erfahrung. Es liege ein Fehlen des radikalen Moments eines „Zerreißens“ vor. Auch gebe es keine totale Zurückweisung der vorherigen Identität. Alle, der von ihr geführten Gespräche reflektierten ein Gefühl der Rückkehr zu dem, was ­bereits war. Auch aus diesem Grund würden die von ihr Befragten den Begriff „Reversion“ häufig vorziehen.

Bei Nooruddin Durkee findet sich ein Zitat, dass die Verbindung von individuellem Schicksal und überzeitlicher Wirklichkeit deutlich macht: „Nach langem Suchen im Verlauf vieler Jahre, und oft in fremden Ländern, um die natürliche Form meiner Erschaffenheit (arab. fitra) zu begreifen, kehrte ich zum Sein als Muslim zurück und übergab mich der Ergebenheit in die Barmherzigkeit Allahs.“

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Sulaiman Wilms

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