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Fiktion einer Fiktion – der „Führer der freien Welt“ ist angeklagt

Über das Amtenthebungsverfahren gegen Donald Trump

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Foto: MotionStudios, pixabay.com

(iz). Im Verlauf der letzten paar Wochen berichteten Medien aus aller Welt über ein „his­torisches“ Ereignis – der Präsident der ­Vereinigten Staaten wurde in einem Amtsenthebungsverfahren angeklagt. Trotz der unterschiedlichen Perspektiven blicken alle scheinbar nur auf den Prozess des Impeachments. In diesem Text blicken wir auf das Verfahren mit Hilfe der Geschichte, um zu zeigen, dass es nicht „historisch“ ist.

Die Römer sagten „nihil sub sola“ – nichts Neues unter der Sonne. Was momentan geschieht, hat seine Vorläufer. Dr. Holly Haines schrieb über den großen römischen Historiker Tacitus, dass er „uns zeigt, dass in der Zeit seiner ‘Annalen’ die symbolische Fiktion zu einer Fiktion der Fiktion wurde…“. Mit anderen Worten, die römische Gesellschaft konnte nicht länger zwischen Einbildung und Realität unterscheiden. Obwohl sich Haines auf die antiken Römer bezieht, ist dies eine passende Einschätzung der neuen Römer – die amerikanische Republik. Der herausragende britische Dokumentarfilmer nennt dieses Phänomen „Hypernormalisierung“. Schauen wir also darauf, was diese Fiktion einer Fiktion ist. Das tun wir, indem wir kurz zurückgehen und dann zum Impeachment von Trump zurückkehren.

Das Fundament der Römischen Republik fand sich auf dem eingewobenen Motto ­seiner Standarten: S.P.Q.R. – der Senat und das Volk von Rom. Kurz gefasst, die politische Macht ruhte beim Senat. Jedoch: Als sich die Republik ausweitete, führte individueller Ehrgeiz zum Bürgerkrieg zwischen Cäsar und Pompeius. Als der erstere gewann, riss er die politische Macht des Senats an sich. Aus Rache ermordete der Senat unter Führung von Brutus Cäsar. Das löste den zweiten Bürgerkrieg aus. Nachdem sich der Staub legte, ging Augustus Cäsar (vormals Octavian, der Neffe Julius Cäsars) als Sieger hervor.

Augustus unternahm zwei Dinge für den Machterhalt. Er machte die einst herrschende Elite zu einer dienstbaren Bürokratie. Er tat das, indem er Senatoren und die Opposition ermorden und sie durch unterwürfige Männer ersetzen ließ. Zweitens nahm er die ­politische Macht und übergab sie an die Legionen. So lag Roms Macht nicht mehr beim Senat. Die Menschen wussten das, aber entschieden sie sich für den Glauben, der Senat habe noch die Macht inne. Tacitus merkte hierzu an: „Vorerst war das Geheimnis des Imperiums preisgegeben, dass nämlich die Kaiser an einem anderen Ort als Rom bestimmt werden konnten.“ Daraus folgte, dass das Imperium bestehen konnte, solange es eine Art – irgendeine Art – Kaiser gab.

Trotz dieses offenen Geheimnisses entschieden sich die Leute für die Fiktion und beteiligten sich an ihr. Sie wählten Vertreter – die Tribunen –, um sie im Senat zu repräsentieren. Als sich die Dinge zum Schlechteren wandten, protestierten die Menschen beim Senat, obwohl sie wussten, dass die Macht woanders lag. Das ist es, was Dr. Haines meinte, als sie von „einer Fiktion in einer Fiktion“ sprach.

Die amerikanische Geschichte beginnt mit wütenden Teehändlern, die über die britische Krone verärgert waren, weil diese sie aus dem Geschäft treiben wollte. Also rebellierten sie. Nach dem Krieg wurde ein königlicher George durch einen gewählten George ­ersetzt. In Folge wurde das amerikanische Modell auf einer angepassten Blaupause der römischen Republik gebaut – dem Senat und dem amerikanischen Volk. Macht wurde zwischen der Judikative, der Exekutive und den Verwaltungszweigen der Regierung ­balanciert.

Im 20. Jahrhundert besiegten die USA all ihre Feinde – die europäischen Imperien und schließlich die Sowjetunion. Die Kosten ­dieser Eroberungen trieben Amerika jedoch immer tiefer in die Schulden. Zwischen der erfolgreichen Invasion Europas und dem Zusammenfall der Sowjetunion ging die Macht vom amerikanischen Senat und – impliziert – seiner Wählerschaft auf einen anderen Ort über.

Die bekannte Autorin und Essayistin Joan Didion beschrieb die moderne, umgewandelte Regierungsentität wie folgt als „(…) diese kleine aber sehr sichtbare Gruppe von Leuten, die Tag für Tag und Regierung nach Regierung Washington an die Welt vermitteln, seine Geschichte erzählen, sich auf eine Erzählung einigen und diese dann verbreiten. Sie schreiben deren Geschichte. Sie verfassen Kommentare und tauchen in Talkshows auf. Sie beraten, tauschen Jobs und reisen mit unmarkierten Pässen zwischen dem Öffentlichen und Privaten, dem Westflügel und dem Green Room. Sie stellen die dauerhafte, professionelle politische Klasse dar“.

Mit anderen Worten, diese politische Klasse bewegt sich mit dem Westflügel – dem Ort des Militärs und seiner Führung – und dem Green Room – wo die Repräsentanten des großen Geschäfts zu finden sind. Hier liegt die Macht – ein modernes Triumvirat aus Militär, dieser professionellen politischen Klasse und unter Führung von Großunternehmen. Eisenhower nannte es den militärisch-industriellen Komplex.

Aisha Bewley merkt hierzu an: „Wer kontrolliert die politische Agenda? (…) Die ­Logik der Massenkommunikation verlangt die Logik der Kontrolle durch Eliten. Diese produzieren ihrerseits ‘Bedeutungen’ und vorfabrizierte Motive zum Handeln. Politische Organisation ist nichts anderes als die Mobilisierung von Vorurteil, den Werten und Abläufen, die zum Nutzen einzelner Personen funktionieren. Die ‘demokratische Wahl’ ist nicht viel mehr als die Auswahl aus einem Bestand an vorher festgelegten Möglichkeiten. Diese repräsentieren unterschiedliche Facetten des gleichen Weltverständ­nisses – aber wer fällt die Entscheidungen an erster Stelle?“

Die Optionen, für welche die amerikanische Wählerschaft stimmen kann, wurden bereits festgelegt. Dabei kann es sich um Reagan, ein zweitklassiger Schauspieler, handeln oder um Clinton, ein sexuelles Raubtier, um Bush, ein ungebildeter Mensch, um Obama, ein drittklassiger Anwalt, oder um Trump, dem bankrotten Geschäftsmann, der Wohlstand vorspiegelt. Am Ende sind die vor den Wählern paradierenden Charaktere Teil eines staatlichen Theaters für die Massen, während Entscheidungen woanders getroffen werden.

Was bedeutet das Amtsenthebungsverfahren von Trump? Das Impeachment ist simples Theater, das den Massen eine Katharsis verschaffen soll. Gegeben wird sie vom Protagonisten Senat gegen den Antagonisten Donald Trump. Darüber hinaus bedeutet sie nicht viel. Das kann sich aber ändern. Das Verfahren kann als Erinnerung dafür dienen, dass es alternative Optionen braucht. Und eine Antwort findet sich in „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans-Christian Andersen.

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KO Masombuka

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