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Frankfurt: Neue Initiative muslimischer Frauen gegründet. Von Yasin Alder

Gebündelte Kompetenz

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(iz). Nachdem sich kürzlich auf Bundesebene das Aktionsbündnis muslimischer Frauen gegründet hat, haben sich nun auch im Raum Frankfurt Musliminnen zusammengefunden, um ihre Kompetenzen zu bündeln. Die Mainmetropole zeichnet sich durch eine ethnisch besonders vielfältige muslimische Bevölkerung aus – die Türken dominieren hier nicht so stark, und Marokkaner und vom indischen Subkontinent stammende Muslime sind vergleichsweise stark vertreten – sowie durch eine große Zahl von Moscheen und anderen muslimischen Aktivitäten. Die neue Fraueninitiative scheint in diesem bunten Mosaik eine bisher vorhandene Lücke zu besetzen.

„Ich verstehe mich selbst als deutsch-türkische Muslimin“, sagt Naime Cakir vom Kompetenzbündnis. Die studierte Sozialpädagogin, die derzeit in Soziologie promoviert und eine Magisterarbeit in Religionswissenschaften verfasst, ist seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen tätig, vor allem im interreligiösen Dialog und in der Integrationsthematik. Sie ist muslimische Vorsitzende des islamisch-christlichen Arbeitskreise in Hessen, eine der Moderatorinnen des hessischen Islamforums und zudem noch in weiteren Gremien vertreten.

Hafida Allous, die aus Marokko stammt, hat Sozialarbeit studiert und steht kurz vor ihrem Abschluss als Systemische Familientherapeutin. Auch sie ist seit Jahren im interreligiösen Dialog in Frankfurt aktiv, sowie in Arbeitskreisen des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten. Sie leitet einen Arbeitskreis aktiver Frauen aus Frankfurter Moscheen, befasst sich mit der Professionalisierung der Jugendarbeit und arbeitet an einem Projekt zur Fortbildung von Imamen,welches im Januar dieses Jahres begonnen hat.

Die Idee zur Gründung des Kompetenzzentrums sei bereits vor drei Jahren entstanden, erzählt Naime Cakir. „Es gab und gibt bisher nur wenig Angebote für muslimische Frauen hier im Rhein-Main-Gebiet. Der andere Anlass war aber, dass die ganze Integrationsdebatte auf dem Rücken der muslimischen Frauen ausgetragen wird, dabei geht es aber oft gar nicht um diese, sondern es werden bestimmte politische Interessen ausgehandelt. In dieser Diskussion, die über die muslimischen Frauen hinweg geführt wird, erscheinen diese in erster Linie als Opfer. Dadurch werden weiterhin hierarchische Verhältnisse verfestigt“, so die Akademikerin. „Unser Wunsch ist es zu zeigen, wir sind Musliminnen, wir sind integriert, wir haben der Gesellschaft etwas anzubieten.“

Aber auch nach Innen, in die muslimische Community hinein, möchte man wirken. „Es ist unbestritten, dass muslimische Frauen, wie andere Frauen, auch Probleme erfahren, zum Beispiel innerfamiliärer Art, und da möchten wir den Frauen eine Anlaufstelle bieten, wo sie sich anvertrauen und Hilfe in Anspruch nehmen können, ohne irgendwelchem Druck ausgesetzt zu werden.“ Man wolle „ der schweigenden, kompetenten Mehrheit der Musliminnen Raum und Gesicht“ geben, erklärt Naime Cakir, und stellt klar, dass entgegen dem teilweise in der Öffentlichkeit verbreiteten Eindruck auch die Mehrheit der nicht das Kopftuch tragenden und vielleicht nicht ganz konsequent praktizierenden muslimischen Frauen sich durchaus als Musliminnen fühlten und sich in keinster Weise von Personen wie Necla Kelek vertreten sähen. Auch Cakir selbst trägt kein Kopftuch und entspricht so nicht dem gängigen Klischee der muslimischen Aktivistin. „Wir finden es wichtig, auch so genannte Kulturmuslime oder weniger praktizierende dabei zu haben und Musliminnen verschiedener Strömungen, das heißt insgesamt ein sehr breites Spektrum.“ Das sei auch deshalb wichtig, um auch Frauen ansprechen zu können, die nicht in Kontakt mit Moscheegemeinden stehen. Man wolle Partizipation und Chancengleicheit und sehe den Islam nicht als Hindernis, sondern als eine Bereicherung, so Cakir weiter.

Als Arbeitsschwerpunkte betrachte man Bildung, Beratung und Begegnung, so Hafida Allouss. In diesen Bereichen sei man schon zuvor tätig gewesen, sodass das Komptenzzentrum und seine bisherigen Mitglieder, rund 25 aktive Frauen, auf langjährige Erfahrungen und Kontakte seiner Mitglieder zurückgreifen könne. „Wir haben eigentlich nur die bereits vorhandenen Kompetenzen gebündelt, vor allem in den Bereichen Bildung und Fortbildung. Was die Beratung und die Arbeit mit den Moscheegemeinden angeht, so wollen wir diese nun verstärkt aufbauen“, erklärt Allouss. Mit vielen Moscheen habe man bereits gute Kontakte, einige der Mitglieder seien auch selbst in den Moscheen aktiv.

„Eines unserer längerfristigen Ziele besteht darin, eine Beratungsstelle aufzubauen, mit den Schwerpunkten Ehe, Familie, Erziehung und Frauen in schwierigen Situationen. Aufgrund meiner Erfahrung in der Beratungsarbeit kann ich sagen, dass die Zielgruppe muslimischer Familien bisher von anderen Institutionen nur ungenügend erreicht wird“, sagt Hafida Allouss.

Für das Jahr 2010 ist auch Gesundheitsberatung an Frankfurter Moscheen geplant. Damit sollen Frauen für Vorsorgeuntersuchungen sensibilisiert und bezüglich ihrer Gesundheit beraten werden. Ein weiteres Anliegen des Projektes ist es, den Frauen einen vertrauten Rahmen zu bieten, in dem sie ihre Fragen und Sorgen artikulieren können.

Ein Projekt mit äußerst positiver Resonanz ist die erwähnte Imam-Fortbildung in Frankfurt, bei der das Kompetenzzentrum an der Erstellung des Curriculums maßgeblich mitgewirkt hat und auch die Referentinnen zweier Module stellt. Das Projekt wird mit Bundesmitteln gefördert, sowie von der Hessischen Zentrale für politische Bildung und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt. Ziel ist es unter anderem, den Imamen Grundkenntnisse über die deutsche Geschichte, die deutsche Verfassung, Bildung und Arbeitsmarkt und das politische und soziale System der Stadt Frankfurt zu vermitteln. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt ist der Umgang mit Konflikten. „Imame haben eine Brückenfunktion und sind für Muslime im Alltag oft die erste Anlaufstelle für familiäre Probleme“, so Allouss. „Daher ist es wichtig, dass sie auch die in diesem Bereich relevanten und tätigen Institutionen kennen lernen.“

Ein anderes Projekt des Kompetenzzentrums ist das „Friedensschiff“. Im Kindergarten der Friedensgemeinde im Frankfurter Gallusviertel wird die „Arche Noah“, ein Kletter und -spielgerüst in Form eines Schiffes errichtet. Die Bauplanung wurde von dem renommierten Frankfurter Architekten Shakil Ahmed ehrenamtlich übernommen.

Begleitend gibt es „trialogische Informationsveranstaltungen“ seitens des Kompetenzzentrums, so Naime Cakir, und die beteiligten Eltern und Kinder sollen dann das Schiff mit Symbolen verschiedener Religionen gestalten.

„Aufgrund unserer langjährigen Arbeit im Dialog und Zusammenarbeit mit den städtischen Institutionen sind wir der Stadt Frankfurt und den anderen nichtmuslimischen Institutionen nicht fremd. Wir sind dankbar für die erhaltene Unterstützung und zuversichtlich, auch in Zukunft gut zusammenzuarbeiten“, sagt Hafida Allouss.

Eine nicht unbedeutende Frage ist, wie man Frauen, die nicht bereits in Kontakt mit bestehenden muslimischen Strukturen sind, erreichen kann. „Wir werden auch von anderen Frauenorganisationen und -institutionen verschiedenster Trägerschaft kontaktiert. Ansonsten ist natürlich auch die altbewährte Mundpropaganda ein Weg, bekannt zu werden“, sagt Naime Cakir. „Wir planen auch, uns in Einrichtungen, die zum Beispiel Deutschkurse für Neuzuwanderer durchführen, vorzustellen“, ergänzt Hafida Allouss. Wer beim Frankfurter Kompetenzzentrum mitwirken möchte, kann unter der unten genannten Adresse Kontakt aufnehmen.

Kontakt: kompetenzmuslima@googlemail.com

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