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Im „Frauencafé” bieten Musliminnen geflüchteten Frauen Rat und Tat

„Den Frauen etwas Gutes tun": Über ein vorbildliches Projekt aus Berlin

Foto: Gülhanim Karaduman-Cerkes

(iz). Die Sehitlik-Moschee in Berlin ist seit langem ein Symbol der Begegnung. Nicht nur, weil die unermüdlich aktive Gemeinde Hunderttausende Besucher durch den historischen Ort führt, sondern auch, weil hier innovative Ideen verwirklicht werden und Diskurse stattfinden können.

Im Zuge der großen Flüchtlingsdebatte wurde die Rolle von Muslimen immer wieder, teils heftig, diskutiert. Oft hörte man den Vorwurf, von muslimischer Seite käme in der Flüchtlingshilfe zu wenig. Zugegeben bewegt sich das Engagement oftmals außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung und schafft es dadurch selten in die Presse.

So wird zum Beispiel hierzulande in über 500 Moscheen Deutschunterricht angeboten. Wohlgemerkt ehrenamtlich, ohne Subventionen oder Fördergelder. Auch bieten viele Moscheen täglich Essen und Getränke an oder initiieren Klei­derkammern. Zum Höhepunkt des Flüchtlingsstroms, als beispielsweise in Berlin Tausende vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales auf einen ­Termin warteten, wurde ihnen in zahlreichen Moscheen deutschlandweit Obdach geboten.

Neben der großen ehrenamtlichen Beteiligung gibt es aber auch vermehrt organisierte Projekte seitens der muslimischen Institutionen. Als Beispiel dafür gilt das Patenschaftsprojekt des größten muslimischen Verbands, DITIB.

Vom Bundesverband ausgehend, dessen Sitz in Köln ist, wurden die Landesverbände beauftragt, eine bestimmte Zahl von Patenschaften mit Flüchtlingen durch Gemeindemitglieder abzuschließen. Für Berlin war der Maßstab 200. Innerhalb kürzester Zeit wurde dies aber bereits übertroffen. „Es gibt großes Interesse, die Menschen wollen gerne helfen“, sagt Gülhanim Karaduman-Cerkes, die für die Leitung der Flüchtlingsarbeit im Berliner Landesverband verantwortlich ist.

Die Gemeindemitglieder sähen den Bedarf von aktiver Unterstützung und seien bereit, sich zu beteiligen, wenn man ihnen eine Vorstellung gebe, wie das aussehen könnte. Bei den Patenschaften ginge es darum, dass ein Gemeindemitglied oder auch jemand von außerhalb zum Paten einer geflüchteten Person oder einer geflüchteten Familie wird. So soll durch Hilfe bei wichtigen Angelegenheiten, gemeinsame Aktivitäten und vor allem persönlichen Bezug die Integration in die Gesellschaft vereinfacht werden.

Die Gemeinde der Sehitlik-Moschee war auch vor der Patenschaftsinitiative aktiv in der Flüchtlingsarbeit. An keinem aufmerksamen Berliner ging die schwierige Situation in den Notunterkünften vorbei. Das führte gesellschaftsübergreifend zum Einsatz aus der Zivilbevölkerung. Von Anfang an war auch die Sehitlik-Gemeinde dabei. Sie beteiligte sich an der Verteilung von Lebensmitteln, Kleidung und Decken oder organisierte Veranstaltungen für die Kinder. Gleichzeitig nutzte sie aber auch ihre ansehnlichen Räumlichkeiten für Podiumsdiskussionen zu dem Thema und lud namhafte Gäste ein, um die Lage zu thematisieren.

„Mit der Zeit und gewonnenen Erfahrung im Umgang mit der Situation der Flüchtlinge in ihren Unterkünften kamen wir zu der Erkenntnis, dass es vor allem bei den Frauen an notwendiger Betreuung fehlt“, erklärt Karaduman-Cerkes.

Viele kämen traumatisiert in Deutschland an und fühlten sich im Stich gelassen. Die fehlende Kenntnis der Strukturen in Deutschland schränke die Frauen in der Wahrnehmung ihrer Rechte ein. „Sie erzählten uns von Erfahrungen in den Flüchtlingsunterkünften, die wir so nicht hinnehmen konnten. Die Belästigung von Frauen ist kein zu unterschätzendes Problem“, so Karaduman-Cerkes.

Das liege vor allem daran, dass den Frauen oft nicht bewusst sei, in wessen Händen welche Befugnisse liegen. So sei es beispielsweise öfter zu Erpressungen durch Security-Mitarbeiter gekommen, die den Frauen drohten, sie würden ihre Asylbescheide ablehnen. Aus Angst und fehlendem Vertrauen in die wirklichen Ansprechpartner seien sie zusätzlich isoliert. Für Karaduman-Cerkes und ihre Gemeinde war das ein Grund zu handeln.

So entstand das erste Frauencafé seiner Art. Gülhanim Abla, wie sie liebevoll genannt wird, was auf türkisch „große Schwester“ heißt, besucht regelmäßig mit einigen ehrenamtlichen Frauen Flüchtlingsunterkünfte und veranstaltet eine geschlossene Runde für Frauen, in der diese frei über ihre Probleme, Erfahrungen und Erwartungen sprechen können.

„Sie vertrauen sich uns an und sprechen mit uns, wie sie mit sonst niemandem sprechen können“, so Karaduman-Cerkes. „Man merkt sofort, was für ein großes Bedürfnis besteht, sich auszudrücken. Den Frauen liegt viel auf den Herzen.“ Für die Berlinerin ist es deshalb auch eine Herzensangelegenheit. „Man darf sie nicht im Stich lassen.“

In manchen Flüchtlingsunterkünften habe es solche Möglichkeiten der ungestörten Zusammenkunft von Frauen davor nicht gegeben. Dafür fehle es laut diversen Betreibern an Räumlichkeiten. „Die Frauen kommen einerseits nicht einfach raus und finden andererseits dort, wo sie gerade zuhause sind, keine Privatsphäre. So darf das nicht sein.“

Dieses Mal findet das Frauencafé in den Räumlichkeiten der Sehitlik-Gemeinde statt. Auf dem berühmten Moscheegelände in den Seminarräumen kommen wieder Dutzende Frauen zum Austausch zusammen. Diesmal sind auch Vertreter des Senats anwesend. Ich bin zuvor mit Gülhanim Karaduman-Cerkes zum Gespräch verabredet. Man merkt ihr die Hektik der Vorbereitung an. Trotzdem wirkt sie absolut souverän in der Koordination. Bekannte Gesichter aus der Moschee rennen umher, bringen Tee und Kekse in die Räume.

Die Männer im Teehaus der Gemeinde sind stolz auf ihre weiblichen Mitglieder. „Da sieht man mal, wie viel unsere Frauen auch ohne uns hinkriegen und machen“, sagt einer der älteren Hadschis lachend. Das Programm sollte eigentlich zwei Stunden dauern und um 18:30 Uhr vorbei sein. Um 20 Uhr ist der Großteil immer noch in Gespräche vertieft. Der Bedarf ist ungebrochen. Es geht vorrangig um Missstände in den Flüchtlingsunterkünften, Probleme mit den Betreibern und dem Wachdienst.

Die Frauen nutzen die Möglichkeit, ihrem Unmut freien Lauf zu lassen, in Anwesenheit der Vertreter des Berliner Senats. Übersetzt wird von Ehrenamtlichen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, denn unter den Frauen gibt es verschiedenste Nationalitäten. Professionelle Übersetzer kann sich die Initiative nicht leisten. „Wir hätten gern derartige Unterstützung von den Behörden. Zumindest Übersetzer könnten sie uns stellen, oder Pädagogen. So sehr wir uns auch bemühen, natürlich fehlt es an professioneller Unterstützung“, erklärt Karaduman-Cerkes.

Eine Woche zuvor fiel das Frauencafé aufgrund der fehlenden Übersetzer aus. „Natürlich ist das Zusammenkommen an sich wichtig, aber das Wichtigste ist doch, dass die Frauen sich ausdrücken können, ihnen zugehört wird und wir dadurch auch etwas ändern können.“ Für die meisten Teilnehmerinnen gehört das Frauencafé zu den wenigen sozialen Aktivitäten. „Die Behörden müssen erkennen, wie wichtig das Projekt für unsere neuen Mitbürger ist, sie brauchen das.“

Die psychologischen Belastungen von Frauen dürfen laut Gülhanim Karaduman-Cerkes nicht unterschätzt werden. „Das werden unsere Nachbarn, wir werden mit ihnen leben und arbeiten, wir können nicht einfach ignorieren, dass es manchen von ihnen mental wirklich schlecht geht.“ Das Interesse sei auch bei jungen Mädchen sehr hoch. Das stelle die Initiatoren vor die Herausforderung, verschiedene Formate anzubieten. Manche der Probleme der älteren Frauen seien so drastisch, dass Jugendliche oder junge Mädchen bei der Besprechung dieser nicht anwesend sein dürften.

Der Bedarf dieses zusätzlichen, auf jüngere Frauen und Mädchen angepassten Programms stellt Karaduman-Cerkes und ihre Ehrenamtlichen vor neue Aufgaben. „Im Grunde genommen wäre es das Gleiche. Auch hier kommt es auf Übersetzer und Ehrenamtliche an. Ich denke, gerade bei den Jüngeren sind Pädagogen aber wichtig.“ Von der Gemeine gebe es viel Unterstützung. Es kämen auch immer wieder junge Damen von außerhalb der Gemeinde, um das Projekt zu unterstützen. „Ich will nicht klingen, als warteten wir nur auf Hilfe. Wir machen es auch so gerne. Einfach, weil wir die Notwendigkeit erkennen. Es tut doch schlicht gut, etwas Gutes zu tun.“

Manchmal ist das aber leichter gesagt als getan. Bei einem gemeinsamen Picknick auf dem Tempelhofer Feld mit gut 50 Teilnehmern wurden die Getränke knapp. „Logischerweise ging ich Getränke holen, nur um dann aber festzustellen, dass es eben 50 Leute sind und ich gar nicht genug Geld dabei habe. Da gelangt das Ehrenamt an seine Grenzen.“ Gülhanim Abla und ihre fleißigen Helfer wünschen sich mehr Unterstützung. Seien es zusätzliche Ehrenamtliche oder professionelle Förderung durch die Behörden, Vereine oder Stiftungen in Form von finanzieller Entlastung oder gestellter Pädagogen und Übersetzer. Auch Räumlichkeiten seien hilfreich.

Das Frauencafé ist eines der Projekte, über die man mehr hören möchte. Einerseits als vorbildliche Initiative, von Muslimen ausgehend, und andererseits als Sinnbeispiel des enormen Beitrags der Ehrenamtlichen in unserer Gesellschaft.

„Unabhängig von Herkunft, Glauben oder Alter treffe ich Menschen, die auf die gleiche Weise aktiv sein möchten wie ich. Das stimmt mich zuversichtlich“, reflektiert die große Schwester, Gülhanim Karaduman-Cerkes.

Kontakt: Frauencafé, Columbiadamm 128, 10965 Berlin, 0177-1430504, golhanim.karaduman@­ditib-patenschaft.de

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