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Frauen und Mädchen als Spielball

Von Gruppen wie Boko Haram geht in Westafrika eine dauerhafte Bedrohung der Zivilgesellschaft aus

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Foto: Voice of America, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

(IPS). „Sie nahmen uns gewaltsam hinfort und hielten uns wie Gefangene“, berichtete Lydia Musa. Die ehemalige Gefangene von Boko Haram wurde im Alter von 14 Jahren während eines Angriffes auf ihr Dorf in der Region Gwozo (des nigerianischen Bundestaates Bornu) entführt. Sie und zwei weitere minderjährige Mädchen wurden gefangen und mussten zwei Militante von Boko Haram heiraten. Ihnen halfen keine Proteste mit dem Verweis, dass sie zu jung für eine Heirat seien. „Du musst heiraten, ob es dir gefällt oder nicht, sagten sie uns, als sie Waffen auf uns richteten“, erinnert sich die heute 16-Jährige.

Während die extremistische Gruppierung in das zehnte Jahr ihrer Aggression tritt, bleibt sie noch so stark, dass sie Frauen und Kinder nach Gutdünken entführen kann. „Sie erbeuten weiterhin Frauen und Mädchen als ‘Kriegsbeute‘“, berichtete Anietie Ewang, Nigeria-Expertin bei Human Rights Watch.

Diese westafrikanische Nation hat die höchste Rate von Menschen, die durch die Sahara und das Mittelmeer nach Europa verschleppt werden. Im Norden und Nordosten des Landes, in dem Boko Haram aktiv ist, gibt es häufiger Zwangsehen. Währenddessen werden im gesamten Land häufig junge Mädchen als moderne Sklaven „gehandelt“. Diese Gruppierung, deren Name sich mit „Westliche Bildung ist verboten“ übersetzen lässt, soll zu den fünf tödlichsten Terrorgebilden weltweit gehören. Sie war an gewaltsamen Kampagnen im Norden Nigerias sowie in Regionen der Nachbarstaaten Kamerun, Tschad und Niger beteiligt. Seit Beginn des bewaffneten Konflikts 2009 mit Boko Haram sind mehr als 20.000 Menschen getötet worden.

Darüber hinaus betreibt Boko Haram die Entführung, den Handel und Versklavung von Kindern und Frauen. Hunderte wurden seit 2009 entführt. Zum bekanntesten Vorfall kam es im April 2014, als 276 Schülerinnen aus den Schlafräumen einer staatlichen Schule in Chibok (Bundesstaat Borno) geraubt wurden.

Wenige Monate nach diesem Vorfall verkündete der Führer Boko Harams, Abubakar Shekau, dass er alle Mädchen verkaufen werde. „Ich habe sie alle gefangen genommen und werde sie auch alle verkaufen“, sagte er in einem Video zur Rechtfertigung von Sklaverei. „Sklaverei ist in meiner Religion erlaubt und wir werden Menschen gefangen nehmen und sie verklaven.“ Infolgedessen kam es zu weiteren Massenentführungen von Kindern in der Region. März 2015 entführten Militante von Boko Haram mehr als 300 Kinder aus einer Grundschule in Damasak, während 116 weibliche Studenten aus einem technischen College (Bundesstaat Yobe) im Februar während eines Angriffes auf die Schule geraubt wurden.

„Die Art und Weise, in der Boko Haram Frauen und Kinder gegen deren Willen festhält, ist in sich eine Form der Sklaverei“, sagte Rotimi Olawale von der NGO bring Back Our Girls (BBOG). Sie beteiligt sich an nachhaltigen Kampagnen für die schnelle und effektive Suche nach sowie Rettung von den Chibok-Mädchen oder anderen Betroffenen. Nach Olawales Angaben nutze Boko Haram seine Gefangenen als „wertvoller Faustpfand“, um Lösegelder zu kassieren oder um die Freilassung von Mitgliedern aus nigerianischen Gefängnissen zu erzwingen. Während viele der Mädchen von Chibok auch fünf Jahre nach ihrer Entführung noch verschollen sind, konnten einige entkommen und andere wurden aufgrund von Vereinbarungen freigelassen. Aber 112 Mädchen bleiben noch.

In einem offensichtlichen Verweis auf Boko Haram heißt es beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF, dass nichtstaatliche bewaffnete Gruppen im Nordosten Nigerias seit 2012 Kinder als Kombattanten rekrutieren und einsetzen, Mädchen vergewaltigen, zur Heirat zwingen sowie weitere schwerwiegende Rechtsverstöße an Kindern begehen. Berichte von Betroffenen, die der Gefangenschaft entkommen konnten, bestätigen das. Ali Mohammed war ein ehemaliger Gefangener von Boko Haram. Während seiner Inhaftierung sah er Mitglieder der Gruppierung, wie sie entführte Mädchen als Sexsklavinnen nutzten. „Nachts gehen sie ungehindert zu den Unterkünften der Mädchen und suchen sich welche aus“, erinnert er sich.

Die Entführung junger Menschen durch Boko Haram zielt zum Teil darauf ab, sie zu Kämpfern zu machen. Laut UNICEF wurden zwischen 2013 und 2017 mehr als 3.500 Kinder, von denen die meisten zwischen 13 und 17 Jahre alt waren, von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen rekrutiert, die sie im bewaffneten Konflikt im Nordosten Nigerias eingesetzt haben. Laut UNICEF dürften die wahren Zahlen höher sein, da es sich nur um die Fälle handelt, die überprüft wurden.

Boko Haram ist auch dafür bekannt, Kinder zu Selbstmordattentätern auszubilden. Laut einem UNICEF-Bericht aus dem Jahr 2017 wurden zwischen Januar und August dieses Jahres 83 Kinder, hauptsächlich Mädchen, von Boko Haram als Selbstmordattentäter eingesetzt. Die Kinderagentur der Vereinten Nationen gab an, dass diese Zahl viermal höher war als 2016.

Versuche, Gesetze zur Bekämpfung von Missbräuchen wie Kindesheirat, sexuellem Missbrauch, Menschenhandel und Entführung anzuwenden, sind in der Vergangenheit gescheitert. Im Jahr 2003 verabschiedete Nigeria das Kinderrechtsgesetz als rechtliche Dokumentation, um Kinder vor diesen Missbräuchen zu schützen. Derzeit gibt es in der Verfassung des Landes kein Mindestalter für die Eheschließung. Obwohl das Kinderrechtsgesetz das heiratsfähige Alter auf 18 Jahre festsetzte, scheiterte es teilweise daran, dass sich eine Reihe von 36 nigerianischen Staaten weigerte, das Gesetz zu domestizieren.

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