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Fünf Schweizerinnen mit somalischen Wurzeln erinnern sich an ihre Kindheit und reflektieren über das Leben als Muslimin in ihrer neuen Heimat. Interview von Sumaya Muhammad

Früher gab es mehr Gemeinschaft

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(iz). Familien wurden auseinander gesprengt, Geschwister mussten unterwegs beerdigt werden, Mütter verabschiedeten sich auf „morgen“ und sahen ihre Kinder nach vielen Jahren erst wieder. Schon vor 20 Jahren forderte der Weg aus dem kriegs- und katastrophengeschüttelten Afrika in den Westen die Menschen aufs Äußerste. Auch die Ankunft im kalten, oft unfreundlichen Europa, dünn bekleidet, im Inneren verletzt und verletzlich, unwillkommen – kein Zuckerschlecken.

Dennoch: „Ein einfacher Gang“ im Vergleich zu dem heutiger Flüchtlinge aus Afrika sei ihre Flucht aus den somalischen Kriegswirren in den 1990er Jahren gewesen. Die jungen Frauen aus Somalia wirken heute durchaus selbstbewusst, heiter, gelassen. Ihr Schicksal und das ihrer Familien tragen sie mit selbstverständlicher Würde.

Islamische Zeitung: Könnt Ihr Euch zu Anfang vielleicht alle kurz vorstellen?

Sahra Aidarus: Ich wohne in Winterthur und arbeite als Gruppenleiterin in einem Kinderhort.

Sarah Hussein: Ich (Schweizerin, mit einem Mann aus Somalia verheiratet) wohne in Winterthur, bin Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Ich bin gelernte Kauffrau.

Bahja Hussein: Ich wohne in Winterthur und arbeite im Kantonsspital Winterthur.

Samia Ciise: Ich wohne in der Stadt Zürich und arbeite in der Pflege, bei der Stadt.

Sharifa Mohamed: Ich komme aus Schöfflisdorf und bin auch Pflegerin in einem Pflegeheim der Stadt Zürich.

Aaliyah Abdul Qadir: Ich bin Hausfrau und gelernte Friseurin, aus Winterthur.

Islamische Zeitung: Was war euer erster Gedanke beim Stichwort „Interview“? Gibt es etwas, das ihr unbedingt plazieren wolltet?

Sarah: ich finde, dass Frauen allgemein in den Medien zu wenig zu Wort kommen.

Sahra: ich habe mir gar nicht viel dabei gedacht, wollte es auf mich zukommen lassen.

Islamische Zeitung: Fühlt Ihr Euch wohl? Seid Ihr gerne in der Schweiz?

Allgemeines Gelächter und Affirmation… Ja, alhamdulillah (Gott sei gepriesen).

Bahja: ich bin hier aufgewachsen, ich kenne nichts anderes. Ich habe zwar die „Kultur“, das Aussehen, die Sprache aus Somalia und bin dort geboren, war aber dort vier Jahre danach nie mehr.

Aaliyah: Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Die Anfangszeit in der Schweiz war schwierig. Ich habe die Sprache nicht verstanden… aber jetzt, nach 4 Jahren, habe ich mich hier eingelebt.

Islamische Zeitung: Warum und wie seid ihr nach Europa gekommen und wie sieht der Weg der Flüchtlinge im Vergleich dazu heute aus?

Sahra: Wir waren Kinder, als wir kamen. Für uns war es ein „einfacher Gang“ im Gegensatz zu unseren Eltern und auch im Gegensatz zu denjenigen, die sich heute auf den Weg machen. Aber ich denke, ob man unsere Mütter fragt oder jemanden, der diesen Schritt heutzutage unternimmt, man bekäme die gleiche Antwort: Dass es schwierig ist. Als Kinder kann man schnell Freunde finden, die Sprache lernen, sich wohl fühlen. Für die Erwachsenen ist es viel schwieriger. Wir sind nun 20 Jahre hier, aber meine Mutter spricht immer noch davon, wieder zurückzukehren. Sie fühlt sich bestimmt nicht wirklich wohl hier.

Islamische Zeitung: Das ist bei euch anders…

Sahra: Also ich fühle mich „megawohl“ hier und könnte mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Obwohl ich doppelt so lange in Somalia war, wie Bahja, nämlich 12 Jahre, könnte ich mir nicht vorstellen, dort zu leben.

Aaliyah: Ich bin mit dreieinhalb Jahren nach Europa gekommen – auch ich könnte mir nicht vorstellen in Somalia, in Afrika, zu leben. Wie schon gesagt wurde, man hat die „Kultur“, die einem die Familie vermittelt hat, al Hamdu Lillah. Kürzlich war ich im Sudan auf Besuch; nein, Afrika wäre nichts für mich. Wenn man in Europa aufgewachsen ist, ist das eine ganz andere Welt. Es wäre für mich sehr schwierig, dort zu leben.

Sharifa (sie ist in Somalia mit einem Mann verheiratet, der darauf wartet, nach Europa kommen zu können): Ich war zweimal in Somalia, in der Hauptstadt. Ich bin schon froh, hier zu sein. Das Land ist nicht mehr, was es einmal war. Unsere Eltern hatten es noch schön, als sie dort lebten. Aber nun ist das Land so kaputt und in der Entwicklung zurückgeblieben, dass man vielleicht 30 oder 50 Jahre brauchen würde, um annähernd einen Standard wie hier zu erreichen. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und für mich wird sich kaum je die Frage nach der Rückkehr stellen. Auch die Sicherheit dort ist keineswegs garantiert. Es kann passieren, dass man auf der Straße plötzlich erschossen wird – das interessiert niemanden. Polizei gibt es keine, die das verfolgt.

Aaliyah: Es ist allerdings vieles besser geworden, seit sich die Türkei in letzter Zeit darum kümmert. Häuser und Straßen werden restauriert, es gibt Strom und Licht. Die Waffen, die zuvor in jedem Haushalt waren, müssen abgegeben werden.

Islamische Zeitung: Wer organisiert das?

Aaliyah: Der Präsident….

Sahra: Es gibt doch gar keine Regierung…

(alle reden durcheinander, mutmaßen…)

Aaliyah: Vor der Al Shabab Militz muss man immer noch Angst haben. Sie bombardieren Orte (wie Hotels), an denen sich Politiker versammeln…

Islamische Zeitung: Wer finanziert den Wiederaufbau?

Aaliyah: die Türkei finanziert viel, es sind auch viele Türken dort, Turkish Airlines ist auch die einzige Fluggesellschaft, die Somalia noch anfliegt.

Sahra: Ich traue der Hilfe der Türkei nicht wirklich, da gibt es bestimmt Hintergedanken.

Islamische Zeitung: Wie ist die Situation Eurer Verwandten in Somalia?

Bahja: ich habe praktisch keine mehr dort, die sind in der ganzen Welt verstreut…

Sahra: Auch ich habe mütterlicherseits keine engere Familie mehr dort, mit dem Teil meines Vaters keinen Kontakt mehr. Unsere Großeltern sind gestorben. Ein Onkel von mir pendelt seit einer Weile zwischen Europa und Somalia hin und her. Der hat herausgefunden, wie er sein Kapital für sich arbeiten lassen kann – zum Beispiel im Baugewerbe – und dem geht es sehr gut dort.

Bahja (es ist auch ihr Onkel): Er holt auch gewisse Familienmitglieder hinunter, bezieht sie in seine Geschäfte mit ein und seine Familie in Europa unterstützt das ganze finanziell. Viel braucht’s ja nicht. Er schwärmt nur von dort.

Islamische Zeitung: Es ist also nicht so, dass an jeder Ecke die Shabaab-Miliz wartet und einen überfällt?

Bahja: Nein, die wandert, ist mal da mal dort. Gerade haben sie ja wieder in Kenia ein Blutbad angerichtet.

Aaliyah: Früher waren die in Mogadischu, jetzt wurden sie mit militärischer Hilfe von Kenia Uganda dort „rausgeschmissen“. Jetzt sind sie halt überall verstreut. Manchmal sind sie auch bei dir in der Wohnung, vielleicht ist es dein Sohn und du weißt es gar nicht…Ich habe drei Schwestern dort, eine arbeitet als Hebamme für die Regierung, die lebt immer in Angst, sie wurde schon mit dem Tod bedroht, seitdem trägt sie immer den Niqab (Gesichtsschleier), wenn sie das Haus verlässt.

Islamische Zeitung: Wie ist eure Beziehung, wie sind eure Gefühle gegenüber den Angehörigen dort, dem Land eurer Eltern? Fühlt man sich als Familie verpflichtet?

Sahra: Ich kenne nichts anderes. Meine Mutter spendet, seit ich mich erinnern kann. Nun sind wir Kinder erwachsen und berufstätig und können auch etwas beisteuern, wir werden immer darauf angesprochen und geben nach eigenem Ermessen. Das war ein Teil der Erziehung meiner Mutter und ich hinterfrage das gar nicht, obwohl die Hilfen für uns Unbekannte, weit entfernte Verwandte sind. Wir helfen aber freiwillig – verpflichtet fühle ich mich nicht.

Aaliyah: Bei mir ist es etwas anders, denn es handelt sich um meine Schwestern, sie haben Kinder und es gibt keine Sozialhilfe. Dann bist du eigentlich schon verpflichtet, um ihr Überleben zu sichern, für Schulgelder aufzukommen. Ich gebe einfach, was ich kann. Jedes meiner Geschwister, die in Europa verstreut sind, beteiligt sich. Sobald die Jungen (die Kinder meiner Schwestern) in Europa sind, sind sie die ersten, die verpflichtet werden. Jeden Monat schickt man einen Betrag, wenn ein Kind krank ist, auch wenn jemand auswandern will, noch etwas extra.

Islamische Zeitung: Was bedeutet Euch die Familie?

Bahja: Alles. Ohne die Familie wäre ich nicht der Mensch, der ich bin. Ich merke das, wenn es Familienzusammenkünfte gibt, die leider seltener geworden sind. Obwohl man früher kein Auto hatte, hat man den Weg nach Genf, nach Bern auf sich genommen. Man wird bequem, jeder ist mit sich selbst beschäftigt – die einen haben noch Kinder… Letzthin haben wir so ein Zusammensein wieder mal erlebt – es ist unbeschreiblich, wie einen dieser Familienzusammenhalt stärkt; die Familie ist immer für dich da, ob’s einem gut geht oder schlecht – sie ist der größte Halt.

Islamische Zeitung: Das heisst, dieses Auseinanderdriften der Familie, weil jeder halt in einen anderen Alltag eingebunden ist, hat auch Euch erfasst?

Bahja: Wir sind eine Großfamilie, alhamdulillah, und wohnen alle in Winterthur aber wir sehen uns in der Regel nicht so häufig. Wenn dann doch einmal so ein Treffen zustande kommt, wie gerade gestern ganz spontan, ist das besonders schön. Früher hatte man weniger Geld, aber mehr Gemeinschaft.

Islamische Zeitung: Sarah, Du lebst als Schweizer Konvertitin im „somalischen Umfeld“, wie erfährst Du das und wie geht Deine Familie damit um?

Sarah: Meine beiden Großväter stammen aus Algerien. Dennoch bin ich nicht im muslimischen Glauben aufgewachsen, das war zu entfernt. Mein Vater ist schon gestorben, als ich noch ein kleines Kind war. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen. Ich habe mir aber ganz bewusst einen muslimischen Mann gesucht, der muslimische Glaube war mir immer ein Anliegen gewesen. Ich habe selbst keine Schwestern und habe in der Familie meines Mannes viele „Schwestern“ gefunden. Ich fühle mich als Teil der Familie, obwohl ich die Sprache nicht verstehe. Ich wurde wie eine Tochter aufgenommen.

Islamische Zeitung: Welchen Stellenwert haben Beziehungen zu Schweizern, auch Nichtmuslimen für Euch. Sind sie Euch wichtig?

Sahra: Für mich einen hohen. Mein Mann und seine Familie sind Schweizer. Wir treffen sie oft, die sind ja nicht alle konvertiert. Auch im Berufsleben gibt es viele Menschen, Nichtmuslime, mit denen ich mich gut verstehe. Aber ich muss sagen: Schweizer Freunde, außerhalb der Familie und des beruflichen Umfelds habe ich keine. Ich weiß auch nicht, warum das so ist.

Bahja: Ich kann das bestätigen, der Kontakt ist weniger eng. Ich weiß nicht, ob das der kulturelle Hintergrund ausmacht. Auch Albaner oder Bosnier haben andere Kulturen. Ich bin eigentlich offen gegenüber jedem, egal welcher Herkunft, wenn ich mich mit jemandem gut verstehe, ist das so. Jeder geht seinen Weg, man aktzeptiert das.

Sahra: die Schweiz ist aber auch „international“. Als ich in der Schule war, konnte man die Schweizer in der Klasse an einer Hand abzählen. Je nach Quartier ist der Ausländeranteil sehr hoch.

Islamische Zeitung: Mit Menschen mit Migrationshintergrund entstehen eher Freundschaften?

Bahja: Es hat sich einfach so ergeben – eher mit Muslimen, vor allem Albanern und Bosniern. Wir sind ja im Asylheim aufgewachsen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber zu Bosniern habe ich enge Kontakte entwickelt. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben sogar ihre Sprache gelernt, haben Bosnisch gesprochen! Eine der besten Zeiten, die ich erlebt habe, war die im Asylheim. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie stark der Zusammenhalt dort war, man hat sich gegenseitig geholfen, war füreinander da. Jetzt haben wir Geld, Wohnungen und alles, was man sich wünscht, und man ist unter Umständen immer noch nicht zufrieden.

Aaliyah: Wir hatten kein Geld, keine Spielsachen, haben draußen Mutter und Vater gespielt, mit leeren Aludosen als „Kochtopf“. Haben Verstecken gespielt und unsere Phantasie benutzt. Es war eine schöne Zeit. Im Asylheim wurde ein Zimmer zur Moschee umfunktioniert, man hat im Ramadan zusammen gegessen. Es waren Algerier, verschiedene Afrikaner…

Islamische Zeitung: Habt Ihr Euch aber innerhalb der Mehrheitsgesellschaft als Fremdkörper gefühlt?

Bahja: Ich glaube, Kinder haben es da auch einfacher, man spielt einfach zusammen, die Herkunft spielt keine Rolle.

Aaliyah: also bei mir war das schon anders. Ich bin 1990 nach Deutschland gekommen, damals gab es noch nicht so viele Ausländer, vor allem nicht dunkelhäutige. Wir waren in einem sehr abgelegenen Dorf – Niederliebesbach – ein Kaff, wie man so sagt, und wir waren dort die einzigen schwarzen Leute. Man zeigte auf uns und ich wurde gehänselt, es war schwierig, ich habe viel geweint, wollte nicht in den Kindergarten… nach einem Jahr hatte ich dann eine Freundin. Wir waren halt „die ersten Ausländer“ unter lauter Deutschen. Das Asylheim hieß „Deutsches Haus“. Es war so abgelegen, dass das Einkaufen und Arztbesuche schwer zu bewältigen waren. Einmal im Monat sind wir einkaufen gefahren, haben Brot selbst gemacht. Wir durften uns im Bus nicht setzen, mussten stehen, der Busfahrer hat nie auf uns gewartet.

Islamische Zeitung: Wie empfindet ihr die Ansprüche an euch, im Speziellen als Frauen, zwischen der Familie und der hiesigen Gesellschaft – gibt es da „Knackpunkte“?

Sharifa: Es ist mitunter schon schwierig. Zum Beispiel, als der Zeitpunkt kam, an dem ich beginnen sollte, das Kopftuch zu tragen… Für meinen Vater war klar, wenn du erwachsen bist, musst du das Tuch tragen. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt aber mit Religion gar nicht wirklich beschäftigt; wenn wir beten sollten, haben wir uns statt zu beten, versteckt und die Zeit abgewartet… Aber jetzt im Nachhinein bin ich eigentlich froh um die strenge Erziehung meiner Eltern. Mit dem Heiraten gab es bei mir keine Probleme. Ich war es, die eine Ehe eingehen wollte und obwohl meine Eltern mir eher zum Warten rieten, habe ich dann mit 17 Jahren geheiratet. Ich habe mit meinem Frausein kein Problem, fühle mich rundum wohl.

Samia: Bei mir war es ähnlich. Ich hatte in der Schule eine Elterngespräch nach dem anderen, da ich dummerweise sagte, ich „müsse“ das Kopftuch tragen. Ich meinte von Gott her, verstanden wurde es als Druck seitens der Eltern.

Sahra: es gibt Tage, an denen ich dankbar bin, Frau zu sein. Bei mir war es auch nicht immer einfach. Heute akzeptiere ich mich, wie ich bin, bin stolz auf mich, aber das war ein langer Weg. Als wir kamen, haben wir 3 Monate ohne unsere Mutter gelebt. Mein Cousin wollte mich dazu anhalten, das Tuch zu tragen. Ich habe es gehasst – habe dann immer eine Kappe angezogen – draußen wie – demonstrativ- drinnen, damit ich ja kein Kopftuch tragen muss. Vorübergehend habe ich’s doch getragen, dann aber entschloss ich mich dagegen – das war nicht einfach, es hat meine Mutter verletzt, die nur die Gründe dafür sah. Es war schwierig, zwischen dem, was für meine Mutter und dem, was für mich stimmte, abzuwägen, die Verletzung der Gefühle meiner Mutter in Kauf zu nehmen. Ich musste mich da letztendlich halt trotzdem durchsetzen…

Islamische Zeitung: Du hast Dich aber damit nicht vom Islam abgewandt, nur vom Tuch auf dem Kopf?

Sahra: Ja. Es passt mir einfach nicht. Vielleicht auch, weil ich mit dem Druck nicht zurechtgekommen bin. Weil ich mich mit dem „man macht das so“ nicht abfinden wollte. In Somalia war das was anderes, dort war ich vorbildlich in Bezug auf Islamische Kleidung, hier ist das was anderes.

Bahja: Auch ich muss sagen, dass ich mein Tuch ohne den Druck seitens meines Vaters vor allem, nicht tragen würde. Nach einigem Widerstand in jungen Jahren würde ich es jetzt aber auch nicht mehr ausziehen und habe meine erste Lehrstelle wegen Dissonanzen mit meiner direkten Vorgesetzten – die in der Forderung meines Lehrmeisters gipfelten, ich solle das Tuch ablegen – aufgegeben. So wie Zahra sich nun „ohne“ wohl fühlt, fühle ich mich wohl „mit“.

Aaliyah: Meine Schwester (die mich überwiegend aufgezogen hat) hat vor allem darauf geachtet, dass wir als Frauen selbständig werden, die Schule und die Ausbildung gut abschließen, Führerschein machen und dann erst heiraten. Ich hatte kein Kopftuch, bis ich 24 war. Meine Mutter mochte das nicht, aber meine Schwester wusste, dass Zwang hier kontraproduktiv war. Auch am Arbeitsplatz (Coiffeursalon) war die Umsetzung problematisch. Mit der Zeit aber habe ich aus eigenem Antrieb das Tuch angezogen.

Islamische Zeitung: Was gibt es außerdem noch zum Verständnis der Frauenrolle zu sagen?

Sahra: Ich bin bin berufstätige Mutter und glücklich darüber. Ich werde von meiner Familie und von meinem Mann unterstützt, ich kann mein Kind die 2 Wochentage, die ich arbeite, meiner Mutter übergeben. Mir gibt es ein gutes Gleichgewicht, zu arbeiten und Zeit mit meinem Kind zu verbringen und in dem Sinn auch Vorbild für mein Kind zu sein. Sie wird ja im Gegenzug von ihrer Familie unterstützt, das ist bei uns Afrikanern eben so. Meine Mutter war mir auch immer ein gutes Vorbild, obwohl sie nicht berufstätig war, sie hatte ja auch viele Kinder. Sie hat mir beigebracht, nie aufzugeben. Ihr Satz, „gib nie auf, solange du atmest“ hat sich mir tief eingeprägt.

Sarah: Ich fühle mich sehr beschützt und wohl als muslimische Frau. Mir gefällt auch, dass es als etwas positives angesehen wird, wenn man zum Beispiel Mutter von mehreren Kindern ist. Muslimische Frauen setzen in der Regel Priorität auf die Familie, Erziehung und religiöse Bildung ihrer Kinder. Ich habe das Gefühl, dass sich die nicht-muslimischen Frauen auch oft überfordern damit, neben ihrer beruflichen Karriere noch gute Mütter zu sein und ich bin sehr froh, dass ich mir diese Stress zumindest momentan nicht antun muss. Außerdem muss ich sagen, finde ich die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft schlimm, kein Produkt kann mehr ohne Zurschaustellung weiblicher Reize verkauft werden. Auch hier bin ich froh, dass ich beim Konkurrenzkampf um die richtigen Körpermasse nicht mitmachen muss und ein wenig dazu beitragen kann, die Gesellschaft zu „entsexualisieren“.

Islamische Zeitung: War es schwierig, einen Ausbildungsplatz zu finden und was bedeutet euch der Arbeitsplatz?

Sharifa: Ich habe lange eine Lehrstelle gesucht und eigentlich nicht die Ausbildung gemacht, die ich mir gewünscht hätte. Ich hatte gehört, im Pflegebereich sei es einfacher, mit dem Tuch eine Stellung zu erhalten und die Lehre als FAGE (Fachangestellte Gesundheit) gemacht. Nach der Ausbildung war es aber auch nicht einfach, eine Festanstellung zu bekommen. Aber dort, wo ich jetzt arbeite, bin ich sehr zufrieden. Man wird akzeptiert, wie man ist, fühlt sich gut aufgenommen und verstanden in einem guten Team, das Verständnis für die Religion hat. Wir dürfen das Gebet am Arbeitsplatz verrichten – ich glaube, so eine 100-prozentige Akzeptanz findet man in der Schweiz sehr selten.

Samia: Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber jetzt ist eigentlich alles sehr gut gegeworden. Dort, wo ich (ebenfalls als FAGE) arbeite, habe ich viele Muslime um mich herum. Es war auch nicht mein Wunschberuf, aber jetzt gefällt es mir.

Bahja: Mein Traum war es eigentlich, Kindergärtnerin zu werden, auch Coiffeuse stand im Raum – alle Schulkolleginnen schwärmten davon. Letztendlich habe ich es meinem Vater zu verdanken, dass ich in eine andere Richtung einschlug… und bin nun sehr froh darüber, die KV (kaufmännische Lehre) gemacht zu haben. Ich habe wirklich Glück mit der Stelle, die ich jetzt habe. Ich arbeite mit Menschen zusammen und bin noch nie „schräg angesehen“ worden. Seit ich dort zu arbeiten begonnen habe, sind immer mehr muslimische Frauen im Spital angestellt worden. Ich arbeite dort im Personaldienst und werde mindestens so gut wie die anderen behandelt, es ergeben sich gute Gespräche, Interesse an meinem „Anderssein“, an meinem Glauben wird bekundet, das „Exotische“ ist anfangs aufgefallen, nun ist das nichts Neues mehr.

Sahra: Ich muss sagen, ich hatte ähnliche Probleme, habe auch im Bereich der Altenpflege begonnen, das war aber als Überbrückung gedacht, dann kam ich zu meinem Wunschberuf (Hortnerin) zurück, konnte auch die Ausbildung abschliessen. Die Stadt Winterthur hat mich eingestellt, gerade wegen meinem Migrationshintergrund, meiner dunklen Hautfarbe, da in gewissen Wohngebieten (zum Beispiel dort, wo ich arbeite) eine große Zahl von Kindern selbst einen ebensolchen Hintergrund hat. Es kann durchaus ein Pluspunkt für die Kommunikation mit den Eltern der Kinder sein, die sich dann eher öffnen, viel eher vertrauen, wenn sie „eine der Ihren“ vor sich sehen. Vom Essen her wird in dem Hort, in dem ich arbeite, schon gar kein Schweinefleisch mehr bestellt, da das mit dem Trennen des Essens zu kompliziert wird. Das hat mit mir nichts zu tun, sondern wurde für die Kinder so gemacht. Es gibt auch immer mehr Kinder, deren Eltern Vegetarier sind.

Islamische Zeitung: Ihr fungiert offensichtlich ein Stück weit als Brückenbauer. Wie erlebt Ihr das Zusammenleben der jungen Menschen in der Schule, am Arbeitsort oder im öffentlichen Raum?

Bahja: Als unsere Eltern hierher kamen, haben die niemanden gehabt, der für sie gedolmetscht und vermittelt hat. Die haben „Bahnhof“ verstanden, sind vor dem Krieg in der Sorge um das Wohl ihrer Kinder geflüchtet. Die, die jetzt kommen, haben immerhin Dolmetscher aus unserer Gemeinschaft.

Sahra: Wir haben als Kinder schon bald einen Teil der Übersetzungsarbeit übernommen. Heute kann man als Asylbewerber schon die Person auswählen, falls einem jemand nicht passt…

Islamische Zeitung: Seid Ihr immer noch Sprachrohr für Eure Eltern bei Behörden zum Beispiel?

Sharifa: Vor allem für meine Mutter, sie war nie in der Arbeitswelt integriert und hat darum bis heute Schwierigkeiten mit der Sprache. Man muss ihr Briefe der jüngeren Geschwister von der Schule übersetzen, sie beraten, wie sie vorgehen soll…

Islamische Zeitung: So seid Ihr auch Bindeglieder zwischen den Eltern und der Gesellschaft…

Sarah: Seit es ISIS gibt, merkt man, dass sich die Stimmung gegen die Muslime allgemein wieder etwas verschärft hat.

Bahja: Man muss sich rechtfertigen… Mich stört schon die Frage, was ich zu ISIS denke. Warum muss ich über die überhaupt reden. Das sind Leute, mit denen ich nicht in Verbindung gesetzt werden will. Aber die Leute stellen die Verbindung her, da man halt (auch) Muslim ist. Ich sage dann halt, die machen was sie wollen, nicht das, was der Islam vorschreibt.

Islamische Zeitung: Würdet Ihr Euch dem anschließen? Sahra: Es gibt schon Leute, auch unter den Nichtmuslimen, die wissen, was Islam ist und die wissen auch, dass wir nicht hinter denen stehen können. Man kann auch Vergleiche ziehen zu den Christen, die ebensolche Abscheulichkeiten begehen oder begangen haben – auf der Basis kann man die Dinge dann im richtigen Licht beleuchten.

Sharifa: Ja, es müsste besser über den Islam informiert werden. Mir fällt immer wieder auf, dass gerade die, die den Islam angreifen, oft am wenigsten Ahnung haben, während diejenigen, die informierter sind, auch „sozialer“ eingestellt sind.

Aaliyah: Letzthin, auf einer Kindergeburtstagsfeier in der Nachbarschaft, kam das Thema ISIS auf. Daraufhin hat eine unserer langjährigen Nachbarinnen sofort Partei für den Islam als „eine der friedlichsten Religionen“ genommen…. Es gibt doch Menschen, die selbst nachdenken, sich bilden, nicht nur das glauben, was die Medien nach Gutdünken berichten und durcheinander mischen.

Islamische Zeitung: Also ist es wohl wichtig, die Beziehungen zu den Menschen zu pflegen um somit ein adäquates Islambild zu vermitteln.

Bahja: Das ist das A und O.

Islamische Zeitung: Habt Ihr das Gefühl, dass Ihr etwas Besonderes, Eigenes zur Gesellschaft in der Schweiz oder in Europa beitragen könnt und wenn ja, was ist das?

Sahra: Ich arbeite im Kinderhort, die Kinder dort sind unsere Zukunft. Ich kann sagen, ich biete dort das beste, was ich von mir mitgeben kann, sei es im Erziehungsstil, im Vermitteln von Werten, im Schlichten von Differenzen, ich gehe immer mit dem Bewusstsein dorthin: diese Kinder sind unsere Zukunft. Das ist mein Beitrag zur Gesellschaft.

Bahja: Ich bin ein glücklicher, fröhlicher Mensch und versuche so, andere für mich zu gewinnen, anzustecken. Man sollte jeden Tag, den man in dieser Welt sein darf, geniessen, das Beste draus machen und darum sollte man das Lächeln nie verlieren, wie die Kinder. Das ist für mich etwas vom Wichtigsten und man kann durch die Art der Begegnung viel bewirken, was man hinausgibt, kommt so auch zurück. So kann man auch den Glauben gut repräsentieren – durch gutes, vorbildliches Verhalten – gepaart mit einem Lächeln.

Sarah: Gläubige Muslime allgemein können der Gesellschaft viel geben, was diese teilweise verloren hat: ältere Menschen schätzen, ehrlich sein, nicht stehlen, etc.

Islamische Zeitung: Was müsste sich weltweit ändern, damit das Verhältnis der Menschen zueinander sich verbessert, gegenseitiges Wohlwollen und menschliche Grundrechte Wirklichkeit werden, Hunger, Elend und Krieg entschärft würde?

Bahja: Ich fände es wichtig, das jeder wieder lernt, zu geben – ob arm oder reich. Wenn jeder einen kleinen Beitrag leisten würde, irgendetwas kleines weiterzugeben suchte, egal auf welcher Ebene, sähe es besser aus. Wenn wir die Ameisen betrachten, können wir uns ein Beispiel an ihnen nehmen…

Sahra: Ich beobachte vor allem in Afrika Neid. Wenn das aufhören würde, würde sich dort vieles bessern.

Sharifa: Mich macht es traurig, dass immer man sich immer erst Gedanken um Verbesserungen macht, wenn Katastrophen passieren. Warum nicht vorher?

Sarah: Auch die Spaltung in viele Gruppierungen, Segregation der Muslime in verschiedene Moscheen, jede Nationalität für sich. Muslime sollten zusammenhalten.

Islamische Zeitung: Ich danke Euch herzlich für das Gespräch.

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