IZ News Ticker

Gastkommentar: Sind die Imame für die Gewalttätigkeit der Jugendlichen mitverantwortlich? Von Cemil Şahinöz

"Die Wurzel des Problems"

Werbung

(iz). Die Ergebnisse des Kriminologen Prof. Christian Pfeiffer sorgten im letzten Monat für Furore. Laut der Studie seien „religiöse“ Muslime gewalttätiger und hätten weni­ger deutsche Freunde als Menschen, die weniger „religiös“ seien. Die Schuldigen für diese Gewalttätigkeiten sind schon längst gefunden: Imame in Deutschland. Diese Schlussfolgerung, die jenseits jeder soziologischen Erklärung ist, ist wie folgender bekannter Analogieschluss: In einem Dorf, in dem es viele Störche gibt, gibt es mehr Neugeborene als in ­Dörfern mit weniger Störchen. Also bringen die Störche die Kinder.

Widmen wir uns zunächst einmal dem Begriff „religiös“. Dieser Begriff ist einer der am schwierigsten zu erfassenden in der Wissenschaft. Es ist nicht möglich, Menschen in Kategorien wie „religiös“, „weniger religiös“ etc. zu unterteilen. Dies ist schlicht und einfach nicht möglich. Denn es gibt keine Maßstäbe dafür. Wann ist jemand religiös? Wann ist jemand nicht religiös? Man kann dies an keinem Merkmal festhalten. Deswegen wird in jeder wissenschaftlichen Studie diese Ausprägung mit folgender oder einer ähnlichen Frage ermittelt: „Wie religiös schätzen Sie sich ein?“

Es ist also eine Selbsteinschätzung. Wie sich jedes Individuum selbst einschätzt, darum geht es hier. Nur dies kann erfasst werden. Auch in der Studie von Pfeiffer wurde dies – richtigerweise – so gehandhabt. Deshalb muss die ­Aussage lauten: „Diejenigen, die gewalttätig sind, schätzen sich als religiös ein.“ Nicht mehr und nicht weniger. Sie selbst schätzen sich so ein. Dagegen ist nichts zu sagen. Dieser Aussage kann man nicht widersprechen.

Aber die Aussage oder das Ergebnis „je religiöser, desto gewaltbereiter“ ist eine eindeutige Fehlinterpretation der Ergebnisse. Auch das Gegenteil wäre falsch, also zu sagen: „Unter denen, die sich als religiös empfinden, ist Gewalt verbreiteter als unter denen, die sich nicht als religiös empfinden.“ Auch dieses Ergebnis ist falsch. Denn hierfür ­müsste man als Ausgangslage Menschen nehmen, die sich als religiös und nicht-religiös einschätzen. Dies ist hier eindeut­ig nicht der Fall.

Im Zentrum dieser Studie stehen ­Menschen, die gewalttätig sind. Das ist die Ausgangslage. Andernfalls müsste man in der Studie auch diejenigen befra­gen, die sich als religiös und nicht-religiös einstufen, aber nicht gewalttätig sind. Dann hätte man ein Vergleichsmuster. Eine Vergleichsgruppe. Bestenfalls könnte man zu dem Ergebnis kommen, zu dem die Studie gekommen ist. Dies ist aber nicht geschehen.

Wenn man die Menschen, die sich als religiös einstufen und die nicht gewalttätig sind, befragen würde, ob sie die Menschen, die sich als religiös sehen und gewalttätig sind, als religiös bezeichnen, würde man mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu hören bekommen, dass man diese gewaltbereiten Jugendlichen nicht als religiös einstuft. Dann hätte man ein noch größeres Problem. Wissenschaftlich ist demnach das jetzige ­Ergebnis ebenfalls nicht richtig.

Vielleicht sollte man fragen, was die gewaltbereiten Jugendlichen unter dem Wort „religiös“ verstehen? Wie dem auch sei, widmen wir uns nun den Hauptverdächtigen: den Imamen.

Pfeiffer hierzu: „Imame sollen nur in Deutschland arbeiten dürfen, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen, Kennt­nisse der deutschen Kultur haben und die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau akzeptieren. Andernfalls muss ihnen die Einreise ins Land verweigert werden. Die muslimischen Gemeinden stehen in der Pflicht. Sie müssen selbst ein Interesse daran haben, Imame zu bekommen, die in Deutschland verankert sind.“

Zunächst einmal: Ja, Imame müssen Deutsch sprechen, Kenntnisse der deutschen Kultur haben etc. Darüber braucht man nicht zu diskutieren. Dem spricht nichts entgegen. Ganz im Gegenteil, dies ist eine Notwendigkeit. Doch dieses De­fi­z­it als Ursache für Gewalttätigkeit von muslimischen Jugendlichen zu bezeichnen, ist ein fataler Fehler. Wegen dieser Fehlinterpretation kann das eigentliche Problem nicht gelöst werden, weil die Wurzel des Problems nicht hier liegt.

Es ist offensichtlich, dass die muslimi­schen Jugendlichen, die in Deutschland geboren sind, hier aufgewachsen sind und hier zur Schule gegangen sind, kaum von den Imamen beeinflussbar sind. Es ist Fakt: Weder Imame aus dem ­Ausland verstehen die muslimischen Jugendlichen in Deutschland, noch andersherum. Und dies ist nicht nur ein sprachliches Problem, sondern ein kulturelles. Die Imame aus dem Ausland sind nicht in der Lage, die Probleme der muslimischen Jugendlichen in Deutschland zu lösen. Und erst recht sind sie nicht in der Lage, die Jugendlichen entweder für oder gegen Gewalt zu beeinflussen. Dem Großteil der Imame fehlen hierfür schlicht die Ressourcen.

Daher ist es notwendig, die Imame hier in Deutschland auszubilden. ­Darüber sind sich die muslimischen Gruppierungen in Deutschland durchaus einig. Dieses Defizit ist also da. Ganz gewiss. Doch dieses Defizit ist nicht die Ursache des Problems. Das Problem liegt eher in dem „Ausgegrenzheitsgefühl“ dieser Jugendlichen. Ich betone: Gefühl. Es geht nicht darum, ob sie tatsächlich ausgegrenzt werden oder nicht. Es geht da­rum, dass sie etwas so fühlen.

Und es ist ein höchst menschliches Gefühl – also weder christlich, muslimisch oder sonst religiös oder ideo­logisch – dass sich Menschen überall auf der Welt, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen, in einem nächsten Schritt selbst differen­zieren und abkapseln. Oftmals greifen sie dann eben zu der einzigen vermeintlichen Alternative: Gewalt.

Daher sollte man hier an der Wurzel des Problems arbeiten. Das heißt, dass man den Jugendlichen, die sich ausgegrenzt fühlen, eben nicht dieses Gefühl gibt, sondern sie sich als Teile dieser Gesellschaft fühlen lässt. Damit sie sehen, dass nicht Gewalt eine Alternative ist, sondern dass es andere Alternativen gibt. Im ­Aufzeigen dieser Alternativen liegt unsere Aufgabe.

Kontakt zum Autor: cemil@misawa.de
Zum Autor: Cemil Sahinöz ist Diplom-Soziologe, Journalist sowie Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift „Ayasofya”. Er betreibt die Webseite www.misawa.de

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen