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Gedanken zum Staat: Das Ziel ist Selbst-Veränderung

Jenseits der bloßen Nachahmung dominanter Modelle: Anmerkungen zum Verständnis des Politischen in der Tradition

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Foto: Bilder.4ever.eu

(iz). Regierung ist im islamischen Kontext eine recht diffizile Frage. Teil dieser Schwierigkeit liegt darin begründet, dass es lange her ist, dass der Islam die Grundlage für Herrschaft war. Außerdem haben Muslime sich auf zeitgenössische politische Theorien berufen. Dabei haben sie geflissentlich – oft naive und weit hergeholte – Argumente entwickelt, um diese Konzepte zu „islamisieren“. Daher lohnt gerade heute der Blick auf den Ansatz des Islam in Sachen Regierung.

Schon die Frage, was eine Umma ist, verursacht derzeit Schwierigkeiten. Obwohl der Begriff heute oft genutzt wird, bleibt das Konzept, welches den Leuten vorschwebt, einigermaßen nebulös und trügerisch. Wird das Wort mit „Nation“ übersetzt, ist es unausweichlich, dass Bedeutungen des modernen Nationalstaates überschwappen. Ist aber „Gemeinschaft“ gemeint, wird es zu einem rein sozialen Konzept – so etwas wie eine Kommune. Als das grundlegende Gemeinwesen des Islam lohnt sich die Beschäftigung mit der Umma und welche Rolle sie spielt.

Umma ist im Qur’an und in dem zu finden, was der Prophet Muhammad sagte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Es war seinerzeit eine komplett neue Vorstellung, die vorherige Stammes- und Familienloyalitäten ablöste. Die Umma löscht die Dominanz von Abstammung und Klandenken aus. Im Qur’an heißt es hierzu: „Du findest keine Leute, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben und denjenigen Zuneigung zeigen, die Allah und Seinem Gesandten zuwiderhandeln, auch wenn diese ihre Väter wären oder ihre Söhne oder ihre Brüder oder ihre Sippenmitglieder.“ (Al-Mujadila, Sure 58, 22)

Akzeptanz und Loyalität zu ihr – beruhend auf dem Gehorsam zu Allah und Seinem Propheten – wurde die vorrangige Charakteristik des Individuums. Die Umma wird im Qur’an weiter bestimmt, wenn Allah sagt: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.“ (Al-i-‘Imran, Sure 3, 110) und „Die gläubigen Männer und Frauen sind einander Beschützer. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche.“ (At-Tauba, Sure 9, 71)

Der Vertrag von Medina legte fest, dass die Muslime eine Umma darstellen. Alle Gläubigen sollten als ein Körper gegen jeden aufstehen, der Ungerechtigkeiten, Aggressionen oder falsche Handlungen begeht. Sie sind miteinander verbunden. Andere Gruppen werden als weitere Gemeinschaften beschrieben. Menschheit besteht in dieser Sicht aus verschiedenen Ummas. „Gemeinwesen“ kann hier ­demnach ein nützlicher Begriff sein.

Geborgen innerhalb der muslimischen Vorstellung von Umma ist die Idee, dass die Verkörperung des prophetischen Modells den Charakter vervollständigt – oder die Tugend (gr. arete), wie die Griechen gesagt hätten. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Ich wurde nur gesandt, um edlen Charakter zu vervollständigen.“ Die Umma ist wie die frühe Polis. Ein gemeinsames Projekt mit geteilten Werten. Mit dem ganzen Leben des Menschen befasst und ein Mittel für die Verwirklichung moralischer Werte und spiritueller Ziele. Sie berührt verschiedene Gebiete – soziale, religiöse, politische, wirtschaftliche, spirituelle und intellektuelle.

Die Umma repräsentiert auch den mittleren Weg. „Wir haben euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht.“ (Al-Baqara, Sure 2, 143) Sie ist auch „die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah“. (Al-i-‘Imran, Sure 3, 110) Wesentlich ist die Beibehaltung des Gleichgewichts. Die Wurzel des arabischen Wortes für Gerechtigkeit (arab. ‘adl) beinhaltet auch die Bedeutung von Balance, von der Mitte zwischen Übermaß und Mangel.

Es gibt verschiedene Gemeinsamkeiten zwischen der muslimischen Umma/dem muslimischen Gemeinwesen und der griechischen Polis. 1. Beide waren moralische Entitäten von Menschen, die eine gemeinsame teleologische Position hatten. 2. Beide wollten Selbst-Veränderung durch ethisches Verhalten. In der Umma bedeutet das auf sozialer Ebene „das Korrekte zu gebieten und das Inkorrekte zu verbieten“ . Für die Griechen handelte es sich um die Fähigkeit, die den Menschen vom Tier unterscheidet. 3. Die Befolgung der Gesetze ist wesentlich für ihre Bewahrung. Zu dieser Gemeinschaft wird im Qur’an gesagt: „Oh, die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Befehlshabern unter euch!“ (An-Nisa, Sure 5, 59) Zivile Unrast gilt als das schlimmste Übel. 4. Die Menschen haben ein Recht auf den Ausdruck ihrer Meinung, bevor Entscheidungen gefällt werden (isegoria für die Polis und schura bzw. muschawara für die Umma). 5. Der mittlere Weg ist der bevorzugte Weg. 6. In beiden ist Freundschaft eine politische Frage. Das qur’anische Wort für Freunde in diesem Zusammenhang, Aulija, bedeutet auch Beschützer oder Verantwortungsträger. Es hat auch eine politische Bedeutung.

Die Umma bezieht alle und jeden mit ein, welche die grundlegenden Säulen der Gesellschaft (Glaube an die Einheit Gottes und die prophetische Botschaft) akzeptieren und ihr gegenüber loyal sind. Kulturelle Verschiedenheit, solange sie nicht im Widerspruch zu den Pfeilern der Umma steht, ist möglich. Mit anderen Worten, die politische Gemeinschaft ist gleichbedeutend mit der Gemeinschaft der Gläubigen.

Ein großes Dilemma ist in der modernen Situation gegeben. Der Status muslimischer Regierung wurde beendet, das Kalifat sowie traditionelle muslimische Machtstrukturen abgeschafft und die Muslime in Nationalstaaten aufgeteilt. Deren Formen waren von westlichen Traditionen abgeleitet, die einem rationalistischen Ansatz von Herrschaft folgten und unter demokratischer, sozia­listischer oder monarchistischer (alle im westlichen Stil) Definition standen. Was ist die Antwort darauf? Befinden wir uns in einem mekkanischen oder einem ­medinensischen Modus?

Ein schwerwiegendes Problem ist die Tatsache, dass es einen Blickwechsel auf den Zweck des Staates gab. Hervorgerufen wurde dieser durch erzwungenes Eintauchen in westliche politische Prinzipien. Im Fiqh (dem Recht) ist die Hauptfunktion von Regierung die Ermöglichung des individuellen Muslims, seinen Din zu praktizieren und seine Verpflichtungen gegenüber Allah zu erfüllen – zu denen selbstverständlich auch bestimmte soziale Obligationen gehören. Das ist unter dem Strich der einzige Zweck des Staates, für den Allah allein ihn festlegt. Und zu welchem Zweck allein diejenigen, die Autorität besitzen, irgendeine Autorität über andere innehaben. Sein Wert kann daran bemessen werden, in welchem Maß das erreicht wird. Daher ist der Staat als Institution für sich genommen eine widerrechtliche Anmaßung. Als solcher besitzt er keine eigene Autorität. Der muslimische „Staat“ kann per Definition keine Gesetze erlassen. Also ist die Idee moderner Nationen, welche die „Scharia“ übernehmen, ein Widerspruch an sich. Der „Staat“ ist nicht für die „Scharia“ zuständig.

Heute wird Islam häufig als Mittel zur politischen Macht angesehen. Und zwar auf eine Weise, die oft eine fast reflexartige Reaktion der Verzweiflung auf die Lage darstellt, in der sich die Muslime befinden. Die Mehrheit der zeitgenössischen Reformisten findet sich in dieser Lage wieder. Das ist nicht wirklich überraschend: Ihre Mehrheit kommt aus dem Bürgertum oder dem westlich gebildeten Establishment. Politisch streben sie die „Islamisierung“ politischer Institutionen an – sowie kurzfristig eine starre Interpretation islamischer Rechtsordnungen. Sie wollen eine Methodologie entfernen und mit einer anderen ersetzen. Aber auch diese leitet sich letztendlich von der gleichen Denkweise ab.

In dem, was als modernistisch-quietistischer Ansatz bezeichnet werden könnte, gibt es Versuche, Islam mit verschiedenen Nationalismen, Demokratie sowie Sozia­lismen – und heute wohl den Marktkräften – zu versöhnen. Das ist eine Sackgasse, denn das sind säkulare Konzepte, für die es keine wirklich muslimische Entsprechung gibt. Traditionell gibt es kein Wort für „Bürger“. Der Mensch, als Sachwalter Allahs (Al-Baqara, Sure 2, 30) auf Erden, hat bereits eine herausragende Stellung. Das ist tatsächlich die höchstmögliche Position. Währenddessen ist der Mensch, homo in Latein, im Wesentlichen eine rechtlose Entität. Der traditionelle Begriff für Untertanen (oder „Herde“) ist üblicherweise das arabische Ra’ija. Das Grundproblem, die Gleichsetzung verschiedener Konzepte, besteht darin, dass das Gemeinwesen im Islam keines von Untertanen oder Bürgern ist, sondern von Gläubigen.

Das Hauptproblem, vor dem nicht nur Muslime stehen, sondern die gesamte Menschheit, ist, dass der Mensch seinen Rang im Kosmos vergessen hat. Insbesondere seit der Aufklärung verwandte er seine ganzen Energien auf die Suche nach Macht und Herrschaft. Er wollte Herr werden und vergaß dabei, wer der Herr ist. Indem er alles durch rationale Definition oder einen hemmungslosen Willen kontrollieren wollte, verwandelte er alles und jeden in Objekte. Indem der Mensch jegliche Beschränkung seiner „gottähnlichen“ Herrschaft über alles Bestehende ablehnte, wurde er tatsächlich verroht. Das ist unausweichlich. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden gebe, sagte: „Zwei hungrige Wölfe, die auf die Schafe losgelassen werden, könnten nicht so viel Schaden anrichten wie dasjenige, was der Religion eines Menschen durch seine Gier nach Geld und Ansehen angetan wird.“

Der Gesandte Allahs, Heil und Segen auf ihm, der das höchste Modell menschlicher Vollkommenheit ist, sagte, dass er ein „dankbarer Sklave“ ist. Der heutige Mensch ist es gewiss nicht. Und wenn er nicht der Sklave Allahs ist, wird er Sklave anderer sein. Und heute, wie wir an der politischen und ökonomischen Lage klar sehen – ist beinahe jeder Sklave anderer.

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Aisha Bewley

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