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Gefährliche Gewissheiten

Nicht jedes „islamische“ Etikett hat seine Wurzeln in der Tradition

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Foto: Public Domain

(iz). Von den Naturwissenschaften und ihrer Entwicklung lässt sich einiges in Sachen Erkenntnisverfahren lernen. Zwischen der klassischen newtonschen Physik und der Quantenmechanik, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, besteht beispielsweise ein Unterschied in der Rolle, die der Beobachter (so bei einem Experiment) spielt. Während dieser in der klassischen Physik ein unabhängiger Richter sein kann, ist er in der Quantenmechanik schon Bestandteil der Versuchsanordnung. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Zeit, Raum und Schwerkraft. Dank Einsteins beiden Relati­vitätstheorien wissen wir, dass Gravitation eine Wirkung auf Raum (den sie krümmt) und auf Zeit (die sie verlangsamt) hat.

Kurzum, die Dinge sind miteinander verbunden. Und das ist kein allzu gewagter Satz im muslimischen Denken. ­Gehört doch das Wissen von der Einheit alles Erschaffenden zu den Grundkonstanten unseres Erkenntnisverfahrens. Da wir uns in dieser Ausgabe mit dem Thema Geschichte von verschiedenen Blickwinkel aus beschäftigen, ist es angemessen zu fragen, inwiefern die Ereignisse und Entwicklungen der modernen Geschichte seit der Französischen Revolution eigentlich das muslimische Denken beeinflusst haben. Ist sie eine subjektive oder eine objektive Wirklichkeit? Gar ein Konstrukt oder das, was der ­“Sieger“ schreibt?

In dieser Hinsicht von Interesse ist die Frage, inwiefern das, was so leichthin als „Islam“ bezeichnet wird, eigentlich das Originalphänomen von Medina beschreibt, oder aber in einem viel stärkeren Maß als angenommen das Produkt der Auseinandersetzung mit der Moderne ist. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich meine hier dezidiert nicht die religiöse Essenz, die wesentliche Lebenspraxis, die zugrundeliegenden Wissenschaften oder das spirituelle Innenleben der Muslime.

Jenseits dessen hingegen ist vieles von dem, was Muslime in aller Welt heute als essenziell betrachten, durchaus nicht altehrwürdig tradiert, sondern oft relativ jungen Datums. Ein augenfälliges Beispiel sind Versatzstücke aus der heute üblichen Begrifflichkeit. Waren Medina (oder nachfolgende Gemeinwesen) wirklich ein „Staat“, wie es in so vielen heutigen Aussagen und Büchern heißt? Geht das überhaupt, da die Grundelemente des modernen Staates relativ jung sind? Einen Hinweis auf den problematischen Charakter dieses Begriffes liefert das eindrückliche Buch „The Impossible State“ des US-palästinensischen Gelehrten Wael bin Hallaq.

Oder nehmen wir den in Deutschland beliebten Begriffsgegensatz von angeblich „liberalem“ zu „konservativem“ Islam. Diese Terminologie ist dem europäischen Konstitutionalismus namentlich der Fraktionsbildung in Folge der Fran­zösischen Revolution geschuldet. Selten reflektiert wird auch der inflationäre ­Gebrauch des Begriffs „islamisch“. Wie Schaikh Hamza Yusuf in einem Text deutlich macht, findet sich dieses Wort überhaupt erst in den arabischen Wörterbüchern des späten 19. Jahrhunderts. Heute aber wird dieser Zusatz jedem ­Element der Moderne angeklebt (wie ­“islamischer Staat“, „islamische Bank“, „islamische Revolution“ oder „islamische Versicherung“).

Kurzum, anhand dieser augenfälligen, eher äußerlichen Phänomene lassen sich Veränderungen und Degradierungen ­unseres Verständnisses von Allahs Din erkennen, die ihre Wurzeln nicht in Medina und unserem tradierten Wissen, sondern in den – teils monströsen – Veränderungen der europäischen Moderne haben. Nicht umsonst wurden von klugen Beobachtern und zeitgenössischen Gelehrten phänomenologische Parallelen zwischen einigen politischen Bewegungen der heutigen muslimischen Welt und historischen Vorbildern wie Jakobinern, Bolschewisten und Faschisten gezogen.

Jenseits der Welt politischer Erscheinungen haben Ereignisse und Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte auch ihre Auswirkungen auf anderen, wesentlichen Bereichen gehabt. Hierzu äußerte sich der junge Gelehrte, Autor und Verleger Ali Ghandour vor einiger Zeit im Gespräch mit diesem Medium dazu, wie sich Vorstellungen und Denken änderten: „In der heutigen Sprache vieler Muslime wird dieser Islam als etwas imaginiert, was selbstständig wäre oder etwas, was separat von uns läge. In der Tradition gibt es einen zentralen Begriff, ‘Amal, was so viel bedeutet wie Handlung beziehungsweise Praxis. (…) Besonders auf der Ebene von ‘Amal zeigt sich die Rolle einer gelebten spirituellen Tradition, bei welcher der Fokus auf die Mensch-Mensch-Beziehung gelegt ist. Wir stehen heute oft vor abstrakten Dingen als Bezugspunkt für die eigene Handlung. Das ist die Grundlage vieler Übel unserer Zeit.“

Zu den, bis ins Mark reichenden Veränderungen gehört auch eine substanzielle Verschiebung dessen, was heute wohl als „muslimische Identität“ gilt. Wiewohl Muslime sich alleine schon durch die Offenbarung ihrer Funktion und Mission bewusst sein sollten, waren Alltag und Leben (wie von Ghandour oben erwähnt) durch die Praxis (im ­Materiellen wie im Spirituellen geprägt). Es gab keine Not der ständigen Selbstvergewisserung. Zu einer großen Verschiebung kam es erst in Folge der Begeg­nung mit der Moderne. Von Abdalhakim Murad stammt die Wahrnehmung, dass Muslime in der Moderne zunehmend Allah in ihrem innersten Kern durch eine „muslimische Identität“ ersetzten.

Für Ali Ghandour hat dieses Problem von ‘Aqida und Denken seine Wurzeln in der vorletzten Jahrhundertwende: „Ich glaube, dieses Problem kam Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Damals fing man an, Muslimsein zu ethnisieren und zu nationalisieren. Damals wurden Schwierigkeiten falsch kategorisiert. Was nicht viel mit Islam zu tun hatte, wurde ab dann islamisiert. Plötzlich war das Muslimsein als Gegenteil zu ­Europäern oder Kolonialherren zu verstehen. In diesem Augenblick kam es zur Vermischung von ‘Araber’ und Muslim oder ‘Türke’ und Muslim, die leider bis heute besteht.“

Wie für den Großteil des damals „christlichen“ Europas sollte die Französische Revolutionen und ihre Nachwehen auch ihre Auswirkungen für Teile der muslimischen Welt (hier insbesondere den Mittelmeerraum, das Osmanische Reich) haben.

Nicht nur traten die nachrevolutionären Franzosen unter Napoleon (Ägypten) und der zweiten Republik (Algerien) als Eroberer auf. Sie hinterließen den tra­ditionell multi-ethnischen und -religiösen Gebieten unter muslimischer Herrschaft das vergiftete Geschenk des Nationa­lismus (zu Anfang durchaus ein „linkes“ Projekt), an dem schlussendlich die ­muslimische Regierung in Südosteuropa und im Nahen Osten unter anderem mit zerbrach.

Neben Nationalismus hielten die Ins­titutionen und Strukturen der neuen Zeit (siehe S. 18) Einzug in die näheren Gebiete der muslimischen Welt. Namentlich zählt hierzu die Phase der Tanzimat in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Spätestens ab jetzt wird der „Staat“ (siehe W.B. Hallaq) zur bestimmenden Konstante. Tragischerweise brachte diese „Modernisierung“ am Ende nicht die ­erwünschte Wiederbelebung, sondern beschleunigte den politischen Niedergang wohl noch zusätzlich. Namentlich durch den Import damals kaum verstandener Finanzinstrumente und den Zwang zur schuldenfinanzierten Restruktu­rierung der Gebiete werden Osmanen, Khediven in Ägypten und die Sultane von Marokko abhängig von ihren europäischen Geldgebern.

Im indischen Sultanat der Mogul führte die wachsende direkte Herrschaft der Briten zu Veränderungen und neuen Formen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1858, der Abdankung des letzten Sultans Bahadur Shah Zafar sowie der Ermordung seiner Söhne verloren die Muslime ihr bisheriges Machtzentrum Delhi. In Folge verließen die Gelehrten die Hauptstadt in Richtung kleinerer Ortschaften wie Deoband, nach denen die wichtigsten heutigen Gruppierungen auf dem Subkontinent benannt wurden. Hier konnten sie zwar das Wissen ­bewahren, trennten es aber gezwungenermaßen von der Möglichkeit seiner Verwirklichung.

Im Vergleich mit dem teils blutigen 20. Jahrhundert war das vorangegangene noch „behäbig“. Hier wurden allerdings – auch im Denken – die Grundlage für alles Weitere gelegt. Im 20. Jahrhundert – das Nietzsche als Zeit der Ideologien erahnte – zog auch die muslimische Welt nach. Angefangen vom Nationalismus, über die ersehnte Staatenbildung bis zur Politisierung des Muslimseins selbst reflektierte sich die Moderne im Handeln und Denken der Muslime. Im Jahre 2019 liegt 1979 nun vierzig Jahre zurück. Es war auch für die muslimische Welt ein Schlüsseljahr: Die sogenannte islamische Revolution im Iran und der ­Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Alles weitere war, wie man gerne sagt, Geschichte.

In der gesamten Beschäftigung mit der „Islamkritik“ oder gar „Islamfeindlichkeit“ im Westen beklagen wir mit Recht eine Verzerrung unserer Religion. Wir müssen aber nicht nur dort als Archäologen unserer Essenz wirken, sondern auch dort, wo geschichtliche Entwicklungen ihren Einfluss hinterließen.

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Sulaiman Wilms

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