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Gemeinsam mehr bewegen können

Mit Modellen wie der Solidarischen Landwirtschaft gibt es neue Ansätze zur Lebensmittelerzeugung

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Foto: Green Blog

(iz). Einkauf, Zubereitung und schließlich der Verzehr unserer Nahrung gehören zu unseren wesentlichsten Handlungen. Das gilt auch, obwohl dieses Tun wegen seiner absoluten Alltäglichkeit oft nicht in unser Bewusstsein eindringt. Dabei haben nicht nur die Lebensmittelskandale der letzten Jahrzehnte, die ungerechten Produktionsbedingungen gerade in den armen Teilen der Welt sowie die Folge ungerechter Handels- und Verkaufspraktiken (s. S. 18) das Gespür vieler für die Fragwürdigkeit der heutigen Bedingungen bei Erzeugung und Vertrieb geschärft.

Nicht umsonst wurden daher auch wegen des verbreiteten Unbehagens am Agrobusiness und dem Handeln der Lebensmittelindustrie schon vor Jahrzehnten Ansätze entwickelt, die anders arbeiten wollen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einig sind sich aber verschiedene Menschen darüber, dass es in Sachen Nahrung bei uns anders laufen muss.

Das gestiegene Umweltbewusstsein ist sich der mangelnden Nachhaltigkeit der heutigen industriellen Landwirtschaft bewusst. Monokulturen, Insektensterben, der massive Einsatz landwirtschaftlicher Chemikalien und das erschreckende Bienensterben – all das sind gute Argumente für Alternativen. Daneben gibt es einen wachsenden Unwillen, die bisherige Massentierhaltung mit ihren ethisch fragwürdigen Praktiken so weiter zu betreiben. Sie treibt nicht nur viele Menschen in den Vegetarismus. Auch überzeugte Fleischesser wollen andere Umstände ­sowie schlicht besseres Fleisch auf den Teller. Darüber hinaus sind politische und ethisch sensible Verbraucher nicht erst seit Gestern (siehe Artikel S. 18) unzufrieden mit dem internationalen Welthandel und den Folgen ihres Konsums für Umwelt und Arbeitsbedingungen in den Erzeugerländern.

Auch daher ist es bedauerlich, dass ­diese Anliegen von der Halal-Industrie gar nicht oder kaum aufgegriffen werden. Sie hat sich den Aspekten der ökologischen Nachhaltigkeit, gerechten Arbeitsbedingungen und dem Aspekt von Fairtrade – entgegen der immanenten Regeln des Rechts und der islamischen Wirtschaftsethik – mehrheitlich verweigert. Eine rühmliche Ausnahme stellen hier Ansätze im Westen, aber auch in der muslimischen Welt dar, die überzeugt sind, dass „Bio“ und „Halal“ durchaus sehr gut zusammenpassen.

Der Bedarf ist da
In einem Forschungspapier zur „Zukunft der Nahrungsmittelversorgung“ führt das Karlsruher Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in bestehende Netzwerke für eine andere Erzeugung und Verteilung von Lebensmitteln ein. Zu den bestehenden Angeboten gehören nach ISI-Angaben unter anderem Projekte der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi), Einkaufs­gemeinschaften (Food Coops), Bauernmärkte, Selbsterntegärten, Tierpatenschaften und andere Modelle.

Solche Projekte lösen die komplette Arbeitsteilung und Entfremdung der Verbraucher von der Landwirtschaft ein Stück weit auf. ErzeugerInnen und VerbraucherInnen können wieder miteinander kooperieren, ihre Bedürfnisse abstimmen und ihre individuellen Möglichkeiten vervielfältigen. „Dadurch entsteht“, in den Augen der ISI-AutorInnen, „eine neuartige Verbindung zwischen Erzeuger- und Verbraucherkreis, die oft durch gemeinsame Vorstellungen von Umwelt und Gesellschaft unterstützt wird“.

Mit Hilfe dieses Austausches würden so „wieder Verbindungen zwischen Stadt und Land geknüpft“, die im Laufe von Industrialisierung, Verstädterung und Globalisierung teils aufgelöst wurden. Die Produktion der heutigen, noch exis­tierenden Höfe in Deutschland zielt auf den nationalen und den globalen Markt ab. Dabei gebe es, so das Papier, eine ­Notwendigkeit zur Veränderung, die sich günstig auf Innovationen auswirke.

Während in der konventionellen Landwirtschaft Stadtnähe wegen des Kon­kurrenzdrucks bei Flächen eher zum ­Problem werde, könne sie für alternative Projekt ein Vorteil sein. „Gemeinsam mit Gruppen von gesundheits- und umweltbewussten beziehungsweise konsum­kritischen Akteuren entstehen neue ­Geschäfts- oder Betreibermodelle, wie beispielsweise Food Coops oder solidarische Landwirtschaft, bei denen Aspekte wie Transparenz, Solidarität und eine ressourcenschonende Produktion im Mittelpunkt stehen.“

Gründe gibt es genug
Angesichts der über Deutschland hinausgehenden Lage der europäischen Landwirtschaft gibt es auch von Seiten der Bauern gute Gründe für neue Ansätze. Denn in Europa erhalten kleinere Betriebe kaum noch Förderungen. Die bestehenden Subventionen richten sich nach den Flächengrößen. Wer viel davon hat, erhält auch mehr Mittel. Ein solches Modell richtet sich nicht nach der regionalen Förderung, sondern zielt auf den Weltmarkt ab; mit den bekannten Folgen. 2008 haben Experten der Weltbank festgestellt, dass bereits heute genug Lebensmittel erzeugt würden, um die prognostizierte Anzahl von Menschen im Jahre 2050 zu ernähren. Es fehlt nicht an Nahrung, sondern an Mitteln bei den Armen.

Daher müsse eine erfolgreiche Armuts- und Hungerbekämpfung auch auf die Förderung von Kleinbauern abzielen. Experten sehen das bestehende Landwirtschaftskonzept in den Industrienationen kritisch. Ein steigender Einsatz von Maschinen und Chemie führe dazu, dass immer mehr Bauern ihr Einkommen verlören. „Es ist jetzt der Kampf, ob sich die Agrarindustrie durchsetzt oder ob sich bäuerliche Strukturen durchsetzen. Bis jetzt gibt es sie noch, daher verteidigen wir sie. (…) Wir sehen ja gerade, wenn es in Richtung agrarindustrieller Strukturen geht, dann verschwinden die Arbeitsplätze auf den Höfen (…)“, meint Georg Jansen von der Bundesarbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Andere Anfänge
Zu den spannenden Modellen, die andere Wege – für Erzeuger, die Umwelt, die Region und natürlich den Verbraucher – gehen wollen, gehört die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi). Einer ihrer Ursprünge findet sich im Japan der 1970er Jahre. Damals taten sich japanische Mütter (die sogenannten Tekei) zusammen und gaben einem Landwirt eine Abnahmegarantie seiner Produkte, wenn er bereit war, auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten. Heute ist der kleine Ansatz auf ein praktikables Modell mit unzähligen Teilnehmern gewachsen, das Millionen Japaner mit frischem Obst und Gemüse versorgt. Das Vorbild Japan hat auch viele Nachahmer in der Vereinigten Staaten gefunden. Dort heißt es „Community Supported Agriculture“ (CAS). Rund 6.000 Farmen produzieren in seinem Rahmen Lebensmittel für mehrere Hunderttausende US-Verbraucher.

Längst sind diese realisierten Konzepte auch bei uns angekommen. Die SoLaWi, beispielsweise im Bundesnetzwerk Solidarische Landwirtschaft, hat große Pläne: Man will Konkurrent werden für Lebensmitteldiscounter und Biosupermärkte gleichermaßen.

Solidarisches Wirtschaften
Ein entscheidender Unterschied, der die SoLaWi von konventioneller wie organischer Landwirtschaft trennt, deren Produkte über die üblichen Kanäle vertrieben werden, besteht darin, dass nicht mehr der Markt die Arbeit der Bauern dominiert. In einem regionalen Wirtschaftskreislauf fließen die Produkte an die Teilnehmer, die ihn organisieren und finanzieren. „Solidarische Landwirtschaft“, heißt es auf der Webseite des Netzwerkes, „fördert und erhält eine bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft, stellt regionale Lebensmittel zur Verfügung und ermöglicht Menschen einen neuen Erfahrungs- und Bildungsraum“.

Zuvor hätten die bisherigen agrarischen Akteure in der Landwirtschaft nur die Wahl gehabt, entweder die Natur oder sich selbst auszubeuten. Ihre Existenz werde entweder durch Agrarsubventionen oder durch Marktpreise dominiert, die global festgelegt werden. Beide Faktoren seien dem bäuerlichen Zugriff entzogen. Sie zwängen sie aber, „über ihre persönliche Belastungsgrenze sowie die von Boden und Tieren zu gehen“. Viele Landwirte haben sich deshalb in den letzten Jahrzehnten vom Landbau verabschiedet, was fatale Folgen für die ländliche Ökonomie hatte. Nach Ansicht der SoLaWi-Aktivisten sei auch der „ökologische Landbau“ nicht von diesen Zwängen ausgenommen. Auch Ökobauern müssen Finanzierungsmodellen, Marktmechanismen und Vertriebswegen folgen, über die sie nur unzureichend Kontrolle haben.

Solidarische Landwirtschaft sei „eine innovative Strategie für eine lebendige, verantwortungsvolle Landwirtschaft“. Gleichermaßen sichere sie die Existenz der Bauern und Höfe, leiste aber auch einen wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung. Verallgemeinert ­gesagt sieht das SoLaWi-Modell wie folgt aus: Bauernhöfe oder auch Gärtnereien, in denen Obst und/oder Gemüse gezogen werden, schließen sich mit Privathaushalten zusammen. Beide Seiten bilden eine „Wirtschaftsgemeinschaft“, die sowohl die Anliegen der Beteiligten zusammenbringt, als auch die Zwecke der Umwelt miteinbezieht.

Die Basis für das betriebswirtschaftliche Gelingen des SoLaWi-Modells stellt eine Schätzung der Jahreskosten des beteiligten Betriebs dar. Hier verpflichten sich die teilnehmen MitlandwirtInnen nicht zur Finanzierung einzelner Produkte, sondern des Gesamtbetriebs. Daraus errechnet sich dann ein – je nach Wirtschaftsleistung individuell festzulegender – Jahresbetrag, der monatlich an den beteiligten Hof gezahlt wird. Diese Form der Finanzierung ermöglicht es den LandwirtInnen nach Ansicht des Bundesnetzwerkes, „sich unabhängig von Marktzwängen einer guten landwirtschaftlichen Praxis zu widmen, den Boden fruchtbar zu erhalten und bedürfnisorientiert zu wirtschaften“.

Im Gegenzug erhalten die teilnehmenden MitlandwirtInnen die gesamte Ernte sowie Folgeprodukte wie Brot, Käse usw., „sofern der Solidarhof sie herstellt“. Der persönliche Bezug mache die gegenseitige Verantwortung bewusst. „Die Mitglieder erleben, wie ihre Ernähungsentscheidung die Kulturlandschaft gestaltet, soziales Miteinander, Naturschutz und (Arten-)Vielfalt ermöglich und so eine zukunftsfähige Landwirtschaft stattfinden kann.“

Von der Solidarischen Landwirtschaft profitieren verschiedene Akteure. Die teilnehmenden Mitglieder erhalten Frischware in guter Qualität. Die Lebensmittel sind regionaler Herkunft und folgen den saisonalen Zeitläufen. Hinzukommt, dass sie genau wissen, wo und wie ihre Lebensmittel angebaut werden. Die Teilnehmer erhalten durch ihre Mitarbeit auf den Höfen, die Teil der Vereinbarung ist, einen neuen „Erfahrungs- und Bildungsraum“ durch ihre Teilhabe an der Arbeit.

Die LandwirtInnen erhalten in dem Modell Planungssicherheit und die Möglichkeit der Unterstützung durch eine Gemeinschaft. „Sie teilen das Risiko, das die landwirtschaftliche Produktion mit sich bringt.“ Die Chance eines gesicherten Einkommens ermöglicht den bäuerlichen Betrieben, Landbau in „in einer gesunden Form“ zu betreiben. Durch die Abschaffung bisheriger Markt- und Subventionszwänge erhalten die BäuerInnen „einen größeren Gestaltungsspielraum für ihre Arbeit“. Das erlaubt praktisch mehr Rücksichtnahme auf tiergerechte Haltung oder die Förderung der Böden.

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Massouda Khan

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