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Geografie, Raum und Menschliches Schicksal: IZ-Gespräch über Geopolitik

Wo das Herz der Welt schlägt

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(iz). Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der Raum durch schicksalshafte Ereignisse wieder ins Gedächtnis der Menschheit gerückt. Und das, obwohl der moderne Mensch ungeheuer viel Zeit in virtuellen Welten verbringt… Trotz der Tendenz, die Bedrohung ideologischer Gegner über ihre Haltbarkeit hinaus am Leben zu erhalten, wird deutlich, dass sich die Geografie als Teil des Schicksals nicht mehr verdrängen lässt.

Hierzu sprachen wir mit dem Geo­politik-Experten Dawud Stewart ­Hurrell. Hurrell geht der Frage nach, wie und warum Geografie heute ­wichtig ist, worum es jenseits ideo­logischer Streitigkeiten im Nahen ­Osten geht und wo das Herz der Welt heute schlägt. Er lehrt Geopolitik ­am Dallas College of Leadership in ­Kapstadt. Seine Analysen finden sich auf www.geopoliticus.org

Islamische Zeitung: Dawud Stewart Hurrell, Sie sind Fachmann für Geopolitik. Gibt es Alternati­ven zur dominanten Weltsicht?

Dawud Stewart Hurrell: Ja. Der ­bekannte Satz, dass man die Gegenwart durch Kenntnis der Vergangenheit ­verstehen kann, gilt auch hier. Die ­mo­derne Welt-Anschauung wurde ein Geschichtsbild geprägt, das nur Institutionen und Prozesse kennt. Bis ins ­späte 19. Jahrhundert blieb sie auf die west­liche Welt beschränkt – und auf Eliten, die mit ihren Verhältnissen in Kontakt traten. Sie sahen darin die Lösung für Krankheiten und die scheinbare Rückständigkeit ihrer Gesellschaften. (…) Die „Reformer“ der muslimischen Welt verstanden nicht, dass entlang der notwendigen Institutionen – wie rapide Industrialisierung und Falschgeld-Währung –, der Staat kam.

Geschichtlichkeit bietet Alternativen für Probleme, mit denen Muslime im Besonderen – und die Welt insgesamt – konfrontiert sind. Das Problem kam ans Tageslicht, als die „Moderne“ mit dem Islam von früher verbunden wurde. Nehmen wir die Muslimbruderschaft: Ihre Lösung für Ägypten – und der muslimischen Welt – besteht in ­ihren Augen aus der Verbindung von Islam mit dem Staat, seiner Philosophie und Strukturen. Dies schaffte zuerst den ­Islam als solchen ab und an zweiter Stelle ­einen Staat, in dem der Islam zur Ideologie ­degradiert wird.

Islamische Zeitung: Was macht Geopolitik wichtig für unsere Zeit?

Dawud Stewart Hurrell: Wir leben in einer Welt konkurrierender Mächte. In der Antike – mit Ausnahme der Perser, Römer und Chinesen – waren Rivali­täten lokal begrenzt. Heute schwingen die großen Mächte ihr Schwert an allen Ecken der Welt. Ihre Aktionen treffen uns alle. Eine Bewertung ihrer Handlungen in den engen Grenzen ideologischer oder ausschließlich politischer Begriffe reicht nicht aus, um die Welt zu verstehen. Die Geopolitik betont drei Disziplinen, so der Amerikaner Nicholas Spykman: ­Geschichtsphilosophie zur Beschreibung territorialer Ausbreitung, politische Geographie im Allgemeinen und die ­Beschreibung und Analyse der Sicherheitsstrategie eines Staates im Rahmen seiner geographischen Bedingungen. ­Nähert man sich dem Verständnis der globalen Politik durch diese Disziplinen an, gelangt man zu einer beispiel­losen Erkenntnis.

Betrachten wir Syrien: Der Beleg für die erste Annahme lässt sich im Bestrebungen zur Wiederrichtung „Großsyriens“ erkennen. Dazu gehören Gebiete der Levante, Palästinas, Jordaniens und des westlichen Iraks. Wenn nicht für ­Gebietszuwachs, so ging es doch immer um Steigerung des regionalen Einflusses. Der Erfolg von Damaskus blieb auf die frühere Besetzung und politische Manipulation im Libanon beschränkt. ­Bedenken Sie, dass Hafez al-Assad 1972 sagte, dass „Syrien und Libanon ein einziges Land“ seien.

Ein politisch-geographischer Ansatz beinhaltet neben physikalischen Gegebenheiten den Blick auf die ethnische, demographische, industrielle, landwirtschaftliche, hydrologische, mineralische und religiöse Zusammensetzung, um die Funktionsweise der syrischen Maschinerie zu begreifen.

Die Sicherheitsinteressen Syriens werden durch eine Kombination aus seinen historischen Erfahrungen, innenpolitischen Strukturen sowie den außenpolitischen Zwängen geformt. All dies ­bewegt sich innerhalb einer geopolitischen Struktur des erweiterten Nahen Ostens. Dazu gehören auch die Beziehungen von ­Damaskus zu seinen Nachbarn – ob freundlich oder feindlich.

Islamische Zeitung: Vor Kurzem sprach ein bekannter US-amerikanischer Autor von der „Rache der Geografie“…

Dawud Stewart Hurrell: Geografie ist Schicksal. Als Beispiel dafür mag ­Afghanistan dienen. Der Großteil seiner multiethnischen Bevölkerung existiert in der gleichen Form, wie es vor tausend Jahren der Fall war. Die fruchtbaren ­östlichen Täler, das zentrale Bergplateau, die Grasebenen des Nordens sowie die Halbwüsten des Südens und Südostens tragen alle zu den unterschiedlichen Formen von sozialer und politischer Organisation bei. Eine Folge davon ist eine Lebensweise, die an das Gelände angepasst ist: Trockenfeldbau, Beweidung oder bewässerter Anbau durch das ­Wasser aus Bergen oder Flüssen. Die verschiedenen Gruppen mussten als Folge des jahrzehntelangen Kriegs für sich selbst kämpfen. Der permanente Kampf ­bewirkte einen sturen Sinn für Unabhängigkeit und Misstrauen gegenüber der Herrschaft in Kabul.

Die Beziehung der Geografie des Nahen Osten zu seinen dominanten kulturellen und politischen Eigenschaften lässt sich bei Ibn Khaldun finden. Erwarten Sie allerdings keine schmeichelhaften Beschreibungen der Araber von ihm; und das, obwohl er selbst einer war.

Aber die Bedeutung von Geografie ­offenbart sich in der Zeit selbst. Und der Erdölreichtum – unbekannt zu Beginn des 20. Jahrhunderts – veränderte das Schicksal der Region auf unvorstellbare Art und Weise. Der Geografie des ­Islam nach zu urteilen, kann man schluss­folgern, dass es das Schicksal der ­Muslime ist, über umfangreiche Machtpoten­ziale für kommende Jahrzehnte zu verfügen; auch wenn das Vakuum ihrer ­Führungsschicht hier offenkundig Grenzen setzt.

Islamische Zeitung: Momentan ­befindet sich der Nahe Osten im Griff diverser Konflikte. Der schlimmste ­davon ist der zunehmend blutige und komplizierte Krieg in Syrien…

Dawud Stewart Hurrell: Die geopolitischen Folgen der Krise müssen sich erst noch offenbaren. Es wäre möglich, dass im Westen Syriens eine alawitische Enklave entsteht, die entlang einer ­kurdischen Autonomiezone im Norden liegt. Das würde zu einer Verschlimmerung des kurdischen Separatismus in der Türkei führen. Zur Diskussion stehen Fragen nach Nationalismus, Religion und Ethnizität. Der Kampf zwischen ­Alawiten und Muslimen bewegt sich ­entlang religiöser Linien, während der kurdisch-arabische Konflikt ethnisch motiviert ist.

Der Sieg der Muslimbruderschaft in Ägypten hat ihre Entschlossenheit nur gesteigert. Ich glaube, dass das alawitische Regime früher oder später fallen wird; die zunehmende amerikanische Beteiligung lässt keinen anderen Schluss zu. Die Türkei, die eine Führungsrolle in der Region will, ist auf Verbündete ­angewiesen. Das erklärt zum Teil die Kooperation mit jener kleinen, künftigen diplomatischen Supermacht: Katar. Trotz des hohen Preises, den die Türkei in der Kurdenfrage bezahlen muss.

Islamische Zeitung: Sie sprachen in früheren Texten von einem neuen ­Kalten Krieg im Nahen Osten…

Dawud Stewart Hurrell: Im Nahen Osten wird eine neuer Kalter Krieg ­entlang religiöser Fronten erzwungen. Das beuten die Amerikaner zu ihrem ­strategischen Vorteil aus. Wie bereits erwähnt, überlagern sich oft die Interessen von Konzernen und die strategischen ­Belange der USA.

Auf einer Ebene müssen die USA den jetzigen Zustand unter hochwertigen Staaten wie Saudi-Arabien, Katar, ­Bahrain und die Vereinten Arabischen Emiraten aufrechterhalten. Wegen der israelischen Sicherheit gehört auch ­Ägypten dazu.

Der Wert dieser Länder leitet sich aus wirtschaftlichen Erwägungen ab – natürlich Erdöl. Aber, da die Regierun­gen der Region ihre Rechtmäßigkeit und ihren Wohlstand aus den Erdölexporten ableiten, kann niemand erwarten, dass sie die Waffe des Erdölboykotts einsetzen. Dafür fehlt es ihnen am politischen Willen. Um es genauer zu sagen: Die ­erwäh­n­ten hochwertigen Staaten des Nahen Ostens bilden den Kern – zusammen mit China im Osten – des Dollarsystems. ­Solange das Erdöl in US-Dollar berechnet wird, und solange rund 30 Prozent des weltweiten Rohöls aus dem geo­grafisch kleinen „Erdöl-Dreieck“ kommt, bleibt die Verbindung fest. Das wird als die „unsichtbare Hand der Amerikanischen Hegemonie“ bezeichnet.

Islamische Zeitung: Erlauben ­Geografie und Geopolitik alternative Szenarien, in denen der Nahe Osten oder die muslimische Welt nicht den globalen Frontverläufen von China versus USA folgen? In den letzten ­Jahren schlugen einige vor, dass das osmanische Modell helfen könnte.

Dawud Stewart Hurrell: Es ist ­Vorsicht angebracht, wenn wir das ­regionale Kräftespiel des Nahen Ostens durch die Linse der amerikanisch-­chinesischen Rivalität sehen. Zweifelsohne hat China Interessen im Nahen ­Osten, aber sind ökonomischer Natur. Es will sich im Notfall Zugang zu verfügbaren Energiereserven sichern, trotz der diplomatischen Barrieren im Falle des Iran. Hierzu gehört auch der Zugang zur arabischen Welt als Absatzmarkt. China hat sich den Nahen Osten erschlossen. Hinzu kommen bedeutsame Infrastrukturprojekte [wie der Bau großer Eisenbahnlinien]. Außerdem führt Peking in erheblichem Maße Waffen aus.

Auf strategischer Ebene ist China im Wesentlichen abwesend. China kann es sich einfach nicht leisten, durch seine Politik in eine Konfrontation mit den USA verwickelt zu werden. Am Ende braucht Peking – trotz seiner Kontrolle von US-Schatzbriefen in Höhe von drei Billionen Dollars und der US-Schulden – die USA mehr, als sie China brauchen. Es wäre ein Leichtes, dass seine verletzliche Exportwirtschaft beschädigt werden würde. Das osmanische Modell ist spannend. Es sieht eine supranationale politische Organisation vor und hatte die Kapazität, eine Vielfalt unterschiedlicher ­Völker friedlich zu regieren. Es ist definitiv eine Lösung, wie Mehmet Maksudoglu in seinem Buch klarmachte. Aber hier geht es um eine Frage, wie solch ein politischer Prozess heute entstehen könnte.

Frühere Versuche einer arabischen Union sind gescheitert. Man könnte sich vorstellen, dass zukünftig etwas Vergleichbares zur EU entstehen könnte. Solche eine „Union“ müsste sich jeder spezifischen nationalistischen Identität entledigen, was zu sofortigem Widerstand führen würde. Eine „Union“ der osmanischen Art müsste auf dem Islam als gemeinsamem Faktor beruhen. Ansonsten dürfte sie scheitern.

Der Antrieb dazu könnte aus einer wirtschaftlichen Kooperation kommen, wie es im Falle der Europäer in den 1950er Jahren war. Möglicherweise mit der Türkei an ihrer Spitze, sobald der Nahen Osten sich erfolgreich industrialisiert, um seine Verletzlichkeit als Ansammlung von Ländern der Rentenökonomie zu beenden. Die Türkei ist der stärkste Staat des weiteren Nahen Ostens. Seine Kontrolle der Oberläufe von Euphrat und ­Tigris bedeutet, dass sie dieses Monopol über das lebensspendende Wasser für den Aufbau eines beispiellosen politischen Einflusses nutzen könnte.

Islamische Zeitung: Was sind die wichtigsten Regionen unserer Zeit?

Dawud Stewart Hurrell: Seit Ende das Kalten Krieges steht Europa immer mehr abseits; die natürliche Folge des Zusammenbruches der nuklear-feindlichen Sowjetunion sowie des des Aufstiegs der restlichen Welt. Während der 1990er brachten die Jugoslawien-Kriege Europa zurück in den Blickpunkt. Aber es waren Ereignisse anderswo, die dringlicher waren und drohten, die Sicher­heit der Kernregionen zu unterminieren: der Zusammenbruch der Sowjetunion, die Öffnung der zentral­asiatischen Länder, das Irak-Fiasko und die indisch-pakistanischen Spannungen. Obamas Hinwendung nach Asien kann als Beginn einer Phase „nach dem Terror“ in Amerikas Generalplan gedeutet werden. Der Aufstieg Chinas ist natürlich ein Modewort, aber es ist fragwürdig, um es vorsichtig zu formulieren. Man könnte den logischen Schluss ­ziehen, dass acht- bis zehnprozentiges Wirtschaftswachstum pro Jahr und parallel dazu wachsende Militärausgaben in ein bis zwei Jahrzehnten eine regionale oder gar globale Herrschaftsmacht hervorbringen werden. Dennoch schafft sein wachsendes Durchsetzungsvermögen in der Region neue Feinde, die es blockieren werden, was den Amerikanern in die Hände spielt. In den Augen der USA sollte China ein billiges Erzeugerland bleiben, dass seine Erträge ­zurück an die USA verleiht, um den Dollar zu stützen und Inflationsraten gering zu halten. Außerdem kommt es zu einer Verbesserung der indisch-pakistanischen Beziehungen. Pakistan gewährte Indien vor Kurzem den Status einer meistbegünstigten Nation. Afrika und Latein­amerika bleiben bis auf Weiteres die wirtschaftlichen Jagdgründe für die Großmächte und Russland betreibt immer noch ­seine schleichend langsame ­Energie-Diplomatie.

Islamische Zeitung: Lieber Dawud Stewart Hurrell, vielen Dank für das Gespräch.

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