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Gertrude Bell – die Königin der Wüste

Die Forscherin und Agentin Gertrude Bell war in den damaligen Konfliktherden der Weltpolitik. Joachim Heinz erinnert an sie

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Foto: Edwin Newman, via flickr | Lizenz: Public Domain

Bonn (KNA). „Es ist manchmal ein komisches Gefühl, ganz allein draußen in der Welt zu sein, aber meistens betrachte ich es jetzt, wo ich mich daran gewöhnt habe, als eine Selbstverständlichkeit.“ Eine Portion Selbstbewusstsein, aber auch ein gewisses Erstaunen über das eigene Leben sprechen aus diesen Zeilen der Gertrude Bell. Die Britin, geboren vor 150 Jahren am 14. Juli 1868 in der Nähe von Newcastle, gehört zu jenen neugierigen Naturen, die sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in die Tiefen des Orients wagten – bevor der arabische Raum im Ersten Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zum Spielball europäischer Interessen wurde.

Auch daran hatte Gertrude Bell einen Anteil, aber der Reihe nach. Wie überhaupt kam es dazu, dass eine Frau in dieser Zeit solo um den Globus reiste? Und dabei nicht nur byzantinische Kirchenruinen in der Türkei oder die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien erkundete, sondern sich auch als hervorragende Alpinistin in den Schweizer Alpen an der Erstdurchsteigung der Ostwand des 4.274 Meter hohen Finsteraarhorns versuchte? Bell hatte das Glück, trotz des frühen Todes ihrer leiblichen Mutter Mary in einem liberalen und finanziell unabhängigen Haushalt aufzuwachsen. Großvater Isaac Lowthian hatte in der Eisenindustrie den Grundstock für Stand und Vermögen gelegt.

Ihren Wunsch nach einem Studium der Geschichte – Frauen sind damals eine absolute Rarität an den Unis – begründet die 17-jährige Gertrude gegenüber ihrem Vater Thomas Hugh Bell und Stiefmutter Florence Ollife mit den Worten. „Ich möchte wenigstens eine Sache von Grund auf wissen und können.“ Sie geht nach Oxford und schließt, kaum 20 Jahre alt, ihre akademische Ausbildung mit Auszeichnung ab. Es folgt die erste Reise nach Teheran zu ihrem Stiefonkel Frank Lascelles, britischer Botschafter beim Schah von Persien. Gertrudes Liebe zum Orient ist entflammt. „Ich habe nie gewusst, was eine Wüste ist, bis ich hierher kam“, schreibt sie. „Es ist etwas ganz Wunderbares!“

Fortan zieht es sie immer wieder in die Region, bald schon spricht sie Persisch und Arabisch. Selbst hartgesottene Beduinen zeigen sich beeindruckt von „al-Khatun“, der „Lady“ mit den roten Haaren und den grünen Augen. „Ob in London oder im Mittleren Osten: Gertrude blühte auf, wenn sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand“, schreibt ihre Biographin Susan Goodman. Als „Mann ehrenhalber“ wird sie behandelt, als „Königin der Wüste“ hofiert. Bell reist mit Gefolge, führt ein feines Porzellanservice und eine Badewanne aus Zeltplanen im Gepäck – und bewahrt in heiklen Situationen stets die Contenance.

So kommentiert sie 1902 ihr nächtliches Biwak unter widrigsten Wetterbedingungen auf einem Felsvorsprung am Finsteraarhorn mit britischem Understatement: „Ich tröstete mich mit den Gedanken an den Burenkriegshelden Muarice, der in Südafrika auch im Regen übernachtet hatte, ohne dadurch Schaden zu nehmen.“ 1911 kommt es dann zur ersten Begegnung zwischen Bell und einem gewissen Thomas Edward Lawrence bei Grabungen in der Hethiterstadt Karkemisch. „Ich verbrachte einen angenehmen Tag“, schreibt Bell. Der noch unbekannte Lawrence und seine Mitstreiter versuchen, die bereits berühmte Forscherin mit einer „Demonstration von Gelehrsamkeit“ zu beeindrucken.

Im Ersten Weltkrieg treffen die beiden wieder aufeinander: als Agenten in Kairo. Von Ägypten aus wollen die Briten ihre Zugänge zu den Ölfeldern und nach Indien sichern. Bell und „Lawrence von Arabien“ lassen ihre Kontakte spielen, um die britische Nachfolge des Osmanischen Reichs als Hegemonialmacht zu sichern. Bell verhilft dem Irak zu seiner heutigen Gestalt, Lawrence führt die Stämme auf der Arabischen Halbinsel in die Taktik des Guerilla-Krieges ein.

Beide können nicht wissen, wie sehr ihr Wirken Wirkung zeigt: bis zum heutigen Tag. Ihre letzten Lebensjahre verbringt Bell in Bagdad, wo sie den Grundstein für das Irakische Nationalmuseum legt. Am 12. Juli 1926 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Körperliche Gebrechen und Depressionen sollen zum Schluss die Frau gequält haben, die sich auf so beeindruckende Weise „ganz allein, draußen in der Welt“ behauptet hatte.

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