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Geschichte: Es brauchte Jahrzehnte, um den Terror von Vlad III. zu beenden. Von Shibli Zaman

Hinter den fernen Karpaten

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Hören wir den Namen Dracula, erinnern wir uns an den gleichnamigen Roman des Iren Bram Stoker. Jenseits dieses Mythos gab es den historischen Vlad III. Tepes – oder „Dracula“, wie ihn seine Landsleute nannten. Wenige jedoch kennen seinen Bruder Radu, der auf osmanischer Seite gegen Vlad kämpfte.

Radu cel Frumos, wie ihn seine Landsleute nannten, wurde 1435 in der Walachei (im heutigen Rumänien) geboren. Die Türken kannten ihn als Yakisikli Radu Bey, und für den Rest der Welt war er „Radu der Schöne“. Der Verbündete und Kindheitsfreund von Sultan Mehmet II. war eine wichtige Gestalt im osmanischen Gemeinwesen. Er war eine bedeutende Kraft im Kampf gegen die Safawiden im Osten und gegen Serben, Rumänen und Ungarn im Westen. Die muslimische Welt verdankte ihm viel, doch finden sich dazu nur vereinzelte Aufzeichnungen. Für die Byzantiner war Radu wegen seiner Annahme des Islams und seiner Rolle beim endgültigen Hinscheiden ihres Reiches ein Despot. Der General hatte aber eine größere Aufgabe. Er jagte das Vorbild der Vampirlegende, seinen Bruder Vlad III., den wir heute als Dracula kennen. Der Charakter des Professors Abraham van Helsing entstammte der Einbildungskraft Bram Stokers, aber Sultan Mehmet II. und Radu cel Frumos waren vielleicht die einzig wahren Jäger Draculas in der Geschichte.

Die Blutsbrüder
Im Rückblick kann die Bindung von Radu an den Islam und an den Sultan auf die politische Bindung ihrer beiden Väter zurückgeführt werden. Vlad II. aus dem Haus Draculesti war ein Verbündeter von Sultan Murad II., dem Vater von Mehmet II. Der rumänische Herrscher hatte vier Söhne: Mircea II., Vlad IV. Calugarul („Der Mönch“), Vlad III. und Radu III. cel Frumos. Als Geste der Bindung mit dem Sultan bot ihm Vlad II. die Deines seiner Söhne Dracula und Radu an. Bei den Janitscharen studierten sie den Qur’an, Arabisch, Türkisch, Persisch, islamische Theologie, Recht und – begehrt vor allem anderen – türkische Militärstragie und -taktik. Der junge Vlad missbrauchte aber die Gastfreundschaft der Osmanen und lehnte sich immer wieder gegen sie auf, was ihm Aufenthalte im Kerker einbrachte. Wegen der drastischen Reaktionen auf seine Anmaßung entwickelte er einen ganzen Komplex des Hasses. Er hasste seinen Vater für das Bündnis mit den Osmanen. Der Rumäne hasste aber auch seinen Bruder Radu für die Ehrerbietung, die ihm die Osmanen erwiesen. Er war voller Eifersucht auf den noch jungen Sultan Mehmet II., der wie er ein Prinz war, aber in Pracht lebte. Dracula beneidete auch seine Brüder – für die angebliche Bevorzugung durch ihren Vater. Seine Gefühle für Mircea schwankten zwischen Eifersucht und Ehrfurcht. Von ihm lernte der spätere Gewaltmensch auch die Terrortaktik des Pfählens.

Radu blieb dem Islam und dem Sultan treu und verbrachte sein Leben an den Grenzen des osmanischen Gebietes. Seine familiäres Erbe, die Fähigkeit zur verbissenen Kriegsführung, machten ihn sogar unter Janitscharen und Sipahis zu etwas Besonderem. Manche sind der Ansicht, dass er die Geschichte des Nahen Ostens mit beeinflusste. Er hinderte die mächtigen Ak Koyunlu daran, das osmanische Gebiet zu überrennen. Dieses Ereignis hätte das Antlitz des Nahen Ostens und Europas verändert.

Konstantinopel
„Am dritten Tag des Falles unserer Stadt feierte der Sultan seinen Sieg unter großem Triumph. Er gab folgende Erklärung heraus: Die Bürger jeden Alters, denen es gelang, sich zu verstecken, sollten ihre Verstecke in der ganzen Stadt verlassen und ans Tageslicht kommen. Sie sollten frei bleiben (…) Weiterhin befahl er die Rückerstattung aller Häuser und des Besitzes an jene, welche die Stadt vor der Belagerung verlassen hatten. Sollten sie heimkehren, würden sie entsprechend ihres Ranges und ihrer Religion behandelt; so, als hätte sich nichts geändert.“ (Georg Sphranzes, 1401-1478, byzantinischer Chronist und Zeitzeuge) Es war ein Augenblick der Freude und Erleichterung für die Einwohner von Konstantinopel, die eine sofortige Vertreibung befürchteten. Als Mehmet II. siegreich in die Stadt einzog, reichte ihm ein Blick auf seinen Freund aus Kindheitstagen als ernüchternde Erinnerung, dass im Norden die schärfsten Feinde warteten. Der gefürchtetste unter ihnen war Vlad III.

Der Aufstieg Draculas
Opportunistischer Betrug war bei den Herrschern der Walachei üblich. In einem kurzen Augenblick der Schwäche erlaubte Vlad II. seinen ältesten Söhnen, Mircea und Vlad IV., stillschweigend die Rebellion, wobei alle Gefangenen gepfählt wurden. Dem jungen Dracula gefiel der Anblick. Und er schloss sich Mircea bei einer weiteren anti-osmanischen Rebellion an. Diese richtete sich aber auch gegen die rivalisierende Danesti-Dynastie, die vom siebenbürgisch-ungarischen Staatsmann Johann Hunyadi unterstützt wurde. Am Ende überrannten Hunyadis Armeen die seines Vaters und töteten ihn bei Balteni. Hunyadi setzte einen Fürsten der Danesti, Wladislaw II., als Herrscher der Walachei ein. In seinem Willen zur Macht ignorierte Vlad III. jegliche Rachegefühle, verbündete sich mit Hunyadi und fungierte als dessen Berater. Aber als der Ungar gegen die Osmanen bei Belgrad marschieren wollte, griff Dracula an, tötete Wladislaw II. und riss die Macht an sich. Im Lager der Ungarn brach eine Seuche aus, die zum Tod Hunyadis führte. Diese Ereignisse ermöglichten Vlad III. eine ununterbrochene Regierungszeit von sechs Jahren.

Der Pfähler
„Ich habe Männer und Frauen getötet – alte wie junge (…) Wir töteten 23.884 Türken und Bulgaren, ohne jene zu zählen, die wir in ihren Häusern verbrannten oder deren Köpfe nicht von unseren Soldaten abgeschlagen wurden.“ (Vlad III. Tepes, in einem Brief an Mathias Corvinus)

Nachdem sich Sultan Mehmet II. dem näherte, was aus der Ferne wie ein stinkender Wald voller verfaulter Bäume aussah, erkannte er den sich abzeichnenden Horror. Sie waren in der Nähe ihres Ziels – der walachischen Hauptstadt Targoviste -, sodass er eigentlich kein Interesse daran hatte. Aber bald wurde klar, dass sich vor ihm 20.000 gepfählte Körper unschuldiger Männer, Frauen und Kinder befanden. Im Winter 1462 wurden sie alle zu Opfern von Dracula.

Vlad III. Tepes’ muslimische Erziehung und seine Beherrschung des Türkischen ermöglichte es ihm, sich ungehindert in allen osmanischen Feldlagern zu bewegen, ohne dass er erkannt wurde. Das hatte tödliche Folgen. Er fiel mit seinen Männern in Serbien ein, die als türkische Elitereiter verkleidet waren. Sie machten muslimische Dorfbewohner nieder und töteten jene greifbaren Nichtmuslime, die sich diesen gegenüber freundlich verhielten.

Es ist aber bemerkenswert, dass es keine Aufzeichnungen von Massendesertationen bei den Osmanen gab. Sie marschierten trotz des offenkundigen Horrors unbeeindruckt weiter. Einige Historiker legten jedoch nahe, dass der Sultan das Interesse verloren habe, den Rebellen nach seinem Einmarsch in die Walachei weiter zu jagen. Er überließ diese Aufgabe dem einzigen, der dazu in der Lage war, Vlad III. habhaft zu werden. Es brauchte jemand, der den Geist Draculas verstand, und niemand war dazu besser geeignet als dessen Bruder. Die erschreckenden Taten von Vlad III. brachten ihm den Beinamen „Tepes“ ein – das rumänische Wort für „Pfähler“.

Radu gegen Vlad
Nach dem Verlust seiner Hauptstadt Targoviste floh Vlad III. nach Transsilvanien in der Hoffnung, er könnte bei Hunyadis Sohn, Mathias Corvinus, Unterschlupf finden. Dies war bezeichnend für seinen Opportunismus und seinen mangelnden Respekt gegenüber der Religion. Er bot den Übertritt zum Katholizismus an, um die Gunst von Corvinus zu erlangen. Vlad III. betrieb eine Politik der Verbrannten Erde, machte alles Lebendige auf seinem Weg nieder und hinterließ Orte der Verzweiflung – voller gepfählter Körper.

Der Walache führte einen heimtückischen Guerillakrieg, dem die osmanische Elitereiterei nicht gewachsen war. Man munkelte, er habe in einer Nacht 15.000 osmanische Soldaten niedermachen lassen. Auch wenn der Sultan das Schlachtfeld verlassen hatte, blieb Radu unbeirrt. Er wurde von etwas angetrieben, das nur als Gottesfurcht ausgelegt werden kann, um die blutige Herrschaft seines fehlgeleiteten Bruders zu beenden. Niemand blieb übrig, um Dracula zu bekämpfen, außer Radu und die rumänischen muslimischen Janitscharen.

Die Brüder führten einen langen Krieg. Radus Kontrolle der Region nahm stetig zu, während Vlad III. immer weniger Hilfe aus Ungarn erhielt. In einer seltsamen Wendung des Schicksals kerkerten die Ungarn, zu denen Dracula einst floh, den blutigen Mann 12 Jahre lang unter dem Vorwurf des Hochverrats ein. Die Menschen der Walachei und ihre christlichen Adligen hatten genug von seiner Schreckensherrschaft und unterstützten Radu, der 1462 zum Herrscher (Wojwode) der Walachei ausgerufen wurde. 11 Jahre lang regierte er bis zu seinem Tod erfolgreich seine Heimat, während sein Bruder Vlad in einem Budapester Gefängnis moderte.

Draculas letzte Schlacht
1473 wurde Dracula nach dem Tod Radus aus dem Gefängnis entlassen. Er sammelte augenblicklich eine Armee und fiel in Bosnien ein, wo er Teile der muslimischen Bevölkerung töten und pfählen ließ. Wieder einmal kam er mit einer einzigen Absicht aus der Dunkelheit: Den Islam für immer vom Balkan zu vertreiben. Danach konnte er den Thron seiner Heimat an sich reißen – aber nur für einen Monat.

Sultan Mehmet II. marschierte in die Walachei ein, um den Mann von jenem Thron zu entfernen, den sein toter Freund Radu verwaist hinterließ. 1476 trafen die Soldaten des Sultans beim rumänischen Bukarest auf die Armee Draculas. In einer blitzschnellen Attacke wurde sie überrannt und alle, inklusive Vlad III. Tepes, kamen dabei ums Leben.

Der Kopf des Schlächters wurde nach Konstantinopel gebracht, damit alle sehen konnten, dass dieser sein verdientes Ende gefunden hatte.

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