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Ein vergessener Held von Gallipoli

Geschichte: Erinnerung an Liman von Sanders Pascha, einem deutschen General in osmanischen Diensten

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(iz). Dardanellen, 25. April 1915: Englische, australische, neuseeländische und französische Truppen setzen am frühen Morgen zur Landung an. Während die Schlachtschif­fe unermüdlich auf die ­osmani­schen Anhöhen feuern, um ihren Truppen Rückendeckung zu geben, weist Leut­nant Ali Efendi seine Soldaten an, die Bajonet­te aufzupflanzen. Sie beten um den Beistand des Propheten, bis der Leutnant mit gezogenem Degen den letzten Befehl erteilt: „Padisahimiz Cok Yasa! – Es lebe der Padischah!“

Mit Allah-Rufen klettern die osmanischen Truppen aus den Schützengräben und stürmen auf den Feind los. An ­ihrer Seite auch deutsche Soldaten. Sie sind so schnell, dass die Geschützfeuer der feindlichen Schiffe sie nicht treffen. Am Strand angekommen werfen sie sich auf den Feind und versuchen, ihn zurück ins Meer zu treiben. Leutnant Ali Efendi und sein ganzer Zug werden nicht zurückkehren. Wie oft sollte sich diese Szene wiederholen. Die Schlacht von ­Galli­poli geht als eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs in die Geschichte ein. 539.000 Engländer und Franzosen (inklusive von Verbänden aus den ­Kolonien) standen 450.000 Osmanen und 500 Deutschen gegenüber.

Der Versuch Englands, Truppen an den Küsten der Dardanellen landen zu lassen, Konstantinopel zu erobern und die für Russland lebensnotwendige Verbindung zu schaffen, scheiterte. Hinter diesem Plan steckte der Erste Lord der britischen Admiralität Winston Churchill, welcher Admiral Ian Hamilton mit der Expedition beauftragte. In Kons­tan­tinopel hatte man sich auf die Invasi­on vorbereitet: Die 5. Osmanische Armee, bestehend aus fünf Divisionen, wurde für die Verteidigung der Dardanellen eingesetzt. Ihr Oberbefehlshaber: Marschall Liman von Sanders Pascha. Von Sanders, 1855 in Stolp (Pommern) geboren, schlug eine militärische Karriere ein und wurde 1913 mit der Leitung der dritten deutschen Militärmission zur Reorganisierung der osmanischen Armee beauftragt. Seine Ernennung hatte einen diplomatischen Konflikt zur Folge, da man ihn zum Kommandeur der 1. Osmanischen Armee ernennen wollte. Schließlich beförderte ihn Kaiser Wilhelm II. zu einem General der Kavallerie womit er im osmanischen Militär zum Marschall und zugleich zum Generalinspekteur avancierte.

Nun wurde ihm die Verteidigung der Dardanellen anvertraut, die zur Existenz­frage des 600-jährigen Osmanischen Reichs werden sollte. Während Englands Invasionspläne noch auf den Schreibtischen des britischen Kriegsministeriums lagen, schritt das Osmanische Reich zur Tat. Die deutschen und osmanischen Verteidiger haben nur Geschütze zur Verfügung, die aus dem vergangenen Jahrhundert stammten und zum Teil in Museen aufbewahrt wurden, Munitionsknappheit beherrscht die Lage. Während die mächtigen Schlachtschiffe des Feindes die Befestigungen pausenlos beschießen, ertönt von den Hügeln weiterhin Geschützfeuer. Schließlich laufen einige Schiffe auf Minen, sodass mehrmals der Angriff abgebrochen werden muss. Unterdessen werden Nacht für Nacht Schützengräben ausgehoben, Maschinengewehre und Geschütze in Stellung gebracht, Stacheldrahthindernisse angebracht und alles unter den Augen des ehrgeizigen deutschen Generals.

Liman von Sanders inspiziert jeden Schützengraben, jede Stellung und prüft selbst die Durchführung seiner Befehle. Ob mit dem Auto, auf dem Pferd, per Schiff oder zu Fuß – der deutsche Marschall will auf die Ankunft des Feindes vorbereitet sein. Scharf prägt er sich das ganze Gelände ein. Tausend Gedanken drängen sich im Kopf dieses Mannes zusammen, auf dessen Schultern eine schwe­re Bürde größter Verantwortung ruht. Wo wird sein Gegner, Admiral Hamilton, seine Truppen landen lassen?

Sanders Entschluss steht fest: die ­Truppen müssen so konzentriert und gruppiert werden, dass sie zu jeder Zeit und an jede gefährdete Stelle geworfen werden können. Währenddessen organi­siert Liman von Sanders Pascha in ­seinem Stabsquartier auf Gallipoli den Zuzug frischer Reserveeinheiten. Sein Stab besteht zum großen Teil aus osmanischen Offizieren. 450.000 Mann werden bald unter seinem Befehl dem übermächtigen Feind die Stirn bieten. Die Versorgungs­lage ist schlecht: Es fehlt an Nahrung, Kleidung und Munition. Unter größten Anstrengungen organisieren die deutschen Offiziere mit ihren osmanischen Kollegen den Nachschub, improvisieren an allen Ecken und Enden, um die Front weiter zu halten.

Der deutsche General und Chef des Waffenamtes, Pieper Pascha, gibt Anwei­sung, aus Nägeln Schrapnellladungen, aus Konservendosen Handgranaten und aus erbeuteten englischen Torpedos Tretminen anzufertigen. Ihr Feind ist hingegen für den Kampf gerüstet: Admiral Hamilton hatte London davon überzeugt zusätzliche Verpflegung bereitzustellen. Der Nachschub erfolgte über die von Briten beherrschte See.

Unter ständigem Beschuss feindlicher Schlachtschiffe und dem Feuer der Maschinengewehre, führen die osmanischen Soldaten eine Angriffswelle nach der ­anderen. Die Soldaten stoßen immer ­wieder an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und doch schaffen sie es, den Vorstoß des Feindes Richtung Hauptstadt aufzuhalten. So standen am Anfang der Kämpfe an der Südspitze der Festung Sedd-ül Bahr 6.300 osmanische Soldaten einer Übermacht von 20.000 Entente-Soldaten gegenüber, bei Ariburnu verteidigten nur 500 Osmanen mit wenigen deutschen Offizieren die Anhöhen gegen 8.000 Australier. Kriegsminister Enver Pascha, der mit dem Generalstab in Konstantinopel sein Hauptquartier hat, fordert vom deutschen Marschall noch energischer gegen den Feind vorzugehen.

Liman von Sanders Pascha weist jedoch die Befehle zurück. Er ist nicht bereit, seine Truppen für die dilletantischen Pläne des Kriegsministers zu verpulvern. Zwischen ihm und dem Kriegsminister entwickelt sich eine Feindschaft. Eine Feindschaft unter Verbündeten.

Für England wird die Invasion auf den Dardanellen zu einem Desaster. Nach neun Monaten sieht sich Winston Churchill gezwungen seinen Rücktritt einzureichen und die Operation für gescheitert zu erklären.

Der Sieg von Gallipoli erschüttert die Entente-Mächte in ihren Grundfesten und ermutigt die Mittelmächte zu neuen Taten. Das Osmanische Reich scheint gesichert – vorerst. Der „Löwe von Gallipoli“, wie Marschall Liman von Sanders Pascha genannt werden wird, trug erheblich zu diesem Sieg bei. Die Hölle von Gallipoli war überstanden, doch für das Osmanische Reich sollte der Erste Weltkrieg weitergehen.

Kriegsminister Enver Pascha entledigte sich seines Rivalen, in dem er den Marschall im März 1918 den Oberbefehl über die Yildirim-Verbände in ­Palästina übertrug. Knapp 40.000 Soldaten, davon 9.000 Deutsche, verteidigten gegen Ende des Krieges eine 90 Kilometer lange Wüstenfront gegen eine Übermacht von 70.000 Engländern und Kolonialverbänden. Als schließlich die Südfront zusammenbrach und die Truppen des Sultans den Rückzug antreten mussten, erfolgte im Oktober 1918 der Waffenstillstand, der für das Osmanische Reich den Krieg beendete.

Marschall Liman von Sanders geriet in britische Gefangenschaft und wurde auf Malta interniert. 1919 nach Deutschland zurückgekehrt, ließ er sich in München nieder, wo der große Oberbefehlshaber über die Dardanellen-Front 1929 verstarb. Hatte Kriegsminister Enver Pascha über die Kriegsjahre dafür Sorge getragen, dass das Verdienst von Liman von Sanders Pascha verschwiegen wird, so änderte sich dies auch nicht während der Republikzeit unter Mustafa Kemal, der ein Protégé Liman Paschas war und ihm seine militärische Karriere verdankte. Kein Monument, kein Gedenkstein erinnert heute an die Leistungen des deutschen Oberbefehlshabers oder an die deutschen Soldaten, die während des Kampfes um die Dardanellen ihr Leben ließen, um die Existenz des Osmanischen Reiches und der späteren Republik Türkei zu gewährleisten.

Die gefallenen deutschen Soldaten, darunter auch der von den osmanischen Soldaten vielgeliebte Feldmarschall Freiherr von der Goltz Pascha, ruhen nunmehr auf dem Deutschen Heldenfriedhof in Tarabya, Istanbul. Der Einzige, der sie nicht vergessen hat, ist der zuständige Gärtner. Sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch die Republik Türkei sehen bis heute darin keinen Bedarf, diesen Männern ein Denkmal zu setzen. 2015 wird in der Türkei an das 100-jährige Jubiläum gedacht werden, bei dem auch Vertreter aus Australien und Neuseeland zu gegen sein werden. Deutschland und auch Österreich, das ebenfalls Offiziere und Soldaten zur Unterstützung seines Verbündeten entsandte, sollten bei dieser besonderen Gedenkveranstaltung Präsenz zeigen. Gallipoli – Ort des Todes und der Trauer, aber auch der Hoffnung, darf nicht in Vergessenheit geraten.

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