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Gesichter der Männlichkeit

In den griechischen Mythen finden sich Archetypen des Männlichen. Von Ibtisaam Ahmed

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Foto: Khalil Mitchell for Visual Aurum

(iz). Männlichkeit ist zum Unwort geworden. Häufig wird sie in toxisches gehüllt oder wird nur widerwillig benutzt. Wir finden uns zwischen Extremen wieder: Entweder gelten Männer als böse oder sie sind über jeden Zweifel erhaben. Beides ist absurd.

Ein Weg aus diesem Denken wurde schon in den späten 1980er Jahren von einer Psychiaterin und Analytikerin nach C.G. Jung formuliert: Jean Shinoda Bolen sieht in der Frauenbewegung (deren Teil sie war) die Gefahr von Stereotypen – inklusive Verzerrung und Begrenzung des menschlichen Potentials. Den Frauen wurde bewusst, wie eine männlich domi­nierte Kultur sie persönlich beeinflusste. Diese „Bewusstseinsbildung“, die wir jenen früheren Feministinnen verdanken, betrifft nicht ausschließlich Frauen. ­Stereotypen über Männer sind genauso gefährlich. Indem wir ein eindimen­sionales Stereotyp durch facettenreichen Archetypen ersetzen, so die Position von Shinoda Bolen, erhalten wir „eine neue Wertschätzung für das archetypische männliche Prinzip, ohne dass das gleichermaßen heilige Weibliche seine volle Bedeutung und Wesen aufgibt“.

In der Einleitung ihres Buches „Gods in Everyman“ bezieht sich die Autorin auf die Konformität, die von Männern abverlangt wird. Auch wenn sich Forderungen an Männer wandeln, bleiben sie Forderungen. Um diesen zu entsprechen, mag eine Person wichtige Aspekte ihres Selbst abschneiden, um in die Stereotypen zu passen. Shinoda Bolen schrieb hierzu: „Wenn ein Junge oder Mann versucht, auf Kosten der Verbindung mit seiner ureigensten Natur, den, an ihn gerichteten Erwartungen gerecht zu werden, mag er in der Welt Erfolg haben. Er wird sich aber als bedeutungslos wiederfinden oder scheitern, nachdem er nicht seinem Wesen treu blieb.“

Um ihren Standpunkt zu verstehen, müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass die Natur aller Männer die eines Unterdrückers ist. Wir wissen, dass sie zu abscheulichen Handlungen fähig sind. Aber zu ignorieren, dass sie gegen Ungerechtigkeit aufstanden sowie Opfer in der Bewahrung von Leben und Freiheit brachten, bedeutet Unwissenheit von Geschichte und Wirklichkeit.

In ihrer Einführung sagte sie, dass ihr Buch „eine Psychologie von Männern, wie sie von einer Frau gesehen wird“ sei. Sie tue, was Frauen im Laufe der Zeit für Männer getan hätten, um die sie sich ­gekümmert haben. „Das reflektieren, was sie sieht, und sich des Bedürfnisses nach Sensibilität bewusst sein, wenn sie die Mängel und Probleme von Männern beschreibt sowie über die Wertschätzung ihrer positiven Eigenschaften.“

Ein Archetyp ist ein innerlich festgelegtes Muster oder Verhalten, das in einem kollektiven Unterbewusstsein enthalten ist – das heißt, was allgemein ist oder geteilt wird. Mythen seien archetypische Geschichten, die „Gefühle und Bilder erzeugen“. Sie berührten Themen, die allgemein und Teil des menschlichen Erbes seien. „Sie scheinen seltsam bekannt; selbst, wenn man [sie] zum ersten Mal hört.“ In dem Sinne besteht die Macht des Mythos in seiner Fähigkeit, bei einem umfassenderen Verständnis unserer Natur zu helfen. Die griechische Mythologie hat seit Langem derart faszi­niert, dass wir „Aha!“ sagen werden.

George Lucas ist ein zeitgenössischer Mythenmacher. Die Abenteuer von Luke Skywalker reflektieren das Bedürfnis des heutigen Mannes dasjenige zu bergen, was ihm und der Menschheit in der Vergangenheit widerfahren ist. Wie jeder Held muss er seine authentische Identität entdecken, während er sich gleichgesinnten Gefährten im Kampf gegen eine ­zerstörerische Macht anschließt. In Nachfolge der meisten Mythen geht es in „Star Wars“ um Beziehungsmuster. Der Film zeigt, wie nur „der Sohn (indem er nicht wie sein Vater wird, und sich Furcht und Macht unterwirft) den lang begrabenen Vater in Darth Vader – der symbolisiert, was in einem Menschen geschehen kann – befreien kann“.

Von daher sollte es keine Überraschung sein, dass Jean Shinoda Bolens Buch die mythologischen Gestalten Griechenlands in Vater-Archetypen (Zeus, Poseidon und Hades) unterteilt, welche jeweils den Himmel, das Meer und die Unterwelt beherrschen. Hier gibt es auch die Figur des Sohnes. Ein Teil (Apollo und Hermes) ist beliebt, manche (Ares und Hephaistos) werden zurückgewiesen und andere (Dionysos) werden ambivalent gesehen. Biologische Vaterschaft und der Archetyp des Vaters stehen in keiner direkten Beziehung. Manche biologische Väter folgen den Archetypen des Sohnes. Im Gegensatz zu jenen mythologischen Figuren, die „feste archetypische Muster repräsentieren“, definiere jeder Einzelne seinen eigenen Bereich. Ein Mensch habe das Potenzial zu all diesen Zonen „und kann sich wissentlich in ihnen ­bewegen und ihre Aspekte in seine (oder ihre) bewusste Persönlichkeit integrieren“. Auf diese Weise lädt Jean Shinoda Bolen ein, die maskulinen Stereotypen hinter sich zu lassen und stattdessen ­vielschichtige Archetypen zu beobachten und zu verstehen.

Zeus – das Reich von Willen und Macht
Als reicher Geschäftsmann und US-Präsident, der für seine Frauengeschichten und dem Verlangen bekannt ist, dass ihm seine Dynastie nachfolgen möge, gehört Donald Trump zum Archetyp von Zeus. Er ist der Mächtigste des griechischen Olymps. Zeus begründete und festigte seine Macht. Aber als Herrscher des Himmels galt er auch als Regenbringer. Er ist ein Archetyp des Königs, der vom Verlangen der Schaffung eines ­Königreichs angetrieben wird. Daher wird er durch das Verlangen nach Herrschaft und Macht geprägt.

Als natürlicher Führer sei er „Pragmatiker, kein Idealist. Er akzeptiert die Welt, wie sie ist, und will Teil von ihr sein… Er neigt nicht zur Innenschau, möchte sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen und auch nicht mit den Gefühlen anderer“. Er sei emotional abwesend. Das könne sich – zusammen mit Macht – als zerstörerische Mischung erweisen.

Poseidon – die Welt von Emotion und Instinkt
Für die Griechen war der Anblick des Meeres ebenso der Anblick Poseidons. Sie symbolisiere die häufige Unruhe, zerstörerische Macht, in welcher der poseidonische Mann wütet. Und doch sei die See auch beruhigend und unterstreiche den friedlichen und barmherzigen Aspekt der Persönlichkeit. Symbolisch sei Wasser mit Emotionen verbunden und „das Reich unter dem Wasser ist die Zone ­repressiver persönlicher Gefühle und ­Instinkte“. Männer dieses Archetyps leben und arbeiten mit den Gezeiten von Instinkten und den meeresartigen Ausdrücken von Schrecken, Schönheit und Macht (alles ist in Beethovens Musik zu hören).

Während Poseidon „jemand wichtiges“ sein wolle, fehle ihm oft strategisches Denken. Die Schönheit des logischen Denkens bleibe ihm verwehrt. Er könne nur schwer in einer Welt aus Distanz und Strategie gewinnen. Er neige dazu, seinen Partner in einer romantischen Beziehung zu überwältigen. Und andere Männer sprächen oft nicht „seine Sprache“. Ungebändigte Emotionalität und instinktive Antriebe seien seine größte Herausforderung. Für sein Wachstum müsse dieser Typ Mann Fähigkeiten zur Beobachtung, Nachdenken und Objektivität entwickeln.

Hades – die Seelen und das Unbewusste
Hades (der nicht mit dem Teufel verwechselt werden darf) kann sich auf die Unterwelt der Griechen beziehen, aber auch auf die mythologische Gestalt, die über sie herrscht. Er sei der Archetyp, der sich an seiner eigenen Gesellschaft erfreue. Dieser Archetyp sei in der Lage, eine profunde Beziehung mit jemandem zu führen, der sich am Reichtum der inneren Welt teilhabe. Er war die einzige griechische Figur des Olymps, die weder Kinder hatte, noch an der Gründung ­eines „Königreiches“ interessiert war. Für Jean Shinoda Bolen stellt Hades den ­„unsichtbaren Mann“ dar. Solche Männer fänden es oft schwierig, in unserer Kultur aufzublühen, die extrovertiert sei, Produktivität betone und das „Nichtstun“ ablehne. Er müsse Wege finden, für andere sichtbar zu werden, und „die ­Mittel entdecken, seine innere Erfahrung auszudrücken“.

Apollo – Bogenschütze, Gesetzgeber, Liebling
Solche Männer seien charmant, klug und neigen, sich an prestigeträchtigen Einrichtungen auszuzeichnen. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama studierte an der Harvard Law School. Auf ihn trifft C.G. Jungs Beschreibung des Apollonischen zu. Er schätzte abgemessene, kontrollierte und proportionierte Gefühle.

Daheim im Himmelsbereich von Intel­lekt, Wille und Verstand sei Apollo die „Verkörperung einer männlichen Haltung, die aus der Distanz beobachtet“. Inschriften auf dem, ihm gewidmeten Tempel in Delphi lauten „erkenne Dich selbst“ und „nichts im Übermaß“. Dieser Typus greift nach Ansicht der Analy­ti­kerin mehr auf seinen Kopf als sein Herz zurück. Er strebe eine Karriere an und harmonisiere mit anderen Männern. Obwohl hochqualifiziert und Lieblingssohn, sei er ein Sohn, dem es am Ehrgeiz und der Rücksichtslosigkeit eines Zeus fehle. Diese Art Mann habe die Neigung zu Desinteresse am Leiden anderer. „Er ist von seinen Gefühlen getrennt.“ Apollo müsse über die Beschränkungen des ­rationalen und logischen Verstandes ­hinausgehen, um zu wachsen. Er müsse Demut und Geduld mit jenen lernen, die nicht seine Erwartungen erfüllen.

Hermes – Kommu­ni­kator, Gauner, Reisender
Diese Gestalt ist auch unter ihrem römischen Namen „Merkur“ bekannt. Dank seiner vielen Reisen zwischen Unterwelt, Himmel und allem dazwischen wirkt er als Kommunikator. Dieser Typ Mann führt andere oft von einem Bereich zum anderen. Er handle schnell nach seinen Eingebungen, sei neugierig mit vielen Interessengebieten, freundlich und könne mit allen Leuten auskommen. In Beziehungen könne er so schnell verschwinden, wie er aufgetaucht sei. Seine Schwierigkeit bestünde darin, Verpflichtungen einzugehen und erwachsen zu werden. Außerdem müsse er sein impulsives ­Verhalten zähmen. Wenn ein Hermes-Archetyp Grenzen und die Fähigkeit zur Unterscheidung erlerne, werde er leicht zum Mentor, Lehrer oder spirituellen Führer.

Ares – Krieger, Tänzer
Als Archetyp und Bild repräsentiere Ares Körperkraft, Intensität sowie das sofortige Handeln des Männlichen. Krieger sind oft Tänzer. Seine bekannteste Ausprägung war Muhammad Ali, der anmutig war, gleichzeitig instinktiv aggressiv im Ring agierte. Seine stärksten Beziehungen unterhalte er zu jenen Männern, die Teil seiner Gruppe seien – ob in der Armee, Gemeinschaft oder eine Bande. Oft wird dieser Archetyp von Frauen ­abgelehnt. Es sei denn, sie haben eine vergleichbare intensive und sinnliche ­Natur. Als Beschützer sei er bereit, für die Sicherheit und Rechte anderer zu kämpfen. Für ein Wachstum müsse er Selbstbeherrschung lernen sowie den Hermes und Apollo in sich entwickeln.

Hephaistos – Handwer­ker, Erfinder, einsam
Dieser Archetyp repräsentiert in den Augen von Jean Shinoda Bolen den „tiefen menschlich Dank, Dinge zu machen, Objekte hervorzubringen, die funktional und schön sind“. Wegen einer Deformation und der resultierenden Zurückweisung als die am wenigsten glückliche ­mythologische Figur beschrieben war Hephaistos auch Genie. Durch seine Arbeit habe er die Schönheit und Brillanz seines Inneren ausgedrückt. Er ziehe die zurückgezogene Arbeit vor, sei introvertiert und gehe in seinem Projekt auf. „Wie der moderne Mensch, der sich ausschließlich mit seiner Arbeit identifiziert, ist er außerhalb davon völlig ratlos.“ Er bewundere kluge oder schöne Frauen und könne ihnen Macht über sich einräumen. Hephaistos fehlten politische, soziale oder kommunikative Fähigkeiten. Er wachse, wenn er lerne, sich und andere zu kennen.

Der Nutzen des Wissens über diese mythologischen Gestalten liegt darin, dass es uns erlaube, „Reflexionen von uns zu sehen, da sie die Größe, Bedeutung und Begrenzung der Archetypen widerspiegeln, die wir leben“. Der große Mythologe Joseph Campbell wurde einmal gefragt, wie eine Person ihren Mythos finden könne. Er antwortete mit der Frage: „Wo findet sich ihr tiefstes Gefühl für Harmonie und Segen?“ Als der Student entgegnete „ich weiß es nicht und bin nicht sicher“, meinte Campbell: „Finde es, und folge ihm dann.“

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