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Gespräch mit der Journalistin Julia Gerlach

"Da, wo es brennt, wird berichtet"

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(iz) Julia Gerlach ist Journalistin. Sie arbeitet als Redakteurin beim heute-journal des ZDF und als Autorin für „Die Zeit“ , Berliner Zeitung und Hessischen Rundfunk. Darüber hinaus hat sie immer wieder verschiedene Projekte gestartet. Die 37-Jährige studierte Politik und Islamwissenschaften in Aix-en-Provence, Berlin und Alexandria, arbeitete beim ZDF in Kairo und war Hospitantin bei Al Jazeera in Qatar. Letztes Jahr erschien ihr Buch „Zwischen Pop und Dschihad“, das sich mit gegenwärtigen Strömungen muslimischer Jugendlicher in der ganzen Welt beschäftigt. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter in Frankfurt am Main.

Islamische Zeitung: Frau Gerlach, wie sind Sie darauf gekommen, sich näher mit der arabischen Welt zu befassen?

Julia Gerlach: Damals, als ich in Frankreich studierte, hatte ich arabische Kommilitonen, mit denen ich mich gut verstand. Aber immer, wenn ich sie nach der arabischen Denkweise fragte, sagten sie: Das verstehst du sowieso nicht. Daraufhin wurde ich neugierig und ging 1992 für einige Zeit nach Ägypten. Man sagt, entweder liebt man dieses Land, oder man hasst es. Ich liebte es und kehre auch heute noch gern dorthin zurück. Ich habe dort viele Bekannte und gute Freunde. Wenn ich nach Ägypten reise, gehe ich zuallererst zu einem Freund, der mir im Detail über die neuesten Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten berichten kann. Das ist sehr bereichernd. 1992 machte ich eine Hospitanz bei Al Jazeera und berichtete aus der Krisen-Region Irak. Es hört sich banal an, aber durch die Zeit bei Al Jazeera habe ich erlebt, was es bedeutet, aus einem anderen Blickwinkel auf die Welt zu schauen. Das Spannende ist: Erst findet man es fremd, aber man gewöhnt sich schnell daran. Palästina spielt da natürlich eine ganz wichtige Rolle, und dieser Konflikt sieht aus Doha wirklich anders aus als aus Mainz oder Hamburg. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass es unter arabischen Kollegen zunehmend auch Kritik gibt an der Palästina-Zentriertheit der arabischen Medien. Im Grunde sehen sie die Medien da als stabilisierenden Faktor der autoritären Regierungen in der Region. Bei aller Solidarität mit den Palästinensern, drängen kritische Geister darauf, einmal genauer hinzuschauen wenn es um Missstände, Korruption, Arbeitslosigkeit in den einzelnen Ländern geht. Statt wie gebannt und hilflos nach Palästina zu schauen, sollten die Menschen aufgerüttelt werden, die Probleme in ihren eigenen Ländern anzupacken. Da Fernsehen ja viel mit Quote zu tun hat, zeigt sich dieser Trend weg von der panarabischen Sichtweise hin zum Zeigefinger in die nationale Wunde zu legen auch bereits zum Beispiel bei der Al Jazeera-Konkurrenz Al Arabija. Die sehen da eine Marktlücke

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Muslime in den Medien?

Julia Gerlach: Viele Muslime sind unzufrieden darüber, wie der Islam in den Medien dargestellt wird. Jedoch sind Medien in der Regel auf Aktualität ausgerichtet. Da, wo es brennt, wird berichtet. Leider ist es so, dass im Moment viele negative Ereignisse in der islamischen Welt passieren. Nur selten kommen Geschichten über positives Zusammenleben im Programm vor. Es gibt immer wieder bei Veranstaltungen zum Thema Islam und Medien die Idee, eine Art „positive action“ zu machen: Absichtsvoll über positive Beispiele zu berichten. Ich glaube, das funktionniert nur bedingt und kann vor allem leicht nach hinten losgehen. Wenn ich im Nachrichtenkontext über eine engagierte junge Frau mit Kopftuch berichte, die keine Probleme hat und selbstbewusst durchs Leben geht, dann sage ich ja indirekt: Schaut, das ist ein so einmaliges Ereignis, dass wir darüber extra berichten.

Islamische Zeitung: Ist es Ihnen in Ihren bisherigen Projekten gelungen, positiveres zu zeigen?

Julia Gerlach: In Projekten kann ich mich mit Dingen beschäftigen, die in Zeitungen und Fernsehen keinen Platz haben. Vor zwei Jahren habe ich mit einer Fotografin ein Projekt gestartet: „Was hältst du vom Westen?“. Wir haben junge Menschen aus verschiedenen arabischen Ländern, die alle in Dubai leben, gefragt, was sie vom Westen halten. Die erste Frage, die sie mir entgegneten, war: Was meinen Sie mit „Westen“? Die haben unsere sehr klischeehafte Frage sofort dekonstruiert. Viele von denen haben uns dann zurückgefragt: Einer sagte, er habe gehört, die Jugendlichen im Westen würden mit 18 von zu Hause ausziehen, ohne Zwang. Wir sollten ihm das erklären. Andere wollten wissen, warum im Westen nicht mehr geheiratet wird. Die Fragen haben wir dann aufgegriffen und bei einer Vernissage der Ausstellung in Berlin haben wir sie Jugendlichen in Deutschland gestellt. Alles zusammen, Bilder, Interviews und Reaktionen, haben wir zuerst in Deutschland gezeigt und dann im vergangenen Herbst wieder zurück in Abu Dhabi und Sharjah. Wenn man über die Details des Kulturunterschieds spricht, was genau damit gemeint ist, dann lässt sich die Unterschiedlichkeit besser aushalten, das ist eine der Ideen dahinter.

Islamische Zeitung: Letztes Jahr erschien ihr Buch „Zwischen Pop und Dschihad“. Was ist die Grundidee, die hinter diesem Buch steckt?

Julia Gerlach: Ich finde diese neue Bewegung von jungen, sehr religiösen und sehr erfolgsorientierten Jugendlichen in der islamischen Welt spannend. Das erste Mal war ich 2000 bei einer Predigt von Amr Khaled in Kairo. Die Mischung aus Glaubensinhalten, Lebenstipps und auch Spaß kommt ja bei vielen Studenten und Schülern gut an. Ich finde es interessant, dass junge Menschen in Kairo, Singapur und Berlin die gleiche Musik hören, die gleichen Talk-Shows anschauen, und sogar die Mode bis hin zu Kopftuch scheint neuen Trends zu folgen. Da ist eine – sagen wir mal – neue globale islamische Jugendkultur entstanden. Vielleicht kann man das sogar als Umma bezeichnen. Mich hat interessiert, ob es so eine Bewegung auch in Deutschland gibt, und ich habe angefangen zu recherchieren. Als dann die Anschläge von London passierten, wurde das Buchprojekt konkret. Viele Leute schauten da ja voller Angst auf die Muslime in Europa: Sind das alles tickende Bomben? Mich interessierte, wie junge Muslime mit der Situation umgehen.

Islamische Zeitung: Welchen Anspruch haben diese Jugendlichen?

Julia Gerlach: Es gibt ja seit einigen Jahren schon unter jungen und älteren Muslimen eine verstärkte Hinwendung zu Religion. Viele haben mir erzählt, dass der 11. September 2001 auf diesem Weg für sie eine Rolle gespielt hat. Da sahen sie die Bilder aus New York und Washington und dachten: Oh Gott! Dann hieß es, das waren Muslime, und viele haben erzählt, dass sie dann anfingen, im Qur’an zu lesen, was da steht zum Thema Gewalt. Die Islamwissenschaftler sprechen von sogenannten „Reborn Muslims“, die ihre Religion wiederentdeckt haben. Während wir ja – auch zu Recht, weil es eine Bedrohung ist – über einen winzigen Teil dieser frisch-fromm gewordenen Muslime gehört haben, nämlich über jene, die sich für den bewaffneten Kampf entschieden haben, habe ich mich mehr für die anderen – die große Mehrheit – interessiert, die eben nicht im Qur’an die Anleitung zum Bombenbau lesen, sondern der Gewalt auch etwas entgegensetzen wollen, die dem Islam zu einem besseren Image verhelfen und ein gutes Leben haben wollen. Islamische Zeitung: Was wollen Sie durch Ihr Buch vermitteln?

Julia Gerlach: Mir war es wichtig, meine Interviewpartner reden zu lassen, um ihre Gedankenstruktur zu erfassen. Diesen jungen Menschen muss man erst einmal zuhören, statt sich an einer voreingenommenen Meinung festzubeißen. Ich denke, dass wir insgesamt sehr viel mehr Gelassenheit brauchen. Im Moment beißen wir uns häufig an Prinzipienfragen fest. Am Kopftuch zum Beispiel oder an der Frage, ob Religion und Politik zusammengehören oder nicht. Bisher lautet die Devise der Politik: Wir reden nicht mit „Islamisten“. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Der Begriff ist ja ziemlich schwammig. Damit meine ich hier Menschen, die den Islam als politische Religion verstehen. Eine solche Einstellung ist in diesen Zeiten Quatsch – wenn wir nur mit denen reden wollen, die so denken wie wir, dann gibt es in der islamischen Welt nicht so viele, mit denen wir reden können. Außerdem – wer sind überhaupt „Wir“? Vieles der Probleme im Umgang zwischen Mehrheitsgesellschaft, Politik und Muslimen in Deutschland liegt doch daran, dass die Definition, wer eigentlich die deutsche Gesellschaft ist, was ihre Werte sind und was sie will, sehr unklar ist. Das, was die Gesellschaft tatsächlich und existenziell bedroht, ist Gewalt und Terror. Da wäre es schlau, möglichst viele Verbündete zu haben gegen diese Gewalt. Statt das Bekenntnis zur Trennung von Religion und Staat als Kriterium für eine Kooperation zu nehmen, würde ich sagen: Die Ablehnung von Gewalt ist das Entscheidende.

Islamische Zeitung: Wie war die Resonanz auf Ihr Buch?

Julia Gerlach: Es kam etwa zeitgleich mit dem Buch „Die Kinder des Dschihad“ heraus. Der Titel war ähnlich zu dem, den der Verlag für meines gewählt hatte. Aber es wurden zwei gegensätzliche Seiten beleuchtet. „Die Kinder des Dschihad“ befasste sich mit den Beweggründen von gewaltsamen Attentaten, meines mit der friedlichen islamischen Massenbewegung. Das Buch hat sich mit etwa 3.000 Exemplaren sehr gut verkauft und erscheint im Mai in einer Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Verfassungsschutz, Islam-Experten und -Wissenschaftler und auch die breite Gesellschaft lasen das Buch. Ich habe zahlreiche Feedbacks bekommen, und die meisten fanden den Inhalt interessant und haben viel Neues entdeckt. Bei meinen Lesungen gibt es zwei Arten von Zuhörern. Auf der einen Seite gibt es interessierte Zuhörer, die Lust hatten, zu diskutieren. Bei anderen Diskussionen dominierten die Fundamentalisten beider Seiten das Publikum: Auf der einen Seite die Säkularisten, die hinter jedem Kopftuch eine Verschwörung vermuten, und auf der anderen Seite die sehr – sagen wir mal – sendungsbewussten Muslime, die allen nur vorwerfen, dass sie den Islam nicht richtig verstanden haben. Kurz: Alle kommen nur, um zu sagen, was sie immer sagen, und keine Diskussion ist möglich.

Islamische Zeitung: Wie sehen Sie die Zukunft des Islam in Deutschland? Was schlagen Sie für ein erfolgreiches Zusammenleben vor?

Julia Gerlach: Medien spielen im gesellschaftlichen Bild über den Islam eine ganz wesentliche Rolle, deshalb können die gut genutzt werden. Mit Serien wie „Türkisch für Anfänger“ wurde ein sehr positiver Anfang gemacht. Das sind Vorabend-Serien, die man sich nebenbei angucken kann. Da geht es nicht um den Terroristen oder den gefährlichen “Islamisten“, sondern um den Muslim um die Ecke. Es geht um Normalität, und genau die ist gefordert. Ziel ist, dass Migranten und Muslime irgendwann zum Alltag gehören, ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft irgendwann gar nicht mehr in Frage gestellt wird. Persönlicher Austausch, Sprache und Kommunikation sind der Schlüssel zu mehr Integration. Es sollte normal sein, sich zu unterhalten, ohne erst kompliziert zu einer Dialogveranstaltung zu gehen. Was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Gelassenheit, so kann Angst abgebaut werden und – davon bin ich überzeugt – im Endergebnis ist dies die beste Anti-Terrorstrategie.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Gerlach, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Tasnim El-Naggar

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