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Gesundheit in gemeinsamer Sache

Über gesellschaftliche Implikationen individueller Krankheit. Von Abu Bakr Carberry

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Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). In unserer modernen Denkweise neigen wir dazu, Krankheit dem Individuum zuzuschreiben. Und in gewisser Weise ist dies sicherlich wahr, schließlich leiden wir an unserer Erkrankung individuell. Bin ich krank (möge Allah uns davor bewahren), leide ich persönlich daran, sollte ich an den Folgen sterben, so sterbe ich allein und niemand sonst. Mein Leid gehört augenscheinlich mir und es obliegt mir allein, es zu ertragen. In diesem Sinne kann Krankheit sicher dem Individuum zugeschrieben werden. Wenn wir jedoch das Phänomen etwas genauer unter die Lupe nehmen, so kommen wir zu weiteren, womöglich unerwarteten Erkenntnissen. Hierfür müssen wir uns bewusst werden, welchen Einfluss die Gemeinschaft auf die individuelle Gesundheit und Krankheit ausübt. Wir sollten uns also fragen, inwiefern unsere Gesellschaft zu dem beitragen kann, was uns krank macht.

Mit Ausnahme von Unfällen und vererbbaren körperlichen oder genetischen Fehlern entsteht Krankheit dadurch, dass wir unseren Körper verschiedenen Arten von Stress aussetzen, die seine Kapazitäten übersteigen, um den Stoffwechsel geruhsam anzupassen oder zum

Normalzustand zurückzukehren. Daraus resultiert, dass unser Körper Än­derungen vornehmen muss, um seine Funktionen weiterhin sicherzustellen. Einen normalen Stoffwechsel verstehen wir als Ausdruck der Fitra – als natürliche Form des Menschen. Die Fitra arbeitet mit einem Spektrum von Stressarten und lebt innerhalb verschiedener Handlungsmuster – Bewegung, Ruhe und Erholung, Zusammensein und Isolation, Sättigung und Hunger, usw. Krankheit kommt dann zustande, wenn diese Aktivitäten und Ernährungsmuster eine Missbildung erfahren. Sie stimmen dann nicht mehr mit der Fitra überein. Somit kann die Krankheit als das Ergebnis eines Verstoßes gegen die Fitra betrachtet werden. Doch wo beginnt Erkrankung? Wenn es wehtut? Oder ist der Prozess, entgegen der Fitra zu handeln, in sich schon Krankheit?

In einem Hadith in Sahih Muslim wird berichtet, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, sagte: „Niemand wird geboren, ohne in seiner Fitra erschaffen worden zu sein (Islam), wie auch Tiere ihre Jungen mit makellosen Gliedmaßen hervorbringen. Die Eltern machen ihr Kind zum Juden, Christen oder Zoroaster. Seht ihr etwas Fehlerhaftes an ihnen?“ Dann zitierte er den Qur’an: „So richte dein Gesicht aufrichtig zur Religion hin als Anhänger des rechten Glaubens, – (gemäß) der natürlichen Anlage Allahs, in der Er die Menschen erschaffen hat. Keine Abänderung gibt es für die Schöpfung Allahs. Das ist die richtige Religion.“ (Ar-Rum, 30)

Unsere Gesellschaft jedoch lehrt uns eine bestimmte Daseinsform und diese Form unterliegt sozio-politischen und ökonomischen Interessen. Um diese zu erfüllen, müssen wir Missbildung erfahren. Dies geschieht durch gesellschaftliche Normen und Verhaltensmuster, die nicht zu unseren Gunsten ausfallen. Sie brechen radikal mit der menschlichen Fitra. Aus dieser Perspektive kann Krankheit nun als ein Ausdruck einer tiefergehenden gesellschaftlichen Erkrankung verstanden werden.

Diabetes ist ein klassisches Beispiel hierfür. Es ist der Zusammenbruch der Zuckerregulierung des Körpers durch dessen Überkonsum. Ein katastrophales Maß an Zuckerkonsum wird durch unsere Gesellschaften hinweg propagiert – von jenen, die Zucker verkaufen möchten. Solange wir also gesellschaftlich nicht zu einem normalen Zuckerkonsum zurückkehren, den unsere natürliche Form problemlos ertragen kann, so lange wird es auch Zuckerkrankheiten geben müssen. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass Nestlé, Unilever und eine Handvoll weiterer Großunternehmen die Lebensmittelindustrie dominieren. Sie sind die größten Geldgeber in der Forschung, also finanzieren sie das, worin ihr eigenes Interesse liegt und was zu ihrem eigenen Vorteil ausfällt – um Profit zu erzielen.

Diese Ziele liegen offenkundig vor uns, wenn man denn mit scharfem Blick auf sie schaut. Unsere Gesellschaften sind nach dem kapitalistischen Prinzip organisiert. Jedes Wirtschaftslehrbuch legt dar, dass wir eine Kreditökonomie haben, um Menschen zur Arbeit zu zwingen. Denn durch die immerwährende Ausdehnung von Schulden beziehungsweise Kredit müssen wir wirtschaftlich aktiv bleiben. Das Ziel ist Profit, während wir im endlosen Schuldenstrom immer weiterschwimmen. Medien können sich nicht durch Abonnements allein finanzieren, sie brauchen Werbung – und wer die Musik bezahlt, bestimmt die Melodie. Universitäten brauchen Geldmittel. Das ineinandergreifende Ökosystem unserer Geschäftswelt unterstützt die größten, stärksten und grausamsten Bestien. Dies ist nichts anderes als die Doktrin des „Überlebens des Stärkeren“, die sich in unserer Wirtschaft und Politik manifestiert. Und sie bestimmt unser Essen, unsere Medizin, unsere Bildung und unser aller Leben.

Tacitus sagte etwas Verblüffendes und es ist heute noch gleichermaßen wahr wie zu römischen Zeiten: „All dies nannten sie in ihrer Unwissenheit Zivilisation, obschon es nichts als ein Teil ihrer Sklaverei war.“ Wir müssen die Bedeutung dessen sehen, was wir nun verstanden haben. Niemand kann uns diese Aufgabe abnehmen. Bin ich krank, so muss ich mich ändern. Sind wir krank, so müssen wir uns gemeinsam ändern.

Als Gesellschaft müssen wir uns der Heilung widmen, mit Gruppen von Leuten, die im Streben nach Gesundheit zusammenarbeiten. Denn Allah sagt in Seinem Buch: „Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, bis sie nicht das ändern, was in ihren Herzen ist.“ (Ar-Rad, 11)

Gesellschaft bedeutet Zusammenleben, dieses ist nicht starr, es ist ein Entstehen, es ist fließend. Wenn wir uns ändern, hat sich die Gesellschaft mit uns verändert. Dies einmal realisiert zu haben, zieht ein immenses Gefühl von Bestärkung mit sich. Allah ist Derjenige, der die Heilung schickt, also besteht unsere Aufgabe schlicht darin, uns Ihm zuzuwenden. Und diese Reise vollziehen wir nicht bloß als Individuen, sondern gemeinsam mit anderen. Der gesunde Impuls ist in sich bereits ein Zeichen der Gesundheit und die Reise wird inscha’Allah an eben dem Ort Genesung hervorbringen, an dem die Krankheit auftrat. Allah unterliegt die Kontrolle und Er ist nie fern!

Hölderlin sagte schließlich: „Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

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Tijana Sarac

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