IZ News Ticker

Gesundheitssystem: Kliniken und Arztpraxen müssen sich auf Migranten einstellen. Von Christoph Arens

Missverständnisse und kulturelle Barrieren

Werbung

(KNA). Der Patient aus Saudi-Arabien lag im Sterben. Doch als seine eigens aus der Heimat angereiste Familie ihn in einem Berliner Krankenhaus besuchen und ihm Wasser von den heiligen Stätten bringen wollte, schaltete der Krankenpfleger auf stur: Die Besuchszeit sei vorbei, die Gruppe zu groß, und auch das geplante Abschiedsritual löste bei ihm Widerstände aus.

Die Hamburger Diplom-Gesundheitswirtin Fatemeh Pohl-Shirazi kann viele Geschichten darüber erzählen, wie groß die Missverständnisse sind, wenn Angehörige anderer Kulturkreise in deutschen Krankenhäusern, Altenheimen oder anderen Gesundheitseinrichtungen aufgenommen werden.

3,2 Millionen Muslime leben in der Bundesrepublik, davon sind 800.000 über 60 Jahre alt. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund wird insgesamt auf rund 13 Millionen geschätzt. Besondere die erste Generation der früheren Gastarbeiter ist in dem Alter, in dem Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte immer häufiger werden und entschieden werden muss, wo sie ihren Lebensabend verbringen – Probleme, die auch den Integrationsgipfel an diesem Donnerstag in Berlin beschäftigen, wenn er eine Bilanz über den Zustand der Integration in Deutschland zieht.

«Unser Sozialsystem hat diese Frage lange Zeit verdrängt, weder Gesundheitssystem noch Altenpflege waren vorbereitet», analysiert der Gesundheitswirtschaftler Heinz Lohmann. Doch der Professor der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften sieht auch eine Trendwende: Immer mehr Krankenhäuser, Arztpraxen und Senioreneinrichtungen entdeckten die Migranten als Zielgruppe. «Ein wachsender Wettbewerb um diese Kundengruppe wird sich dann auch bei der Qualität auswirken», ist er optimistisch. Automatisch aber funktioniert das nicht: Lohmann rät zu einer systematischen Planung: «Das muss von der Leitung gewollt sein und zur Philosophie der Einrichtung werden.»

Ein steiniger Weg mit vielen unerwarteten Problemen, wie Studien über Migranten und besonders Muslime im deutschen Sozialsystem zeigen: Sprachschwierigkeiten, vor allem aber kulturelle Differenzen tragen dazu bei, dass ausländische Mitbürger bei Gesundheitsproblemen später zum Arzt gehen oder oft eine schlechtere Versorgung erhalten. «Alle Vorsorgeleistungen zum Beispiel, also die U-Untersuchungen bei Kindern oder die Untersuchungen bei Schwangerschaft, werden von Migranten deutlich weniger in Anspruch genommen», sagt der Hannoveraner Medizinsoziologe Ramazan Salman.

Auch die Liste möglicher kultureller Missverständnisse ist lang: «Menschen aus dem Mittelmeerraum haben ganz andere Erwartungen an den Arzt als Deutsche.» Diese Erfahrung hat die Oberärztin an der Berliner Charite, Miriam Schouler-Ocak, gemacht: «Während Deutsche mit dem Arzt auf Augenhöhe kommunizieren wollen, sehen viele Migranten in ihm die Autoritätsperson, die sagt, wo es lang geht.» Patienten aus islamischen Ländern zeigten ihre Schmerzen deutlicher und legten größeren Wert auf Medikamente. «Ein Arzt, der keine Tabletten verschreibt, verliert schnell an Ansehen», meint sie.

Ein wichtiger Faktor ist die Religion: Fast niemand wisse genügend über Rituale, Speisevorschriften oder den richtigen Umgang mit sterbenden Muslimen, sagt Schouler-Ocak. Während Kranke in der westlichen Kultur sich eher zurückzögen, sei es für Muslime eine religiöse Pflicht, Patienten und Sterbende nicht allein zu lassen – ein Unterschied, der Konflikte bringt, wenn türkische Patienten im Krankenhaus so viel Besuch erhalten, dass es die deutschen Mitpatienten nervt.

Mitarbeiter von Krankenhäusern und Altenheimen müssten die Gelegenheit zu interkultureller Fortbildung erhalten, fordert die Oberärztin. Nach Einschätzung der deutschen Wohlfahrtsverbände hat sich auch der Einsatz von freiwilligen Kulturmittlern im Gesundheitswesen bewährt. Sie könnten in Arztpraxen, Krankenhäusern und Heimen dabei helfen, dass sich Migranten besser zurechtfinden, heißt es in einem gemeinsamen Papier zum Integrationsgipfel.

The following two tabs change content below.

Christoph Arens

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen