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Gibt es ein Diktat des Politischen?

Kommentar: Setzen wir den jetzigen Zustand fort, besteht die Gefahr, dass wir uns auf eine kognitive Dissonanz zube­wegen

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Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Seit Beginn des neuen Jahrtausends, spätestens mit Gründung der Deutschen Islamkonferenz, ist die bundesrepublikanische „Islampolitik“ auch durch das Verlangen gekennzeichnet, den hiesigen Muslimen den „politischen Islam“ – so vorhanden – auszutreiben. Diverseste Projekte, Konzepte und Konferenzen – und nicht zu ­vergessen, erhebliche Fördermittel – verkörpern die Absicht, dem politischen Wunsch nach ­Einhegung Form und Richtung zu verleihen. Darunter fällt auch der offenkundige Versuch verschiedenster Akteure, die Einflussnahme ­ausländischer Staaten, so weit es geht, durch ­einen eigenen „Staatsislam“ zu schwächen oder zu ersetzen.

Dieser Sachverhalt ist seit den Umwälzungen, die der 11. September 2001 brachte, sowie der veränderten politischen Perspektive erst einmal kaum überraschend. Folgt er doch dem Primat, welches Sicherheitspolitik, Islamkritik und medialer Druck für Bund und Länder formuliert haben. Durchaus nicht zwangsläufig ist dabei, dass Deutschlands Gesamtmuslime und ihr ­interner Diskurs diese – gerade auch geistige – Bewegung in der bisherigen Form mitgemacht haben und mitmachen. Es scheint heute zu sein, als werden Islam und Muslimsein, entgegen der ausdrücklichen Absicht, vorrangig im politischen Rahmen und in der Methode des Politischen gedacht.

Und mit dieser „Politisierung“ in Sprache und Thematik geht leider auch eine Säkularisierung des Muslimseins einher. „Trotz aller frommen Bekenntnisse geschieht die Diskussion von Macht bei muslimischen AktivistInnen in der Regel sehr säkularisiert und verwestlicht. Sie ist aber in eine ‘islamische’ Sprache gehüllt“, schrieb die britische Gelehrte Aisha Bewley in einem ­aktuellen Buch über das Politische. Selbst ein oberflächlicher Blick auf die Selbstäußerungen muslimischer „Personen des öffentlichen Lebens“ sowie von Strukturen der Selbstorganisation ­belegt diese Vermutung. Der innermuslimische Diskurs aber auch das Gespräch mit der ­Außenwelt sind – von einigen ritualisierten Zeitpunkten abgesehen – durch das Diktat des Politischen bestimmt.

Nun ist es sicherlich unvermeidbar und auch wünschenswert, wenn sich qualifizierte muslimische Stimmen professionell zu politischen Themen, die uns betreffen, sowie zu Impulsen seitens der Politik zu Wort melden. Eine offene Frage ist hingegen, ob die sich fortsetzende ­Politisierung unseres Sprechens und Denkens nicht darüber hinwegtäuscht, dass Deutschlands Muslime derzeit weder politisches Subjekt sind, noch zu einem solchen Handeln im engeren ­Sinne überhaupt in der Lage sind. Angesichts der bewussten Selbstbeschränkung muslimischer Repräsentanten auf ihre eigenen Vereinsstrukturen kann von einer – auch nur rudimentären – einheitlichen Willensbildung, die zur Mobilisierung fähig wäre, momentan nicht gesprochen werden.

Die Frage ist nun, wie Deutschlands Muslime auf diese Situation reagieren. Setzen wir den jetzigen Zustand fort, besteht die Gefahr, dass wir uns auf eine kognitive Dissonanz zube­wegen. Bei dieser widerspricht der anhaltende politisierte Diskurs dem Fakt, dass es weder ­politisch Handelnde, noch ein politisches ­Handeln auf muslimischer Seite gibt. Nicht erst seit gestern beklagen vielfältige Muslime, dass in äußeren wie inneren Diskursen der spirituelle Kern unseres Dins, ja die Anrufung Allahs verlorengeht. Wenn wir nicht politisch sein können, was kein Vorwurf an die Beteiligten ist, dann wäre es vielleicht besser, wir wenden uns den Dingen zu, die wir jetzt tun können: Als ­Gemeinschaften eine spirituelle Zivilgesellschaft schaffen, in der sich unsere Stärken entfalten können.

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Laila Massoudi

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