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„Eine glasklare Vision“

Der Bildungsverein EVIDENCE hat ein ­weitreichenderes Konzept für die höhere ­muslimische Bildung

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Foto: Evidence.ev

(iz). Es gibt mittlerweile mehrere muslimische Bildungsinitiativen in Deutschland (siehe Interview in IZ Nr. 285), die sich als Teil der höheren Bildung verstehen. Eines dieser Beispiele ist das Projekt Evidence e.V., das mit seinem Unterricht nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zu einer Transformation verhelfen will.

Zwei Vereinsmitglieder haben sich dazu bereit erklärt, uns über das Projekt EVIDENCE e.V. aufzuklären. Zum einen führten wir das Interview mit Seyfullah Philipp Nürk. Er gehört zum fünfköpfigen Vorstand. Unsere zweite Gesprächspartnerin ist Thawra Abu-Ijheisheh, die für die Öffentlichkeitsarbeit und Marketingangelegenheiten zuständig ist. Beide sind schon von der Geburtsstunde des Vereins an Mitglieder und engagieren sich wie am ersten Tag voller Begeisterung für ihre Idee.

Islamische Zeitung: Liebes EVIDENCE-Team, könnten Sie unseren LeserInnen Ihr Projekt vorstellen und erläutern, inwiefern sich Ihr Angebot von anderen Ansätzen unterscheidet?

Thawra Abu-Ijheisheh: Wir sind nicht einfach nur ein Seminar- oder ­Reiseanbieter. Wir haben eine glasklare Vision, die kein anderer islamischer Verein – zumindest nicht in der DACH-Region – verfolgt. Wir zielen darauf ab, ein Institut in einem Gebäudekomplex zu sein, das Forschung und Lehre vereint, daher unser Slogan „Wissenschaft / Forschung / Bildung“. In diesem Komplex soll es zahlreiche Räumlichkeiten für unsere angestellten Gelehrten zu Forschungszwecken geben sowie eine islamische Bibliothek und Veranstaltungsräume. Dieser Ort soll auch ein sozialer Treffpunkt für Muslime und Nicht-Muslime sein.

Für unseren Weg dahin, haben wir ein Portfolio zusammengestellt, das den Grundstein für diese Idee darstellt. Seit einem Jahr bieten wir die EVIDENCE ACADEMY, ein Online-Bildungsprogramm mit Bruder Dr. Abdurrahman Reidegeld an. Es ist einzigartig, weil es auch seine eigens erforschten Ergebnisse beinhaltet. Dieses Programm deckt viele Themengebiete ab und baut damit ein sehr breites Islamwissen auf. Zum Beispiel gibt es neben wöchentlichen Tafsir-Unterrichten auch Vorträge zu einer Bandbreite an Themen, wie die Gottesnamen, Spiritualität, Gelehrte und ihre Werke, Kultur und Geschichte.

Des Weiteren sind wir auch Herausgeber von Fachbüchern. Wir wollen, dass unsere Gesellschaft und die Nachwelt vom Wissen unserer herausragenden deutschsprachigen Islamforscher profitieren. Aktuell erhältlich sind ein Fachbuch zur Hadsch sowie ein dazugehöriges Du’a-Büchlein, und ab ca. Juni 2019 werden wir inscha’Allah das erste Tafsir-Fachbuch unserer Reihe von Dr. Kerim Edipoglu auf den Markt bringen.

Kurz zusammengefasst: Wir sind ein Islaminstitut, das Islamologen als Angestellte haben wird und sich durch kontinuierliche Reinvestition selbst finanziert, sodass wir immer eigenständig und unabhängig bleiben. Alles, was man bei uns einkauft – selbst die Speisen auf unseren Veranstaltungen – fließen direkt in unsere Lehr- und Forschungsprojekte. Wer an der Verwirklichung dieser Vision mitwirken will, kann sich gerne als Sponsor bei uns melden.

Wichtig ist uns bei allem, was wir organisieren, veranstalten und anbieten, dass alles von hoher Qualität und stilvoll sein muss. Das heißt: Die Referenten müssen qualifiziert sein, die Veranstaltungsorte müssen ein angenehmes Ambiente schaffen und mit Liebe zum Detail kümmern wir uns um Verpflegungsangebote und dekorieren passend zum Thema die Seminartische. Unsere feste Überzeugung ist, dass der Islam rein ist und dies entsprechend gewürdigt werden muss. Wenn also Allahs Worte vermittelt werden und wir Ihm gedenken, muss dies in einem schönen Rahmen erfolgen.

Islamische Zeitung: EVIDENCE setzt auch auf die Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechno­logien und bietet über sie Webinare im Internet an. Wie wird diese Option bisher angenommen?

Thawra Abu-Ijheisheh: Ich würde sagen sehr gut. Es kommt ja letztlich auf den Lerntyp an. Es gibt Menschen, die die persönliche Anwesenheit bevorzugen und die Atmosphäre vor Ort erleben wollen. Und dann gibt es Menschen, insbesondere die Millennials, die mit Smartphone und Online-Shopping aufgewachsen sind. Dann wiederum haben wir auch viele Mütter, die keine Kinderbetreuung haben oder auch Interessenten aus der gesamten DACH-Region, für die eine Anfahrt sehr schwierig ist und damit sehr dankbar für eine Online-Teilnahme sind. Durch dieses zusätzliche Angebot bieten wir Personen jeglichen Lerntyps, in allen Lebenslagen und an allen Orten eine ­flexible Möglichkeit an, sich Wissen anzueignen.

Islamische Zeitung: Lässt sich authentisches Wissen problemlos im Internet lehren bzw. erlernen – ohne persönlichen Kontakt zwischen LehrerIn und SchülerIn?

Seyfullah Philipp Nürk: Natürlich ist das möglich, aber mit Webinaren erreicht man keinen hohen Wirkungsgrad. Daher haben wir schon ziemlich früh unser Angebot entsprechend angepasst. Was wir anbieten sind Präsenzseminare, die wir auch zeitgleich per Livestream mit ausgezeichneter Übertragungsqualität ausstrahlen. Dafür ist kostspieliges technisches Equipment erforderlich, aber das ist es uns allemal wert. Eine Livestream-Teilnahme ermöglicht eine persönliche Interaktion mit dem Dozenten – und vice versa. Um eine ­synchrone Kommunikation zwischen LehrerIn und SchülerIn sicherzustellen, ist zu jedem Event ein Team-Mitglied ausschließlich dafür zuständig, diese ­Teilnehmer laufend zu betreuen und auf Fragen bzw. Hinweise aus dem Online-Publikum zu reagieren. Livestream bietet demnach Interaktion und ermöglicht das „Miterleben“, sodass die Aufmerksamkeit gesteigert und eine zufriedenstellende Lehrqualität erreicht wird.

Islamische Zeitung: Welche Kriterien werden an die ReferentInnen und SchülerInnen angelegt? Spielen anerkannte Traditionen wie Rechtsschulen eine Rolle?

Thawra Abu-Ijheisheh: Entsprechend unserer verankerten Philosophie, die auf unserer Homepage tiefer beschrieben ist, ist es für uns eine unabdingbare Voraussetzung, dass die Dozenten in ihrem zu vermittelnden Fachgebiet ausgebildete oder durch eine anerkannte islamische Institution zertifizierte Personen sein müssen. Außerdem müssen die Dozenten die Inhalte verständlich in deutscher Sprache vermitteln können. Nur hinsichtlich praxisorientierter Vermittlungsinhalte, orientieren wir uns nach den sunnitischen Rechtschulen.

Die wichtigste und einzige Voraussetzung an unsere Seminarteilnehmer ist, dass diese der deutschen Sprache mächtig sein sollten. Wenn man als Teilnehmer auch das erforderliche Interesse und die Lernbereitschaft mitbringt, ist der ­Nutzen natürlich am höchsten. Verwendete arabische Originalbegriffe aus dem Qur’an werden immer übersetzt und näher erläutert, daher sind arabische Sprachkenntnisse nicht erforderlich. Unser Angebot richtet sich nicht nur an Muslime, sondern auch Nicht-Muslime sind jederzeit willkommen.

Islamische Zeitung: Nach welchen Kriterien werden die ReferentInnen bei Ihnen ausgewählt?

Seyfullah Philipp Nürk: Wie bereits gesagt, ist die Fachausbildung des Dozenten wichtig, aber nicht weniger wichtig ist auch die persönliche Eignung des Dozenten. Zum Beispiel zählt Einfühlungsvermögen zu den relevanten Sozialkompetenzen. Anhand der Mimik und Stimmung müssen sie sofort erkennen, ob unsere Teilnehmer ihnen folgen können und entsprechend reagieren. Auch Begeisterungsfähigkeit ist entscheidend. In der Regel sind unsere Dozenten immer begeistert von ihrem Fachthema. Das führt dazu, dass sie die Lernenden mitreißen und zum Lernen motivieren.

Zu guter letzt spielen noch die di­daktisch-methodischen Fähigkeiten eine große Rolle für eine hohe Lehrqualität. Der Dozent sollte den Unterricht interaktiv gestalten und zum Fragen und ­Hinterfragen anregen.

Neben all diesen Kompetenzen, muss der Lehrende entsprechende Referenzen mitbringen und einen qualifizierten Ruf haben, um ihn für unsere Veranstaltungen auszuwählen.

In den meisten Fällen haben wir uns selbst von einem Referenten überzeugt und ihn auf einer besuchten Veranstaltung erlebt. Bei Empfehlungen überprüfen wir die genannten Kriterien.

Islamische Zeitung: Imam Malik sagte, Wissen sei ein Licht, das Allah in die Herzen legt. Wie stellen Sie sicher, dass das Erlernte auch verinnerlicht und verwirklicht wird?

Thawra Abu-Ijheisheh: Zum einen durch die angebotenen Veranstaltungsformen: Entweder Präsenzunterricht oder über Live-Stream. Denn durch die Interaktion und den direkten Austausch zwischen Lehrender und Lernender kann das Vermittelte verinnerlicht werden.

Zum anderen durch die Qualität ausgewählter Dozenten. Aufgrund ihrer ­persönlichen und methodischen Fähigkeiten wecken sie beispielsweise die ­Neugier ihrer Zuhörer zum Thema und steigern damit die Lernfähigkeit oder bringen viele Beispiele aus dem Alltag, um die Seminarinhalte verständlich zu vermitteln.

Zusätzlich erhalten unsere Teilnehmer nach allen besuchten Veranstaltungen die Videoaufnahmen. Diese können sie sich jederzeit noch einmal anhören und das Vermittelte wiederholen. Denn durch Wiederholung kann das Wissen verinnerlicht werden.

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Nebeneffekt unserer Veranstaltungs­organisation ist, dass das Wohlbefinden des Seminarteilnehmers zu einer hohen Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit führt, die eine Verinnerlichung fördert.

Das Feedback unserer Teilnehmer gibt uns das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Nach jeder Veranstaltung holen wir Teilnehmerrückmeldungen ein, um uns kontinuierlich zu optimieren und unser Ziel zu erreichen. Unser Ziel ist es ja nicht, nur die Veranstaltungsräume zu füllen, ohne persönliche und gesellschaftliche Auswirkung. Und in der Tat haben wir schon Emails er­halten, in denen begeistert bestätigt wird, wie sehr sich ihre Sichtweisen oder persönlichen Haltungen zum Positiven verändert haben. Oder auch, dass sie sich in der Community nun verstärkt einbringen.

Islamische Zeitung: Wie nehmen Sie die momentane Debatte um die zu­künf­tige Ausbildung von Imamen in Deutschland wahr? Gibt es bei Ihnen Ideen, wie diese verwirklicht werden kann?

Seyfullah Philipp Nürk: Der Ansatz einer Imamausbildung in Deutschland ist natürlich willkommen zu heißen. Allerdings ist der Studiengang Islamische Theologie, wie er sich derzeit gestaltet, in unseren Augen nur ein Grundla­genstudium. Nach Abschluss dieses ­Studiums hat man noch nicht einmal die ausreichende Qualifikation als Dozent in unseren Veranstaltungen, geschweige denn als Imam eingesetzt zu werden. Das bedeutet aber auch nicht, dass wir mit Absolventen oder Dozenten des Studiengangs nicht kooperieren würden. Beispielsweise wäre eine Zusammenarbeit mit Dr. Mahmud Kellner sehr sinnvoll. Das liegt aber eher daran, dass er noch weitere Ausbildungen bei anerkannten Gelehrten genossen hat und sein Fachwissen in zusätzlichen islamologischen Themengebieten vertieft hat.

Ein Imam muss ja nicht nur das ­Fachwissen beherrschen, sondern muss darüber hinaus viel mehr Anforderungen erfüllen. Er nimmt in einer Gesellschaft mehrere Rollen ein, unter anderem als Berater oder als Vermittler zwischen ­Kulturen und Gemeinschaften. Dazu sind Kenntnisse über die europäische Tradition und Kultur Voraussetzung, um sich einbringen zu können. Und um von seiner Gemeinde akzeptiert zu ­werden, muss er zudem über die ge­eignete Persönlichkeit verfügen und als Vorbild fungieren. Das zeigt deutlich auf, dass die Bildung dieser Fertigkeiten und Kompetenzen weit über eine akademische Ausbildung hinausgehen.

EVIDENCE kann hier definitiv im Hinblick auf den Ausbau des Fachwissens unterstützen, indem Studenten der Islamwissenschaften unser ACADEMY-Bildungsprogramm absolvieren.

Langfristig betrachtet würden wir nicht ausschließen, dass EVIDENCE ein kompetentes Institut zur Vervollständigung der Imam-Ausbildung in Deutschland sein könnte. Diese Idee passt sehr gut zu unserer anfangs beschriebenen Vision. Inscha’Allah.

Islamische Zeitung: Liebe Thawra Abu-Ijheisheh, lieber Seyfullah Philipp Nürk, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

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